Kehricht

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Alexander Amberg

 
  Literaturstreit
 

"Ein Poet ist ein feingestimmtes Instrument, ein Gedicht eine leise Melodie, die im Wind verweht, ein Roman das große Opus vieler Stimmen. Literatur ist wie Musik, und nur die Feinsinnigen können sie genießen." Ich denke, irgendwo hatte er sicher recht. Trotzdem ritt mich der Teufel. "Und was ist mit dem Rock’n Roll?" fragte ich dazwischen.

Jeder zahlt seinen Preis, und der Preis dafür, ein Schriftsteller zu sein, ist hoch. Eva warf mir einen mißbilligenden Blick zu, aber ich achtete nicht darauf. Sie hatte mich zu dieser Party mitgeschleift, und jetzt sollte ich mir das seichte Gewäsch dieses Möchtegerns anhören. Er hatte einen Gedichtband veröffentlicht, Gott bewahre. Als ich das Ding durchblätterte, mußte ich mit dem Reiz kämpfen, mich zu übergeben. Da stand ein Satz drin wie

Doch jeder tötet, was er liebt,  
und daß es jeder hört:  
der eine tötet mit 'nem Blick,  
der andre mit 'nem Wort,  
der Feigling tötet mit 'nem Kuß,  
der Tapf ' re mit dem Schwert  

Die Stelle kannte ich. Das war Oscar Wilde, aus der Ballad of Reading Gaol. Der Kerl hatte geklaut. Sie konnte doch nicht allen Ernstes erwarten, daß ich mir das Geseiere anhörte, ohne diesen Verbrecher zu züchtigen. Wie gesagt, es war nicht, was er von sich gab, was mich so störte.

"Im Gegenteil, auch ich schätze Oscar Wilde. Aber um am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts eine Poetik aufzustellen, genügt das nicht," sagte ich. "Man muß zumindest die Quantentheorie erklären können und vor Holocaust und Overkill vor Schreck erstarren." Ansonsten wäre die Lyrik nichts als Epigonentum, um es einmal harmlos auszudrücken. Verständnislos sah er mich an. Ich schnappte mir mein Glas und stand auf.

"Haben Sie schon Ihren Albatros getötet?" fragte ich.

Er machte große Augen.

"Natürlich nicht," winkte ich ab und schwankte von dannen, zwischen miniberockten Studentinnen und parfümierten Lackaffen hindurch, die in ihren Bundfaltenhosen und Slippern mehr als lächerlich wirkten. Ich bahnte mir meinen Weg durch die Menge der Tanzenden. Ein Typ mit blondem Stoppelhaar und Muscle-Shirt unter dem Sakko stieß mir den Ellenbogen so fürchterlich in die Rippen, als er seine grellgeschminkte Tussi umherwirbelte, daß mein im Kronleuchterlicht goldglänzender Glenfiddich fast überschwappte.

"Paß doch auf, du Arsch," keuchte ich.

"Was!? Was hast du gesagt!?" Augenblicklich zeigte er kein Interesse mehr daran, seine Partnerin beim Umherschwenken zu befummeln. Er nahm sogar die Hand von ihrem Hintern. Eine sehr große Hand, wie mir in diesem Augenblick auffiel. Der Kerl war garantiert kein Lyriker, und wie er sich da so großmäulig vor mir aufbaute, beschlich mich die dumpfe Ahnung, daß ich als Demonstrationsobjekt herhalten sollte, damit er seiner Freundin imponieren konnte.

"Ich habe dich doch nur gebeten, ein bißchen aufzupassen," sagte ich beschwichtigend. Aber als ich das süffisante Grinsen sah, das um seinen stupiden Mund spielte, gewann der Alkohol die Oberhand und ich fügte hinzu: "Du Arsch!"

Das war’s dann auch. Ich sah nicht, wie er ausholte, die Tussi kreischte begeistert, und ich flog auf einmal quer durch den Saal. Mein Glas schwappte nun doch über und fiel mir aus der Hand, als ich krachend im Buffet landete. Ich lag auf dem Rücken und zappelte wie ein Maikäfer, während ich hörte, wie der Typ unaufhaltsam näher stürmte. Unaufhaltsam?

Wie aus dem Boden gewachsen stand plötzlich Eva neben ihm und streckte ihren Fuß aus. Der blonde Schwachkopf hob ab, zu Fall gebracht von ihren Pumps, und landete neben mir im Buffet. "Tolle Nummer," dachte ich, aber schon war Eva über mir und zog mich hoch, ihr Gesicht vor Wut verzerrt. So hatte ich sie noch nie erlebt.

"Komm’ schon," zischte sie, und: "Reiß dich einmal zusammen."

Ich schaffte es, mir von einem Tablett noch ein Glas zu angeln, bevor sie mich wegzog. Ich sagte irgend etwas, als sie mich nach draußen zerrte und in den Käfer verfrachtete, aber mittlerweile drehte sich die ganze Welt um mich und sie hörte mir nicht mehr zu. Zuhause angekommen schleppte sie mich ins Schlafzimmer und fing an mich auszuziehen. Sie wollte mich allen Ernstes ins Bett stecken. Aber so besoffen war ich noch nicht. Als sie mir die Hose auszog, rutschte meine Hand unter ihren Rock. Sie zerrte und riß an mir, immer noch wütend, aber da war noch ein anderer Ausdruck auf ihrem Gesicht ... Irgendwann schlief ich ein, lange nachdem sie sich in meinem Arm zusammengerollt hatte, und ich hielt mich für einen tollen Kerl - aber nur bis zum nächsten Morgen, als ich mit einem mordsmäßigen Kater aufwachte und es mit einer keifenden Eva zu tun bekam, die in einer Tour wissen wollte, warum ich ihr gestern den Abend verdorben hatte. Verdorben? Erst mußte ich die Ergüsse eines Möchtegern-Lyrikers über mich ergehen lassen, dann wurde ich von einem Monster angegriffen ...

"Kannst du dich nicht wenigstens einmal benehmen ...," zischte sie. Das Lamento nahm kein Ende. Also beschloß ich, einen Spaziergang zu machen und mir die Sonne auf die Nase scheinen zu lassen. Als ich ging, rutschte meine Hand von der Klinke ab. Krachend fiel die Tür ins Schloß. Ich schwöre, daß es keine Absicht war.

 

 

 

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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 7.April 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten