Kehricht

Gesellschaft und Literatur im Netz

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Ereignis; Medialisierung und Aktion

Oder

-Warum die Welt ein Spielfilm ist-

Schwindel, der – Der Beruf des Politikers,

die Wissenschaft des Arztes, die Kenntnissse

des Rezensenten, die Religion des

Wunderpredigers, mit einem Wort: die Welt.

Ambrose Bierce; Des Teufels Wörterbuch

Ob der Delinquent schuldig ist oder nicht spielt keine Rolle. Hauptsache: a) er baumelt und, b) sein Baumeln bringt Quote. Einer wird ganz sicher baumeln und zwar unter all den sichtlich unapettitlichen Folgen dieses Exekutionsprozesses: erstickendes Röcheln nebst heraustorkelnder Zungenpartie, blau-anlaufende Lippen mit einhergehender Gesichtsverfärbung, Hervorquellen der Augen, kurz; einer völligen Krötisierung der Züge des ehemals menschlichen Antlitzes – das Hängen war schon immer die zweitschönste Freude der Großinquisitoren; nach dem Verbrennen...

Entschuldigung! Man mag mir den etwas stürmischen Eintritt in die Materie dieses Textes nachsehen. Manchmal ist es jedoch einfach nützlicher mit schwerem Fuß die Tür einzutreten, um mitsamt selbiger ins Haus zu fallen; höfliches Anklopfen und Abwarten, daß einem aufgetan werde ist zwar das akzeptiertere Ritual, aber ein kräftiges Gepolter hat noch so manchen wachgerüttelt.

Zurück zum Thema: der Baumelnde ist natürlich Öcalan, der ehemalige Führer (widerliches Wort! Je nun,... es ist in den allgemeinen Sprachgebrauch übergangen, bzw. wurde nie aus diesem getilgt.) der kurdischen Arbeiterpartei PKK und - nach den äußerst neutralen Erkenntnissen der türkischen Staatsmedien – gefährlichster Terrorist, der je den Boden des osmanischen Großreichs besudelte. Zwar liegt die Schlinge noch nicht um den Hals des Mannes, der rein visuell ja auch geradezu prädestiniert scheint für die Rolle des Schreckgespenstes Big Brother, aus George Orwells kommunistophobischer Anti-Utopie ‚1984‘ – man erinnert sich: hunnische Schädelcharakteristika; tiefliegend-dunkle Augenhöhlen, mit den dazugehörigen Diabolobrauen; der breitschwarze Schnauzbart...! – Ja, ist er denn nicht das reinste Abbild Stalins, oder was? Wie aus dem Spiegel gehauen, diese Kongruenz; dochdoch. Jedenfalls: die Schlinge liegt noch nicht um seinen Hals, aber der Galgen steht bereits fertig gezimmert im Gefängnishof (mobil natürlich; im Falle, es sollte doch eine öffentliche Hinrichtung geben...). Die Richter haben ihr Wort gesprochen ; die dumpfen Massen verlangen lauthals nach einer Vergeltung, die (fadenscheinig) ihre Interessen vertreten soll.

Nach der Urteilsverkündung gegen Öcalan. Ankara. Die Strassen der türkischen Hauptstadt kläffen in buntem, fahnenwehendem Aufruhr: Zusammenschmelzende Menschen (=Masse) tanzen ausgelasssen durch die glühenden Gassen, Jubelgesänge werden angestimmt, tausende Kehlen plärren ihr ignorantes Triumphlied, das den Genickbruch eines Menschen in ein feierliches, ja gerechtes Ambiente verpacken soll. Eine Stimmung, wie nach einem gewonnenen Fussballspiel. Spruchbänder, die dem Todeskandidaten Wut und Abscheu, ja, soll man nun "offerieren" sagen oder doch "entgegenbringen"?, flirren durch die Hitze; Plakate werden hochgehalten, auf denen Öcalans Kopf zu bestaunen ist- selbstredend in leicht verfremdeter, dennoch aber – im Kontext der Gesamtrhetorik – schlüssiger Darstellung: aus seinem Mund wuchern bluttriefende Zähne, die Stirn mit den obligatorischen Teufelshörnern ausgestattet, die sich wie gedrechselt durch die Schädelplatte bohren. Satans leiblicher Sohn! Keine Frage; so einen "Menschen" umzubringen kann nur gerecht sein. Mehr noch; es sollten denen zu Ehren, die die Anstrengung und sicherlich nicht nur freudvolle Aufgabe übernehmen, die Welt von solcherlei Ungeziefer zu befreien Denkmäler errichtet werden!! Aber genug; sonst gleiten wir selbst noch ab in die Fiktion (es ist ja so leicht, sich von diesen biblischen, respektive koranischen Metzelmontagen vereinnahmen zu lassen...) Ach, das Alles gleicht zu sehr Hollywood, samt all der schlechten Dialoge und dem heuchlerisch-verdorbenen Siegerideal. Ein Schlußstrich jetzt, an dieser Stelle, unter die Replik der emotionsheischenden Bilderrhetorik.

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Unsere heutige Gesellschaft ist ein D-Zug (oder doch besser ein TGV? Der Name ändert sich, das Prinzip bleibt gleich). Sie steht nie still – was sie auch früher nicht tat; aber ihre Geschwindigkeit hat sich rapide erhöht, und alle leben im Rausch. Nicht etwa in einem Rausch, der sensibilisierend wirkt; auf Wahrnehmung und dergleichen, sondern im äußerst dumpfen Rausch, der nur durch das Erlebnis Geschwindigkeit hervorgerufen wird. Es ist die Schnelllebigkeit, die sich mit diesem Rausch koppelt, die obligatorisch an diesen angeschlossen zu sein scheint, und die ihrerseits wiederum Folgen nach sich zieht: z.B. eine blitzartig kurze Zeitspanne des Vergessens.

Was heute aktuell ist, wird durch den Äther geblasen; morgen dampft das nächste Batallion der Schlagzeilen heran; und das Neue verdrängt das Alte (nach einem Tag ist alles alt, es sei denn, es handelt sich um so Schwerwiegendes, wie Clintons Dödel), macht es unwichtig, schiesst es ins Reich des Vergessens. Ständig werden von allen Seiten, aus allen Schießscharten moderner Meinungsbildung Slogans und Phrasen in Richtung Empfänger (wer das ist, dürfte einleuchten?...) abgesendet. Stündlich erscheinen im knappen Takt der Sendelimits die Geschosse der öffentlichen Meinung, nur mit dem einen Ziel: ein Gefühl des Informiertseins in die watteumpackten Köpfe der Empfänger zu stopfen. Ein Gefühl wohlgemerkt; eine Illusion. Wer kann sich bei solch maschinengewehrschnellem Faktenbeschuss schon irgendwas merken? Oder gar verarbeiten?? Der absorbierende "Volksleib" (Hitler hat sich damals schon was dabei gedacht, als er das Radio für sich beschlagnahmte!!) ersäuft in den Fluten der Überinformierung – und fühlt sich dabei auch noch gut umhegt; es ist ja warm und behaglich hier, im Revier der offenen Mäuler (in die man alles stecken kann- dumm dumm dumm).

Soviel einer sich auch vorstellt zu wissen, so weiss er doch nicht vielmehr als einen Feuchten Furz. Und dieser Feuchte Furz ist das Destillat aus dem Wissen eines anderen, der nur das nach unten durchtropfen lässt, was er als unbedenkliche Nahrung ansieht- das Unverdauliche ist voraussortiert; in eine Kloake geworfen, die fest verschlossen bleibt, und in die sowieso keiner kuckt, weils so stinkt, da drin.

"Das politische Leben wird wie das geistige Leben mehr und mehr beherrscht vom Druck der Medien – allen voran des Fernsehens -, die selbst beherrscht werden durch den Druck der Anzeigenkundschaft oder einfach durch den Zwang zum Wohlverhalten, der jede kritische Äußerung ausschliest."

Datenwellen aus den weit aufgerissenen Mäulern gelackter Fernsehmoderatoren- die Feuilletons einer jeglichen Tages- und Wochenzeitung, mit ihren a priori Weisheiten- Bombardierung mit detailreichen aber sinnlosen Fakten (Fakten! Fakten!)- alles zieht sich bis tief ins Private hinein, denn jeder ist "informiert" und angespornt seine "Informationen" weiterzuleiten. Ein System der gegenseitigen Kontrolle, in dem sich die Gut-Menschen von den Bös-Menschen allein dadurch unterscheiden, dass sie die "richtigen" aufgeschnappten Informationen zu den richtigen Gelegenheiten wi(e)derkäuen können. Der Unterschied bezieht sich ausschließlich auf die Erscheinungsform der Oberfläche. Wenn das Make-Up abgekratzt wird bleibt ein bedeutungsloses Skelett. Denn: keiner weiss bescheid. Keiner hat eine Ahnung was hier läuft, was hier gespielt wird; die Regeln sind rudimentär bekannt, aber die Schiedsrichter wechseln und gepfiffen wird nach irrationalen, variantenreichen Maßstäben. Die Regie – wenn es sie je gab – hat sich verabschiedet. Alles, was übrig bleibt sind wir (verdammt: es gibt nichts mehr außer: wir. Wir sitzen im Loch; zusammen allein)! Die paar Hilfsregiesseure, die in der Gegend umherirren werden gleich vom Größenwahn befallen, und Größenwahn produziert Diktatur.

Adolf ist tot; Spielberg dreht keine guten Filme mehr – keiner von beiden erregt noch unser Interesse, zum Glück. Und trotzdem vermeiden wir selbst zu denken; wenn wir nicht gerade tatsächlich auf die Mattscheibe starren oder in den Klatschspalten die Neuigkeiten des Tages (die keiner braucht...) lesen, spielen wir ganz einfach selber mit im Film, dessen Plot ein zunehmend vorgegebener ist. Denn was medial vermittelt wird (Bild, Wort, Ton) frisst sich ins Gehirn, ins Denken und veranlasst uns nach den glamourös zur Schau gestellten Vorbildern zu handeln; respektive die Penner der Gesellschaft, die von den Medien Geächteten mit eigenem Hass zu belegen. Dabei ist einer der subtilsten Grundzüge dieser Vermittlung von Lebenshaltung, bzw. –einstellung, der Schein von Wahrung der Individualität, von eigener Identität und Selbstbestimmung; kurz: von Offenheit und Toleranz des Systems, gegenüber, von der gewünschten Norm abweichenden, Meinungen und Einstellungen. Ein mit Rost besetztes Lämpchen wird am Ende des mit phrasenbrüllenden Ablenkungen bestückten Flures der Gesellschaft aufgestellt, als Symbol der Freiheit des Einzelnen gegenüber dem Ganzen. Greift aber jemand danach und versucht das Licht anzuknipsen, schlägt man ihm (nach alter Schulmeistermanier) auf die Patschehändchen und erteilt ihm einen Tadel. "Wie kann man nur? So etwas ungezogenes!"

"Wir haben das Gefühl, die Freiheit der Meinungsäußerung sei der letzte Schritt auf dem Siegesmarsch zur Freiheit. Dabei vergessen wir, daß die freie Meinugsäußerung zwar einen wichtigen Sieg im Kampf gegen alte Zwänge darstellt, daß der moderne Mensch sich aber in einer Lage befindet, wo vieles, was ‚er‘ denkt oder sagt, genau dasselbe ist, was auch alle anderen denken oder sagen; daß er sich nicht die Fähigkeit erworben hat, auf originelle Weise (das heißt selbstständig) zu denken – was allein seinem Anspruch einen Sinn gibt, daß niemand das Recht hat, ihm die Äußerung seiner Meinung zu verbieten."

Der Mensch hat sich die Fähigkeit zum selbstständigen Denken nicht erworben...; wie kann er sie sich erwerben, wenn diese Fähigkeit in unserer Gesellschaft zwar theoretisch angepriesen, praktisch aber verpönt wird? Wir haben doch Instanzen und (besonders wertvoll!) Institutionen, die für uns das Denken übernehmen. Der Führer ist abgeschafft; in seiner menschlichen Manifestation – aber es gibt immer noch ein Drehbuch, nach dem Denkmuster und –vorgänge ablaufen und aus denen letzlich Handlungen oder vielmehr Nicht-Handlungen resultieren. Denn von echter Handlung oder einer grundsätzlichen Handlungsbereitschaft kann ja nicht gesprochen werden. Es ist ein großes Nachahmen, ein Kopieren und Assimiliert-Werden; in das Ganze zu passen, sein Leben so zu gestalten, dass man nicht aus dem Plot gekickt wird oder gar vor dem Happy-End das Zeitliche segnet, ist die drückendste Sorge der Masse. Diese Sorge ist so drückend (gemacht; denn sie entsteht nicht originär aus dem Individuum selbst, sondern durch Vermittlung von scheinbaren Wahrheiten und Maßstäben); dass dem Einzelnen gar nicht erst der Gedanke an eine Alternative kommt. Was gesendet und gesehen wird, was massenhaft reproduziert, ver- und gekauft wird muss gut und richtig sein; deshalb passe ich mich an, spiele mit;- meine mir zugeteilte Rolle.

Niemand steht mehr mit der Knute in der Hand hinter uns, um gezielte Hiebe zu verteilen, wenn wir nicht nach seinem Willen handeln. Das war einmal... hier bei uns; woanders ist es zwar immer noch so, aber: nicht hier! Ehrlich; was haben wir nicht für eine gerechte Welt gebaut, in der jeder alles erreichen kann, wenn er nur will und sich fest genug ein plastisches Bild seines Ziels vor die Augen nagelt. Mit dem Lächeln eines Weisen schauen wir auf diejenigen herab, bei denen noch alles im Argen liegt, bei denen Mord und Totschlag noch aus so niederen Gründen wie Parteiendifferenzen oder Gebietsansprüchen resultieren. Wir wissen (oder vielmehr: wir wissen es nicht, aber wir beginnen zu spüren), dass anderes wichtiger ist, als z.B., die eigene Meinung durchzusetzen, noch dazu unter Inkaufnahme menschlicher Opfer. Wir streiten ausschließlich des bequemen Lebens und der Wertsteigerung wegen und wir geben unser stilles (manchmal auch kreischendes) <Ja!> zu Interventionen und Eingriffen, die zwar auch nicht ohne ein paar strangulierte Hälse oder zerbombte Städte auskommen, die aber für eine gerechte Sache eintreten: für unser ungestörtes, gewissensberuhigtes, vom Elend der Verlierer dieser Welt abgeschirmtes Leben.

"Es sieht so aus, als ob im Leben eines Menschen weder äußere noch innere Autoritäten mehr eine hervorragende Rolle spielen. Jeder ist völlig ‚frei‘, wenn er nur den legitimen Ansprüchen anderer Menschen nicht ins Gehege kommt. Tatsächlich aber finden wir, daß die Autorität nicht verschwunden ist, sondern daß sie sich nur unsichtbar gemacht hat. An Stelle der offenen Autorität regiert jetzt die (anonyme) Autorität. Sie tarnt sich als gesunder Menschenverstand, als Wissenschaft, als psychische Gesundheit, als Normalität oder als öffentliche Meinung. Sie verlangt nichts als das, was selbstverständlich ist." Wieder einmal Erich Fromm, der diese Prozesse schon vor ihrer Hoch-Zeit erkannte und darzulegen versuchte. Wir müssen heutzutage allerdings gewisse Abwandlungen vornehmen, da damals wohl der gesellschaftliche Schleuderkurs in all seinen Nuancierungen und vor allem in seiner konsequenten Stringenz nicht voraussehbar war. ‚Die legitimen Ansprüche anderer Menschen‘ bleiben nämlich auf Menschen beschränkt, die innerhalb des Systems beheimatet sind, welches diese Ansprüche verwaltet. Kurz gesagt: In unserem Film sind wir die Helden (wir erinnern uns: 007 kämpfte ja auch immer gegen die bösen Russen...), die anderen – d.h., diejenigen, die Alternativen erproben – tragen das Kainsmal des Feindes. Und der Feind wird zu Recht so genannt, denn er ist böse. Natürlich ist das eine armselige Erklärung, aber sie genügt vollkommen. Sie erfüllt ihren Zweck. Denn es bedarf keiner großartigen logischen Deduktion des Feindbildes aus tatsächlichen Erfahrungen oder objektiven Blickwinkeln, wenn die Mittel vorhanden sind, um eine einfache These plausibel und überzeugend zu vermitteln.

"...Die anonyme Autorität ist deshalb noch wirksamer als die offene Autorität, weil einem gar nicht erst der Verdacht kommt, daß da ein Befehl gegeben wird, den man zu befolgen hat"

Herr Meier von nebenan denkt also – und das völlig verdachtslos -, er sei frei in seinem Handeln, in seiner Lebensführung, solange die von seiner Person ausgehenden Impulse nicht gegen bestehendes (Staats)Recht verstossen. Er wird einsehen, dass sein Arbeitgeber einen unglaublichen, nicht wieder gut zu machenden Schaden nähme, entschiede er sich einen höheren, seiner Arbeit angemessenen Lohn einzufordern. Es wird ihm sogar einleuchten, welch folgenschwere Konsequenzen eine Verweigerung am (kapitalistischen) Arbeitsprozess an-sich teilzunehmen nach sich zöge... Wenn das jeder so machen würde- es gäbe ja bald niemanden mehr, der von seinem Ledersessel herunter all die produktiven Hände (- die an ebensolchen Körpern hängen) kommandierte. All die schönen Penthouse-Viertel mit ihren Großraumbüros, in die der Chef sich zum Aus- und Entspannen zurückziehen kann- das würde alles verrotten! Wer hätte dann auch noch soviel Geld, all das zu bezahlen...?

Natürlich gibt es nicht nur ‚Herr Meiers‘, die schon zufrieden sind, wenn sie sich am Wochenende in ihrem gepflegten Garten von der Sonne bescheinen lassen können. Aber es gibt viele von ihnen und sie tendieren dazu, die banalsten Wahrheiten zu übersehen, selbst wenn man ihnen diese kreuzweise durchs Gedärm rammte. ("if i stood two feet from your face – screaming – would you hear me...?)

Alle ‚Herr Meiers‘ scheinen ihr Gehör verloren zu haben; sie scheinen aller Sinne beraubt; können weder sehen, noch riechen, hören, tasten oder schmecken; ihr gesamter sinnlicher Gefühlsapparat hat sich zu einem Pfropfen verklumpt, der allein für die Wahrnehmung massenmedialer Sendeformate und -inhalte sensibilisiert ist. Diese Desensibilisierung für das Echte, das Am-Eigenen-Körper Erfahrbare geht so weit, dass der vermittelten (toten) Information mehr Glauben geschenkt wird, als einem unmittelbaren Eindruck – der Haufen Scheisse stinkt erst, wenn dies von offizieller Stelle bestätigt wird (und ob er dann wirklich einen abstossenden Geruch verbreitet oder gar duftet, hängt vom Willen der Programmgestalter und ihrer Verbündeten ab).

Deshalb werden Individuen, wie Peter Handke, die diesem Ausgeliefertsein an die Macht der Medien dadurch entfliehen wollen, dass sie sich vor Ort ein eigenes Bild über die Umstände machen auch so konsequent verlacht oder gleich als ausgemachte Spinner mit faschistischen Grundtendenzen hingestellt. Was kann es unpopuläreres geben, als einen Literaten, der einem, durch die Medien überführten und schuldig gesprochenen, Diktator ("Schlächter", wie es auch so objektiv heisst...) und dessen Machenschaften eigenhändig – in seinen beschränkten Möglichkeiten – auf den Grund zu gehen versucht? Solch ein Hinterfragen des Realitätsgehalts mediengesteuerter Information wurde früher als kritischer Verstand bezeichnet- heute sagt man Kollaborateur oder, wenn man nicht ganz so gewissenlos mit historischen Floskeln umzugehen weiss, Sympathisant dazu.

Einschienigkeit ist eine Vokabel, mit der sich das ganze Trauerspiel (Achtung! keine Tragödie; die ist in der Regel kunstvoll...) des Hier und Jetzt zusammenfassen lässt. So geschickt auch der Eindruck von Vielseitigkeit und Varianz erweckt wird – die Filmrolle kennt nur eine Drehrichtung: geradeaus. Seitenblicke sind unmöglich und nicht erwünscht; das Programm wird abgespult. Und wer in die Sogwirkung dieses strudelartigen Monstrums gerät kann nur schwer dagegen anstrampeln; in der Regel wird er verschluckt und taucht höchstens als Abart seiner selbst wieder kurz an die Oberfläche.

Dimensionseinbahnstraße: klar, wir leben in einem dreidimensionalen Universum; aber nur deswegen, weil wir eine n-Dimensionalität (bei der n größer als 3 ist) nicht, oder nur in den seltensten Fällen erfahren können. Vielleicht versteckt sich ja etwas ganz sonderbares in der, sagen wir, 6. Dimension, und wir wissen bloß nichts davon, weil unsere Wahrnehmung in dieser Komplexitätsordnung scheitert. Womöglich sitzt in den intimsten Momenten ständig ein Forscherteam aus der 6. Dimension neben uns, stellt seine wissenschaftlichen Beobachtungen an und versucht unsere Verhaltensweisen nachzuvollziehen. Es wäre sogar denkbar, dass Gott höchstperönlich der Leiter dieser Forschungsgruppe ist, obwohl er dann nicht Gott, sondern eher Hottner, Professor Hottner hieße; oder so ähnlich. Diese physikalische Beschränktheit; so erbärmlich sie auch sein mag; lässt sich weder umgehen, noch verleugnen. Wir müssen sie akzeptieren. Unser Scheuklappenverhalten innerhalb der eigenen Gesellschaftsordnung ist dagegen hausgemacht.

Ob soziale Axiome, Kulturwerte, Künste oder Politik – mit zunehmend eingeengter Sichtweise verfolgen wir das Treiben um uns herum; und alles nur, weil das Drehbuch es vorschreibt. Es gibt etwas Regierendes; etwas, das bestimmt, was wir gut zu heissen oder zu verachten haben, was wir annehmen oder ablehnen. Diese Macht ist keine konzentrierte im Sinne menschlicher oder dinglicher Manifestation; sie zieht sich wie ein Bindegewebe durch die Beziehungen der Menschen untereinander, genauso, wie sie ein regulativer Eingriff in das Geflecht aus Mensch und Ausser-Dem-Menschen stehender Gegebenheiten ist. Dieses Regierende besitzt die Kraft, das Denken und Handeln derer zu manipulieren, die ihm ausgeliefert sind. Eine Manipulation, die, wie oben bereits gezeigt, nicht auf einer offen-repressiven Basis operiert, sondern vielmehr in die Anonymität zurückschreitet (voranschreitet?); was ihr eine subtile Immunität verleiht. Sie bietet keine offensichtliche Angriffsfläche; zumindest solange nicht, wie die öffentliche Meinung und damit die Ansichten der Mehrheit von ihr kontrolliert werden.

Es scheint schwer, sich daran zu erinnern, dass es im Verlauf der Geschichte immer Kräfte gab, die als offenkundiger Widerpart gegen die bestehende Ordnung agierten und auch als solcher auch von der Mehrheit wahrgenommen wurden. Die dialektische Grundierung gesellschaftlicher Prozesse und Strömungen war für jedermann klar zu erkennen – auch, wenn daraus nicht unbedingt ein Gleichgewicht der konkurrierenden Kräfte resultierte. Man sah aber, dass da etwas rumorte, dass es jemanden oder mehrere gab, die nicht einverstanden waren, mit dem was passierte. Kommunismusnahe Publikationen expressionistischer Künstler erregten im ersten Viertel diese Jahrhunderts durchaus Aufmerksamkeit in der Bevölkerung, auch und gerade weil Ideen und Vorstellungen ausgedrückt wurden, die nicht dem herrschenden Willen entsprachen. Damals ging das, denn die Medienvermassung (trifft die Sache direkter, als der beschwichtigende terminus: Massenmedialisierung) war noch nicht so weit fortgeschritten wie heute. Durch viele kleine Risse und Spalten konnte non-konformes Denken sickern. Der Strang der Meinungsbildung spaltete sich auf in mindestens zwei, wenn nicht mehrere Seitengassen. Doch mit dem Sieg der hier schon zu Tode geredeten Massenmedien wurde ein Abspalten, ein seitliches Weghüpfen von der Hauptlinie zusehends unmöglicher. Der Strang verbreiterte sich, was aber keinesfalls bedeutet, dass er in seiner Bedeutung ein breiteres Spektrum von Meinungen vertrat. Ganz im Gegenteil: er steckte sie sich in den gierigen Rachen. Leitete den Verdauungsprozess ein und unterdrückte damit jede Tendenz des Ausweichens. Das Andersein wurde in die Normalität aufgenommen, damit es belächelt und für harmlos erklärt werden konnte.

"Diese Liquidation der zweidimensionalen Kultur findet nicht so statt, daß die ‚Kulturwerte‘ geleugnet und verworfen werden, sondern so, daß sie der etablierten Ordnung unterschiedslos einverleibt und in massivem Ausmaß reproduziert und zur Schau gestellt werden."

Die Bezeichnung der ehemals vorhandenen Kultur als ‚zweidimensional‘ suggeriert deren positiven Einfluss auf die Menschen, die dieser Kultur ausgesetzt sind (waren), und in höherem Maße auf die, die an ihrer Erschaffung aktiven Anteil haben (hatten). Der Widerpart dieser zweidimensionalen Kutur ist das von uns mehr oder weniger erschöpfend durchleuchtete Drehbuch, welches die Story vorschreibt, nach der wir alle zu tanzen haben. Noch so viele Schauspieler mögen agieren – sie bleiben Schauspieler und tun das, was ihnen gesagt wird. Noch so viele Handlungsnebenstränge mögen angedeutet werden – keiner von ihnen wird auch nur ansatzweise bis zu seinem konsequenten Ende geführt; alle stolpern sie zurück zum Mainplot. Und der wird durchgezogen! Generalstabsmäßig! Diktiert von einer anonymen Autorität (die wir doch irgendwie alle zusammen sind...), die uns am Wickel hat; der wir erlauben uns einzuwickeln- es ist ja bequem.

Letztes Hack-Stück:

Wir wollen frei sein. Wir deklamieren für uns den Freien Menschen! Wir schreien seinen vielfarbigen Namen hinaus in die Schwärze der feindlichen Umgebung und hoffen darauf, dass allein sein Klang den kurzschwänzigen Herrschern das Blut in den Adern gefrieren lässt. Wir hoffen darauf, dass die Herzen der Unterdrückten durch die Kompromisslosigkeit seines Klanges mit Mut und Aufruhr durchflossen werden; auf dass sie sich erheben und den blutig-digitalisierten Knebel der Unterdrückung aus ihren Mündern spucken – damit sie einfallen könen in unseren Schrei, damit auch sie die Befreiung erfahren, die im Willen zum Aufbegehren liegt und nur darauf wartet freigelassen zu werden.

Wir bewaffnen uns zuerst mit dem Wort. Wir eignen uns jene Fähigkeit zu sprechen wieder an, die uns die Unterdrücker nahmen, um ihre Macht zu sichern. Wir zerren ihnen das Wort aus den speckigen Mäulern; wir beanspruchen für uns, was uns gehört. Wir verlangen zu leben und wir verlangen es mit wundgeschrienen Kehlen.Jede noch so entfernte Ecke des Unrechts; jede geschundene und vergewaltigte Existenz fordert ihr Recht ein.

Wir wehren uns, länger die stummen Erdulder zu sein. Lauthals fluten wir durch die dämmernde Nacht, und mit jedem Schritt löst sich der dunkle Brei um uns mehr auf: in einen Horizont, der vielleicht genauso dreck-durchzogen ist, wie vorher; der aber uns gehört. Unsere Stimmen kommen zu neuer Kraft, und mit einem letzten Ruf der Chancenlosigkeit pusten wir die Sklavenhalter von den Dächern der Alten Ordnung. Wir haben uns entschieden individuell zu sein. Wir haben uns nicht aus einem Zwang heraus dafür entschieden oder aus einem Müssen. Wir haben uns dafür entschieden, weil wir den Wert des Einzelnen erkannt haben. Diese Einsicht ist politisch. Und indem wir aus unserer Einsicht die einzig konsequente Entscheidung gezogen haben, machten wir uns zu Aussenseitern in einer Gesellschaft, die das Unpolitische subventioniert, die das Passive fördert und unterstützt.

Das Politische wird nur so lange geduldet, wie es zu allem Ja und Amen sagt. Aber indem es diesen Gestus der Affirmation annimmt, hört es auf politisch zu sein, denn es verleugnet den Einzelnen und seinen Wert für das Ganze. Das Politische muss stets sein lautes Nein! hinausschreien; das macht es so unbeliebt und bei den JA-Sagern verpöhnt.

Das Politische hat den Auftrag, mittels seiner zwingenden Bewegung zur Negation die vermoderten Zustände ans Licht zu bringen und den Menschen vor die hypnotisierten Augen zu halten. Es muss mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln den status quo zu zerreissen versuchen; es muss sich bewaffnen und aus vollen Rohren schießen, denn die Ruinen der Macht werden zu Symbolen der Hoffnung im Akt der Befreiung.

 

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