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Kehricht Gesellschaft und Literatur im Netz |
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Eine Kurzgeschichte |
von Alexander Amberg |
Ich kehrte von dem Wochenendtrip nach London zurück, zu dem Dr. Katz mir geraten hatte. Die Sonne knallte erbarmungslos herunter, wir hatten 33 Grad im Schatten, und noch nicht einmal der Hauch eines Schmetterlingsflügels bewegte die zu Blei gewordene Luft.
Ist es
besser geworden? fragte Dr. Katz und sah mich über den
Rand seiner Nickelbrille hinweg forschend an.
Ja, sehr! Im Anschluß an die Entziehungskur mußte
ich auch noch die Therapie über mich ergehen lassen. Ich konnte
von Glück sagen, daß ich damals nicht allein schuld gewesen
war; denn sonst hätte ich meinen Führerschein nach ein paar
Monaten nicht wiedergesehen. Er nahm mir sogar ab, daß ich nicht
mehr trank. Das Zittern war weg, und die paar Tropfen ab und zu
waren nun wirklich nicht der Rede wert. Nur die Sache mit Eva
nahm er mir krumm.
Gleich nach der Sitzung begann ich den Tag im Déjà
Vu, und um die Mittagszeit fuhr ich in den Supermarkt, in
dem ich immer einkaufe. Ich schob den mit Toilettenpapier und
Pizza beladenen Wagen zwischen den Regalen durch und spürte
einen seltsamen Ruck hinter mir, gefolgt von einem leisen
Klirren, als ich bei dem Versuch, einer Walküre auszuweichen,
die einen dreijährigen Quälgeist mit sich schleppte, gegen eins
der Regale stieß. Ich habe mir schon immer etwas auf meine
Reflexe zugute gehalten. Nicht umsonst habe ich früher in der
Bezirksliga Handball gespielt. Ich wirbelte herum und fing im
letzten Moment eine Flasche auf, die nach der Kollision mit mir
dem Gesetz der Schwerkraft folgte. Makellos glatt und fast warm
schmiegte sich das Glas in meine Hand. Goldbraun schimmerte darin
eine Flüssigkeit. Glenfyddich, entzifferte ich auf
dem Etikett, und darunter: Finest old Scotch Whisky.
Ich nahm das als Zeichen und stellte die Flasche zu meinen
übrigen Einkäufen. An der Kasse zahlte ich mit einem Scheck,
und nachdem ich alles im Kofferraum meines 73er Triumph verstaut
hatte, ließ ich mir beim Friseur nebenan die Haare schneiden.
Der kleinen Brünetten, die mich bediente, gab ich ein wahrhaft
fürstliches Trinkgeld, das sie mit einem Augenaufschlag
quittierte, der meinen Blutdruck steigen ließ. Danach fuhr ich
in die Stadt, um mir am letzten meiner drei Urlaubstage in der
Fußgängerzone die Zeit zu vertreiben.Ich kann nicht genau
sagen, wann sie mir zum ersten Mal auffielen. Irgendwann waren
sie einfach da, ein kleiner Dicker in einem dreiteiligen Anzug,
der sich unablässig den Schweiß von der Stirn wischte, und ein
untersetzter, vierschrötiger Kerl. Er war nur wenig größer als
der Dicke, aber insgesamt furchteinflößender, nicht zuletzt
wegen der riesigen Pranken, die aussahen, als könne er mit ihnen
mühelos einen Kürbis zerquetschen. Etwas an den beiden war auf
eine unbestimmte Art merkwürdig; aber erst nachdem ich eine
Dreiviertelstunde im Zickzack durch die entlegensten Straßen
gekurvt war, fiel bei mir der Groschen. Was mich stutzig machte,
war nicht, was sie zrugen, sondern die Art, wie sie es trugen;
und obwohl ich im allgemeinen eher unbedarft bin, was Modetrends
angeht, hätten mir ihre Frisuren sofort sagen müssen, was Sache
war. Die beiden kamen aus Osteuropa. So fuhren sie auch. In den
engen Straßen der Innenstadt klebte mir ihr roter Escort
regelrecht an der Stoßstange. Trotzdem waren sie immer noch
bemüht, nicht aufzufallen.
Ich überquerte die Bahnlinie und nahm die Südtangente. Auf der
Autobahn trat ich einmal kurz aufs Gas, und weg waren sie. Ich
hatte keine Ahnung, was die beiden von mir wollten, und
verzichtete darauf, mir den Kopf über zwei Knalltüten zu
zerbrechen, die allem Anschein nach nicht bis drei zählen
konnten. Deshalb hakte ich die Sache unter der Rubrik
schlechter Scherz ab. Den Rest des Tages verbrachte
ich mit Nichtstun und richtete es so ein, daß ich spät nach
Hause kam. Als ich am nächsten Morgen in der Redaktion eintraf,
stapelte sich die Post auf dem Schreibtisch und der
Anrufbeantworter war voll. Sigrid begrüßte mich mit einem
freundlichen Guten Morgen!, bevor sie mir den Kaffee
brachte. Ich rief mehrere Leute zurück, darunter den neuen
Baudezernenten. Ich nahm an, es ging um die Sache mit der
Raffinerie, und war erstaunt, mit welcher Heftigkeit er auf
meinen Artikel der Samstagausgabe reagierte.
Hören Sie ..., versuchte ich ihn zu beruhigen, aber
er ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen.
Nein, jetzt hören Sie mir mal zu. Ich dachte, ich hätte
Ihnen das Konzept dargelegt. Auf dem Gelände der Raffinerie
werden ein Industriepark und dreihundert Wohneinheiten entstehen.
Das Projekt ist noch in der Planungsphase und es ist keineswegs
... Jetzt brüllte er: ... hören Sie, keineswegs
sicher, daß eine tschechische Firma den Zuschlag bekommen wird!
Über die Ausschreibung ist noch nicht entschieden, Sie
Schmierenjournalist! Das sagte er wirklich:
Schmierenjournalist! Meinen Einwand, daß die Tschechen das
Raffineriegelände bereits in ein Heerlager verwandelt hätten,
ließ er nicht gelten. Sie wissen, daß manche Arbeiten
keinen Aufschub dulden. Das ist ein Millionenprojekt mit einer
Vielzahl von Gewerken. Mit einem Entscheid über die
Ausschreibung hat das noch gar nichts zu tun.
Aber hören Sie ..., versuchte ich wieder mein Glück
und beschwor damit einen Schwall herauf, der meinen Satz in der
Mitte zerschnitt. Der Tenor war: Ich war ein Idiot und mieser
Schreiberling, ich hätte nichts verstanden, und bei Projekten
dieser Größenordnung müsse man nun einmal flexibel reagieren.
Damit knallte er den Hörer auf die Gabel. Einigermaßen verdutzt
betrachtete ich das Telefon und zündete mir eine Zigarette an.
Eine halbe Stunde später rief Müller an und hielt mir eine
Predigt über journalistisches Ethos und Genauigkeit der
Recherche. Ich sagte jaja, schließlich war er der Chefredakteur,
verstand aber nicht ganz, weshalb er immer wieder auf den Worten
illegale Arbeitskräfte herumritt. Ich konnte mich
nicht erinnern, in dem Artikel etwas derartiges erwähnt zu
haben.
Aber die Implikationen ..., fiel er mir ins Wort.
Sie müssen doch die Implikationen bedenken, die unbedachte
Äußerungen haben können.Unbedachte Äußerungen? Auf dem
Raffineriegelände wimmelte es von Arbeitern, und alles, was ich
verstand, war, daß man mir weismachen wollte, daß sich kein
Schwein dort aufhielt. Zu denken gab mir, daß er das Gespräch
mit dem Hinweis beendete, ich solle mir darüber klar werden, wie
eine Zeitung sich
finanziere, wenn ich darauf Wert legte, meinen Job zu behalten.
Was draußen an der Raffinerie los ist, sieht doch ein
Blinder, sagte Dieter und knallte mir ein paar Fotos auf
den Tisch. Die Abzüge waren noch feucht und zeigten allesamt das
rege Treiben auf der Baustelle, von dessen Nichtvorhandensein
Müller mich eben überzeugt hatte. Fragend sah Dieter mich an.
Ich schüttelte den Kopf. Das Ende vom Lied war, daß ich in der
Mittagspause einen extragroßen Whisky zu mir nahm.
Die Subunternehmer heuern Subunternehmer an,
nuschelte Dieter, während er an einer Olive kaute, und die
wiederum Subunternehmer undsoweiter, bis es
keinem mehr auffällt, daß die armen Schweine, die da rumlaufen,
keine Arbeitserlaubnis haben. Er nuckelte an seinem Gin
Tonic und warf der Bedienung einen schmachtenden Blick zu.
Ausnahmsweise waren wir nicht im Déjà Vu gelandet,
sondern beim Italiener um die Ecke.
Holländische Firmen,
englische Firmen, portugiesische Firmen, keine hat etwas mit der
anderen zu tun, aber wenn du dir die Köpfe ihrer Faxbögen
ansiehst, stellst du fest, daß sie alle ein- und dieselbe
Frankfurter Nummer haben. Und auf ihren Baustellen arbeiten ein-
und dieselben Tschechen, Polen und Kroaten. Prost! Er hob
sein Glas, und ich tat das Gleiche. Er winkte der Bedienung,
einer zierlichen Rothaarigen, und bestellte ein Bier zum
Nachspülen. Ne du, sagte er und schüttelte den
Kopf. Mit den Jungs aus dem Ostblock will ich nichts zu tun
haben. Ich war einer Meinung mit ihm, und als sein Bier
kam, redeten wir über Fußball und die neue Fußgängerzone, die
den Einzelhandel auf die Barrikaden trieb.
Weil ich die Nase voll hatte, machte ich eine Stunde früher
Feierabend. Als ich nach Hause kam, sah ich Eva im Wohnzimmer.
Sie schwebte im Lotosblütensitz einen Meter über dem
Teppichboden. Ich schüttelte den Kopf, ging in die Küche und
holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank.Schon
zurück? Sie lehnte in der Tür, verführerisch lächelnd,
mit einem Blick, der mich um den Verstand brachte. Ich hatte sie
nicht kommen gehört.
Ja, es
gibt nicht viel zu tun, log ich. Ihre Augen hatten diese
gefährliche Grünfärbung angenommen, und ich wußte, daß ich
mich besser mit den Tatsachen abfinden sollte. Das Telefon rieß
mich aus meinen Gedanken.Als ich endlich den Hörer abnahm, war
der Anrufbeantworter schon angesprungen. Ich wußte doch,
daß Sie zuhause sind, bellte mir Müllers Mezzosopran
entgegen. Er hatte mir einen ungemein wichtigen Termin
mitzuteilen, der unbedingt aktuell mitmußte. Ein ungarisches
Restaurant, der Besitzer ein wichtiger Anzeigenkunde, feierte in
einer halben Stunde sein zehnjähriges Bestehen, und der freie
Mitarbeiter, der darüber berichten sollte, sei ganz plötzlich
krank geworden.
Schön, schön, murmelte ich zwischen
zusammengepreßten Zähnen. Wo ist die Bude?Sie lag
in einem Außenbezirk, der auch schon bessere Tage gesehen hatte.
Im Licht der schwindenden Sommersonne traten sich ein paar Nutten
die Füße platt, und als ich um die letzte Ecke bog, sah ich
auch schon Dieters Golf im Halteverbot. Ich parkte den Triumph
dahinter und sagte: Los gehts.
Der Besitzer, ein Mittvierziger mit beginnender Glatze und
strahlendweißen Jacketkronen unter einem mächtigen Schnauzbart,
überschlug sich fast vor Freude, als er uns sah. Sein Name klang
so ähnlich wie Adrian, aber als ich ihn noch einmal danach
fragte, meinte er, das tue nichts zur Sache. Als erstes
verfrachtete er uns an einen Ecktisch und kredenzte Kaffee. Er
war so groß, daß er auf dem Weg zum Tresen den
Knoblauchbündeln ausweichen mußte,
die überall von der Decke herabhingen. An den Wänden zeigten
Kitschgemälde eine ländliche Idylle, die niemals existiert
hatte. Während er in groben Zügen die Entwicklung des
Restaurants und der Speisekarte schilderte und ich eifrig
notierte, knipste Dieter, was das Zeug hielt. Fünf Minuten
später hatte er das Innere des Ladens aus jeder erdenklichen
Perspektive aufgenommen und wollte sich verabschieden; aber so
einfach ließ Adrian uns nicht aus seinen Fängen.
Sie können doch nicht gehen, ohne etwas gegessen zu
haben, lamentierte er und sah dabei aus, als würde er
gleich anfangen zu heulen. Schließlich ließen wir uns
breitschlagen, und er tischte uns mächtig auf. Während wir
aßen, füllte sich das Lokal mehr und mehr. Am Nebentisch nahmen
eine feiste Blondine und ein dürres Männchen Platz, etwas
weiter weg ein betagtes Paar, das sehr verliebt tat. Eine etwas
lärmende Tischrunde, allesamt ältere Semester, schwärmte vom
letzten Urlaub am Balaton und bestellte eine Runde schweren
Rotweins. Dieter trank einen Schluck Bier, setzte sein Glas ab
und sah mich fragend an.
Warum nicht? meinte ich, zuckte die Achseln und
drehte mich um, um noch zwei Bier zu bestellen. Dabei fiel mein
Blick auf einen Tisch, der hinter der Garderobe halbverborgen in
einer Nische stand. Daran saß ein kleiner Dicker, der sich
unablässig den Schweiß von der Stirn wischte, und ihm
gegenüber ein untersetzter, vierschrötiger Kerl, in dessen
riesigen Pranken der Humpen, den er hielt, wie ein Fingerhut
wirkte. Als der Dicke bemerkte, daß ich zu ihm
rüberstierte, lehnte er sich zurück, um hinter einem
Mantel Deckung zu suchen, der trotz der sommerlichen Temperaturen
an der Garderobe hing.
Siehst du die beiden Kerle da drüben? Dieter nickte
gelangweilt. Aber sein Gesichtsausdruck wich einer angespannten
Erwartung, als ich ihm erklärte, unter welchen Umständen mir
die beiden zum ersten Mal aufgefallen waren. Er pfiff leise durch
die Zähne: Die sind hinter dir her. Schöne
Scheiße. Und warum?"
Ist doch klar, sagte Dieter. Was hat Müller
gesagt über Implikationen und deinen Artikel über das
Raffineriegelände? Illegale Arbeiter aus dem Ostblock ...
Er sah mich an, als warte er auf etwas. Na?Was
na?Machts jetzt klick?
Du meinst ... Er nickte. Die Ostmafia hat dich
am Arsch. Mit einer Mischung aus Mitleid und Bewunderung
fügte er hinzu: In deiner Haut möchte ich nicht
stecken.
So ein Blödsinn, sagte ich. Wer bei der Mafia
ist, kann Autofahren. Außerdem hätten sie mir längst alle
Knochen gebrochen, wenn sie es wären.Trotzdem standen wir
auf und verabschiedeten uns etwas überstürzt. Aus dem
Augenwinkel bekam ich mit, daß unsere beiden Knalltüten sich
ebenfalls in Bewegung setzten. Mach schon! rief
ich Dieter zu, aber er spurtete bereits los, die Autoschlüssel
in der Hand.
Ist es besser
geworden? fragte Dr. Katz und sah mich über den Rand
seiner Nickelbrille hinweg an.Danke, sehr!Sehen
sie Ihre Frau noch? fragte er. Vor einer halben Stunde
hatte sie mir zum Abschied zugewinkt. Aber wenn ich ihm das
erzählte, würde ich in einer Anstalt enden. Ich wußte, was er
hören wollte.
Nein, natürlich nicht, log ich. Wie denn auch?
Prüfend blickte er mir in die Augen. Was er da sah, schien ihm
zu gefallen, denn er lehnte sich in seinem Sessel zurück und
schmunzelte leicht. Dabei spielte er geistesabwesend mit seiner
kalten Zigarre. Sie hatte neben mir gesessen, als es passierte.
Wie aus dem Nichts tauchte dieser Laster vor uns auf, kam direkt
auf uns zu, und dann ...
Ich habe noch nie jemanden gesehen, der ein Trauma so
schnell überwindet, sagte Dr.Katz. Klang in seiner Stimme
eine Spur Ironie mit oder bildete ich mir das nur ein? Sie war
tot, sicher, aber wir liebten uns, und war es da nicht normal ...
Er war aufgestanden.
Wir sehen uns in zwei Wochen wieder. Damit reichte er
mir die Hand. Die Audienz war beendet. Seine Sprechstundenhilfe,
eine etwas magere Brünette, warf mir einen abschätzenden Blick
zu, während sie mir einen neuen Termin gab.
Im Büro gab
es wenig zu tun, eigentlich nichts außer dem üblichen Mist wie
die Post sortieren oder das Telefon anstarren. Aus Langeweile
versuchte ich, meine Kollegen ein bißchen zu mobben, aber auch
damit vermochte ich mich nicht lange zu beschäftigen. Also
beschloß ich, die Mittagspause vorzuverlegen, und ging zum Inder
um die Ecke. Dort kannte man mich, ich
wurde freundlich begrüßt. Kaum hatte ich die Schwelle
überschritten, kam auch schon der Besitzer, ein gewisser Sri
Batesh Nochwas, strahlend auf mich zu, fragte, wie es mir gehe,
und versuchte, mir eine Frau aufzuschwatzen.
Bildschön, sagte er und küßte seine Fingerspitzen.
Noch keine siebzehn Jahre alt. Sie lebt in Indien, könnte
aber ...Halt halt halt! unterbrach ich ihn.
Ich bin schon verheiratet! Darauf sah er mich
merkwürdig an. Ihre Frau ist tot, flüsterte er
heiser.Ich möchte nur etwas trinken und einen Happen
essen, okay!
Bedauernd zuckte er die Achseln. Wirklich bildschön,
murmelte er. Gleich darauf kredenzte er mir ein ganzes Wasserglas
voll Whisky. Als ich zurück ins Büro kam, erfuhr ich von der
Sache mit Dieter. Jemand hatte ihn in der vergangenen Nacht mit
einem Baseballschläger traktiert und ihm dabei den Kiefer und
das Nasenbein zertrümmert, sämtliche Rippen gebrochen und die
Eier gequetscht. Er lag im städtischen Krankenhaus und war noch
nicht vernehmungsfähig. Mir wurde ganz schlecht bei dem
Gedanken. Unsere beiden Knalltüten waren gefährlicher, als sie
aussahen. Was, wenn sie mich erwischten? Was wollten sie
überhaupt?
Von den Tätern keine Spur, berichtete Sigrid mir in
bedauerndem Tonfall, aber mit leuchtenden Augen. Sie mochte
Dieter noch nie so recht leiden.Bitte? Ich sah sie
kurz an und versank wieder in meinen Gedanken. Was sollte ich
tun? Nach Hause brauchte ich gar nicht erst zu gehen, denn Eva
war tot, zermatscht bei diesem gräßlichen Unfall. Das hatte Sri
Batesh Nochwas gemeint. Ich hatte mich besoffen ans Steuer
gesetzt, und dann kam dieser
Laster ... Jetzt blieben mir nur noch meine Wahnvorstellungen und
Hirngespinste. Aber ich mußte der Realität ins Auge sehen, und
die Realität war, daß ein paar Verrückte Dieter die Eier
zerquetscht hatten, weil er auf ihrer Baustelle illegale Arbeiter
fotografierte. Und als Nächster war aller Wahrscheinlichkeit
nach ich dran. Was also sollte ich tun?
Ich tat das,
was ich in verzwickten Situationen immer zu tun pflege. Ich
suchte Trost bei einer großen Flasche Scotch. Irgendwann warf
die Dicke, die im Déjà Vu hinter dem Tresen stand
und den ganzen Tag lang verdrossen an irgendwelchen Gläsern
herumwischte, mich raus. Wir schließen, war
das letzte, was sie zu mir sagte. Dann fing die ganze Welt an,
sich um mich zu drehen. Irgendwie schaffte ich es nach
Hause.Mühsam fingerte ich nach dem Schlüssel, doch ich hatte
Mühe, ihn ins Schlüsselloch zu bekommen, weil die Tränen mich
halbblind machten. Als die Tür hinter mir ins Schloß fiel,
heulte ich richtig los. Hemmungslos
schluchzte ich vor mich hin. Aber trotz meines bedenklichen
Zustands war ich noch nicht so außer Gefecht, daß ich den Weg
zum Kühlschrank nicht mehr gefunden hätte. Ich nahm mir ein
Bier, trank einen Schluck und ...
Was ist denn mit dir los? So habe ich dich ja noch nie
gesehen. Es war Eva. Sie stand in der Tür und trug meinen
Bademantel. Darunter hatte sie nur ein Négligé an. Ihre Augen
hatten auf einmal diesen gefährlichen Grünschimmer.
Geh weg, heulte ich. Du bist tot! Ich
habe dich umgebracht.Du meinst den Unfall? Ich
nickte. Das Phantom verschwand. War das so einfach?Ich war allein
und sah mich um in der trostlosen Wohnung, mir ihrer Leere trotz
meines Zustandes zum ersten Mal richtig bewußt. Schluchzend
krabbelte ich zum Herd, drehte das Gas auf in der Absicht, aus
dieser Welt zu scheiden, und nuckelte weiter an meinem Bier.
Ich mußte eingeschlafen sein, denn irgendwann weckte mich ein
Klirren. Es kam aus dem Wohnzimmer. Ein Klirren? Ich schreckte
hoch und versuchte, etwas zu sehen. Das einzige Licht, das
brannte, kam aus dem Kühlschrank. Ich hatte wohl die Tür
offengelassen. Dann sah ich einen hellen Punkt, der im Flur auf-
und ab tanzte. Erst als ich Stimmen hörte, merkte ich, daß es
der Strahl einer Taschenlampe war, und mir war klar, daß jetzt
auch ich Besuch bekam.
Scheiße Scheiße Scheiße, war alles, was ich denken
konnte. Das Licht ging an. Eine gutturale Stimme sagte etwas in
einer merkwürdigen Sprache, und als ich meinen Fokus endlich
richtig eingestellt hatte, standen Pat und Patachon in der Tür,
die beiden Knalltüten, die Dieter fertiggemacht hatten. Der
Dicke wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte mit einem
starken Akzent:
Wen haben wir denn da? Sein vierschrötiger Kollege
ließ den mächtigen Baseballschläger, den er in seiner rechten
Pranke hielt, fast liebevoll auf die Handfläche der geöffneten
Linken klatschen.Ich wollte etwas so Sinnvolles sagen wie
Was machen Sie hier? oder Machen Sie, daß Sie
raus kommen, sonst mache ich Ihnen Beine!!! Aber vor
lauter Angst hatte es mir die Sprache verschlagen. Ich hatte nur
noch Augen für den Baseballschläger, der gnadenlos auf diese
riesige Pranke klatschte. Der Dicke zog mich von meinem Stuhl
hoch und schubste mich gegen die Wand, während sein Gorilla
drohend auf mich zukam. Ich wich zurück in den Flur und sah aus
dem Augenwinkel, wie der Dicke eine Packung Zigaretten aus der
Brusttasche zog und nach seinem Feuerzeug fummelte. Irgend etwas
in mir reagierte panisch darauf, obwohl ich vor kurzem noch hatte
sterben wollen. Das Gas, dachte ich und wollte ihm
zurufen, er solle es bleiben lassen. Aber in diesem Moment wuchs
der Baseballschläger vor mir in den Himmel und senkte sich in
einem eleganten Halbkreis auf mich herab, katapultierte mich quer
durch den Flur. Ich sah einen hellen Schein und hörte ein lautes
Krachen, vielleicht auch umgekehrt, alles drehte sich rasend
schnell um mich, die ganze Welt schien in Bewegung ...
Als ich aufwachte, hatte ich einen schrecklichen Brummschädel
und sah in Evas Gesicht. Nur daß es gar nicht Eva war, sondern
eine Krankenschwester, die beruhigend auf mich einredete und mir
zulächelte. Eva hatte neben mir gesessen, als der Lkw sie
zerquetschte, ich war auf ihrer Beerdigung gewesen und ... Da war
noch jemand im Zimmer. Er fragte mich nach den beiden
Knalltüten, die jetzt wahrscheinlich Flügel hatten, wohl ein
Polizist. Ich sah ihn verständnislos an und murmelte
Einbrecher und Keine Ahnung! Er fragte
noch irgend etwas, aber die Schwester fiel ihm ins Wort und
drängte ihn zur Tür. Ich schloß für einen Moment die Augen
und dachte an Eva. Die Schwester sagte etwas und warf mir einen
mitleidigen Blick zu. Als sich die Tür hinter ihr schloß,
merkte ich, daß ich weinte.
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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 5.April 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten