Kehricht

Gesellschaft und Literatur im Netz

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  Die Behörde Ralf Arnold

 

Eisiges Schneegestöber trieb über die Straßen. Die Welt verwandelte sich in ein grobkörniges Abbild ihrer selbst. Kaum mehr waren die Konturen des großen Gebäudekomplexes auszumachen, in dem die Behörde residierte, zu der K. bestellt war. Unter schwerem Mantelstoff verpackt und mit eng ans Kinn gezogenen Schultern strebte K. der wuchtigen, gläsernen Pforte zu.

Aufatmend betrat er das Foyer, dem kalten Griff des eisigen Windes wohlbehalten entronnen. Vor einer riesigen Informationstafel, auf der unzählige Raumnummern, Namen und verschiedenste unverständliche Kürzel aufgelistet waren, verharrten, wie in stiller Andacht, eine schmächtige junge Frau mit blasser, beinahe durchscheinender Haut, aschblondem Haar und traurigen schwarzen Ringen unter den Augen, sowie ein struppiger älterer Herr, der unaufhörlich vor sich hinbrabbelte. Beide legten den Kopf in den Nacken und studierten ausgiebig diesen komplizierten Wust von Angaben auf der Informationstafel. K. hatte nicht vor, sich den beiden anzuschließen. Das hätte den Eindruck erweckt, er kenne sich nicht aus und habe sich schlecht auf den Gang zur Behörde vorbereitet. Um so ärgerlicher fand er es, daß er sich tatsächlich schlecht vorbereitet hatte. Er kannte weder die Raumnummer, noch den Namen seines Sachbearbeiters. Diese wichtigen Dinge waren ihm aber auch nicht mitgeteilt worden. Selbst auf der Vorladung, die er bei sich trug, fanden sich keine brauchbaren Hinweise dazu.

"Eine dumme Masche!" brummte er ungehalten. K. glaubte ein listiges Kalkül hinter diesen unvollständigen Angaben zu entdecken, eine perfide Taktik gegen das eigene Klientel. Gewiß wurden die Besucher dieser Behörde dank ihrer Unwissenheit und Orientierungslosigkeit beim Betreten des Gebäudes sofort von noch größerer Befangenheit erfaßt und verhielten sich dann dementsprechend zurückhaltend und defensiv. In dem Bemühen, sich gegen seine eigene anschwellende Verlegenheit zur Wehr zu setzen, strich K., Eile vortäuschend, an der schwächlichen Frau und dem struppigen Alten vorbei und erklomm sogleich die steinerne Treppe zum ersten Stock, so als wisse er genau, wohin er zu gehen habe. Oben gab es in den Fluren ein dichtes Gedränge. Die wartenden Frauen und Männer vermieden tunlichst, daß ihre Blicke sich kreuzten und begegneten. Niemand wollte von den anderen bemerkt werden. Auch K. mochte nicht gerne ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit geraten. Er spürte, wie die Sinne dieser Menschen nach einem Punkt gierten, dem sie sich zuwenden konnten. Unruhig drehten sie ihre Hälse jedem Neuankömmling zu. Doch sobald einer mit mutig erhobenem Kopf den Leuten entgegentrat, drehten sich diese gleich wieder von ihm weg, weil sie dem Neuen ja keinesfalls auffallen wollten. K. wurde intensiv von der Sehnsucht erfaßt, seinen Körper allein hier zurücklassen zu können. Sein Körper war ihm nicht zu schade, um hier zu verweilen, sollten sie doch mit ihm tun, was sie wollten. Sein inneres selbst jedoch wünschte sich sehnlichst nach einem anderen Ort, wollte angeln und Gedichte schreiben. Aber wo in diesem Haus mußte nun sein Körper eigentlich hin? In welchem Zimmer wurde er erwartet? K. schob sich unbemerkt von allen durch die Menschenmenge und erreichte eine Kreuzung zweier langgezogener Flure. In dem rechts einmündenden Flur fand er drei Handwerker. Sie hockten vor einem geöffneten Werkzeugkasten, entnahmen ihm verschiedenste Zangen, beklopften diese mit schwarzen Hämmern und legten sie dann in die Kiste zurück. "Habt ihr hier viel zu tun?" erkundigte sich K. "Wir klopfen den Dreck von unseren Werkzeugen", erklärte ein Handwerker mir grauen Haaren und einer rot angelaufenen nase-

"Ich bin Landvermesser", erklärte K. "Man hat mich hier herbestellt."

"Landvermesser?! Kommense! Kommense!" Der Grauhaarige war plötzlich eifrig geworden, bot K. seine Hand und führte ihn zu einer Tür am äußersten Ende des Flures. "Klopfense nur und schaunse rein. Vielleicht kriegense ne Maßnahme. Wir kam eine gekriegt. Jetzt ham wir wieder ein geordnetes Leben. Ein Glück ist das. Kommense! Man wird ihnen weiterhelfen."

K. nahm allen Mut zusammen und klopfte an die Tür. Auf einen Ruf von drinnen hin begann der grauhaarige Handwerker wie überdreht zu kichern und schob K. ungestüm in das Zimmer. "Gehense! Gehense!" rief er. "Dann kriegen sie auch ne Maßnahme."

Der Mann, der K. in dem Zimmer erwartete, saß groß, bullig und schwergewichtig hinter seinem Schreibtisch. Seine Haare hingen lockig bis auf seine Schultern herab. Ertrug Ringe an den Fingern und eine schwere Metallkette um den Hals.

"Also", eröffnete er das Gespräch und musterte K. dabei mit zusammengekniffenen Ausgen. "Sind sie Innenarchitekt?"

"Nein, ich bin Landvermesser."

"Mhh." der Bearbeiter wurde nachdenklich. "In letzter Zeit kamen hauptsächlich Innenarchitekten, Da hab ich eine gewisse Routine, wissen Sie. Wie wäre es denn, wenn ich sie auch wie einen Innenarchitekten einstufe? Sie könnten dann die Wände in meinem Büro neu streichen. Das wäre eine Maßnahme. Dann sind sie beschäftigt und kommen nicht auf dumme Ideen." "Mit Verlaub, ich bin aber ein Landvermesser. Vielleicht müssen die Wände ja gemessen werden, bevor man sie streicht, Mn muß doch wissen, wieviel Farbe gebraucht wird."

"Die Maße der Wände sind uns bekannt", erwiderte der Bullige und begann mit den Fingern auf seinem Tisch zu trommeln. Sein Gesicht zeigte deutliche Anzeichen von Verärgerung. "Wir werden sie beschäftigen, auch wenn wir keine Beschäftigung für sie haben", fauchte er. "Sie können sich keinesfalls vor der Arbeit drücken!"

"Ich bin herbestellt worden und pünktlich erschienen. Man hat mir gesagt, daß man einen Landvermesser brauche. Ich bin ein Landvermesser."

"Das ist für mich nicht von Belang. Ich kenne einen Sachbearbeiter, der sich um Landvermesser kümmert. Darüber fehlt mir jegliche Information."

"Wo könnte ich die notwendigen Erkundigungen einziehen, um den zuständigen Beamten finden zu können?" K. gab sich aufrichtig, interessiert und kooperativ. Er wollte keinen schlechten Eindruck hinterlassen. Eine dumpfe Ahnung flüsterte ihm ins Ohr, daß es besser sei, sich dem Lockenkopf nicht zum feind zu machen.

"Wenn niemand dafür da ist, ist niemand dafür da", brummte dieser mit tiefem Baß.

"Dann bin ich also von der Pflicht befreit, mich hier bei ihnen zu melden?" K. wandte sich schon erfreut zum gehen. Er wollte seine Angel holen, mit der Axt ein Loch in die Eisdecke des Stadtparksees schlagen und dort während des Fischens seine Gedichte schreiben. Alles würde sich zum Guten wenden, dachte er. Es gab so viel Schönes, was er noch nie im Leben getan hatte, und so wenig Land, das zu vermessen war. Die Chancen standen für ihn sehr gut, glaubte er, daß er sein Leben in selbstbestimmten Bahnen noch für ein Weilchen so weiterführen konnte.

"Befreit sind sie wohl, aber sie sind keineswegs dazu berechtigt, von uns fernzubleiben. Auf die Durchführung verschiedener Fornalitäten müsssen wir immer beharren, auch wnn wir nicht zuständig sind. Und wenn für eine Maßnahme in der Landvermesserei nichts ansteht, dann wird es sehr bald andere Maßnahmen geben."

"Wer wird wohl eine Maßnahme für einen Landvermesser anordnen können?" wollte K. wissen.

"Wahrscheinlich nur der oberste Sachbearbeiter im Hause. Sein Büro liegt in der obersten Etage. Aber da kommen weder sie noch ich hinein." Der Mann hinter dem Schreibtisch schüttelte resigniert seine Locken. "Gehen sie in der nächsten Woche nach unten zu Fräulein Tinka. Die weiß vielleicht Rat. Aber vergreifen sie sich nicht an ihr! Die ist mir! Mir allein!"

Eine Woche später, K. hatte sich beim Angeln auf dem zugefrorenen Teich eine schwere Erkältung zugezogen, mußte er wieder bei der Behörde vorstellig werden. Fräulein Tinkas Büro lag im Keller. Vor ihrer Tür wachte ein Bodyguard - eine 'Maßnahme'. Er hatte sich mit einer schwarzen Strumpfmaske unkenntlich gemacht und trug dazu eine lederne, schwarze Uniform. Auf einem schwarzen Schild, das an seine Brust geheftet war, stand in weißen Buchstaben: "Schwarze Scherifs". Die 'Maßnahme' ließ K. nicht ohne weiteres passieren. K. mußte zuerst zum Büro des Bulligen und sich einen Berechtigungsschein für den Besuch bei Fräulein Tinka ausstellen lassen, bevor die maskierte 'Maßnahme' vor Fräulein Tinkas Zimmertür ihn durchließ.

Erneut warnte ihn der Lockenkopf davor, sich an Fräulein Tinka zu vergreifen. "Die ist mir! Mir allein!" rief er hinter K. her, als er sein Büro verließ, Nach ausgiebiger Prüfung des soeben erstellten Berechtigungsscheines ließ ihn der Bodyguard zu Fräulein Tinka ein.

"Landvermesser?!" rief die junge rothaarige Sachbearbeiterin erstaunt. "So etwas brauchen wir doch gar nicht. Können sie vielleicht massieren?"

K. schüttelte den Kopf. Fräulein Tinka kicherte und klatschte aufgeregt mit den Händen. "Ich wird's ihnen nahebringen", versprach sie K. mit einem strahlenden Lächeln auf dem Gesicht. K. blickte ihr verständnislos entgegen. Sie war ein wirklich hübsches Frauchen, stellte er beeindruckt fest. Daher wunderte es ihn wenig, daß der andere Sachbearbeiter so eifersüchtig über sie wachte.

"Sie wollen mir das Massieren nahebringen?"

"Ja doch! Sie als Landvermesser sind dafür gewiß der geeignetste Kandidat. Sie müssen sich nur ein wenig ihrer Phantasie hingeben. Dann fällt ihnen die Umstellung auch gar nicht schwer!"

"Meine Phantasie gebrauche ich, um Gedichte zu schreiben", entgegnete K..

"Das können wir hier nicht berücksichtigen. Aber wenn sie massieren wollen, kann ich ihnen gerne bei ihrer Phantasie behiflich sein."

"Wie wollen sie das anstellen?" fragte K..

"Ich melde sie zu einer Kreativitätssupervisionssitzung am."

Fräulein Tinka nahm einen Bogen Papier und ließ mit einem schweren Knall einen Stempel darauf krachen. "Kommen sie gleich morgen zu der Kreativitätssupervisionssitzung meiner Kollegin Müller", ordnete sie an und schickte K. hinaus.

Am Abend schrieb K. einige Gedichte, legte sich aber früh ins Bett, um am folgenden Tag bei der Kreativitätssupervision hellwach zu sein. K. war eigentlich ganz zufrieden mit seiner Phantasie. Andererseits blieb er in dieser Sache prinzipiell offen für neue Anregungen und Unterstützung durch andere. Phantasie ist, wie K. wohl wußte, ein weites Feld mit unendlich vielen Variationen und Möglichkeiten. Daher erhoffte er sich, daß ihm die Supervision mental bereichern könne.

Pünktlich fand er sich bei der Behörde ein und suchte den Raum der Kollegin Müller auf. Frau Müller, eine reife Frau um die Vierzig mit glasierter haut und stahlhart durchtrainiertem Körper, ließ sich wortlos Fräulein Tinkas Zuweisungsschein reichen und überflog ihn beinahe beiläufig. Dann schob sie K. zu einem Sofa und gebot ihm, sich darauf auszustrecken und die Augen zu schleißen.

"Ich werde sie jetzt in die Lage versetzten umzudenken", begann sie ihre Ausführungen. "Sie sind in der Vergangenheit als Landvermesser tätig gewesen. Das hat ihre Wahrnehmung und ihr Denken geprägt. Sie sind sozusagen durch und durch erfüllt von den Gedanken du den Sichtweisen eines Landvermessers."

K. wollte sie an dieser Stelle unterbrechen, um ihr zu erklären, daß er sich in den vergangenen sechs Monaten vielmehr als Dichter und Angler profiliert habe denn als Landvermesser. Doch Fräulein Müller stieß einen energischen, erbosten Zischlaut aus, sobald K. zum Sprechen anhob.

"Sie schweigen!" gebot sie ihm scharf. "Also: Sie als Landvermesser müssen einige Verknüpfungspunkte zu ihrer neuen Tätigkeit finden. Verbindungen oder eben besser ausgesdrückt, 'Verknüpfungen' zwischen ihrer alten Tätigkeit und der neuen als Masseur. Halten sie jetzt unbedingt die Augen geschlossen, wenn wir uns gemeinsam auf die Phantasiereise zwischen diesen beiden Welten machen, der Welt des Landvermessers und der des Masseurs. Halten sie also ihre Augen geschlossen, atmen sie ganz viel Luft ein - soviel wie sie nur können - halten sie diese Luft ein Weilchen in ihren Lungen. Ja, sehr schön, sehr gut, und jetzt machen sie ganz langsam und ganz lange Ouuum."

"Ouuum." K. verhielt sich getreu ihren Anweisungen. Ein Gefühl von Schläfrigkeit überkam ihn. Dann jedoch erfaßte ihn ein Hustenreiz, weil er noch immer erkältet war. Frau Müllers Stimme klang deshalb sehr unzufrieden mit ihm, während sie fortfuhr: " Stellen sie sich einen Rücken vor, den Rücken einer Frau oder den eines Mannes. Das spielt hier keine Rolle. Beugen sie sich im Geiste über diesen Rücken vor, bis ihre Augen ganz knapp über der nackten Haut des Rückens schweben. Ihr Blickhorizont wird jetzt weitgehend von dem Rücken eingenommen. Sie nehmen die Spitzen der Schulterblätter als kleine Hügel wahr, die Wirbelsäulenrinne ist ein Graben, der das Land durchzieht. Sie stellen sich vor, sie seinen ganz klein geworden. Der Rücken ist die Landschaft, auf der sie stehen und die sie zu vermessen haben. Können sie sich das vorstellen?"

K. hustete erneut. "Ja."

"Stellen Sie sich vor, sie wollen diese Landschaft vermessen. Sie wollen sie kennenlernen. Sie wollen ein Gefühl dafür entwickeln, welche Eigenschaften diese Landschaft aufweist."

K. nickte ergriffen und gab sich redlich Mühe mit seiner Phantasie.

"Jetzt kommt das Entscheidende", kündigt Frau Müller an: Sie müssen jetzt wissen, wo as Herz des Patienten in etwa sitzt. Können sie diese Stelle finden?"

K. nickte erneut.

"Diese Stelle ist das Zentrum. Alles, was sie tun, muß sich in diese Richtung orientieren. Lassen sie ihre Augen mehr Abstand von dem Rücken gewinnen und betrachten sie ihre Landschaft aus der Vogelperspektive. Bewegen sie ruhig jetzt hier ihre Hände, als ob sie tatsächlich einen virtuellen Rücken massieren wollen. Stellen sie sich vor, sie würden ihre Hände über den Rücken streichen lassen. Fahren sie dabei immer in Richtung zum herzen."

K. lag rücklings auf dem Sofa und begann mit beiden Händen langsam durch die Luft zu fahren. Dabei wurde er gelegentlich von einem Hustenkrampf erschüttert, wodurch die Flugbahnen seiner Hände ein wenig durcheinandergerieten. Doch Frau Müller schien dies nicht zu beachten. Sie ließ ihn eine knappe halbe Stunde lang streichen, kneten und klopfen. Anschließend zeigte sie sich recht zufrieden mit K.

"Ich denke, wir können sie einer Ausbildungsstelle zuweisen. Sie bekommen eine Umschulung."

Erleichtert öffnete K. die Augen und wollte sich in dem Sofa aufrichten, als sich plötzlich Frau Müller über seiner Brust auf ihn niederkniete. Von oben herab blickte sie ihn mit glühenden Wangen in die Augen und ergriff mit ihren Händen die seinen.

"Ihre Hände, Herr K., zeigen erstaunliches Talent", lobte sie und drückte dabei K.'s Handflächen auf ihre brüste. Ausgerechnet in diesem Moment mußte K. stark husten. Es tat ihm im Grunde leid, aber der Hustenkrampf ließ ihn einige Sekunden nicht los. Frau Müllers Brüste wurden von seinen unkontrollierbar zuckenden Händen für einen Augenblick sehr fest zusammengedrückt. Schwer seufzend lehnte sie sich mit geschlossenen Augen ein Stück weit vor. K. sah die vielen falten auf ihrem glänzenden Hals. Ihrem Minenspiel nach schien sie ganz in sich versunken zu sein. Doch plötzlich ging ein Ruck durch ihre Glieder und mit einer einzigen sportlich schwungvollen Bewegung lancierte sie sich wieder hinter ihren Schreibtisch. Mit unverbindlichem Lächeln reichte sie K. den Überweisungsschein für die Umschulungsmaßnahme und verabschiedete ihn. K. zog ein Taschentuch aus seiner Tasche und schneuzte sich kräftig. Dann steckte er den Überweisungsschein ein und verbeugte sich kurz zu Frau Müller hin, die sich eine Lesebrille aufgepflanzt hatte und angestrengt in wichtigen Akten las, ohne ihm eines Blickes mehr zu würdigen. K. war sich darüber im klaren, daß sich aus dem kurzen Annäherungsversuch Frau Müllers für ihn keine Vorteile ziehen ließen. Er konnte jetzt weder Besitzansprüche auf sie als Frau geltend machen, noch war sie ihm wegen des Vorfalls etwas schuldig. Im Grunde hatte sich nichts an ihrem Verhältnis zueinander verändert. Er hatte nach wie vor sein Anliegen, sie jedoch hatte ihre eigenen Pläne für ihn geschmiedet. K. zögerte. Es fiel ihm schwer sein Vorgehen auszuloten.

Schließlich platzte er direkt damit heraus: "Wissen sie, Frau Müller, ich habe eine sehr gute Landvermesserausbildung absolviert. Ich kann vielerlei Berechnungen anstellen, Geräte bedienen und so weiter und so fort. Das alles hätte ich ganz umsonst gelernt, wenn ich von jetzt an nur noch massieren würde."

"Landvermesser ist ein Beruf, den ich nicht vermittele." Frau Müller schob mit ungeduldigem Blick ihre Brille zur Nasenspitze und riß ihre Augenbrauen hoch bis unter den Scheitel. "Ich bin nicht zuständig für Landvermesser. Ich weiß auch nicht, wer bei uns Landvermesser vermittelt. Wenn sie sich nicht binnen einer Woche in der Massageausbildung anmelden, kriegen sie kein Geld mehr von uns."

"Und wenn ich, anstatt zur Ausbildung zu gehen, weiter dichte, angele und einmal die Woche zu ihnen komme, um ihnen ihre Brust zu massieren...?"

"Dazu werden sie nie wieder Gelegenheit haben", versicherte ihm Frau Müller eilfertig. "Sie müssen sich schon auf andere Weise ihren Lebensunterhalt verdienen."

"Zum Beispiel als Landvermesser."

"Landvermessungen werden vielleicht ja heutzutage mit dem Computer erledigt. Wer weiß das schon? Ich jedenfalls kenne mich da nicht aus. Wir brauchen sie nicht, Herr K."

"Warum bin ich dann hier, wenn sie mich nicht brauchen. Es ist doch auch völlig in Ordnung, wenn sie mich nicht brauchen. Ich könnte mein leben so einrichten, daß ich ihnen nicht weiter zur Last falle. Ich habe mich auf ein bescheidenes Auskommen eingerichtet und stelle daher keine großen Ansprüche,. Ich bin niemandem im Wege und durchaus zufrieden damit, wenn statt meiner Maschinen und Computer arbeiten. Wozu auch haben wir Menschen uns den technischen Fortschritt erkämpft? Doch nur, weil wir viele lästige Arbeiten nicht mehr selbst durchführen wollten."

K. unterbrach sich und blickte zu Frau Müller hinüber. Seine rede war ihm selbst entglitten. Er hatte nicht so ausführlich Stellung nehmen wollen. Doch jetzt, wo er Frau Müller noch in derselben Pose wie zu Beginn seiner Rede vor sich sitzen sah, die Brille auf der Nasenspitze zwischen Zeigefinger und Daumen am Gestell festhaltend, mit weit geöffneten, fragend ihn anblickenden Augen, jetzt war er beinahe benommen vor Freude. Frau Müller schien von seinen Worten ehrlich getroffen zu sein. Sie legte die Brille auf den Schreibtisch und lehnte sich, bemüht um eine souveräne Pose, in ihre Sessellehne zurück. Ihre Lippen bewegten sich. Doch drang kein Ton aus ihrem Mund hervor. Sie war sprachlos. Das bestärkte K.. Neuen Mut fassend, setzte er seine Rede fort. "Im Grunde sind doch Leute wie ich ein Wohl für die heutige Gesellschaft. Das Land braucht dringend Menschen, die imstande sind, unabhängig von dem in der Lohnarbeitswelt vorgegebenen Zeitrhythmus ihr Dasein zu gestalten. So etwas muß geübt und gelernt sein. So zu leben macht längst nicht jeden glücklich. Nicht jeden aber, aber manchen eben doch - manche Menschen können durchaus ohne Arbeit leben. Diese Leute sind im Zeitalter des Computers äußerst wichtig geworden. Man muß sie pflegen und sie als beispielhaft für andere ansehen. Sie sind eine spezielle Art von musterhaften Bürgern der heutigen Zeit."

Mit dieser Gesellschaftsanalyse hatte sich K. weit aus dem Fenster gelehnt. Im Stillen bedauerte er, daß er keine weiteren Zuhörer als allein diese Angestellte der Behörde ansprach. Noch nie hatte er derartige Gedankengänge offen geäußert. Frau Müller war während seiner Ausführungen sehr unruhig auf ihren Sessel herumgerutscht. Dann griff sie abrupt zum Telefon und hackte eilig in die Nummerntasten.

"Telefonieren sie ruhig. Holen sie Hilfe herbei!" höhnte K.. "Ich habe mir schon gedacht, daß sie mir nicht gewachsen sind. Wie wird diese Hilfe wohl aussehen, die sie jetzt holen wollen. Ist es ein Schlägertyp oder ein rhetorisch gebildeter Supermann? Wessen Erfüllungsgehilfin sind sie eigentlich? Haben sie darüber schon einmal nachgedacht, wen die fleißig werkelnden Maschinen und Computer, die mich und andere ersetzt haben, überhaupt ernähren sollen?"

Während er noch diese Fragen an sie stellte, war Frau Müller aufgesprungen und hatte sich mit dem Rücken zur wand in die äußerste Ecke des Zimmers gestellt. Die Tür sprang auf und herein trat der Bullige mit den Ringen und der schweren Metallkette um den Hals.

"So ist das also!" rief K. "Das habt ihr hier gelernt? Dieser Job hier ist eure persönliche Ausflucht vor einem selbstbestimmten Leben?! Ich bin kein Mann, dem man Gewalt antun muß. Ich wehre mich nicht einmal, wenn sie mich schlagen. Ich werde jetzt einfach den Raum verlassen und sie haben ihren Frieden vor mir. "K. verbeugte sich höflich zu Frau Müller hin und versuchte, sich an ihrem Kollegen vorbei zu schieben, ohne ihn dabei zu berühren. Doch der Behördendiener füllte ganz den Durchgang aus. Von hinten drang eiskalt und scharf die Stimme von Frau Müller an sein Ohr. "Einen Augenblick", rief sie. K. hielt inne und wandte sich zu ihr um. Frau Müller maß ihn mit vernichtenden Blicken und fuhr mit gedämpfter, aber um so entschiedener Stimme fort:

"Ich möchte sie, bevor sie gehen, nur darauf aufmerksam gemacht haben, daß sie heute mit ihrem Verhalten, auch wenn es ihnen noch gar nicht zu Bewußtsein gekommen sein sollte, ihr eigenes Existenzrecht in unserem Land verspielt haben."

K. lachte. Sein lachen uferte in hysterisches Kreischen aus.

"Dann bringt mich doch um!" schrie er. "Erbaut neue Lager für Menschen wie mich und bringt uns alle um, wenn wir kein recht auf eine Existenz hierzulande haben." Damit stieß er sich kraftvoll an dem Bulligen vorbei durch eine schmale Lücke im Ausgang hindurch und rannte mit laut hallenden schritten durch die langen Flurgänge des Behördengebäudes hindurch ins Freie.

 

 

 

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