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Jörg Ehrnsberger

Vorortsgeflüster

Obwohl ich niemals dorthin wollte, war ich heute in einem Vorort jener Stadt, in der ich lebe. Es war nicht meine Schuld, daß ich dort gelandet bin. Am Abend vorher in geselliger Runde schwärmte eine Bekannte von ihrem neuen Job. Sie arbeitet bei der Post und ihre Aufgabe ist es, die Briefe unter das Volk zu bringen. DA ich mir nicht vorstellen konnte, daß Arbeit überhaupt Spaß machen kann, beschloß ich die Probe auf’s Exempel zu machen und sie zu begleiten. Nach einer zu kurzen Nacht stieg ich also morgens auf mein Rad, um zu dem vereinbarten Treffpunkt zu gelangen.

Je mehr ich mich dem Ziel näherte, desto stärker wurde auch der Regen, der mich umhüllte. Zuguter letzt angekommen war allein meine Verabredung von der Post nicht da. "Ach", dachte ich mir, "Kann ja schon mal vorkommen, eine kleine Verspätung." Also stellte ich mich unter einen Baum und wartete. Und wartete. Und wartete. Und rechnete, wie lang der Weg von der Post zu diesem Punkt sein könnte. Und wartete.

Und schaute mich um. Damit war ich dann auch nicht mehr alleine. Denn die Bewohnerin des Hauses, zu welchem der Kirschbaum gehörte schaute auch. Nämlich mich an. Ich konnte es ihr im ersten Moment auch nicht verdenken. Zwar stand der Baum auf der Straße, aber doch relativ dicht an ihrem Haus. Daraus ergibt sich logischerweise, daß der Baum mehr ihr gehört als mir. Außerdem hat sie sich gewiß durch das regelmäßige Aufsammeln der Blätter fast schon Besitzrechte gegenüber dem Baum erworben.

Aber wo Rechte sind, sind auch Pflichten. Zum Beispiel den Baum sauber zu halten und aufzupassen, daß sich da kein Gesindel unter ihrem Baum herumtreibt, und womöglich versucht, den Baum zu stehlen. Oder etwa versucht unter dem Baum, im Schutze der Äste krumme Geschäfte zu machen. Oder unter Umständen sich im Schoße der Natur Drogenexzessen hinzu geben.

Na, und da stand ich nun unter ihrem Baum. Und das noch zu einer Tageszeit, die für Gestalten wie mich völlig unangemessen ist. Denn wie jeder weiß, gehen solche nicht vor Mitternacht ins Bett und stehen nicht vor Mittag auf. Und es war kurz vor neun Uhr morgens. Und es regnete.

Da muß doch jeder gesetzestreue Bürger förmlich spüren, daß hier was nicht stimmt.

"Sie", sprach mich die Frau aus dem Fenster dann auch an und riß mich aus meinen Träumen. "Sie, was machen sie denn da? Haben sie nichts zu tun?" Ich hatte schon damit gerechnet, daß etwas derartiges passieren müßte und war insofern auch nicht ganz unvorbereitet auf diese Verbalattacke. "Ich", antwortete ich, "Ich stehe hier so rum. Und was machen Sie? Haben sie nichts zu tun?"

Damit hatte die Frau nicht gerechnet. Sie schluckte und ließ den Mund offen stehen. In ihrem Kopf begann es zu arbeiten, man konnte es förmlich sehen. Dann kam die Antwort: "Was fällt ihnen ein, ich wohne hier. Ich kann tun und lassen, was ich will!"

"Ah ja", sagte ich. "Ich stehe hier so rum und ansonsten geht es mir ähnlich." Pause. Es arbeitete weiter bei der Frau. Dann eine neuerliche Attacke. "Hören sie mal, das ist mein Baum. Sie können da nicht einfach stehen."

Ich sagte zu ihr: " Aha, ihr Baum also. Warum steht er dann auf der Straße und nicht vor ihrem Fenster?" Nach dreißig Sekunden dann die Antwort: "Das ist mein Baum. Ich wohne hier. Wo kämen wir denn dahin, wenn alle, die nichts zu tun haben unter fremden Bäumen stehen würden? "

"Ja", entgegnete ich und begann Gefallen an der Unterhaltung zu gewinnen, "Wo kämen wir denn dahin? Als erstes denke ich würden nicht mehr so viele Leute aus Fenstern herausgucken und anderen Leuten Fragen stellen. Und wo wir dann hinkommen, müßten wir mal sehen."

"Hören Sie", fuhr die Frau mich an, "Ich gehe doch auch nicht irgendwo hin und stelle mich unter einen Baum der mir nicht gehört. Da könnte doch jeder kommen." "Und warum stellen sie sich nicht mal unter einen Baum?", fragte ich zurück? " Sie können doch so gar kein Werturteil abgeben, wie das ist, unter einem Baum herum zustehen."

"Ich habe mich noch nie unter irgendwelche Bäume gestellt. Wo kämen wir denn dahin?" entrüstete sich meine Gesprächspartnerin.

"Sagte ich ihnen doch bereits, wo wir dann hinkommen", erinnerte ich sie. "Übrigens wissen sie eigentlich was das für ein Baum ist, ihr Baum?" frage ich .

"Das ist mein Baum und das geht sie gar nix an. Das wär ja noch schöner wenn ich jedem Dahergelaufenen erzähle, was das für ein Baum ist." , fuhr sie mich an. "Aber", entgegnete ich ihr mit einem Lächeln, "ich laufe doch gar nicht. Aber wenn sie es nicht wissen, was das für ein Baum ist, will ich es ihnen gerne verraten: Es ist ein Kirschbaum."

"Hermann", gellte ihr Schrei durch das Haus, "Hermann so komm doch, da steht einer unter unserm Baum und will mir sagen er wüßte besser über den Baum Bescheid als ich. So tu doch was!" Hermann näherte sich auf den Schrei seiner Frau und stand in seinem Schlafanzug neben ihr.

"Sie", fragte er mich, "Was machen sie denn da, haben sie nichts zu tun?" Ich antwortete wie schon einmal: " Ich stehe hier so rum . Und was machen sie so?" "Ich stehe an meinem Fenster und.... Das geht sie gar nix an! Ich kann stehen , wo ich will!" brüllte er mich an.

"Hat ihnen ja auch keiner verboten." sagte ich. "Im übrigen glaube ich gar nicht, daß das ihr Baum ist.", flocht ich ein, um das Gespräch etwas voran zu bringen. Dem Mann quollen die Augen aus dem Kopf und die Frau duckte sich in Erwartung des Wutanfalls ihres Gatten. "Wie reden sie denn ? Wissen sie überhaupt wer ich bin?" schrie er mich an. "Nein", sagte ich "Weiß ich nicht. Wissen sie denn, wer ich bin?" fragte ich zurück. Etwas leiser lauernd zischte er: "Das brauche ich nicht zu wissen, das sehe ich: Sie sind ein langhaariges Subjekt, das wild in der Gegend rum steht und anständigen Bürgern die Zeit stiehlt. Außerdem ist das unser Baum. Aber ich weiß schon, warum sie uns unseren Baum nicht gönnen! Sie sind Kommunist und wollen allen alles wegnehmen. Aber unseren Baum kriegen sie nicht. Und wenn ich ihn mit meinem eigenem Leben verteidigen muß, damit ihr Brüder den nicht kriegt. Ich habe mein Leben lang hart gearbeitet. Da laß ich mich doch nicht von euch zu einem Sklaven machen. Was ich habe, das behalt ich. Eher sterbe ich, als mich enteignen zu lassen. Und jetzt ruf ich die Polizei, die wird Dir noch Manieren beibringen, Freundchen."

Ich ließ ihn erst mal zu Luft kommen und während wir warteten, er im Schlafanzug am Fenster und ich immer noch unter dem Baum, fragte ich ihn wie nebenbei, was er nun besitze, wofür er sogar sterben würde.

Dabei kam dann raus, daß auf dem Haus eine Hypothek liegt, das Auto nur geleast ist, sein Arbeitsplatz unsicher ist und der Zwangsvollstrecker sich für die nächsten Tage angekündigt hatte. Auf meine neuerliche Frage, was er denn so besitze, fiel die Antwort bereits etwas spärlicher aus. "Gleich kommt die Polizei"; sagte er irgendwann, schon etwas unsicherer als zu Beginn des Gesprächs. Es schien ihn zu verwirren, daß da jemand vor seinem Haus unter einem Baum stehen kann, der nicht nur sprechen sondern auch noch denken konnte.

Nach fünf weiteren Minuten kam auch die Polizei und wollte wissen, wer sie gerufen hatte und warum. Die Frau sagte: "Herr Wachtmeister, mein Mann hat sie gerufen. Da steht so eine Person unter dem Baum!" Etwas irritiert wies die Polizei die Frau darauf hin, daß das allein noch nicht verboten sei. "Hermann, so sag doch den Wachtmeistern , was passiert ist.", forderte die Frau ihren Mann auf. Er versuchte auch zu schildern, was sich vorgetragen hatte, war aber noch mit dem Denken beschäftigt und konnte auch so nicht schnell umschalten. Der eine Polizist sagte. " Ich fasse also noch mal zusammen. Eine Person steht unter dem Baum, der vor ihrem Haus steht. Und stellt Fragen. Soweit richtig?" Der Mann nickte nur und schien sich sehr unwohl in seiner Haut zu fühlen. Der Polizist wollte ihm nach Möglichkeiten auf die Sprünge helfen und fragte deshalb: "Hat er sie vielleicht unflätig oder ehrverletzend betitelt? Hat er ihnen gedroht? Oder hat er verfassungsfeindliche Äußerungen im engeren oder weiteren Sinne betrieben? Oder hat er eventuell Werbung für terroristische Vereinigungen gemacht? Überlegen sie mal."

Natürlich mußte der Mann das alles verneinen und sagte nur "Eigentlich hat er uns nur gefragt, was ich mache und gefragt was konkret mir gehören würde, was ich durch eigene Arbeit erworben hätte. Und Herr Wachtmeister, ich wußte gar nicht, was ich da antworten sollte." Etwas verwirrt und auch ins Nachdenken gekommen, schauten sich die beiden Polizisten an und erklärten, daß sie es sehr bedauern würden, aber da wäre nichts zu machen. Wenn ich gebettelt hätte oder die Straße beschädigt hätte, wäre eine Handhabe gegen mich möglich gewesen. Zwar wäre auch ihnen das Ärgernis offenbar, daß fremde Leute unter hausnahen Bäumen stünden, aber wie bereits gesagt: Keine Handhabe.

So zogen auch die Polizisten, wenn auch etwas unbefriedigt, wieder von dannen. Auch Hermann und seine Frau zogen sich in ihr Haus zurück, nicht jedoch ohne mich hinter der Gardine weiter zu beobachten.

Auch für mich war es irgendwann an der Zeit diesen Vorort mit seinem Kirschbaum und den reizenden Menschen wieder zu verlassen, viele andere Aufgaben warteten noch auf mich. So hatte ich zwar nicht die Post mit ausgetragen, dafür aber nette Bekanntschaft mit Vorortsbewohnern gemacht.

Auf einem Zettel hinterließ ich eine Kurzzusammenfassung der Ereignisse für den Fall, daß die Postbotin doch noch an diesem Tag diesen Ort besuchen würde und fuhr fort.

Seit diesem Ereignis suche ich in unregelmäßigen Abständen andere Vororte auf, um ähnliche Studien zu betreiben.

 

 

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26.Juni 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten