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Alfred Büngen |
Klage
der Wirklichkeit das absurde Spiel des pädagogischen Handelns |
"Guten Morgen, Frau Schwiern!" Mit einem dezenten, aber sehr höflichem Kopfnicken begleitet Herr Fiel den Gruß an die entgegeneilende Lehrerkollegin, die unter der Last des schweren Aktenkoffers rechtslastig wirkt. Ihre brillante Verkleidung, stilistisch und preislich nicht einzuordnendes Glitzergehänge und dezentes Schwarzes, sticht sein jeansverwaschenes Outfit natürlich wieder um Längen aus.
"Guten Morgen, Herr Kleinfels! Sie denken an den Termin! " Ihm kommen bei der oberflächlichen Erinnerung Zweifel, ob die Besprechung mit ihr und den Eltern des Kindes wirklich am heutigen Datum und wenn, mit welchem Ziel überhaupt stattfinden sollte. Mühsam kämpft Herr Fiel sich gegen die Gewalt der hereinströmenden Studienräte und - direktoren, einzelne Angestellte nicht zu vergessen, zum Ausgang des Lehrerzimmers. Grüße hier, Mitteilungen da, eine Rückfrage noch. "Guten Morgen!" Entweder kommt er heute zu früh oder sie sind doch wieder zu spät. Es zieht ihn hinaus aus den Räumen der Aktentaschenträger mit Joghurt, draußen ein Meer vielfältig geplanter pädagogischer Strukturvorgaben, gefangen in architektonischer Stümperhaftigkeit. Die Möglichkeit alttestamentarischer Teilung des Meeres beinhaltet sein Arbeitsvertrag leider nicht, so greift er auf biblische Auge um Zahn-Geschichten beim Durchqueren der brodelnden Masse der Schüler zurück. In Fortsetzung christlicher Glaubensvorstellungen empfindet er das Betreten der Klasse als Einzug des Erlösers nach Jerusalem, wohl fehlen dabei die palmschwingenden Jubler - doch Krach läßt sich sehr unterschiedlich interpretieren. Vielleicht ist er aber auch nur der Esel. Drohende Qual dreiviertelstündiger Unterweisung aus demokratischem Selbstverständnis mit nicht freiwillig Anwesenden steht dem Lehrer Fiel bevor. Wie immer begreift er die Qual mit einem berufsuntypischen Ernst.
Gerade will er die Stimme zur einleitenden Entschuldigung erheben, die Tür versinkt hinter dem letzten Herbeieilendem in ihr Schloß, da beginnt bereits die Verhandlung seiner erzieherischen Verbrechen vor Schülern beiderlei Geschlechts. Unbarmherzig, mit nicht verzeihender Endgültigkeit vollzieht sich das Geschehen. Er ahnt nicht, warum er der Angeklagte ist, wieso gerade ihn die Wahrheit treffen muß.
Ihm gegenüber in der Klasse stehen Menschen, jetzt erst nimmt er sie wahr, grausam gealtert und entstellt mit schwarzen Roben und grinsenden Fratzen. Der Vorsitzende weist ihm ohne ein Wort mit zahnlosem Rachen und verkrüppelter Hand seinen einsamen Stuhl mitten im Zimmer zu. Ganz allein nimmt er Platz. Jeder der kleinen schwarzen Hörer in den Köpfen jener grausamen Gestalten läßt den gleichen teuflischen Takt eines Totentanzes erklingen. Aus dem Winkel des Raumes tritt die erste sprechende Klage hervor. Ihr Mundwinkel zerfetzt, mit Lippenstift überschmiert, bläulich schimmernde Adern in aufgepuschten Brüsten, die vom schwarzen Tuch kaum verhüllt werden. Sie öffnet den Rachen. Erst brechen einzelne, dann mehr, schließlich tausende kleine, längliche und bunte Pillen hervor. Immerwährendes Würgen scheint die niemals zu endende Frage nach seiner Hilfe hervor zu würgen.
"Nein! Ich nicht! Ich habe dich verschont vor allen Belastungen, habe sogar deine Eltern gesprochen! " Lehrer Fiel weist entrüstet die Klage zurück. Die Anklagende schüttelt das würgend verzerrte Gesicht und versinkt immer tiefer in einem sich häufenden Berg phantastischer farblicher Vielfalt der Pillen. Langsam ersäuft sie in ihrem Meer der Pharmanzie. Fiels sich streckender Arm streckt sich, versucht sie zu berühren, bleibt jedoch weit entfernt, ohne jede Chance, sie auch nur zu berühren.
Ein entsetzliches Truggebilde am frühen Morgen wird das sein, Folgen von zu spätem, nächtlichen Wein, den er sich mittlerweile angewöhnt hat. Aber vor ihm, direkt vor seinem einsamen Sitzen, klagt bereits die nächste dämonische Figur. Finsterste Augenhöhlen, das Gesicht nur noch messerscharfe Kanten, die Figur erscheint ihm überhaupt nicht bekannt. Fiel zieht das schwarzverhüllende Tuch hinweg. Über einem ausgehöhlten Loch liegen vertrocknete Därme. Wie aus einem Jenseits hallt die Frage, warum Fiel ihm keine Arbeit gelernt.
"Ich kenne dich nicht, entsetzliche Gestalt! Darum richtest du hier falsche Klage. Alexander? Nein, das darf nicht sein." Das Ausgehöhlte fällt zusammen, zu einem unwürdigen Haufen ausgemerkelten Drecks. Eine gebückte Gestalt nähert sich mit der Urne und füllt sie mit murmelnden Sätzen. Das bleiche Antlitz der Urnenträgerin durchdringt ihn ohne Blick. "Dafür habe ich doch nicht Philosophie gelehrt. Christine! Was ist aus dir nachdenklichem Mädchen geworden?"
Spitze Schreie von drei gräßlich Zugerichteten, denen das Blut aus abgerissenen Gliedern spritzt. Mit ihren Stümpfen klopfen sie den altgriechischen Rhythmus der Klage. Ihr gemeinsamer Chor klagt Fiel an. "Im Notfall, hast du uns gelehrt, haben wir die Erlaubnis zum Töten. So hast du uns gesagt, Fiel!" Sie hätten es probiert in verschiedenen Kriegen die Grenzen verteidigt, für Ordnung, Sicherheit und Moral auch in anderen Ländern gesorgt. "Ein jeder von uns ist nur herrlich massakriert."
Fiel preßt sich bereits die Ohren zu, die Augen halten die Gestalten ihm qualvoll offen. Doch der Höhepunkt der Klagen liegt noch weit entfernt. Schwankend nähern sich drei, nein sogar vier stinkende, flaschenähnliche Figuren. Aus Nasen, Ohren und Mündern schwappt eine braune Alkoholsuppe mit bröckelnden Innereien versetzt. Jeder Tropfen des Austritts ätzt ein Stück des blaugenadelten Fußbodens hinfort. Sie sind nicht mehr in der Lage zu klagen, stehen nur schwankend mit verdrehten Augen, schweigen mit kotzenden Mündern stumm. " Aber ich erzählte es euch doch! Gemeinsam besprachen wir alle Gefahren der Sucht, stritten sogar mit Gestrauchelten aus einer nahen Klinik."
Gestählt durch eine mögliche Unschuld scheint Fiel nun das Positive zu begegnen, womöglich sogar ein Lob seines pädagogischen Handelns. Ein Koloß von Mann mit Massen schwarzen Kleides kommt heran. Diesem Menschen hat er eine solche Menge an Wissen vermittelt, daß er sich dick und rund fressen konnte. Der Koloß bedankt sich herzlich und kracht durch die Decke, zerplatzt im Keller aufgeschlagen wie eine krachende Bombe. Aus seinem Hirn zerflattern Burger verschiedenster Firmen. Es bleiben nur noch die Reste stinkenden Schleims unverdauten Wissens an den Wänden
Die hinter ihm stehende Schönheit schaut blöd entzückt. Ihr Schwarz betont, modisch geschwungen, das wunderschöne Weiß der verlockenden Brust. Verdeckt lüftet sie ihren ohnehin kurzen Rock, drückt ihm die Scham in die Hand, zerfressen vom elenden Krebs der Hundertmarkscheine, der Wahrheit ihres Berufs.
"Wird denn nicht einer da sein, dem ich das Bleibende, Wichtige vermitteln konnte?" Fiel schreit es seinen Schülern entgegen. Eine große Gruppe steht dort in Reih und Glied. Gleich zeigen sich ihre Augen, ihre Bäuche, selbst die Hände, die Kleidung, alles eine Farbe und eine Form. Selbst die entweichenden Fürze, ein völlig gleicher Duft im identischen Tempo versprüht. Sie öffnen den Mund, um zu reden. Doch scheint es, sie können noch niemals die Luft zu Lauten umformen. Unverständliche Brocken unartikulierten Stammelns entweicht ihrem Hals. "Hört auf, Hört auf! " Auch hören können sie nicht. Fiels Schreien vernehmen ihre Ohren nicht einmal.
Aber jetzt sieht er ihn deutlich, sein Lieblingsschüler, den besten Menschen, den er je erzog. Unendlich sorgfältig und ausgewählt lehrte er ihn das Menschsein in feinsten Zügen. "Seht er redet noch jetzt, gestikuliert mit seinen Händen." Erfreut steht Fiel mit einem Lachen von seinem einsamen Stuhl und will ihn in die Arme schließen, den Beleg seines guten Gewissens. Doch kurz vor ihm dreht der Redende um. Von hinten sieht er das eingeschaltete Tonband, die Schaltung für die körperliche Bewegung. Alles vernetzt mit einem Gewirr voller Kabel, sein Lieblingsschüler ein gesteuertes Nichts.
"Aber sicherlich haben doch einige ihre Familie, Kinder, das Glück einer Arbeit?" Mit freudstrahlendem Nicken nähert sich eine langgestreckte Gestalt. An die Stelle der Augen sind eiserne Stangen getreten. Unter dem schwarzen Kleid trägt er aufgestapelt die Leichen geschändeter Kinder. Er stützt sich nicht auf den Stock, vielmehr auf das Bild einer geschnitzten Frau mit zerschnittenen Brüsten und blonden Haaren. "Nein,! So habe ich es nicht gemeint."
Eine letzte, noch vernebelte Gestalt verbleibt. Verstört steht sie in einer Ecke dieses schauerlichen Raums. In einer Hand hält sie eine Aktentasche mit Joghurt. Höflich tritt sie vor und grüßt ihn mit verschüchtertem Blick. Ihm scheint, er schaut in einen Spiegel. Die Brille drückt schwer, die Hoffnung schon auf eine nächste Stunde gedrückt.
Das Gesicht des freundlichen, eiligen, stets bemühten Fiels überzieht ein heftiges Zweifeln. Das kann und darf doch nicht der Lohn aller meiner Mühen sein, dieser Spiegel meines Seins. Beruhigend klopft die gespiegelte Gestalt ihm mit dem verzerrten Lächeln eines Fiels auf die Schulter, steckt ihm noch ein paar Scheine in die bereits vollen Taschen. Doch das Gesicht verdüstert sich plötzlich, Furchen beginnen es zu durchziehen. Chor der Kläger blickt seine Hand ihm zur Waffe, die er mit schwerem Herzen ergreift. Der Lauf zielt auf die eigene Stirn, der Finger drückt nach kurzem Zögern den Abzug durch. Blutiger Hohn färbt seine Haare grün. Er wankt aus dem Zimmer, seine Beschämung nicht verbergend, schließt er leise und vorsichtig, um Verzeihung bittend die Tür.
In der Pause erforscht Fiel die Gesichter der Kollegen. Haben sie ähnliches erlebt? Doch sie merken noch niemals seine farbige Verurteilung, sehen nicht die Gestalten der vergangenen Gegenwart in dieser Schule.
"Auf Wiedersehen, Frau Schwerin!" Ihre Rechtslastigkeit scheint sich diesen Mittag noch verstärkt zu haben. "Herr Kleinfels, der Termin entfällt." Mit Mühe kämpft er gegen den Strom der nach Hause eilenden Aktentaschenträger mit der Herrlichkeit in Grüne Tonnen entlerrter Joghurtbecher. Grüße hier, Mitteilungen da, jetzt aber keine Rückfragen mehr. Entweder sind sie wieder sie zu früh oder er kommt wieder zu spät.
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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 5.Mai 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten