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Jörg Ehrnsberger |
Heinz und Helga beim Frühstück.
"Morgen" grummelte er, während er mit einer langsamen, fast schwerfälligen Bewegung die Tür öffnete und in die Küche schlurfte. Als erstes griff er nach der Zeitung, um sich mit ihr gegen den Unbill am Morgen abzuschirmen, wie er es vor Freunden nannte.
Obwohl Helga, seine Frau, den Tisch liebevoll gedeckt hatte, würdigte er sie während des ganzen Frühstückes kaum eines Blickes, es sei denn, er wollte neuen Kaffe. Helga schenkte ihm dann nach, ansonsten saß ihm still gegenüber und wartete.
Damals. als Heinz und Helga sich kennenlernten, war Heinz sehr um die Aufmerksamkeit von Helga bemüht und er zeigte sich immer höflich und bescheiden. Immer hatte er ein Kompliment auf den Lippen und hörte Helga aufmerksam zu, wenn sie erzählte.
Ihre Idylle schien perfekt: Er, der junge, dynamische Mann aus der Großstadt und sie, die Tochter aus gutem Hause, aufgewachsen auf dem Lande.
Helga wurde von all ihren Freundinnen beneidet und doch freuten sich alle mit ihr, daß sie so einen zuvorkommenden und bescheidenen Mann gefunden hatte.
Heinz hatte zwar auch früher nie viel gesagt, wenn Helga ihm etwas erzählte, aber er sagte immer, wenn er selbst nicht so viel spräche, so läge es nur daran, daß er viel lieber zuhöre, als selber etwas zu sagen.
Helga gefiel dieses Verhalten, da sie selbst gerne erzählte und sich deshalb auch keinen besseren Gesprächspartner als Heinz vorstellen konnte.
Dieses Glück hielt jedoch nicht lange an. Bereits kurz nach der Heirat änderte sich Heinz Verhalten drastisch. Sein Interesse an Helga und dem, was sie erzählte, ließ schlagartig nach. Und Heinz machte auch keinen Hehl daraus. Ohnehin sah er sie nur als naives Dummchen vom Lande, das ihm sein Lebensstil finanzierte Es war ihm ziemlich egal, daß Helga merkte, was er eigentlich von ihr hielt..
Denn vor einer Scheidung brauchte er keine Angst zu haben; Helga stammte aus einer streng katholischen Familie. Ihr Bruder strebte das Amt des Bischofs an, so daß er aus Sorge um seine Bischofsanwärterschaft in seiner nahen Verwandtschaft keinen Verstoß gegen die ehernen Gesetze der Kirche zulassen würde. Zumindest aber wußter er dafür zu sorgen, daß mögliche Verstöße geheim blieben.Außerdem wußte Heinz, daß Helgas Familie einer Trennung nie zugestimmt hätte.
So gab sich Helga also nach außen jede Mühe, den Schein einer heilen Beziehung zu wahren. Nicht nur bei ihren Eltern hatte sie gelernt, daß sich so ein Bild für Außenstehende ohne allzu große Mühe aufrechterhalten läßt
"Bis daß der Tod euch scheide..." hatte der Pfarrer bei ihrer Trauung gesagt. Dieser Satz klang Heinz oft in den Ohren und er grinste dann immer, denn er hatte zwar damals einen gewissen Aufwand um Helga getrieben, jedoch mit lebenslanger Rendite, wie er vor seinen Freunden gerne prahlte.
"Bis daß der Tod Euch scheide..." Und das würde nach Heinz Vorstellungen noch ziemlich lange dauern. Zwar hatte Heinz einen sehr ungesunden und exzessiven Lebensstil zu eigen, das Geld seiner Gattin ermöglichte ihm jedoch jede Kur und Erholung die man sich wünschen konnte.
So sah Heinz guten Zeiten entgegen, er hatte bis an sein Lebensende ausgesorgt.
Mittlerweile machte er auch aus seinen Affären kein Geheimnis mehr vor Helga und es störte ihn auch nur wenig, daß sie darunter litt. Darauf angesprochen sagt er immer nur: "Kann sie ja auch machen, wenn sie will."
Helga hingegen versucht, in Erinnerung an früher und um den Schein zu wahren, jeden Morgen erneut, eine Unterhaltung zu beginnen.
"Na Heinz, hast Du gut geschlafen?" fragte sie auch an jenem Tage, obwohl sie wußte, daß ihr Gatte erst am frühen Morgen nach Hause gewankt war.
Heinz gab keine Antwort, sondern brummte nur: "Kaffe!" hinter seiner Zeitung hervor. Helga schenkte ihm, wie immer, welchen ein und versuchte es erneut: "Schatz, möchtest Du auf deinen Toast etwas von der Waldbeerenkonfitüre, die ich gestern eingekocht habe?"
Heinz grummelte etwas hinter seiner Zeitung hervor, das sowohl "Ja" als auch "Nein" bedeuten konnte und Helga gab ihm den Toast.
Nach einer Weile des Schweigens versuchte sie es erneut: "Na, was steht denn so drin in der Zeitung?"
Diesmal hatte sie Erfolg. Heinz unterbrach die Lektüre und schaute sie aus seinen ,noch von der vorherigen Nacht, verquollenen Augen über den Rand der Zeitung an und sagte: "Lies doch selbst."
Helga mußte etwas schlucken und murmelte nur: "Aber du hast doch die Zeitung...", worauf Heinz entgegnete: "Dann warte halt, bis ich fertig bin!" und hielt Helga seine Kaffeetasse hin.
Heinz war von Grund auf zufrieden mit sich und seinem Leben. Es war beinahe Stolz, der ihn erfüllte, daß alles so wohl organisiert und reibungslos ablief. Er hatte ausgesorgt und genoß sein Leben in vollen Zügen. Geld, Haus, Auto, Kaffe --- das Leben war für ihn perfekt.
Helga sah ihn an, als sie ihm den Kaffe einschenkte und dachte an früher, wie alles begonnen hatte. Es schien alles so schön, so unglaublich schön zu sein zu Beginn ihrer Ehe. Und dann diese Enttäuschung nach so kurzer Zeit. Wie wundervoll hätte doch alles werden können und wie war es nun.
Sie wußte auch, daß er wußte, daß sie wußte, daß sie ihm nur Mittel zum Zweck war. Aber sie wußte noch mehr. Etwas, was Heinz nicht wußte.
In den anfangs schweren Stunden, als sie so unverhofft allein zu Hause saß, hatte sie Trost in ihrer Bibel gesucht, wie sie es aus ihrer Kindheit gewohnt war.
Und auf Seite zweihundert ihres Neuen Testamentes, genauer gesagt, bei den Korinthern 6.9-10, hatte sie gefunden, was sie gesucht hatte: "Ehebrecher werden nicht das Reich Gottes ererben."
Das fand sie interessant und wollte herausfinden, ob das wirklich stimmt.
Wirklich herausfinden würde sie es selber zwar nicht, aber eine ihr nahestehende Person würde die Gelegenheit haben, festzustellen, ob die Bibel wirklich wörtlich zu nehmen ist., wie ihr in der Kindheit gepredigt wurde.
Ab diesem Moment wußte sie, was sie zu tun hatte. Ihre bisherige Trauer verlor sich und mit der Zeit entstand dafür etwas, was man durchaus als Forschergeist bezeichnen konnte. Sie hatte schon immer versucht den Dingen auf den Grund zu gehen und fand nun die Gelegenheit, eine Behauptung in etwas größerem Rahmen auf ihre Wahrhaftigkeit zu untersuchen.
Nicht ohne Grund schenkte sie Heinz in letzter Zeit den Kaffe so zuvorkommend ein. Eine Zeitlang war es ihr egal, ob ihr Gatte ein gutes Frühstück hatte oder nicht. Er wollte ja ohnehin nicht mit ihr reden. Doch mittlerweile hatte sie wieder ein stärkeres Interesse entwickelt, daß ihr Mann jeden Morgen ein ausgiebiges Frühstück zu sich nahm. Heinz deutete dieses Verhalten so, daß Helga sich mit ihrer Lage abgefunden hatte und sich nunmehr ihrem Schicksal fügte. Aber er irrte sich.
Aufgrund seines ungezügelten Lebenslaufes hatte Heinz seit einiger Zeit Probleme mit dem Herzen. Vor Helga spielte er die Angelegenheit immer herunter, da wäre nichts.
Es war wahrscheinlich sowieso nur eine Frage der Zeit, bis Heinz das Zeitliche segnete. Aber Helga wollte diese für sie sehr interessante Angelegenheit nicht dem Zufall überlassen.
Aus diesem Grund hatte sie mit einer Therapie für Heinz begonnen.
Eine Therapie von der er nichts wußte. Helga hatte in unregelmäßigen Abständen dem Kaffe das Herzmittel von Heinz beigesetzt. Meist an Tagen, an denen Heinz nahezu unzurechnungsfähig das Bett verließ. Seine Hände waren an diesen Morgenden so fahrig und zittrig, daß er nie genau kontrollieren konnte, wieviel Herzmittel genau er in sein Wasserglas abmaß. Heute würde Heinz seine endgültige, wohlverdiente Ration bekommen.
Heute war ein hervorragender Tag für ihr Vorhaben und die Befriedigung ihres Forscherdrangs.
Sie würde über das Wochenende zu einem Klassentreffen fahren, so daß das planmäßige Ableben von Heinz unentdeckt bleiben würde, bis am Montag die Haushälterin kam.
Und keiner würde Helga mit diesem tragischen Unglücksfall in Verbindung bringen.
Denn jeder wußte, daß Heinz seit einiger Zeit immer öfter über dieses Herzrasen klagte, das ihn heimsuchte. Meist nach Abenden, an denen er sehr ausgiebig gefeiert hatte.
Und deshalb lächelt Helga, als sie Kaffe nachschenkte.
Und Heinz lächelte auch, denn es klang ihm wieder in im Ohr: "Bis daß der Tod euch scheide..." Aber Helga störte sich nicht mehr an seinem Lächeln.
Sie streckte die silberne Warmhaltekanne mit dem frisch gebrühten Kaffee in Heinz Richtung und fragte mit einem sanften Lächeln, so wie Heinz es gewohnt war: "Bist Du sicher, daß du noch mehr Kaffe möchtest? Ich habe in letzter Zeit den Eindruck, Du trinkst zuviel Kaffe. Du weißt doch, daß der Doktor gesagt hat, Du solltest wegen Deines Herzens nicht mehr soviel..."
"Schenk ein!" herrschte Heinz sie an. "Was weißt denn Du, was weiß denn der Doktor, was gut für mich ist?"
"Wie du möchtest." gab Helga zurück und goß mit einer eleganten Bewegung den Kaffe in die von Heinz hingehaltene Tasse. Der Kaffe, reichlich mir Herzmittel versetzt, ergoß sich in einer schwarzen Woge in die Tasse.
Während Heinz den Kaffe ohne ein Danke entgegennahm und sich die Kehle hinunter stürzte dachte er: "Schmeckt irgendwie eigenartig der Kaffee. Vielleicht sollte ich doch öfter bei Geraldine, meiner Geliebten, frühstücken."
Nach dem Frühstück pflegte Heinz meist, wie auch heute, wieder ins Bett zu gehen
Er hörte nur noch leise, wie Helga einige Zeit später das Haus verließ und bei geöffneter Haustür rief, so daß es der Nachbar, der gerade im Vorgarten arbeitete, deutlich hören konnte: "Also Heinz, ich freue mich auf Montag, wenn ich wiederkomme. Bis dann!"
Und diesmal freute sie sich wirklich auf Montag.
Denn dann würde ein neues Leben für sie beginnen.
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26.Juni 1999 Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten