Kehricht

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Christian Eggenberger

 

JIM

also, das war so, ich balancierte gerade mein fragiles gleichgewicht auf dem gesunden knie, das andere war vor ein paar tagen operiert worden, da laeutete das telefon. am anderen ende des zimmers, natuerlich.

am apparat war jim, folks, jim, den ich seit adam nicht mehr gehoert hatte, der sucker. aber jim war mein bester freund; und er hatte sich wieder mal meiner erinnert, weil er hilfe brauchte. sonst haette er nie im leben angerufen, ich schwoer’s.

also da war jim am apparat, welchen ich unter megaschmerzen erreicht hatte.

oh hallo, jim, sagte ich, lange nicht mehr gehoert, fuegte ich an, wie geht’s du sucker, zum schluss.

ihm war’s peinlich, folks, mich nach einer ewigkeit anzurufen, und das nur, weil er was brauchte, und dass wir das beide wussten, dass er darum anrief, der sucker.

oh, gut, und dir? fragte er scheinheilig; und bevor ich mit meiner leidensgeschichte meines knies anfangen konnte, ein boeses knie, muessen sie wissen, ein ganz boeses knie, surfte er auf ein anderes thema, als wie es mir ginge.

mir war’s egal, mein herz strahlte nur schon, wenn’s dem sucker seine stimme hoerte, also strahlte auch ich.

er brauchte hilfe, und ich war der letzte, den er fragen konnte, die anderen hatte er schon alle angekickt und alle hatte sie ihm schon einen korb gegeben, waren auch nicht seine besten freunde, folks, und darum sagte ich ihm zu.

er war in scheidung und brauchte jemanden, um seine sachen dort rauszubringen, und zwar subito, der camion war schon gemietet; und ich sagte ja, mit meinem kaputten knie, ich sagte ja, denn er war mein bester freund.

operation d- day, koennte man sagen, sozusagen.

wir machten moeglichst frueh ab, damit ich zeitig ins bett kam, musste am naechsten morgen wieder frueh raus, so gegen 4 uhr, un nun sagen sie mir nicht, dies sei nicht frueh, himmel.

verdammt frueh sogar.

er kam mit einer stunde verspaetung, wollte nicht im buero fehlen, ist ja auch begreiflich, war ja sein job, der draufgehen konnte, nicht meiner, verstand ich ja auch.

im camion lief schon seine geliebte jazzmusik, jim war ein megasuperjazzfanatiker, genau, aber wir hatte eine stunde fahrt vor uns, folks, und ich schaltet auf radio um. dann begruesste ich jim.

er hatte mir versichert, dass alles schon bereit stehe, nur so zum abholen und einladen. mein knie, das ich vorsichtshalber mal erwaehnte hatte, wuerde nicht leiden muessen, aber ich haette es leiden lassen, folks, jim war mein bester freund. punkt.

wir kurvten ueber landstrassen zu seiner wohnung. - ex wohnung, meine ich. so konnter er die autobahngebuehren sparen, und ich wuerde so gegen 0300 uhr ins bett kommen. er war voll nervoes und bat mich dauernd um eine zigarette; da begann ich den braten zu riechen, folks, und fragte ihn mal sachte: sie ist doch aber nicht etwa zuhause? ich hatte mich mit ihr nie verstanden und es gab ueberhaupt keinen grund, sie sehen zu muessen.

er wurstelte was am armaturenbrett herum und murmelte in seinen bart. nur hatte er gar keinen bart, folks, und ich verstand haargenau, was er sagte, naemlich dass sie wahrscheinlich dort sei.

davon hatte er vorher mir nichts gesagt.

wir rauchten schweigend vor uns hin und in mir machte sich eine super enttaeuschung breit. ist ja logo, und dass er sich um diese enttaeuschung foutierte, machte es nicht einfacher, folks.

dann waren wir bei ihm angekommen.

sie begruesste uns mit verweinten augen. mit ihr eine freundin, die eh nie was von meinem besten freund jim und seinen besten freunden gehalten hatte. so stand’s zwei gegen zwei und vom zeugs, was wir transportieren sollten - zwei kaesten, drei gestelle, vier autoreifen, ein snowboard, schulordner und 10 flaschen wein stand soviel bereit wie gar nichts.

mit einem seitenblick zu mir meinte er: du waerst nicht gekommen, wenn ich dir das gesagt haette, oder? da hatte er recht, goddamit, da hatter er verdammt recht.

so begannen wir unter den uns zur hoelle wuenschenden blicken, das zeugs auseinander zu montieren. ab und zu brach seine ex-frau in einen weinkrampf aus und ihre beste freundin hielt sie beschuetzend vor uns und der restlichen boesen welt.

mein knie begann zu schmerzen und wir hatten noch nicht mal ein einziges stueck von irgendwas in den camion getragen, folks.

nichts desto trotz demontierten wir frohen mutes weiter vor uns hin. wir hatten keine wahl. dann trugen wir die moebel in den camion. diesen konnten wir leider nur 100 meter weiter von der wohung parkieren. damit uns die nachbarn nicht sahen. stellen sie sich das mal vor. und mein knie, frage ich sie, und mein knie?

zuletzt blieb der keller. die ex-frau kam mit runter und dann begann die grosse diskussion. das gehoerte ihm und jenes gehoert ihr und ich und mein knie in der mitte. nachdem das trauerspiel etwa eine halbe stunde gedauert hatte, nahm ich mein herz ihn die hand und machte den vorschlag: na kommt schon, wenn ihr noch was findet, was dem anderen gehoert, dann koennt ihr euch immer noch anrufen, wir sind schliesslich keine babies mehr, oder?

dieser vorschlag miesfiel beiden, ich konnte es auf zehn kilometer riechen, aber babies wollten beide keine mehr sein und so nickten sie und ich und mein knie konnten diese erbaermliche szene endlich verlassen.

auf der rueckfahrt sagten wir nichts mehr. wir luden aus und ich wusste, fuer die naechsten zehn jahre wuerde ich nun nichts mehr von meinem besten freund jim hoeren, und er wusste es auch. so verabschiedeten wir uns gezwungen ungezwungen und gaben uns fuenf.

es war 0200 uhr frueh und ich winkte den roten lichtern von jim’s camion zu.

war schoen, ihn ab und zu zu sehen.

 

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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 3.Juli. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten