Kehricht

Gesellschaft und Literatur im Netz

zurück zur Übersicht Kehricht zum Autor
   
   

Alfred Büngen

Einsamer Grauer

 

Der Wind steht steil gegen den Mann. Regentropfen peitschen, schmerzen auf gereizten Wangen. Der Atem schneidet in seinen unterkühlten Lungen. Unter dem Plastik der Jacke stürzen Bäche aus Schweiß. Die Muskeln beweisen kaum noch Kraft für das Treten der Pedalen. Aus den Augenwinkeln sucht der Blick des einsam Radelns. Dort harrt er immer, einsam ergraut, Regenpfützen sammeln sich in seiner Bucht. Grußlos zieht er heute an vorbei, nicht einmal ein vertrautes Wort gönnt er ihm. Die windabgewandte Seite mit glitschigem Moos verklebt, den Augen des Mannes verborgen, Zeichen des Schutzes in freier Natur. Der Mann hat die Hälfte des Weges mit Mühe erbracht, er wünscht den Grauen schon weit hinter sich gelassen. Doch bewies sich der Weg zurück dann noch viel länger. Tonnen von unfaßbarer, nur am Rand mürbe werdender Dichte lassen Veränderung durch Wünsche nicht zu. Schmucklos hochaufgerichter Maßstab am Beginn oder Ende des Ortes, der Leben verspricht, heute nicht mehr als eine Mahnung an zu erwartende Leiden, gleich in welche Richtung er tritt.

Strahlen prallen auf das Hemd, brennen schon an diesem Morgen auf nackter Haut. Nach jedem Tritt wächst sein Wunsch nach Kühle und Feuchte. Sei gegrüßt du graues Zeichen auf viel zu heißem Wege, Erinnerung an bereits erhechelte Strecke. Verlockend kühl zeichnet sich dein Schatten im verbrannten Gras ab. In sein Inneres gelangt niemals die Hitze, auch wenn die schillernde Oberfläche an vielen tausend Stellen durch die Strahlen der Sonne gesprengt wurde. Gleichwohl beweist er damit seinen gefährlichen Charakter. Wer ihn nicht kennt, verbrennt sich am eisigen Grau des Äußeren Hände und Haut. Fast alles würde der Eilende jetzt geben, sich niederzulegen in seine schützende Kühle, sich seine majestätische Größe aus der Perspektive des Bodens anzuschauen, jede Rinne seines Graus zu erforschen, jeden Krater deutlich geäderter Haut zu bemerken. Doch die unendliche Zeit seines Daseins verläuft sich nicht zu dem Radler, verdeutlicht ihm nur seine gehetzte Zeit. Doch lernt er vom stummen Stand des Grauen, wenngleich auch wenig, bildet mit einer Hand Schatten gegen die aufzehrenden Strahlen.

Hinter sich eine verwehende Spur im weißen Gewand des winterlichen Alltags. Eisiger Atem bildet Kristalle in dem Wildwuchs der Haare oberhalb seiner Lippen. Schwer nur bewegt sich das Rad durch den gefrierenden Schleim, der alles umfängt. Stummer Austausch von Hoffnung in eisiger Kälte läßt seinen Blick zu dem Grauen ziehen. Auch der Winter bekommt den Ehrwürdigen nicht in den Griff. Zwar legt sich Flocke auf Flocke auf gefroren glitzernde Haut, doch wirft er jede Belastung nach kurzer Zeit ab. Weiße, unwirklich wirkende Haube auf seiner Spitze gefriert ihm zum Schutz. Zu starren Füßen türmen sich hohe Verwehungen in schönsten Wellen der Bewegung, erfreuende Begegnungen für die Augen des Einen, der ihn frierend betrachtet, ohne zu verweilen. Sein mächtiger Körper böte dem Radelnden Schutz. Im Rücken verharrt ein schwarzer Vogel auf bräunlich verwesenden Resten von Gras. Der Mann findet neue Kraft beim Anblick des Grauen, Sinnbild unüberwindlicher Trauer und Schönheit in einem verschwindenden Land.

Vergnügliches Pfeifen verstreut er auf seinem Weg. Geatmetes Grün erster wohlfühlender Wärme erweckt jede Faser seines Körpers und Geistes. Beschwingt fliegt der Tritt an ihm vorbei. Uraltes Grau kennt keinerlei Aufbäumen wallender Gefühle, verbleibt alt und verbittert im sprießenden Gewirr des vielerlei Neuen. Starr scheint sein Wollen, beständig vielleicht sogar stur. Doch selbst das zernarbte Gesicht des Grauen, voll mit Rissen und Sprüngen , überfliegt ein Funke gütigen Lächelns von sonniger Natur.

Erschreckt verlangsamt der Fuß des Radfahrers den eiligen Tritt. Völlig Unerwartetes, Überraschendes ereignet sich da auf seinem heutigen Weg. Seine tägliche Wiederkehr wird in furchtbarster Weise entehrt. Fremde, der Kleidung und der Sprache nach zu urteilen, bevölkern den Grauen mit Spiel und Trank, zerkratzen seine Haut, verletzten seine Würde und stille Macht. Das tägliche einsame Treffen ist durchbrochen, die Einkehr mit der Natur zerstört. Eine verletzte Gemeinsamkeit hinterläßt Trauer, sucht ab morgen einen neuen Weg.

 

zurück zur Startseite Kehricht zurück an den Anfang
zur neuesten 'Volksfest' - Ausgabe zum Autor

Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 5.Mai 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten