Kehricht

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  Eva

  Eine Kurzgeschichte

von Alexander Amberg

Ich kehrte von dem Wochenendtrip nach London zurück, zu dem Dr. Katz mir geraten hatte. Die Sonne knallte erbarmungslos herunter, wir hatten 33 Grad im Schatten, und noch nicht einmal der Hauch eines Schmetterlingsflügels bewegte die zu Blei gewordene Luft.

„Ist es besser geworden?“ fragte Dr. Katz und sah mich über den Rand seiner Nickelbrille hinweg forschend an.
„Ja, sehr!“ Im Anschluß an die Entziehungskur mußte ich auch noch die Therapie über mich ergehen lassen. Ich konnte von Glück sagen, daß ich damals nicht allein schuld gewesen war; denn sonst hätte ich meinen Führerschein nach ein paar Monaten nicht wiedergesehen. Er nahm mir sogar ab, daß ich nicht mehr trank. Das Zittern war weg, und die paar Tropfen ab und zu waren nun wirklich nicht der Rede wert. Nur die Sache mit Eva nahm er mir krumm.


Gleich nach der Sitzung begann ich den Tag im „Déjà Vu“, und um die Mittagszeit fuhr ich in den Supermarkt, in dem ich immer einkaufe. Ich schob den mit Toilettenpapier und Pizza beladenen Wagen zwischen den Regalen durch und spürte einen seltsamen Ruck hinter mir, gefolgt von einem leisen Klirren, als ich bei dem Versuch, einer Walküre auszuweichen, die einen dreijährigen Quälgeist mit sich schleppte, gegen eins der Regale stieß. Ich habe mir schon immer etwas auf meine Reflexe zugute gehalten. Nicht umsonst habe ich früher in der Bezirksliga Handball gespielt. Ich wirbelte herum und fing im letzten Moment eine Flasche auf, die nach der Kollision mit mir dem Gesetz der Schwerkraft folgte. Makellos glatt und fast warm schmiegte sich das Glas in meine Hand. Goldbraun schimmerte darin eine Flüssigkeit. „Glenfyddich“, entzifferte ich auf dem Etikett, und darunter: „Finest old Scotch Whisky“. Ich nahm das als Zeichen und stellte die Flasche zu meinen übrigen Einkäufen. An der Kasse zahlte ich mit einem Scheck, und nachdem ich alles im Kofferraum meines 73er Triumph verstaut hatte, ließ ich mir beim Friseur nebenan die Haare schneiden. Der kleinen Brünetten, die mich bediente, gab ich ein wahrhaft fürstliches Trinkgeld, das sie mit einem Augenaufschlag quittierte, der meinen Blutdruck steigen ließ. Danach fuhr ich in die Stadt, um mir am letzten meiner drei Urlaubstage in der Fußgängerzone die Zeit zu vertreiben.Ich kann nicht genau sagen, wann sie mir zum ersten Mal auffielen. Irgendwann waren sie einfach da, ein kleiner Dicker in einem dreiteiligen Anzug, der sich unablässig den Schweiß von der Stirn wischte, und ein untersetzter, vierschrötiger Kerl. Er war nur wenig größer als der Dicke, aber insgesamt furchteinflößender, nicht zuletzt wegen der riesigen Pranken, die aussahen, als könne er mit ihnen mühelos einen Kürbis zerquetschen. Etwas an den beiden war auf eine unbestimmte Art merkwürdig; aber erst nachdem ich eine Dreiviertelstunde im Zickzack durch die entlegensten Straßen gekurvt war, fiel bei mir der Groschen. Was mich stutzig machte, war nicht, was sie zrugen, sondern die Art, wie sie es trugen; und obwohl ich im allgemeinen eher unbedarft bin, was Modetrends angeht, hätten mir ihre Frisuren sofort sagen müssen, was Sache war. Die beiden kamen aus Osteuropa. So fuhren sie auch. In den engen Straßen der Innenstadt klebte mir ihr roter Escort regelrecht an der Stoßstange. Trotzdem waren sie immer noch bemüht, nicht aufzufallen.
Ich überquerte die Bahnlinie und nahm die Südtangente. Auf der Autobahn trat ich einmal kurz aufs Gas, und weg waren sie. Ich hatte keine Ahnung, was die beiden von mir wollten, und verzichtete darauf, mir den Kopf über zwei Knalltüten zu zerbrechen, die allem Anschein nach nicht bis drei zählen konnten. Deshalb hakte ich die Sache unter der Rubrik „schlechter Scherz“ ab. Den Rest des Tages verbrachte ich mit Nichtstun und richtete es so ein, daß ich spät nach Hause kam. Als ich am nächsten Morgen in der Redaktion eintraf, stapelte sich die Post auf dem Schreibtisch und der Anrufbeantworter war voll. Sigrid begrüßte mich mit einem freundlichen „Guten Morgen!“, bevor sie mir den Kaffee brachte. Ich rief mehrere Leute zurück, darunter den neuen Baudezernenten. Ich nahm an, es ging um die Sache mit der Raffinerie, und war erstaunt, mit welcher Heftigkeit er auf meinen Artikel der Samstagausgabe reagierte.
„Hören Sie ...“, versuchte ich ihn zu beruhigen, aber er ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen.
„Nein, jetzt hören Sie mir mal zu. Ich dachte, ich hätte Ihnen das Konzept dargelegt. Auf dem Gelände der Raffinerie werden ein Industriepark und dreihundert Wohneinheiten entstehen. Das Projekt ist noch in der Planungsphase und es ist keineswegs ...“ Jetzt brüllte er: „... hören Sie, keineswegs sicher, daß eine tschechische Firma den Zuschlag bekommen wird! Über die Ausschreibung ist noch nicht entschieden, Sie Schmierenjournalist!“ Das sagte er wirklich: Schmierenjournalist! Meinen Einwand, daß die Tschechen das Raffineriegelände bereits in ein Heerlager verwandelt hätten, ließ er nicht gelten. „Sie wissen, daß manche Arbeiten keinen Aufschub dulden. Das ist ein Millionenprojekt mit einer Vielzahl von Gewerken. Mit einem Entscheid über die Ausschreibung hat das noch gar nichts zu tun.“
„Aber hören Sie ...“, versuchte ich wieder mein Glück und beschwor damit einen Schwall herauf, der meinen Satz in der Mitte zerschnitt. Der Tenor war: Ich war ein Idiot und mieser Schreiberling, ich hätte nichts verstanden, und bei Projekten dieser Größenordnung müsse man nun einmal flexibel reagieren. Damit knallte er den Hörer auf die Gabel. Einigermaßen verdutzt betrachtete ich das Telefon und zündete mir eine Zigarette an. Eine halbe Stunde später rief Müller an und hielt mir eine Predigt über journalistisches Ethos und Genauigkeit der Recherche. Ich sagte jaja, schließlich war er der Chefredakteur, verstand aber nicht ganz, weshalb er immer wieder auf den Worten „illegale Arbeitskräfte“ herumritt. Ich konnte mich nicht erinnern, in dem Artikel etwas derartiges erwähnt zu haben.
„Aber die Implikationen ...,“ fiel er mir ins Wort. „Sie müssen doch die Implikationen bedenken, die unbedachte Äußerungen haben können.“Unbedachte Äußerungen? Auf dem Raffineriegelände wimmelte es von Arbeitern, und alles, was ich verstand, war, daß man mir weismachen wollte, daß sich kein Schwein dort aufhielt. Zu denken gab mir, daß er das Gespräch mit dem Hinweis beendete, ich solle mir darüber klar werden, wie eine Zeitung sich
finanziere, wenn ich darauf Wert legte, meinen Job zu behalten.
„Was draußen an der Raffinerie los ist, sieht doch ein Blinder,“ sagte Dieter und knallte mir ein paar Fotos auf den Tisch. Die Abzüge waren noch feucht und zeigten allesamt das rege Treiben auf der Baustelle, von dessen Nichtvorhandensein Müller mich eben überzeugt hatte. Fragend sah Dieter mich an. Ich schüttelte den Kopf. Das Ende vom Lied war, daß ich in der Mittagspause einen extragroßen Whisky zu mir nahm.
„Die Subunternehmer heuern Subunternehmer an,“ nuschelte Dieter, während er an einer Olive kaute, „und die wiederum Subunternehmer undsoweiter, bis es
keinem mehr auffällt, daß die armen Schweine, die da rumlaufen, keine Arbeitserlaubnis haben.“ Er nuckelte an seinem Gin Tonic und warf der Bedienung einen schmachtenden Blick zu. Ausnahmsweise waren wir nicht im „Déjà Vu“ gelandet, sondern beim Italiener um die Ecke.

„Holländische Firmen, englische Firmen, portugiesische Firmen, keine hat etwas mit der anderen zu tun, aber wenn du dir die Köpfe ihrer Faxbögen ansiehst, stellst du fest, daß sie alle ein- und dieselbe Frankfurter Nummer haben. Und auf ihren Baustellen arbeiten ein- und dieselben Tschechen, Polen und Kroaten. Prost!“ Er hob sein Glas, und ich tat das Gleiche. Er winkte der Bedienung, einer zierlichen Rothaarigen, und bestellte ein Bier zum Nachspülen. „Ne du,“ sagte er und schüttelte den Kopf. „Mit den Jungs aus dem Ostblock will ich nichts zu tun haben.“ Ich war einer Meinung mit ihm, und als sein Bier kam, redeten wir über Fußball und die neue Fußgängerzone, die den Einzelhandel auf die Barrikaden trieb.
Weil ich die Nase voll hatte, machte ich eine Stunde früher Feierabend. Als ich nach Hause kam, sah ich Eva im Wohnzimmer. Sie schwebte im Lotosblütensitz einen Meter über dem Teppichboden. Ich schüttelte den Kopf, ging in die Küche und holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank.„Schon zurück?“ Sie lehnte in der Tür, verführerisch lächelnd, mit einem Blick, der mich um den Verstand brachte. Ich hatte sie nicht kommen gehört.

„Ja, es gibt nicht viel zu tun,“ log ich. Ihre Augen hatten diese gefährliche Grünfärbung angenommen, und ich wußte, daß ich mich besser mit den Tatsachen abfinden sollte. Das Telefon rieß mich aus meinen Gedanken.Als ich endlich den Hörer abnahm, war der Anrufbeantworter schon angesprungen. „Ich wußte doch, daß Sie zuhause sind,“ bellte mir Müllers Mezzosopran entgegen. Er hatte mir einen ungemein wichtigen Termin mitzuteilen, der unbedingt aktuell mitmußte. Ein ungarisches Restaurant, der Besitzer ein wichtiger Anzeigenkunde, feierte in einer halben Stunde sein zehnjähriges Bestehen, und der freie Mitarbeiter, der darüber berichten sollte, sei ganz plötzlich krank geworden.
„Schön, schön,“ murmelte ich zwischen zusammengepreßten Zähnen. „Wo ist die Bude?“Sie lag in einem Außenbezirk, der auch schon bessere Tage gesehen hatte. Im Licht der schwindenden Sommersonne traten sich ein paar Nutten die Füße platt, und als ich um die letzte Ecke bog, sah ich auch schon Dieters Golf im Halteverbot. Ich parkte den Triumph dahinter und sagte: „Los geht’s.“
Der Besitzer, ein Mittvierziger mit beginnender Glatze und strahlendweißen Jacketkronen unter einem mächtigen Schnauzbart, überschlug sich fast vor Freude, als er uns sah. Sein Name klang so ähnlich wie Adrian, aber als ich ihn noch einmal danach fragte, meinte er, das tue nichts zur Sache. Als erstes verfrachtete er uns an einen Ecktisch und kredenzte Kaffee. Er war so groß, daß er auf dem Weg zum Tresen den Knoblauchbündeln ausweichen mußte,
die überall von der Decke herabhingen. An den Wänden zeigten Kitschgemälde eine ländliche Idylle, die niemals existiert hatte. Während er in groben Zügen die Entwicklung des Restaurants und der Speisekarte schilderte und ich eifrig notierte, knipste Dieter, was das Zeug hielt. Fünf Minuten später hatte er das Innere des Ladens aus jeder erdenklichen Perspektive aufgenommen und wollte sich verabschieden; aber so einfach ließ Adrian uns nicht aus seinen Fängen.
„Sie können doch nicht gehen, ohne etwas gegessen zu haben,“ lamentierte er und sah dabei aus, als würde er gleich anfangen zu heulen. Schließlich ließen wir uns breitschlagen, und er tischte uns mächtig auf. Während wir aßen, füllte sich das Lokal mehr und mehr. Am Nebentisch nahmen eine feiste Blondine und ein dürres Männchen Platz, etwas weiter weg ein betagtes Paar, das sehr verliebt tat. Eine etwas lärmende Tischrunde, allesamt ältere Semester, schwärmte vom letzten Urlaub am Balaton und bestellte eine Runde schweren Rotweins. Dieter trank einen Schluck Bier, setzte sein Glas ab und sah mich fragend an.
„Warum nicht?“ meinte ich, zuckte die Achseln und drehte mich um, um noch zwei Bier zu bestellen. Dabei fiel mein Blick auf einen Tisch, der hinter der Garderobe halbverborgen in einer Nische stand. Daran saß ein kleiner Dicker, der sich unablässig den Schweiß von der Stirn wischte, und ihm gegenüber ein untersetzter, vierschrötiger Kerl, in dessen riesigen Pranken der Humpen, den er hielt, wie ein Fingerhut wirkte. Als der Dicke bemerkte, daß ich zu ihm ‘rüberstierte, lehnte er sich zurück, um hinter einem Mantel Deckung zu suchen, der trotz der sommerlichen Temperaturen an der Garderobe hing.
„Siehst du die beiden Kerle da drüben?“ Dieter nickte gelangweilt. Aber sein Gesichtsausdruck wich einer angespannten Erwartung, als ich ihm erklärte, unter welchen Umständen mir die beiden zum ersten Mal aufgefallen waren. Er pfiff leise durch die Zähne: „Die sind hinter dir her.“ Schöne Scheiße. Und warum?"
„Ist doch klar,“ sagte Dieter. „Was hat Müller gesagt über Implikationen und deinen Artikel über das Raffineriegelände? Illegale Arbeiter aus dem Ostblock ...“ Er sah mich an, als warte er auf etwas. „Na?“„Was na?“„Macht’s jetzt klick?“
„Du meinst ...“ Er nickte. „Die Ostmafia hat dich am Arsch.“ Mit einer Mischung aus Mitleid und Bewunderung fügte er hinzu: „In deiner Haut möchte ich nicht stecken.“
„So ein Blödsinn,“ sagte ich. „Wer bei der Mafia ist, kann Autofahren. Außerdem hätten sie mir längst alle Knochen gebrochen, wenn sie es wären.“Trotzdem standen wir auf und verabschiedeten uns etwas überstürzt. Aus dem Augenwinkel bekam ich mit, daß unsere beiden Knalltüten sich ebenfalls in Bewegung setzten. „Mach’ schon!“ rief ich Dieter zu, aber er spurtete bereits los, die Autoschlüssel in der Hand.

Ist es besser geworden?“ fragte Dr. Katz und sah mich über den Rand seiner Nickelbrille hinweg an.„Danke, sehr!“„Sehen sie Ihre Frau noch?“ fragte er. Vor einer halben Stunde hatte sie mir zum Abschied zugewinkt. Aber wenn ich ihm das erzählte, würde ich in einer Anstalt enden. Ich wußte, was er hören wollte.
„Nein, natürlich nicht,“ log ich. Wie denn auch? Prüfend blickte er mir in die Augen. Was er da sah, schien ihm zu gefallen, denn er lehnte sich in seinem Sessel zurück und schmunzelte leicht. Dabei spielte er geistesabwesend mit seiner kalten Zigarre. Sie hatte neben mir gesessen, als es passierte. Wie aus dem Nichts tauchte dieser Laster vor uns auf, kam direkt auf uns zu, und dann ...
„Ich habe noch nie jemanden gesehen, der ein Trauma so schnell überwindet,“ sagte Dr.Katz. Klang in seiner Stimme eine Spur Ironie mit oder bildete ich mir das nur ein? Sie war tot, sicher, aber wir liebten uns, und war es da nicht normal ... Er war aufgestanden.
„Wir sehen uns in zwei Wochen wieder.“ Damit reichte er mir die Hand. Die Audienz war beendet. Seine Sprechstundenhilfe, eine etwas magere Brünette, warf mir einen abschätzenden Blick zu, während sie mir einen neuen Termin gab.

Im Büro gab es wenig zu tun, eigentlich nichts außer dem üblichen Mist wie die Post sortieren oder das Telefon anstarren. Aus Langeweile versuchte ich, meine Kollegen ein bißchen zu mobben, aber auch damit vermochte ich mich nicht lange zu beschäftigen. Also beschloß ich, die Mittagspause vorzuverlegen, und ging zum Inder um die Ecke. Dort kannte man mich, ich
wurde freundlich begrüßt. Kaum hatte ich die Schwelle überschritten, kam auch schon der Besitzer, ein gewisser Sri Batesh Nochwas, strahlend auf mich zu, fragte, wie es mir gehe, und versuchte, mir eine Frau aufzuschwatzen.
„Bildschön,“ sagte er und küßte seine Fingerspitzen. „Noch keine siebzehn Jahre alt. Sie lebt in Indien, könnte aber ...“„Halt halt halt!“ unterbrach ich ihn. „Ich bin schon verheiratet!“ Darauf sah er mich merkwürdig an. „Ihre Frau ist tot,“ flüsterte er heiser.„Ich möchte nur etwas trinken und einen Happen essen, okay!“
Bedauernd zuckte er die Achseln. „Wirklich bildschön,“ murmelte er. Gleich darauf kredenzte er mir ein ganzes Wasserglas voll Whisky. Als ich zurück ins Büro kam, erfuhr ich von der Sache mit Dieter. Jemand hatte ihn in der vergangenen Nacht mit einem Baseballschläger traktiert und ihm dabei den Kiefer und das Nasenbein zertrümmert, sämtliche Rippen gebrochen und die Eier gequetscht. Er lag im städtischen Krankenhaus und war noch nicht vernehmungsfähig. Mir wurde ganz schlecht bei dem Gedanken. Unsere beiden Knalltüten waren gefährlicher, als sie aussahen. Was, wenn sie mich erwischten? Was wollten sie überhaupt?
„Von den Tätern keine Spur,“ berichtete Sigrid mir in bedauerndem Tonfall, aber mit leuchtenden Augen. Sie mochte Dieter noch nie so recht leiden.„Bitte?“ Ich sah sie kurz an und versank wieder in meinen Gedanken. Was sollte ich tun? Nach Hause brauchte ich gar nicht erst zu gehen, denn Eva war tot, zermatscht bei diesem gräßlichen Unfall. Das hatte Sri Batesh Nochwas gemeint. Ich hatte mich besoffen ans Steuer gesetzt, und dann kam dieser
Laster ... Jetzt blieben mir nur noch meine Wahnvorstellungen und Hirngespinste. Aber ich mußte der Realität ins Auge sehen, und die Realität war, daß ein paar Verrückte Dieter die Eier zerquetscht hatten, weil er auf ihrer Baustelle illegale Arbeiter fotografierte. Und als Nächster war aller Wahrscheinlichkeit nach ich dran. Was also sollte ich tun?

Ich tat das, was ich in verzwickten Situationen immer zu tun pflege. Ich suchte Trost bei einer großen Flasche Scotch. Irgendwann warf die Dicke, die im „Déjà Vu“ hinter dem Tresen stand und den ganzen Tag lang verdrossen an irgendwelchen Gläsern herumwischte, mich ‘raus. „Wir schließen,“ war das letzte, was sie zu mir sagte. Dann fing die ganze Welt an, sich um mich zu drehen. Irgendwie schaffte ich es nach Hause.Mühsam fingerte ich nach dem Schlüssel, doch ich hatte Mühe, ihn ins Schlüsselloch zu bekommen, weil die Tränen mich halbblind machten. Als die Tür hinter mir ins Schloß fiel, heulte ich richtig los. Hemmungslos
schluchzte ich vor mich hin. Aber trotz meines bedenklichen Zustands war ich noch nicht so außer Gefecht, daß ich den Weg zum Kühlschrank nicht mehr gefunden hätte. Ich nahm mir ein Bier, trank einen Schluck und ...
„Was ist denn mit dir los? So habe ich dich ja noch nie gesehen.“ Es war Eva. Sie stand in der Tür und trug meinen Bademantel. Darunter hatte sie nur ein Négligé an. Ihre Augen hatten auf einmal diesen gefährlichen Grünschimmer.
„Geh’ weg,“ heulte ich. „Du bist tot! Ich habe dich umgebracht.“„Du meinst den Unfall?“ Ich nickte. Das Phantom verschwand. War das so einfach?Ich war allein und sah mich um in der trostlosen Wohnung, mir ihrer Leere trotz meines Zustandes zum ersten Mal richtig bewußt. Schluchzend krabbelte ich zum Herd, drehte das Gas auf in der Absicht, aus dieser Welt zu scheiden, und nuckelte weiter an meinem Bier.
Ich mußte eingeschlafen sein, denn irgendwann weckte mich ein Klirren. Es kam aus dem Wohnzimmer. Ein Klirren? Ich schreckte hoch und versuchte, etwas zu sehen. Das einzige Licht, das brannte, kam aus dem Kühlschrank. Ich hatte wohl die Tür offengelassen. Dann sah ich einen hellen Punkt, der im Flur auf- und ab tanzte. Erst als ich Stimmen hörte, merkte ich, daß es der Strahl einer Taschenlampe war, und mir war klar, daß jetzt auch ich Besuch bekam.
„Scheiße Scheiße Scheiße,“ war alles, was ich denken konnte. Das Licht ging an. Eine gutturale Stimme sagte etwas in einer merkwürdigen Sprache, und als ich meinen Fokus endlich richtig eingestellt hatte, standen Pat und Patachon in der Tür, die beiden Knalltüten, die Dieter fertiggemacht hatten. Der Dicke wischte sich den Schweiß von der Stirn und sagte mit einem starken Akzent:
„Wen haben wir denn da?“ Sein vierschrötiger Kollege ließ den mächtigen Baseballschläger, den er in seiner rechten Pranke hielt, fast liebevoll auf die Handfläche der geöffneten Linken klatschen.Ich wollte etwas so Sinnvolles sagen wie „Was machen Sie hier?“ oder „Machen Sie, daß Sie ‘raus kommen, sonst mache ich Ihnen Beine!!!“ Aber vor lauter Angst hatte es mir die Sprache verschlagen. Ich hatte nur noch Augen für den Baseballschläger, der gnadenlos auf diese riesige Pranke klatschte. Der Dicke zog mich von meinem Stuhl hoch und schubste mich gegen die Wand, während sein Gorilla drohend auf mich zukam. Ich wich zurück in den Flur und sah aus dem Augenwinkel, wie der Dicke eine Packung Zigaretten aus der Brusttasche zog und nach seinem Feuerzeug fummelte. Irgend etwas in mir reagierte panisch darauf, obwohl ich vor kurzem noch hatte sterben wollen. „Das Gas“, dachte ich und wollte ihm zurufen, er solle es bleiben lassen. Aber in diesem Moment wuchs der Baseballschläger vor mir in den Himmel und senkte sich in einem eleganten Halbkreis auf mich herab, katapultierte mich quer durch den Flur. Ich sah einen hellen Schein und hörte ein lautes Krachen, vielleicht auch umgekehrt, alles drehte sich rasend schnell um mich, die ganze Welt schien in Bewegung ...
Als ich aufwachte, hatte ich einen schrecklichen Brummschädel und sah in Evas Gesicht. Nur daß es gar nicht Eva war, sondern eine Krankenschwester, die beruhigend auf mich einredete und mir zulächelte. Eva hatte neben mir gesessen, als der Lkw sie zerquetschte, ich war auf ihrer Beerdigung gewesen und ... Da war noch jemand im Zimmer. Er fragte mich nach den beiden Knalltüten, die jetzt wahrscheinlich Flügel hatten, wohl ein Polizist. Ich sah ihn verständnislos an und murmelte „Einbrecher“ und „Keine Ahnung!“ Er fragte noch irgend etwas, aber die Schwester fiel ihm ins Wort und drängte ihn zur Tür. Ich schloß für einen Moment die Augen und dachte an Eva. Die Schwester sagte etwas und warf mir einen mitleidigen Blick zu. Als sich die Tür hinter ihr schloß, merkte ich, daß ich weinte.

 

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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 5.April 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten