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'Es gibt nämlich für jeden Menschen eine richtige Straßenbahn'

Notizen zu Alexander Stecher: Begegnungen mit einem Wahnsinnigen. Skurrile Geschichten. Friedland, Klaus Bielefeld-Verlag. 1999. ISBN 3-932325-46-X

Zugegeben, ich bin ein Freund kleiner skurriler Geschichten. Alexander Stecher, 31jähriger Österreicher hat diesen Hunger mit seinen 15kleinen Erzählungen wieder neu entfacht.

Sehnsucht, so der Titel der ersten Erzählung des kleinen Bändchens, beinhaltet bereits die Programmatik und zugleich Hoffnung des Autoren. Du steigst in eine Straßenbahn, begegnest dem Alltag auch deiner Träume, die dich das Gefährt in einen Traum einer utopischen Gesellschaft fahren läßt. Er ist wie er ist. Das ist schon in Ordnung. Jeder ist anders und alle sind gleich.(S.15) Die Phantasie bleibt kleinbürgerlich liebevoll, ein Eingeborenenstamm voll freundlicher nackter Leute mit einem wunderschönen Mädchen. Zweifel, daß selbst eine so reduzierte Phantasie in gesellschaftlicher Wirklichkeit, die selbst pubertierende Mädchen in Sterotypen verkommen läßt, überhaupt noch realisierbar erscheint? Zwar verbleibt der Autor - schließlich wollte er früher selber einmal Straßenbahnfahrer werden, jene Kurbel drehen, von der man irrtümlich glaubt, man könne die Bahn damit lenken - einziger Fahrgast, doch stärkt der den hoffenden Leser, schließlich gibt es für jeden Menschen eine richtige Straßenbahn. Sie ist irgendwo unter alle anderen Straßenbahnen gemischt, und zwar unter die, mit denen man in aller Frühe grantig und müde zur Arbeit fährt. (S.15) Das Prinzip einer unbestimmten Hoffnung, so muß man schon eine Menge Glück haben, eine solche Fahrgelegenheit in die Phantasie zu erwischen, und Vertröstung werden sogleich mitgeliefert. Man weiß nicht, wieviele Leute die richtige Straßenbahn erwischt haben, denn... Wer einmal in der richtigen Straßenbahn sitzt, kommt ja nie mehr zurück.(S.15)

Stecher beeilt sich der einleitenden Programmatik rasch eine Ergänzung in der zweiten Geschichte, 'Weitsicht', beizufügen. Die Phantasien müssen entideologisiert sein, Phantasien eines Unpolitischen, Träume eines Alltäglichen, Begegnungen mit dem angeblichen Wahnsinn, entstanden in dem Wahnsinn unserer Wirklichkeit - eine Phantasie ohne Gebrauchswert also. Ich habe niemals auch nur im Ansatz versucht, meiner besonderen Sehfähigkeit irgendeinen Sinn abzugewinnen. Das ist eben ihr Sinn, daß sie keinen Sinn hat. Sie besteht nur für sich selbst, gerade das macht mir daran Spaß.(S.19)

Schafft auch dem Leser Vergnügen, denn der Spaß an dem phantastischen Wahnsinn in unserer Gesellschaft, gegen den es im übrigen für Stecher keine Brille gibt, erscheint ansteckend. Produkte sind unter anderem eine mehr als liebenswürdige Anerkennung des Wahnsinns eines alten Menschen an einem 'Sonntagmittag', einige bemerkenswerte Kleinstgeschichten, in denen es unter anderem um einen Täter geht, der vom Überfallenen zusätzlich Geld bekommt, da die Kasse nicht voll ist, seine Strumpfmaske nicht absetzt und so - na wo wohl - in der Straßenbahn verhaftet wird. Wahnsinn auch bei jener Frau, die schon während der Selbstbefriedigung das ihr selbst zur Strafe auferlegte Gebet zu sprechen beginnt. Der Wahnsinn begegnet uns im Zugabteil, im Alltag der zu kurzen Mittagspause überall, denn der Wahnsinn steckt als Moment unserer Identität in uns selbst. In dem Moment, wo wir ihn zulassen, siegt er über die Souveränität des Geistes (S.36), über unsere eingefahrenen Sichtweisen. Beweis dafür - der lächelnde Totenschädel. Der Mensch ist glücklicher in der Finsternis, also auch in seinem Tod. Und da der Tod viel länger dauert als das Leben, ist der Mensch viel länger glücklich als unglücklich(S.30), lächelt eben jeder Totenschädel. Unglaublich faszinierend auch das abschließende Märchen - erfreuliche Wiederbelebung einer Kunstform - vom sich steigernden Wahnsinn der Prinzessin, die eigentlich nie herrschen wollte, bis sie von den rational gesteuerten Gedanken an den Besitz von Menschen ergriffen wird und die Welt vernichtet. Nichts blieb übrig, kein Insekt und kein Baum, nur eine Wüste von Geröll und Kratern. (S.84) Wissenschaft hilft gegen den herrschenden Wahnsinn nicht - der greise Gelehrte, der sich zwischenzeitlich in den Hofnarr verwandelt, kniet in der Asche und weint unschuldig. Und auch seine eigene Rolle des Geschichtenerzählers beurteilt Stecher eher skeptisch. Selbst wer die richtige Brille besitzt und die richtige Straßenbahn findet, befreit sich vielleicht selber, noch lange nicht eine Gesellschaft. Der Papagei konnte sich retten. Aber es gelang ihm nicht, sich zu befreien. So wird er sein Leben lang in diesem Käfig bleiben und immer die gleiche Geschichte erzählen." (S.84)

 

 

 

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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 18.Juli. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten