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Gesellschaft und Literatur im Netz

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Alexander Amberg

Welchen Zweck hat Literatur?

Hast sie einen Sinn?

Ich würde mich freuen, wenn über diesen Beitrag eine literaturtheoretische Diskussion in Gang käme. Beiträge bitte über die Deutsche Bummelpost oder E-mail an kehhricht!


Machen wir uns nichts vor! Die Literatur ist tot. Erstarrt in den
Eifersüchteleien kleiner Schreiberlinge, die auf Stipendien warten wie ein
Hund auf einen Happen, der vom Tisch fällt. Zufällig? Nur brave Hunde werden
gefüttert. Wie sollte Literatur unter diesen Voraussetzungen etwa die Sitten
gefährden? Oder gar für so etwas wie Moral - und damit meine ich nicht
Sexualmoral, sondern Ethik, jawohl, meine Damen und Herren - wie also sollte
sie für Moral einstehen? Und wenn sie denn schon die Sitten gefährdet, dann
bitteschön so, wie das Programm es vorschreibt. Alle Welt beklagt den
Werteverfall. Was hat die Literatur da zu suchen? Braucht man sie überhaupt?
Jehova persönlich genügten zehn Zeilen, um seine Meinung zum Thema
darzulegen. Wozu, bitteschön, braucht man da Romane?
Der Literat hat stromlinienförmig zu sein. Sonst nagt er nämlich, und zwar am
Hungertuch. Es sei denn, er ist Beamter und widmet sich dem Schreiben in
seiner Freizeit. Da kann er tun und lassen, was er will. Mußestunden, sagte
man früher. Heute heißt das Hobby. Amateure sind wieder gefragt, echte
Liebhaber (im wahrsten Sinne des Wortes) von Tinte und Feder, die sich nicht
scheuen, das Maul aufzumachen, auch wenn’s weh tut. Rückgrat, wo gibt’s das
noch? Wenn der Brotkorb zu hoch hängt, dann duckt man sich eben, statt sich
danach zu strecken. Verkehrte Welt. Ah, so a Schmarrn aber auch. Warum
stehn’s denn net auf, die Kerle!?
Vielleicht reichen sie eh nicht hin zum Brotkorb, dem hochgehangenen. Was
sollten sie’s also probieren? Überhaupt, Literatur, was ist das eigentlich?
Noch nicht mal die Literaturwissenschaftler wissen eine Antwort darauf, und
die müßten’s doch wissen. Wenn heut’ einer zwei Sätze schreibt, heißt’s
Literatur, wenn sie zusammenpassen, und möglichst soll ein Mord drin sein,
sonst liest’s keiner. Wie in der Bibel, wo der Kain den Abel erschlagen hat.
Eine Sittenverderbnis war das. Raufgezogen zur Wolke isser, der Rauch vom
Abel seim Opfer, net der vom Kain. Grund genug zuzuhaun. Und der liebe Gott
hat zug’schaut. Macht er heut’ noch, ‘s merkt nur keiner. Nur die Herren
Literaturkritiker, die bemerkt man, auch wenn sie nix anderes machen als der
liebe Gott, zuschaun nämlich. Überhaupt, eine Sittenverderbnis, wo soll die
denn herkommen, wenn’s keine Sitten mehr hat!? Sodom und Gomorrha! Der Film,
der Film, der verdirbt die Sitten, und die Videos, und das Internet mit den
Kinderpornos - aber die Literatur!? Wenn noch einer lesen würd’, könnt’ man
ihn vielleicht verderben mit einem Schweinkram wie der Madame Bovary. Aber’s
liest ja keiner.

Sitten, was ist das? Qu’est ce que c’est, la littérature? Was nicht da ist,
kann man nicht verderben, seien es die Sitten oder die Literatur. Eine Sitte
ist es zum Beispiel in Deutschland, Bier zu trinken. Kann die Literatur das
verderben? Eine andere Sitte ist es, Ausländer zu verprügeln. Daran hat die
Literatur ebenfalls noch nichts verdorben. Bei den Moslems, da klappt das
vielleicht mit dem Sittenverderben. Warum sonst soll man Salman Rushdie
verbieten? Und bei uns? Soll er doch "Satanische Verse" schreiben, soviel er
will. ‘s interessiert eh keinen. Hier liest nämlich niemand.
Gedichte? Die müßten schon besonders schweinisch sein, um jemanden zu
verderben. Shakespeare soll ja ein paar ganz schlimme geschrieben haben. Und
wen verdirbt er damit?
Um heut’ jemanden zu verderben, braucht man ein Videogerät, kein Buch. Oder
das Internet. Die Zukunft hat längst begonnen. Schöne neue Welt. Da kann die
Literatur keine Sitten verderben, soll sie es doch versuchen. Schweine sind
sie vielleicht, diese Literaten, aber arme Schweine in der Regel, und auf die
hört keiner. Die Literatur und Verderben, so ein Blödsinn! Aber was nicht
ist, kann ja noch werden. Vielleicht strengt sich mal einer so richtig an,
der Simmel vielleicht, und verdirbt die Sitten so richtig. Schön wär’s ja,
hätten manche wenigstens ‘was, um sich drüber aufzuregen. Literatur ist
Kunst, und die Kunst verdirbt nun mal die Sitten, wenigstens manche. Das weiß
doch jeder! Aber was würden sie sagen:
"So, die Sitten hat er verdorben, unser Skribent. Was hat er doch für einen
schmierigen Griffel, dieser Ferkeleienschreiber. Politisch isser, ja was denn
sonst? Mit den Weibern hat er wohl auch was am Hut, der Hallodri, der
versaubeutelte. Für was gehn’s denn auf die Universität, wenn nachher bloß
Schweinkram ‘rauskommt, ein dermaßen politischer. Aber ‘was andres hat man ja
nicht zu erwarten von den langhaarigen Parolenschmierern. Würden besser
Komödien machen oder gleich ‘nen Film!"

 

 

 

 

 

 

 

 

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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 19.April 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten