Kehricht

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Alfred Büngen

Belehrung

 

 

Noch blendet das Halbdunkel des Frühen. Eine gereizte Nacht wälzend verbracht, die Mappe mit wichtigsten Lebenszeugnissen noch am Vorabend gerüstet, unendlich oft auf Vollständigkeit kontrolliert.

Die Einladung mit der überbetonten Drohung von Strafen für Nichterscheinen erreichte ihn schon vor Wochen, täuschte ihm ein Empfinden seiner Wichtigkeit vor. Er hat bei der Sachbearbeiterin des Arbeitsamtes wegen seiner Zukunft, seiner Möglichkeit einer Arbeit vorzusprechen. Unendlich oft wiederholt er die Zimmernummer, bei der er pünktlichst vorzusprechen hat. Nichtssagende Wörter werden von ihm mit Inhalten belegt, die sie gern hätten. Die Schönheit der weißen Unschuld des Papiers ist bereits an zwei Stellen mit Kaffee befleckt.

Das Auto hilft ihm mit vibrierendem Zeiger der knapp bemessenen Lebenskraft, die belebte Strecke zu bewältigen. Er verspürt die alltägliche Hektik erwerbigen Strebens wieder in sich hochtreiben. Voll mit Willen oder auch Abscheu, mit Fleiß oder auch Zielstrebigkeit fahren sie dahin. Auch er war ein Teil von ihnen für viele Jahre, war sogar Treiber. Nun fährt er ein Stück vergangenen Lebens mit ihnen in die Stadt zurück. Ihre Lichter blinken, er biegt nicht ab. Die Fäden unendlicher Fragen verwirren das Denken schon seit einer Vielzahl von bis zum Morgen verbrachter Erlebnistouren des Wollens. Er formt die ihn quälenden Bilder in Farbe, Erinnerungen, Töne und vor allem Worte, verscheucht das quälend unmögliche Verlangen des Zurücks in alte Normalzustände. Er weiß, er legt vergebens Hoffnung auf diesen morgendlichen Punkt der Beratung, den er sich phantasievoll als Wendepunkt ausgemalt hat.

Die Zeiger der großen Uhr an dem grauen Gebäude berichten ihm sein nicht enden wollendes Wartens aufgrund seiner Verfrühung, die er auf ihrem Parkplatz verbirgt. Der schleichende Nebel zersetzt die noch verharrende Dämmerung, die ihm Schutz gegen die Begegnung mit dem Vergangenen schenkt. Wenige Autos mit verborgenen Einzelnen schleichen auf dem Parkplatz. Beim Eilen in das Gebäude geht ihnen jegliche Schnelligkeit verloren. Mutter und Tochter aus seiner Nachbarstraße schleppen ihr erstarrtes Schweigen im gemeinsamen Zug zu den Neubaumauern.

Plötzliches Aufbäumen, Einsicht in den Unsinn des Wartens - er beweist sich seinen Mut, mit dem Entschluß auszusteigen. Mit nicht mehr geübten Griffen schließt er den Wagen, zieht das sorgsam ausgewählte Äußere zurecht. Jeder Schritt zum Eingang wird ein Zuwachs an Entschluß, letztes Wegatmen flauer Gefühle in Hirn und Bauch. Die von nebelnder Feuchtigkeit, braunenverwesenen Blättern und verwesendem Moos verschleimten Platten des Gehwegs direkt vor dem Gebäude bewältigt er bereits mit sicherem Tritt. Geschäftiger Besucher mit wichtigen Geschäften, Imitation früheren Verhaltens überfällt ihn.

Plötzlich zeigt er ein unverständliches Stoppen an der hochglänzenden Begrüßungspforte. Die bereits kräftig zupackende Hand zieht die Tür nur noch zögernd, nachdenklich auf. Er erfaßt mit erstarrendem Blick das übergroße, die Scheibe ausfüllende Schild. "Schuhe abputzen!"

Mit Mühe erklettert er die glitzernde Treppe.

 

 

 

 

 

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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 5.Mai 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten