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  Biester von Che Haven

 

Le secret d’ennuyer est...de tout dire.

Voltaire; Sept Discours en vers sur l’Homme, VI.

Sur la Nature de l‘Homme

Biester

I

Zum Glück vermied ich die Leinenschuhe, ansonsten hätte ich die meiste Zeit in Feuchtem waten müssen. Kastian pflegte sowieso die gute, alte Art des Festes-Schuhwerk-Tragens; er war halt doch ein wenig schrullig für seine zwanzig Jahre.

< --- oder wie Egon Schiele; mit 28 im Knast gestorben: zu obszöne Bilder gemalt....> Wir nahmen unser Gespräch wieder auf (das heißt: Er tat es; vielleicht wußte er, daß ich der einzige war, mit dem er ein bißchen enrsthaft über Malerei sprechen konnte – auch wenn meine thematische Qualifikation keine sonderlichen Höhen erreicht.)

Ich mußte gleich anmerken (natürlich aus meinem <Fachgebiet>):

<Georg Büchner; mit 24 gestorben, zwar nicht an den Folgen einer subversiven Tätigkeit, aber an Typhus.>

Wunderlich, wie wir uns in dieser grünglühenden Umgebung (das Frühlingseinsetzen machte sich triefend bemerkbar; die Gräser reichten schon bis fast an meine Hüfte – bei ihm nur kurz übers Knie.) so unbeeindruckt über kunstgeschichtliche Gegenstände unterhalten konnten. Die jahrelange Prägung sicherlich; lebt man zu lange mit oder in Etwas – und seien es nur weidige, flache (und nicht zuletzt) hormonspeiende Landschaften -, bleibt sowas nicht aus. Man neigt dazu sich an alles zu gewöhnen. Man neigt sogar dazu, das meiste zu übersehen.

<War der denn irgendwo, wo man sich sowas einfangen kann?>, aha! – Büchner interessierte ihn anscheinend doch. Ein Wesenszug, den ich an ihm schätze: sich auf meine Ausführungen einzulassen. <Nein, eigentlich nicht. War im Grunde auch kein richtiger Typhus; nur die europäische Abwandlung, genannt Faulfieber. Aber mit denselben Symptomen...> Medizinisch bin ich nun wirklich nicht begabt---

<Die da wären?>/ <Was?>/ <Die Symptome?> Nagut; ich hats mir ja selber eingebrockt, also gab ich das preis, was ich sicher wußte.

<Erst die ganz normale allgemeine Unwohlheit, wie bei jeder Krankheit. Und bei Büchner machte sich das dadurch bemerkbar, daß er es ausschlug mit seinen Freunden, bei denen er in Zürich wohnte (Schicksale eines Dichters auf der Flucht!- /ja, eine kleine Träne fließt seiden) auf einen ausgedehnten Spaziergang zu gehen.>

Stille – bis auf das Surren der vielen Insektenarten, die ihr nervöses Sammelleben rund um uns genossen. Wir schienen ja topfit zu sein; auch er hatte die ungewollte Parallele in meinem kleinen Exkurs nicht überhört. Stramm umfasste er die Riemen seines nylonen Rucksacks; und ich tat es ihm gleich (nur, daß meiner aus Kunstleder war.)

< --- er ging stattdessen mit Schmid – einem weiteren Freund – auf einen kürzeren Ausflug.>

/// Mein Übermut strafte mich mal wieder. Nur weil ein paar Sonnenstrahlen sich erkeckten vom Himmel herunter zu zaudern, mußte ich gleich meine Kurzbeinigen anlegen. Jetzt rächte sichs denn auch. Stachelige Halme, die sich unter Hosenstoff schieben sollten mal per Gestz an ihrem Tun gehindert werden! Wenn denen (den Gestzmachern.) schon sonst nichts vernünftiges einfällt...

</ dann kroch das Fieber langsam in ihm hoch. Erst leicht, später gesteigert, schließlich – was ja immer am fragwürdigsten ist – alternierend.> (alter nieren d)

Er schaute mich etwas fragwürdig an. – Ja, <fragwürdig> war keine gute Beschreibung gewesen. Doch naund? Wir befanden uns ja nicht auf einem linguistischen FortgeschrittenenSeminar oder der Tagung Junger Germanisten. (Falls es sowas wirklich gibt, müßte ich mir ernsthafte Gedanken um den Stand der Kultur in diesem Land machen...)

<Und der Kopfschmerz kam hinzu. Schwäche, Bettlägrigkeit. Kurz vor Ende: eitriger Auswurf aus Rachen und Hals, blutiger Kot (und erst da diagnostizierte der Arzt Typhus/Faulfieber. Es hat sich seitdem auch nicht viel geändert), Delirium, Wahnvorstellungen - Tod.> Vielleicht war mein Schluß ein wenig gewagt-schnell; aber ich wollte das Thema in die Verbannung schicken. Er merkte es anscheinend und nickte stumm.

Die Wiese (man konnte es nicht mehr als Weide klassifizieren; weder Kuh noch Schaf sahen wir seit Viertelstunden.) strüppte sich zusehends vor uns auf. All die vielfarbigen Gewächse (nicht nur Blumen), durch die wir stiefelten – er sogar im wörtliche Sinne – (Warum gefielen ihm dies ausgetretenen Militärröhren? Oder war es wirklich nur der praktische Nutzen?) waren mir zugegebenermaßen meist unbekannt; er beäugte sie (/und sog blickhaft daran) mit dem Drang des Malers. Goethes Farbenlehre war ihm nicht unbekannt, aber ich fragte nicht, ob er noch immer darin las.

Die Vorstellung, jemand (oder e t w a s) könne uns beobachten belustigte mich im Innern. Was mußten wir doch für ein wundersames Paar abgeben: ein 20jähriger Maler, dessen Talent noch unentdeckt schlummerte (aber nicht mehr lange – da spürte ich Sicherheit!) und ein um weniges älterer 1,72er, der sich standhaft für einen Dichter hielt. Früher nannte man sowas wohl Künstlerfreundschaft: doch wir kannten uns schon zu lange.

Ein paar Sonnengesandte triebens nun ärger. Das letzte Aufbäumen vor dem täglichen Rückzug (es ging ja auch schon auf halb sechs zu.) Bevor der Grasdschungel vollends über uns zusammenschlug wünschte ich den rettenden Weg herbei. Mir wars jetzt nicht mehr so angenehm; meine Waden zerspiest, die Oberschenkel teilweise kollateral geschädigt. Ihm schien es nicht viel auszumachen (Tschiiz! – ein totes insekt; das erste, was ich auf mein Gewissen lud). Die alten Romantiker hätten ihre Freude an ihm gehabt. Mit Caspar David Friedrich durch die wildesten Naturen ziehen: ein leichtes Vergnügen für ihn (wenn auch unausführbar).

<Da vorne: das Rot. Siehst dus auch leuchten...?>, ich klammerte mich schon an vage Hoffnungen; aber wurde bestätigt (und natürlich auch korrigiert:).

<Für mich ist das eher ein Rostbraun, und wenn überhaupt Rot, dann ein schmutziges. Nicht ohne Reiz allerdings.>

(Schon, aber in meiner Situation avancierte jeder zivilisatorisch konnotierte Farbhauch zum heilsbringerrischen Lichtblick. Rot, Grün, Blau: ganz egal).

<Kannst Du dir eigentlich vorstellen, warum die Wege hier all genau diese Farbgebung aufweisen?>, seine denkende Körperhaltung formte ein Äquivalent beschäftigten Geistes.

<Na, irgendeine Farbe müssen sie ja haben...>, das war nicht sehr gewitzt, oder gar tiefgründig; ein tadelndes Auge traf mich folgerichtig. Das Rostbraun (wir kamen überein diesen terminus zu benutzen!) sponn sich nun strenger durch den grün-grundierten, buntbesprenkelten Naturschleier; die Mücken forschten (im doppelten Sinne des Wortes!) noch mal kurz stärker an meinen unbedeckten Gliedern.

Kastian (wer gab ihm wohl diesen blöden Namen? Aber immer noch besser als Choldiz, was?), mit gestrecktem Blick, tiefversunken in Observation, hob an:<Sonst seh ich nie solche Wege, woanders mein ich; das muß doch Gründe haben.> / < Vielleicht geht dir der Weg auf, wenn Du erstmal drauf stehst-, diese Viecher (tsasch; Mücken – schon das zweite Opfer heute...); laß uns zivilisiertere Gegenden aufsuchen. Der rote--- rostbraune Weg wäre ein Anfang>, mir stand der Kopf nicht mehr nach Theoretisieren über Wegfärbungen und deren Herkunft oder Ursprung. (Obwohl sich ganz einfach der lehmige Boden, der in dieser Gegend eine spezifisch dunkle Färbung aufweist als Argumentationsgrundlage heranziehen liesse...)

<Ja.> seine lapidare Antwort schenkte mir Freiraum für eigene Interpretationen.

 

II

Endlich auf festem Boden! Die Füße wappten jetzt nicht mehr nur über grasigen Untergrund (die nässlichen Halmbündel beschworen ein Gefühl des Versinkens in mir herauf), sie wappten überhaupt nicht mehr. Solider, roter Boden (früher sagten wir ‘Schlacke’ dazu; unser Fußballplatz war einer von denen ohne Rasen...)

Vor uns sahen wir den Weg – immer nur ein Stück davon; aber mit der Gewissheit, dieser Teil gehöre einer unzertrennlichen Einheit an. Die Sonne gefiel sich mittlerweile in tartanrotem Kleid; (kein goldener Ball – blutunterlaufene Brühe!) Ferner Wind erinnerte an seine Existenz; spielerisch, läppisch, ein gutmütiger Kerl.

Zwei Schritte taten wir noch, schweigend, in Gedanken warm eingehüllt (jeder dachte seine eigenen, aber sie verbanden sich sicher – auf welche Art auch immer. Auf diese eine, sagenumwobene wahrscheinlich!?)

-Ein Zettel! Ein Stück Papier flatterte uns vor die Füße, um sie herum, ein Zettelkind mußte es sein – wie ein junges Kätzchen im Wollballrausch. Kastian schickte sich an es aufzuheben. Ich war schneller! Einer der Vorteile, wenn man eine kleine Körperstatur aufweist. (eigentlich gibt es nur einen Zeitraum, in dem die körperliche Kleinheit zur Last wird. Aber was wird in der Pubertät nicht zur Last?—In der Kindheit macht sich der Unterschied gar nicht bemerkbar und später gewöhnt man sich so daran, daß man automatisch nur noch die Vorteile sieht.)

Das Papier glich zwei-tage-alter Buttermilch. Genau dieses Indstrieweiß, daß heute nur noch bei offiziellen Schreiben verwendet wird. Allle anderen – die normalen Bürger – haben es sich längst zur Gewohnheit gemacht ihre kleinen Botschaften auf Recycling-Papier abzufertigen. Warum nicht auch die Offiziellen? Warum nicht? Das muß doch einen Sinn haben...

<Was steht drauf?> Kastian riß mich aus dem Strudel (mich Halb-Ertrinkenden!).

Sieh an! Tatsächlich ein offizielles Schreiben (wie ich doch Genugtuung empfand/). Ich las gekünstelten Tones vor:

<St. Marien Schule!

Kath. Grundschule der Stadt Vreden.

Sehr geehrte Eltern,

am 27. April soll an unserer Schule wieder der Wettbewerb ‘Könner auf zwei Rädern’ (dies betonte ich beinahe trompetenhaft) durchgeführt werden. Dabei handelt es sich um die Bewältigung eines Geschicklichkeitsparcours mit dem eigenen Fahrrad auf dem Schulhof (mit fremdem bike wärs wohl auch zu schwer, was?)

Ganz gezielt sollen die Kinder ihr eigenes (diese Wiederholungen!) Fahrrad als Verkehrsmittel beherrschen lernen (die anderen Verkehrsmittel und vor allem –wege! lernen sie noch früh genug kennen...)

Um uns auf den Wettbewerb vorzubereiten und damit gleichzeitig die Geschicklichkeit der Kinder mit ihrem Fahrrad zu fördern (...!!!), wollen wir vorweg auf dem Schulhof einige Male üben. Es wäre gut, wenn Ihr Kind sowohl an den Übungstagen als auch zum Wettbewerb mit dem vertrauten Rad zur Schule kommen könnte. Falls dies nicht möglich sein sollte, kann es eines unserer Schulfahrräder benutzen.

Bitte prüfen Sie das Rad Ihres Kindes auf seine Verkehrssicherheit (safety first!) und lassen Sie eventuellle Mängel beseitigen.

Haben Sie vielen Dank für Ihre Unterstützung unserer Aktion, die den Kindern auch viel Spaß machen wird. (der verordnete Frohsinn, jaja...)

Mit freundlichen Grüßen

(etwas hingeklautes; böser Rabenvogel, du!)

Rickert

Konrektorin

Zuerst las ich ‘Korrektorin’ und verschluckte mich fast an eigener Spucke. Aber das Schreiben war ja nur von der lieben Konrektorin, da hätte jegliche höhere Erwartung an Sprache und Form Vermessenheit bedeutet!

<Schlau gemacht, Kleiner>, ließ Kastian verlauten. <Oder Kleines!>, gab ich zu bedenken. Jedenfalls bestand Einigkeit darüber, daß das Kind, welches diesen Zettel nicht zu Hause abgeliefert und stattdessen lieber der vergänglich-machenden Gewalt der Natur anheim gegeben hatte, ein cleveres sein mußte.

Doch der Wind: eine Ecke des Schriftstücks ließ er herumflocken; da sahen wirs. Die Rückseite wies handschriftliche Hieroglyphen auf – eindeutig verdorbene Erwachsenenmanier!

Kastian meinte handeln zu müssen und ergriff nun seinerseits das script (kein Hamlet zwar, dafür aber aus dem Leben gegriffen.) Rezitieren konnte er schon immer:

<Hallo Schatz! (sprachs mit fraulicher stimme – welcher Mann würde schon sowas schreiben?). Heute Abend bringt unsere Ma (und er mischte diesem Sprachgnom eine heiter-rohe midwestern Würzung unter...) Kartoffelsalat mit, kannst Du bitte wenn Du Zeit hast ein paar Heißwürstchen holen. Wenn es geht die dicken (na klar! – was sonst?) , ich hoffe Du weißt, welche ich meine (wer wüßte das nicht?) Bis heute Abend. Wenn du keine Zeit hast oder nicht weißt welche ich meine laß bitte ein bißchen Geld hier, dann hol ich sie heute Abend schnell. Ich liebe Dich, Du Holzkopf

Kuß Ruth!

Kastian schloß die Augen, wie um über etwas nachzusinnen (fehlte nur noch die Verbeugung; ich hätte applaudiert!) Dann fiel es ihm ein.

<Das ist Kunst. Das ist ganz groß. Nicht nur ein Fundstück aus der sperrigen Kiste der Lebenskuriositäten...- die private Welt unterwandert die offiziöse- auf ihre eigene charmante Weise.>

Über den Charme dieses Schriebs hätte ich zweifelsohne gern gestritten, aber in einem gab ich ihm Recht: Hier hatte sich jemand erlaubt einen Mißbrauch durchzuführen (wahrscheinlich, ohne sich dessen bewußt zu sein). Das Kleine, das Private, das Intime bildete die Kehrseite eines bürokratischen Dokuments (der Mensch schlägt manchmal wirre Kapriolen, und sympathische noch dazu.) Der Zettel wanderte in Kastians Hosentaschen. (Die braunen Kordbüchsen tatens noch immer!!). Er mochte dort ein ruhiges Dasein führen, bis zu dem Tag, an dem er hervorgekramt werden würde, um als Mosaiksteinchen, als winzige, feingliedrige Nuance in irgendeinem Kunstwerk zu enden (kein so schlechtes Ende- es gibt schlimmeres)

Komisch, wie wir schwiegen. Angesichts der sich zum letzten Mal aufbäumenden Sonne umklammerten wir die Riemen unserer Rucksäcke fester; zogen weiter immer geradeaus, auf Rotem laufend. Er mit zyklopischem Knirschen; ich unter dem leisen Vorbehalt des beobachtenden Einhergehers. (Ob Schuhwerk den Charakter widerspiegelt? Gutes Thema für eine nutzlose Studie.)

Büchner fiel wieder zurück in meine Gedanken---. Ob der unter Ansicht solcher Briefchen (unser Fundstück---) auch in Verzückung geraten wäre? Abwegig schiens nicht, immerhin vertrat er eine Strömung der realistischen Schule innerhalb der unergründlichen Weiten literarischer Betriebsamkeit. Vielleicht verfasste er im Geheimen selbst Nachrichten an seine Mitbewohner in ähnlicher Form? Spekulation alles. Ich behielts für mich.

Wir wogten weiter voran. Am Horizont keimte nun waldiges auf. Umrisse schwankten im Schrittrhythmus. Die Luft ging kühler; wir näherten uns irgendwo.

III

Plötzlich zog sich die Wärme aus der Luft zurück. Links und rechts schimmerte schon bläulich der Wald; wir auf dem Weg, neben uns (über dürre Gräben hinweg) bäumiges – stufigunentschlossen und bestimmt sechs mal so hoch, wie wir.

Unsere Schritte knackten gedämpfter auf immer noch rotem Boden (obwohl der farbloser wurde und sich zusehends in Grau umwandeln wollte!). Zwölf Minuten tappten wir wortlos voran (schätzungsweise; ich hatte keine Uhr); die Sonne schrak unsinnig vor den Spitzen der Birken zurück – es standen wohl auch vereinzelt Nadelbäume drumrum und zwischendrin – verschwand dann aber doch immer mehr in ihrer abendlichen Ruhestätte. Ein feuchtrotes Glühen über den Wipfeln (-wo wir schonmal bei der Romantik sind...) blieb von ihr; aber nicht gemütlich, nicht warm. Ein kaltes Licht, das sich mütterlichen Anschein gab.

Die Lust, beim Laufen auf meine Fußspitzen zu starren verging mir dann; drehte mich seitwärts und erkannte den Schatten auf Kastians Gesicht. Ein Hälfte orangerot, die andere bräunlich-schwarz. Hätte er sich selbst sehen können, wär sicher ein Bild draus entstanden; aber so? Vielleicht sah ich genauso aus (nur seitenverkehrt, denn wir liefen ja nebeneinander.); da drehte er sich auch kurz und blieb stehen.

<Wie alt wird diese Ruth wohl sein?> Typisch für ihn: mit einem Gesicht, wie ausdruckslos in Holz geschnitzt hing er den intimsten Gedanken nach.

<Sie hat Kinder oder zumindest eins; einen Mann--->

<Aber wir wissen nicht, ob sie verheiratet ist...>

<In dieser Gegend stark anzunehmen. Wer hier ein Kind hat und nicht verheiratet ist, gehört zu den Aussätzigen.> Ich bewegte mich langsam weiter voran. Der Wind hatte sich entschieden, jetzt kälter zu werden; und die wegsäumigen Bäume spendeten überflüssige Kühle. Kastian klinkte sich mechanisch in mein Schlepptau. Seine Stimme drang hinterrücks in mein Ohr:
<Sara hat mir nie solche Nachrichten geschrieben.> Da wars! Das unausweichliche Thema, das was kommen mußte. Ein halbherziger Versuch meinerseits, diesen Weg gar nicht erst einzuschlagen (ihn zu verlassen würde schwierig werden!):

<Ihr habt ja auch nicht zusammen gewohnt. Und außerdem ißt sie keine Würste.>

Aus dem Unterholz drang geräuschvolles Schnaufen, laubiger Boden wurde von kleinen Füßen bestapft. Wahrscheinlich Igel, die wieder zum Leben zurückgekehrt waren; aus ihrem traumlosen Wintermärchen. Auf der Suche nach Schnecken, oder vielleicht einer unvorsichitigen Schlange- konnte aber auch ganz was andres sein.

< Neinnein, aber sie hätte mir doch trotzdem mal was schreiben können. Dir hat sie doch auch schriftlich--->

<Na, wir haben doch nur was zusammen getrunken; ganz unverfänglich. Warum sollte ich nicht mit der Freundin (ex- allerdings, aber auf solchen Sachen muß man ja nicht rumreiten...) meines Freundes was trinken dürfen?> Sicher hörte sich meine Stimme faserig an; und besonders für Kastians geschultes Gehör. Seit der fünften Klasse hatten wir uns ständig belauert; unsere verbalen Unzulänglichkeiten konnten wir nicht voreinander verbergen, obwohl ich mich ansonsten ganz gut verstellen kann- bei ihm klappt es nicht.

<Aber ihr habt doch Brausewein getrunken?>; immer noch ruhig, beinahe stoisch. War er nur konzentriert oder plante er was?

Was hatte dieser ominöse Brausewein zu bedeuten; schon beim Trinken war er mir eigenartig vorgekommen, dennoch wollte ich ihm keine zu hohe (gar mystische?) Konnotation zuschreiben.

Ich spielte noch mal in Gedanken durch, wie es zum Akt des Brauseweintrinkens gekommen war. Lag eine Tücke in der Tätigkeit an sich oder gar schon in ihrer Genealogie? Ich hatte mit der ex-Freundin meines Freundes ein Getränk zu mir genommen, das nicht nur mit einem exotisch-dämlichen Namen belegt war, sondern auch aussah, wie das letzte Hippie-Gesöff.

‘Man nehme ein dreiviertel gefülltes Glas Weißwein (ob seco oder nicht: gleichgültig!), trinke den ersten Schluck pur, behalte den zweiten Schluck im Mund und warte einen flüchtigen Moment (Zeit für Gedanken- wirre meist...). Dann träufle man den Mundinhalt mit viel Hingabe (Liebe wollten wirs nicht gleich nennen.) in das Glas des anderen (sie, bzw. ich in diesem Fall); dann fülle man das Glas mit roter Brause wieder ganz auf. Der Genuss und das Prickeln stellen sich beim Trinken ein...’

So hatte Sara mir diesen umständlichen Prozess erläutert; und natürlich stand der Ausführung rein gar nichts im Weg (um ca. 3.00 Uhr morgens!).

Gebündeltes Grau über den Wimpeln der Bäume: Unruhe flüsterte durch den Wind; nur noch zaghaftes, ahnungsloses Licht der Sonne (der alten Anstachlerin!) glomm weit weg. Wir begannen uns wieder schneller vorwärts zu bewegen. Keiner sprach; ein Thema hing schief zwischen unseren Köpfen. ‘Brausewein; Brause-Wein; brause Wein!’ Er war durch mich gebraust; ihrem Haar gleichfarbig, ganz von ihr geschaffen, von ihr abhängig, mit ihr verebbend.

Hinten rannte ein Blitz übern Himmel: verankerte sich sekundenlang im Boden, ließ dann wieder ab und kehrte zurück; zu seinesgleichen. Stumm einigten wir uns das Tempo weiter zu erhöhen; nass werden war das letzte, was wir wollten; wir trieben so schon hilflos genug durch alle Weltmeere, da wollten wir wenigstens äußerlich trocken bleiben. Erste Höfe schimmerten durchs Gezweig; auf ebener Grasfläche gebaut; zeugend von Bauernpopulation. Wir hielten stur geradeaus. Einmal nur holte ich tiefer Luft und wollte sprechen; Unklarheit schwomm in meiner Brust (: aber diese verdammten Worte schienen mir alle zu belanglos.) Ich schwieg; trabte weiter. Neben ihm: zwischen uns hauchte ein schwaches aber vorhandenes ‘sie’ mit.

Der Wald verlief sich (so weit waren wir schon?!) in kümmerlicher Restvegetation. Getsrüpp krallte sich in die Erde, krampfte sich in und durch Gräser- dann gab es auf: Gras überall. Und wie Miniaturmodelle die Bauernverschläge; jetzt zahlreicher, fern aber näherkommend. ‘Zwo- Vier—Sieben’. Nach Elf hörte ich auf zu zählen; da kam schon die Stadt heraufmarschiert (kleine Stadt – großes Dorf...)

Aspahlt klopfte unter unseren Schritten; jetzt wieder- unverkennbares Zivilisationszeichen. Mir wurde fast übel, als wir den ersten Kreisverkehr durchrundeten.

Dann noch ein paar Meter und das gelbe Zugangsschild passieren: ‘Stadt- wir sind’s!’ Kastians Blick fiel aus seiner Erstarrung; die ersten Halbtropfen schwirrten von oben runter (die wollten einen Regen ankündigen; man glaubt’s kaum!)

Spielte da ein Lächlen um die wortlosen Lippen? Am Rand kringelte sich was, ich sahs ganz deutlich; wie die krause Oberflächenpartie eines sonst ruhigen Sees.

‘Wir habens geschafft! Den Regen im Rücken und nicht im Gesicht; jetzt müssen wir nur noch was zum unterstellen finden, bevor’s richtig losgeht...’ Was er nicht sagte las ich- kannte ihn schließlich gut.

Ein katerhaftes Grollen hinter uns; das mindestens sechste, einen Blitz hatte ich nicht gesehen, war wohl ängstlich und hielt sich versteckt. Ich lockerte meinen Gang bei gleicher Geschwindigkeit.

IV

 

Diese Oposition von Backsteinrot und Asphaltblau: im Rad/Fußweg gärten Risse; wie hungrig auf Nasses (‘daß es endlich die himmlischen Becher ausschütte...!’). Wir äugten nach geeigneten Unterschlüpfen; wären wir doch bei den Bauern geblieben; Einfamilienhaus an Einfamilienhaus hier nur: die Möglichkeiten gering gestreut.

Hinterm Kirchturm blähte sich eine Wolke; (als ob da jemand draus hervorsteigen wollte) rußig (russisch--- ), mit quellendem Teer gefüllt. Ein Zeiger; der große, sprang ganz beiläufig auf dem sakralen Ziffernblatt. Der Einäugige zeigte 20.42 Uhr--- Viereinhalb Stunden zu Fuß- nicht schlecht, aber jetzt reichte es auch.

Der Turm selbst: ein weinendes Gesicht; aus den Fenstern tropfte’s heraus. Blockig der trapezförmige Hut, knapp oberhalb vom Nasenansatz. Die Kirche (die Institution, nicht das unschuldige Gebäude!) muß sich damals geirrt haben...

Der erste dicke Tropfen auf meiner Stirn. Und dann natürlich der Rest; viele stichige Wassernadeln überall. Der Schritt angekurbelt schnell; Kastian vorneweg- der Vorteil langer Beine. Was nur ein mickriges Regenlein war, wurde zum wütenden Schauer. Die Kleidung pappte am Körper, aber wir stellten uns nicht unter. Wir mieden die Behausungen der ruhevollen Menschen. Ich hatte das Gefühl Kastian wußte wohin er wollte. Immer nur vorwärts; ab und zu mal um eine Ecke biegen, aber ohne die Geschwindigkeit zu verlangsamen.

Dann schwankte ein rechteckiger Block durchs Regengitter. Halbverzerrt, grau und also gut getarnt im Schleier aus Nass. Die Schule (eine von mehreren sicher): da gabs Unterstellmöglichkeiten, für Fahrräder zumindest (ob hier wohl die ‘Könner auf zwei Rädern’ ausgebildet wurden?); wir zogen weiter; hasteten. Vorbei an brachliegenden Baustellen mit feuchtschweren Sandhügeln, Zementmischern aus rostigem Metall und einsam herumliegenden Schaufeln. Da sahen wir auch plötzlich Menschen; vorbeirennend, unterm Regen durch, auf der Flucht. Ameisengleich (wenn auch nicht unerheblich größer von Statur!) wuselten sie durchs Wetter. Und immer weiter- Langsam verschwamm die Feuchtigkeit der Kleidung in einer zunehmenden Kälte (ob Kastian nichts spürte?, ein Eisklotz von Mann?); noch nie wollte ich aus meiner Haut fahren, aber da war mir so; wenn dies durchtränkte T-shirt hautiges gewesen wäre hätt ichs mir wohl vom Leib gerissen; so liess ichs dran. Konnte ja auch nichts dafür.

Vorbei an Schaufenstern jetzt (unverkennbar Innenstadtnähe!!), die aber nur noch fahl leuchteten; und die Gegenstände hinter Glas sahen gar nicht mehr verführerisch aus, eher mitleidig. Was die richtige Beleuchtung doch ausmacht! Da war ein Geschäft mit Betten- von kleinen holzigen Kinderwiegen, über Standardausführungen im tristen Schlafzimmerlook, bis zu extravaganten (auch schon vom Namen her, nicht wahr?) Futongestellen. Da kann man drauf suhlen, in Kreuzeshaltung- zu zweit wird’s schon wieder enger, ist aber meist schöner.

Solche Gedanken hackten mir durch den Kopf, während alles immer nasser wurde und schon seit Halbstunden kein Wort mehr gefallen war. In einem Hauseingang (Mietshaus- hier selten!) hatten sich Zwei untergestellt. Mann und Frau, unbeschirmt, deshalb unter steinernem Vorsprung Schutz suchend. Warum taten wir das nicht? Waren wir besonders, sind wir denn die Sich-Nie-Untersteller? Müssen wir immer alles auf die Spitze treiben. Der Rinnstein, links von uns und nur zentimeterbreit, füllte sich pflichtbewußt. Wären Kinder anwesend, würden kleine Papierschiffchen auf dem Ministrom segeln. Aber so: nur laugiges Regenwasser. Schade.

Wohin jetzt? Kastian stoppte: Kreuzung vor uns (Weggabelung wäre korrekter; Straßen konnte mans hier ja nicht nennen, nicht mehr. War alles nur noch verkehrsberuhigt.). Und ich erkannte auch wo wir waren. Wollte er mich etwa da hin schleppen. O, der Hinterhältige, aber amüsieren tats mich schon; war ja nicht ungeschickt von ihm. Ja, definitiv: wir steuerten auf Sara zu. Oder besser auf die Kneipe in der sie arbeitete (wie hielt sie das nur aus da? Man kann sie sich nicht in so einer Umgebeung vorstellen, zwischen Besoffenen und Arschgrapschern. Sie gehört doch in ein goldbeschienenes Glasterrarium!). Auf den letzten Metern rannten wir fast einen Alten um, mit seinem rattenhaften Hund an der Leine (eine die man verlängern kann- grauenhaft sowas!). Er brummte mißmutig und wohl auch verärgert, aber seine Worte verkiesten im Regen (diese Tropfen sind wirklich manchmal wie weiche Steinchen!)

Jetzt stoppte ich und dann auch Kastian. Da waren wir: Wolterbeck! Dämlicher Name für eine Kneipe; wer trinkt da drin schon gern? Das grau-rote Pflaster vorm Eingang glänzte blass und leer. Niemand hier, wahrschienlich alle drinnen. Sollten wir auch? Wir würden ja! Es half nichts; wenn wir etwas beginnen, führen wirs auch zu Ende (zumindest, wen wir zusammen sind!).

Und da brummte es plötzlich stierig! Von Halbrechts, unter vier triefenden Bäumen (Linden, übrigens) hindurch. Bloß nicht die Nerven verlieren! Rucksack fester packen- war da nicht noch ein altes Jagdmesser drin? Aber: nur noch Gluckern und gleichmäßiges Gesumme. Ein Geräusch wie Haut, mit verschwitzten Poren auf Holz.

Wer, in irgendjemands Namen, hatte jetzt noch eine Lieferung Bier bestellt? Der grüne Alkoholwagen rollte auf uns zu (schon mit eingeschalteten Scheinwerfern) seine Tieraugen fixierten uns, waren wir Geistergestalten? Der fuhr einfach weiter! Schnaufend jetzt auch noch (hatte wohl gerade in den zweiten Gang geschaltet).

Dann stiess Kastian mich- er sprang zur anderen Seite. Keiner von uns beiden fiel um- ein Wunder nach dem Marsch!

<Mußt aufpassen. Sind verdammt gefährlich geworden, die Biester.> Der erste Satz war gleich wieder ein versöhnlicher. Wie gut wir doch miteinander zurecht kamen. Das Biergrün schwankte strassenwärts nach Hause. Wir gingen rein: Wolterbeck. Trinken war unbedingt nötig.

 

 

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