Kehricht

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Alfred Büngen

Flöte des Erwachsenwerdens

 

Endlos reihen sich die weißen Balken, verbinden Pfosten um Pfosten, des Zaunes rund um den Platz. Gestern gelang ihm eine ganze Umrundung, fast eine halbe Stunde in mehr als einem Meter Höhe. Nur ein Tor war geöffnet, da blieb nur der nicht absichtliche Abstieg.

Heute besitzt der Morgen auf dem riesigen Rennplatz noch eine empfindliche Kälte. Milchige Schwaden werden von den noch nicht sichtbaren Strahlen der Sonne ins Gras gedrückt. Der weiße Richterturm, die uralte Kirche, selbst die Spitzen des Glockenturms verschwinden im undurchdringlichen Weiß. Noch herrscht hier kein Betrieb, muß er sich nicht in Pulvermanns Grab vor fragenden Blicken der ihm bekannten Menschen verstecken. Noch eine halbe Schachtel Zigaretten, aus der Vielzahl der Schachteln der Eltern gestohlen, ausreichend für den Vormittag eines vierzehnjährigen Knaben. Niemand wird einen Verlust merken, so wie auch sein Fehlen in der Schule niemand ernsthaft bemerkt . Die ausströmende Kälte der Betonplatten der Sitzbank fordert zum Stand, zum sinnlosen Bewegen mit ständig wiederkehrender Anzahl von Schritten. Mehr als zehn Tage entzieht er sich bereits dem prinzipiellen Anspruch auf Erziehung. Seinem Frösteln begegnet er erneut mit einer wärmenden Zigarette. In nur fünfhundert Metern Entfernung unterwerfen sich alle den Lehrern, aber nicht er, auch nicht dem Herrn der Musik.

Vor vielen Tagen verbrannte er seine Flöte, das letzte Instrument seiner Kindheit. Niemals mehr würde er Kinderlieder greifen, schwitzen bis daß er sich an die Reihe quälte bei entwürdigendem Vorspiel. Das Holz der Flöte wollte nicht brennen, verkohlte nur unwirklich schwarz. Er vergrub den unwirklichen Rest seines Instruments im Garten, verzichtete auf den Grabstein. An diesen, seine Kindheit entwürdigenden Akt wollte er keine Erinnerung setzen. Am nächsten Tag konnte er im Musikunterricht nicht spielen, ihm fehlte das Instrument. So sollte er auf Lehreranordnung hin schreiben, eine ganze Seite voll mit Wiederholungen der Sachen, die ihm nie fehlen dürften bei der Musik. Er schrieb vieles, alles was er meinte, vor allem am von dem Spaß und der Freude, die er bei der Musik verspüren wollte, nur eben kein Wort von einer vernichteten Flöte. Das Gesicht des Lehrers wurde bei der Lektüre jähzornig rot, am nächsten Tag sollte er das Doppelte an Seitenzahl vorzeigen. Er gehorchte, erneut ohne die Flöte, doch noch mehr schrieb er über die Freude an der Musik. Die Strafe potenzierte sich, wurde zu einem, für den Jungen nicht zu gewinnendem Prinzip. Der Lehrer mißbilligte den Angriff auf seine Autorität, bedauerlicherweise unterrichtete er den Jungen auch in fünf anderen Fächern. So blieb ihm nur eine vorgetäuschte Krankheit, sorgfältig aufgeschrieben, der morgendliche Nebel und regelmäßige Informationen von den wenigen Freunden der Klasse.

Er holt die Lektüre aus seiner Tasche. Nein, die Schulbücher wird er nicht lesen, die sind gegen sein Prinzip. Er liest die, aus dem Bücherschrank der Eltern gezogene Biographie des Herrn Mozarts. Er verstand nicht alles auf den Seiten, doch immer wieder las er die empfundene Freude der Musik. Er würde gerne Klavier spielen lernen, doch auch die Eltern erkannten sein wirkliches Interesse an der Musik nicht.

Nach der Pause, die Schulkingel war bis hier zur Rennbahn zu hören, lichtet sich der Nebel. Er zieht sich in das Grab des Herrn Pulvermann aus Gras zurück. Erste Strahlen der Sonne durchdringen den Schutz des Nebels. Er verschwendet keinen Gedanken mehr an die Schule, versinkt in der Musikwelt eines anderen Jahrhunderts, weiß noch nicht einmal, welches Fach sie gerade haben. Der Kirchturm zeichnet sich in seinen Konturen, eine Katze schleicht durch das Gebüsch. Die Strafarbeit hat der Lehrer ständig weiter potenziert. Er müßte bei über 100 Seiten seiner mitzubringenden Sachen angekommen sein. Allerdings hat er Junge aufgehört zu schreiben, so viel Papier besitzt er nicht. Die Wärme wird angenehmer, die Jacke überflüssig, er träumt von einem netten Mädchen seiner Klasse mit gelegentlichen Blicken, die vielleicht unerreichbar für ihn bleibt, obwohl er es noch nie versucht hat. Sie besitzt, so glaubt er, zu viel Schönheit und Weiblichkeit für sein Alter. Auch Mozart träumt, er besteht nicht nur aus Musik, doch ist sie ihm zumindest manchmal Möglichkeit des Ausdrucks seiner Träume. Am Nachmittag wird er schwimmen gehen, vielleicht probiert er es doch bei dem Mädchen.

Das Klingeln beendet den Unterricht für heute. Er eilt vor dem Strom der anderen nach Hause. "Hallo! Was gibt es zu essen? Das find ich gut." Natürlich probiert er es am Nachmittag nicht bei dem Mädchen, die seine Blicke sucht, ihn vielleicht in der Schule vermißt hat. Einige Fragereien von Mitschülern wegen des Vormittags, stille Bewunderung seines Verhaltens. Der Wetterbericht nach der Tagesschau kündet Mengen den Regen für den nächsten Tag an. Er wird sich mit einer gefundenen Siloplane einen Unterschlupf bauen. Nein, er läßt sich die Erniedrigung der nicht gewollten Kinderlieder auf einer Flöte nicht aufzwingen. Zumal, sie sitzt auch in seiner Klasse.

Der nächste Vormittag entwickelt sich unangenehm, die Wassermassen sind kaum zu bewältigen. Nach dem er oben alles abgedichtet hat, entwickelt sich im Gras ein rasch anschwellender Bach. Mozart empfindet er heute als unverständlich. Kurzerhand beruft er heute eine erfundene, zweistündige Konferenz ein. "Hallo. Unglaublich wieviele Stunden ausfallen wegen nichts."

Der nächste Morgen besitzt philosophische Qualitäten. Unter welchen Bedingungen verläßt er das Prinzipielle. Es kann doch nicht einfach nur das Wetter sein. Er erkältet sich, tatsächlich zwei Tage verbleibt er im Bett, Erholung von der Fiktion.

Endlich kommt der Anruf der Schule. Man sei besorgt wegen der langandauernden Krankheit. Die Eltern verwundert das so rasche Interesse, erklären es mit einer, bis jetzt verkannter pädagogischer Güte seiner Schule. Zwei Tage lang ordnet er sich an der Schule wieder ein. Dann wird die Flöte erneut gefordert, dabei ist sie doch längst begraben, wahrscheinlich schon Nahrung für Würmer. Das Prinzip und der Park, Mozart und quälende Ungewißheiten ersetzen wieder Stuhl und Tisch in der Klasse.

Die weißen Balken liegen kantig und hart in den heißen Strahlen der Sonne. An zwei Stellen ist der Rundgang durch die Luft gebrochen, rücksichtslose Zerstörungswut eines nachmittäglichen Unbekannten an seinem Ort. Die Temperaturen reichen noch nicht für das Hitzefrei, also noch zwei Stunden endlos langsam schleichenden Zugs sich auflösender Wolken. Heute wird er sein Mädchen endgültig fragen, wird ihr den gemeinsamen Besuch eines Musikkonzerts im Jugendzentrum vorschlagen.

In der Auffahrt des Hauses steht ein fremder Wagen, den er nicht zu kennen glaubt. Aus dem Wohnzimmer schlägt ein Gewirr von Stimmen. Die des Lehrers mit der eingeforderten Flöte erkennt er sofort.

Die letzten zwei Wochen vor den Ferien muß er nicht mehr in die Schule gehen. Danach eine neue Klasse, andere Lehrer sagen die Eltern, die ihn nicht verstehen aber vieles ahnen, sich selber, ihm und gegenseitig viele Ansprachen halten. Er schweigt, liest das Buch über Mozart zu Ende.

Am ersten Schultag des neuen Schuljahres beschließen die Lehrer, das Prinzip des freiwilligen Flötens in allen Klassen. Er geht in den Garten und gräbt seine Flöte wieder aus. Leider versagt sie ihm alle Töne.

 

 

 

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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 5.Mai 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten