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Sicher ist sicher ist sicher von Jörg Ehrnsberger
In den Wohnungen hat sie sich auch schon eingenistet. Wahrscheinlich wurde sie von Leichtsinnigen, die noch allein auf die Straße gehen, ins Haus geschleppt.
Die organisierte und unorganisierte Kriminalität. Die Zeitungen sind voll von Paradebeispielen Wie schleichendes Gift infiziert sie jeden, der mit ihr in Berührung kommt. Sittlich besonders hoch stehende Menschen natürlich ausgenommen.
Wer von ihr infiziert wird, betätigt sich nach seinen Möglichkeiten. Verfügt man über größere Mittel und Verbindungen fällt die Kriminalität etwas größer aus, verfügt man nicht, muß es kleiner gehen. Wer sehr reich ist, kann Millionen an Steuern hinterziehen, wer arm ist haut eben andern eins in die Fresse oder erschleicht sich vielleicht ein bißchen Sozialhilfe. Nur besteht hierbei noch der Unterschied, daß das Erstere meist kein Delikt ist, da es für so etwas Steuerberater gibt.
Kriminalität also an allen Ecken und Enden. Was nun tun?
Will man sich einer Problematik annähern, empfiehlt es sich ja bekanntlich erst einmal zuzuhören. Da aber ein organisierter Krimineller aus Organisationsgründen nichts erzählen darf, muß eben so zugehört werden, daß er davon nichts mitbekommt. Es muß gelauscht werden, wenn hoffentlich andere plauschen.
Schön, damit wären alle Probleme gelöst, denn ein gutes Gespräch, wenn auch in diesem Falle einseitig, kann so manches Problem aus der Welt schaffen. Aber leider, wie sich zeigt, doch nicht alle. Denn das Lauschen funktioniert noch nicht so gut, wie es manche gerne hätten. Die Chefs der Organisation der Kriminalität sind nicht immer so dumm, wie sie uns dargestellt werden. Das heißt, man kann davon ausgehen, daß sie auf diese Gesprächsangebote nur ungern eingehen. Nicht nur, weil sie nicht gefragt werden, sondern weil diese Gespräche zu einseitig sind. Erst wird nur zugehört und der Kriminelle muß sprechen. Und das möglichst überall. Im Klo, im Bett, im Auto und sonstwo. Und später, wenn alles nach Plan läuft, darf der "Kriminelle", oder der, der zu einem erklärt wird, selbst nur zuhören. Nämlich wenn der Richter zu ihm spricht. Da kann ich ja direkt verstehen, daß sich ein Krimineller, dazu noch ein organisierter, sich nicht unterhalten will und deshalb versucht, meist mit Erfolg, diesem Gespräch auszuweichen.
Bleibt also das Zuhören nur bei den Anderen. Aber wen interessiert schon das Liebesleben von Frau Meier oder das neue Käsekuchenrezept von Herrn Schmidt?
Auf Grund dieser Problematik, besann man sich auf ein weiteres Rezept der Problem-Annäherungs-Taktik, diesmal einer pädagogischen: Den Anderen da abholen, wo er steht. Oder sitzt oder rumläuft, wie auch immer. Und da die meisten Leute auf den Straßen rumlaufen, obwohl es angeblich so gefährlich ist, wird geschickterweise hier angesetzt. Und so verschönern nun mehr Polizei, Sicherheitsdienste, City-Streifen, schwarze Männchen und mobile Wachen das öffentliche Leben. Auf den Straßen, in Zügen, in S-Bahnen, in Bahnhöfen und Einkaufsstraßen. Eben da, wo sich das öffentliche Leben, ab nun eher halböffentlich, bisher abspielte. Mehr Sicherheit durch mehr Präsenz. Denn wenn überall Securityartisten herumlungern, kann das Vorteile haben: Leute, die auf Grund ihre geringen Mittel keine Möglichkeit hatten, groß kriminell zu werden, könne jetzt ihrer Beschäftigung, anderen eins in die Fresse zu hauen beruflich nachgehen. Denn es gibt gar nicht so viele ausgebildete Sicherheitsexperten, wie eingestellt werden. Und in der Regel reicht eine knapp 20 stündiger Lehrgang aus, um sich zum Sicherheitsdienstmitarbeiter zu machen. Also wird genommen, was sowieso anderen gern eins reinhaut und zudem auch ansonsten keine große Aufgabe im Leben hat.
Und so wird durch die extreme Sicherheitspräsenz alles viel harmonischer Irgendwann ist alles mit Schutz ausgestattet und dementsprechend sicher. Aber sicher ist noch nicht sicher genug. Denn das Aufrüsten hört noch lange nicht auf.
In Sachsen zum Beispiel dürfen Bürger jetzt auf Sicherheitsstreife gehen und dabei Personalien feststellen, sowie Platzverweise aussprechen. Und zwar in Park- und Kleingartenanlagen und auf Kinderspielplätzen, die ja bekanntlich ein Hort der Schwerstkriminalität sind. Und wer nicht spurt... kriegt eben eins in die Fresse.
Wie gehabt, denn ein Teil derjenigen, die jetzt freiwillig --für 40 DM in der Stunde-- ihre Runden drehen, tat das auch vorher schon. Und zwar auf eigene Faust und in Uniformen, die denen des BGS ziemlich ähnlich waren. Was natürlich zu Verwechslungen führte, die aber keineswegs unbeabsichtigt waren. Und diese Bürgerwehren, wie sie sich selbst nannten, bilden jetzt den Grundstock für die "Sächsische Sicherheitswacht" Der einzige Vorteil daran ist, daß sie ihre jetzt Waffen abgeben und zumindest ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen müssen.
Auch in Osnabrück wird nachgedacht, was getan werden kann, um von den Metropolen nicht völlig abgehängt zu werden. Denn man möchte ja so gerne mitreden können. Und was anderswo längst als schwachsinnig verworfen wurde, machen wir in Osnabrück gleich doppelt gut. Junkiejogging, wie es im Fachjargon heißt. Hat man in größeren Städten bereits eingesehen, daß es nichts bringt, Junkies mit massiver Polizeipräsenz von einem Platz zu vertreiben, nur damit sie zwei Straßen weiter einen neuen Treffpunkt finden, wird in Osnabrück gerade hieran mit größter Anstrengung gebastelt. Der neueingerichtete OAD, der Ordungsaußendiesnt, soll die Straßen sauber halten von der "offenen Drogenszene". Und von der müssen einige recht merkwürdige Vorstellungen haben und verbreiten diese auch fröhlich weiter. So auch Michael Schwager, der als Redakteur in der NOZ vom 17.4.98 schreibt: "Ein paar Bierchen zum Frühstück, dazu eine Portion Heroin, gleich um die Ecke genossen oder in Ruhe daheim. Am Neumarkt hat sich seit einiger Zeit eine spezielle Form der Gemütlichkeit entwickelt." Dazu ein Foto mit drei Gestalten plus Bildunterschrift: "Unerfreulich, abstoßend, ekelhaft." Hier fällt mal wieder unter den Tisch, daß Drogenabhängigen nicht die sind, die eine Gesellschaft zerstören wollen. Sondern selbst zerstört sind und das sind, was die Gesellschaft auf ihrem Kapitalakkumulationstrip als Ballast zurückließ: Gescheiterte und Abhängige. Und an diesen Stellen nun, wo die Gesellschaft sich mit den selbst hervorgerufenen Symptomen konfrontiert sieht, ruft sie nach mehr Ordnungsmacht, um sich des Anblicks ihres eigenen Versagens zu befreien. Anstatt sich angesichts der steigenden Zahl der Verlierer mal zu fragen, wie es zu dieser Situation kommt. Aber dafür ist keine Zeit. Denn Zeit ist Geld. Und Geld ist Macht.
Aber kein Problem, der OAD wirds schon richten. Aus den Augen, aus dem Sinn. Bitte nichts, was den harmonischen Ablauf des Konsums stören könnte. Somit wären die Junkies also versorgt, bzw. verjagt.
Was aber tun mit denen, die auf der Straße Alkohol trinken? Denn nichts ist schlimmer, als wenn Alkohol getrunken wird. Das ist Konsens. Und zwar von allen Anwohnern und Geschäftsleuten, wenn sie sich am Stammtisch treffen.
Bloß einen Haken gibt es noch: Gegen das öffentliche Alkohol trinken kann auch der OAD nichts unternehmen. Denn das ist in Osnabrück, im Gegensatz zu einigen anderen Städten, noch nicht verboten. Und das ist bedenklich, denn jeder weiß ja, welche schlimmen Folgen Alkohol haben kann.
Zum Glück ist Champagner, der hinter dicken Türen oder bei "Osnabrück ißt gut" genossen wird, kein richtiger Alkohol.
Aber auch für das Osnabrücker Alkoholproblem stehen Lösungen parat: Wer die neuen Pläne für die Einkaufsstraße kennt, wird erleichtert aufatmen: Die Sitzbänke werden reduziert und stehen nur noch an gut zu überwachenden Plätzen. So kriegen wir die Alkoholabhängigen auch noch in den Griff. Wenn das kein Fortschritt ist.
Sicher ist eben sicher ist sicher.
Da bleiben keine Fragen offen.
Oder muß man tatsächlich noch fragen, wer von all dem profitiert?
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