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zürich von Christian Eggenberger
wie lange sass sie jetzt schon auf dieser bank? vielleicht eine stunde. sie beobachtete die schwäne beim herumschwimmen. ob diese zwei ein pärchen sind? sie schienen zu turteln, sich zu necken...schön wärs, dachte sie.
wenn sie sich daran erinnerte, wie hans ihr vor 30 jahren den elvis unter dem balkon gemacht hatte.baby, I love you, I will allways love you. ihr vater hatte ihn nachher nicht mehr sehen wollen.
hans hatte gemeint, dass ihre eltern nicht da waren, weil das auto nicht da stand. dabei wars nur in der garage...er hatte sich dann bei ihren eltern entschuldigt. vor allem der nachbarn wegen; was hatte ihr vater sich geschämt. elvis!! diese negermusik! die mutter hatte nur verstohlen gelächelt und nichts gesagt. der vater wollte halt um keinen preis auffallen im quartier. er habe im geschäft schon genug probleme.
heute waren sie im alter ihrer eltern damals. ob sie ihrer mutter ähnelte? hans sagte immer: "jetzt redest du wie deine mutter." ähnelte er ihrem vater? oder seinem, besser gesagt? sie würde schon sagen. seit die kinder aus dem haus waren, sass er immer im unterleibchen am tisch. "mutter, es sieht uns ja keiner". auch dieses "mutter"; wie ihr vater immer, damals.ob man sich mit der zeit in die rolle seiner eltern flüchtet? weil einem dies am einfachsten fällt? die eltern hat man schliesslich geliebt und geachtet. so liebte und achtete man sich am schluss selbst wieder. konnte sich in diese rolle flüchten. konnte sich das suchen nach einem eigenen weg sparen.
sie wusste es nicht. sie ertappte sich und hans aber immer mehr mit dem dünnlippigen ausdruck im gesicht, fast griesgrämig, wie ihre eltern, nur hatten sie nicht so hart wie diese gearbeitet; kein recht so dreinzublicken. die jungen an der bushaltestelle strafend anzuschauen, sobald diese laut wurden.
hans war unter dem balkon auch laut geworden. baby, I love you. sie hatte noch nächtelang vor glück geweint, nachts im bett. und wenn er sich nicht entschuldigt hätte? wenn sie einfach mit ihm weggeganen wäre? nach amerika? es hätte ihren eltern das herz gebrochen, dies war sicher. aber ihr eigenes leben? wäre es anders geworden als hier in zürich? kinder hätte sie ja auch dort gewollt, arbeiten hätten sie auch müssen, dazu noch in einer fremden sprache.
hans war schon damals in einer aufsteigenden position bei seiner versicherung. übermorgen wird er pensoniert. angesehen und respektiert. das leben für die firma...
wird er dann den ganzen tag im unterleibchen herumlaufen?
"ach komm, jetzt wirst du lächerlich, du bist schliesslich auch nicht perfekt!" sagte sie zu sich selbst.
aber wars das jetzt gewesen? das leben? klar, sie hatten es schön, sehr schön sogar. aber hatte sie es sich mit zwanzig so vorgestellt? fast ereignisslos? die zwei kinder waren eigentlich ihr lebensinhalt. aber martin war jetzt für ein jahr in los angeles, als austauschstudent. seit zwei monaten ist er dort und sehr begeistert.
"kommt mich mal besuchen!" schreibt er immer wieder. aber der flug dauert so lange, seufzt, er fehlte ihr schon ein bisschen. seine sonnige art, offen und liebenswürdig. ob er dort ein mädchen hat? sicher, in diesem alter! ob er ihr auch den elvis macht? eher irgendso einen rapper...vielleicht gingen sie ihn ja doch mal besuchen; jürg und margrit kämen auch mit. "mal ein bisschen durch kalifornien gondeln", sagte jürg," wie mit zwanzig!"wie mit zwanzig...
ruth, ihre tochter lebte schon seit ein paar jahren mit einem mann zusammen. nicht weit von ihnen. sie sehen sie oft. hans kommt gut aus mit ihrem freund. oft sitzen sie stundenlang diskutierend in der küche. ihr freund sagt manchmal, ruth rede wie sie, "wie ihre mutter".
so geht es wahrscheinlich von generation zu generation. war es schlecht, war es gut? sie wusste es nicht.
sie spürte eine leichte melancholie in sich aufsteigen, wie sie so am see sass, den möwen beim flug zuschauend, kilchberg schon im schatten. die sonne verschwand langsam.
"so, ich muss wohl langsam, sonst allarmiert hans noch die polizei", dachte sie. oft war sie nicht nicht aufs nachtessen zuhause gewesen, in den letztzen 30 jahren. er würde ihr auch nichts sagen, beileibe nicht, sie hatte immer machen dürfen, was sie wollte. ohne lange diskussionen. nur sorgen würde er sich machen. war ihr etwas passiert?
langsam stand sie auf, nahm noch einen tiefen zug der frühlingsluft, die langsam die stadt wieder aus ihrem winterschlaf weckte.
und wenn er sich nicht entschuldigt hätte?
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