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Die Wahrheit braucht sich nicht zu verstecken von Jörg Ehrnsberger
In einem Wald, nicht allzuweit von hier, lebten einmal viele Tiere, die sich zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen hatten. Jeder sollte für den Erhalt der Gemeinschaft das tun, was er am besten konnte. Wo früher mühselig einer alles für sich alleine tun mußte, konnte nun so auf die Hilfe des jeweils anderen gebaut werden. Viele Tiere erlangten in einzelnen Gebieten Spezialkenntnisse und konnten so in ihrem Sektor besonders effektiv arbeiten. Es lebten alle froh und in dem Wissen, daß sie Spezialisten waren und insofern einzigartig und unersetzbar.
Natürlich muß so eine Arbeitsteilung auch entsprechend koordiniert sein, sonst läuft die Produktion einerseits ins Leere und auf der anderen Seite herrscht Mangel. So fanden sich einige Tiere bereit diese aufwendige Koordinierungsarbeit auf sich zu nehmen. Dafür erhielten sie den Dank von den anderen Tieren, die sich sagten: " Lieber mache ich hier etwas Praktisches, als in dunklen Erdhöhlen zu sitzen und Zahlen zu addieren."
Eine Zeitlang lief dieses System gut. Doch wie immer, wenn es am schönsten ist und es den Untergebenen zu gut geht, kommt irgendwer auf dumme Gedanken. Einige Tiere, die etwas mehr am Waldrand wohnten und insofern den Segen der produktionssteigernden Arbeitsmethoden noch nicht ganz verstanden hatten., waren es, von denen der Keim des Untergangs ausging.
Ein Eichhorn, eine Wildkatze und ein kleiner Vogel, die sehr weit abseits wohnten, zwischen dem Waldrand und dem Wiesengraben, trafen sich eines abends beim Spazierengehen und kamen auf diesem Wege ins Gespräch über ihr Leben, über die Vorteile und Annehmlichkeiten der neuen Lebensform, aber auch über Dinge, die ihnen unverständlich waren.
Das Eichhorn kannte das Gerücht, die Verwalter der Arbeitsteilung würden sich auf Kosten der arbeitenden Tiere ein angenehmes Leben machen und die meiste Zeit in der Sonne liegen und auf Anfragen zur Produktion antworten: "Ja, ja, macht nur. So lange heute mehr gemacht wird als gestern und morgen nicht weniger als heute, wird es schon seine Richtigkeit haben und gut für uns alle sein."
Das konnten jedoch weder Vogel noch Wildkatze glauben, denn sie dachten sich: "Das kann nicht sei. Denn das hieße ja, unser System wäre dumm. Das aber kann nicht sein. Denn wir haben es uns doch selbst so eingerichtet. Und da wir ja nicht dumm sind, kann unser System ja auch nicht dumm sein."
Das sagten sie auch dem Eichhorn und meldeten das Eichhorn mit seinen unerhörten Hetzgeschichten dem Gebietsproduktionsleiter, dem Fuchs. Herr Fuchs sagte: "Aber liebes Eichhorn, wie kannst Du denn so etwas denken? Hast du denn nicht immer genug zu essen gehabt? Und haben wir dir nicht auch immer eine sinnstiftende Tätigkeit gegeben? Liebes Eichhorn, morgen muß ich auf Inspektionsreise. Komm doch einfach mit und überzeuge dich selbst."
Etwas widerstrebend willigte das Eichhorn ein. Denn was der Fuchs sagte, klang logisch und das Eichhorn wollte sich nicht blamieren
Am nächsten Morgen trafen sich Fuchs und Eichhorn um die gemeinsame Reise anzutreten.
Der Fuchs hatte nur wenig Gepäck für die lange Reise, ganz im Gegensatz zu dem Eichhorn. Das Eichhorn wollte nämlich, wenn es schon auf diese Reise mit mußte, wenigstens gut gekleidet sein, um einen guten Eindruck bei dem Gebietzsproduktionsleiter zu lassen. "Man weiß vorher nie, wozu etwas hinterher gut ist.", sagte das Eichhorn als Erklärung zu seiner Frau. Sie nickte still, denn sie wußte es auch nicht. Außerdem war sie stolz, daß gerade ihr Mann, mit dem Gebietsproduktionsleiter auf einem solch guten Fuße stand, daß dieser ihn sogar zu einer Reise einlud.
Und das Eichhorn hatte viel Gepäck mit, denn der Herr Fuchs hatte schon angedeutet, daß dies eine lange Reise sein würde, man solle sich zu Hause keine Gedanken machen.
Auf die Frage des Eichhorns, weshalb er selbst so wenig Gepäck habe antwortete der Gebietsproduktionsleiter: "Das wirst du auf dieser Reise auch noch lernen. Schließlich ist dies hier ja eine Reise, auf der Du lernen sollst, wie die Welt wirklich aussieht und Du in Zukunft keine dummen Geschichten mehr erzählen mußt." Über diese Antwort mußte das Einhorn eine ganze Weile nachdenken, denn sie schien keinen Sinn zu machen. Nachdem es eine gute Weile gegrübelt hatte und die zwei Reisenden ein gutes Stück von dem heimatlichen Wald entfernt waren, ließ es dem eichhorn keine Ruhe mehr und fragte erneut. Der Fuchs sagte: "Mein liebes Eichhorn, wenn du von alleine nicht auf die Antwort kommst, will ich es Dir erklären. Im Gegensatz zu Dir habe ich kein Proviant bei mir. Und im Gegensatz zu dir stelle ich auch weder viele Fragen noch erzähle ich unverbürgte Geschichten."
Gerade dachte das kleine Eichhorn noch nach, wo der Zusammenhang zwischen Proviant und Fragen bestünde, als es diesen auch schon am eigenen Leib zu spüren bekam.
Der Fuchs dachte sich nur: "Wieder ein Problem aus der Welt geschafft und dazu noch gut gespeist."
Nach einiger Zeit begannen sich der Vogel und die Katze zu wundern, wo das Eichhorn so lange bliebe. Die Katze sagte zu dem Vogel: "Wahrscheinlich hat unser Eichhorn gemerkt, wie fehl es in seiner Annahme lag und traut sich aus Scham nun nicht mehr zurück." Die Katze nickte zustimmend und sagte: "So wird es wohl sein. Schließlich haben wir nichts Gegenteiliges gehört." Der Gebietsproduktionsleiter, der wie zufällig gerade vorbei kam er hatte seine Ohren immer und überall bestätigte diese Annahme.
Die Lage im Wald aber wurde immer haltloser: Die Tiere mußten mehr arbeiten, bekamen dafür aber im Gegenzug weniger zu essen. Die Begründung aus dem Planungsressort war, daß im Moment wegen Überangebot der Wert der Arbeit ein wenig gesunken sei. Deshalb müßten alle für ihr Essen etwas mehr arbeiten. Dies sei im übrigen dem Allgemeinwohl zuträglich, da körperliche Bewegung vor schlechten Gedanken und sonstigen Krankheiten schütze.
Die meisten Tier gaben sich mit dieser Argumentation zufrieden. Denn sie kam von oben aus dem Planungsressort, von da, wo die saßen, die Überblick hatten. Diejenigen aber, denen das Verstehen etwas schwerer fiel und die nicht von der Argumentaton aus dem Planungsressort überzeugt waren, wurden, entgegen der Erwartung der ewigen Unkenrufer, nicht bestraft, sondern bekamen die Gelegenheit, sich vor Ort von der Wahrheit persönlich zu überzeugen. Und sie bekamen dazu alle Zeit, die sie wollten, denn die Reisen dauerten sehr lange, wenn nicht ewig.
Die wenigen die zurückkamen beteuerten fast unentwegt, daß alles gut sei und wie gut es sei. Noch vehementer beteuerten sie sogar, daß sie es damals auch niemals so gemeint hätten, wie es fälschlicherweise verstanden worden sein könnte.
Denen, die nicht mehr zurückkamen, erging es wie dem Eichhorn, sie fielen in tiefe Scham und trauten sich nicht mehr nach Hause zurück
Durch diese Informationen direkt aus erster Hand waren alle Tiere bald aufgeklärt und waren einer Meinung: Möglicherweise ist die Situation schlecht. Es ist aber nicht unsere Schuld. Wir tun schon was wir können. Bestimmt wird alles gut wenn wir so weitermachen wie bisher, nur noch intensiver."
Unbelehrbare aber gibt es immer und das schlimme ist, man sieht es ihnen vorher nicht an. Eines Tages nämlich sagte der Vogel, der seinen alten Freund, das Eichorn nicht vergessen hatte: "Ich will doch mal auf eigene Handschwinge schauen, was da los ist!"
Sprach`s und flog fort um vor Ort zu schauen, wie es aussieht.
Leider mußte er feststellen, daß die Wahrheit selbst die schlimmsten Gerüchte bei weitem übertraf. Die Verwalter der Arbeitsteilung sagten nicht nur auf jedwede Frage: "Ja, ja, macht nur. So lange heute mehr gemacht wird als gestern und morgen nicht weniger als heute, wird es schon seine Richtigkeit haben und gut für uns alle sein.", sondern sie lagen dabei noch faul in der Sonne und ließen sich von anderen Tieren das Essen servieren.
Unbemerkt von den Verwaltern der Arbeitsteilung in einem Baum sitzend, schaute der Vogel sich dieses Schauspiel fassungslos an. In einem unbeobachteten Moment flog er neben das Ohr eines abgemagerten Bärens, der für die Verwalter der Arbeitsteilung, allesamt Füchse und Luchse, fette Bratenstücke herbeitrug, Der Vogel fragte den Bären: "Was ist denn hier los?" Der Bär antwortete müde, seine Last weiterschleppend: "Sie denken über unser aller Wohlergehen nach." "Du siehst aber gar nicht gut aus.", sagte der Vogel zu dem Bären. "Wir müssen alle etwas zurückstecken, damit es uns morgen wieder besser geht." intonierte der Bär tonlos. "Und wieso geht es den Verwaltern der Arbeitsteilung so gut und euch nicht?" fragte das Eichhorn, denn es sah überall nur abgemagerte Gestalten, die damit beschäftigt waren, die besten Dinge vor den Verwaltern der Arbeitsteilung anzuhäufen. Es war so viel, daß das meiste ungenutzt blieb und verrottete. "Die dort", sagte der Bär, nicht ohne eine gewisse Ehrfurcht in der Stimme, "halten ihren Kopf für uns alle hin, in dem sie überlegen, wie die Lage zum Guten zu wenden ist." Dick und träge lagen die Verwalter der Arbneitstechnik in der Sonne und ließen sich bedienen. Dem Vogel kam ein ketzterischer Gedanke, vor dem er im ersten Moment selbst erschrak: "Könnte es nicht sein", dachte er laut und eigentlich mehr für sich selbst, "kann es nicht sein, daß die Verwalter der Arbeitsteilung gar kein wahres Interesse mehr haben etwas zu verändern? Es geht ihnen doch mehr als gut." Aber auch hierauf wußte der Bär eine Antwort: "Du siehst die Dinge zu negativ, viel zu subjektiv. Woher sollten die Verwalter der Arbeitsteilung denn wissen, in welche Richtung der Wagen zu steuern ist, wenn sie nicht schon selbst am Ziel sind?" Der Vogel löste sich vom Ohr des Bären und flog verwirrt auf seinen Baum zurück. Noch einmal überblickte er die ganze Lichtung: In der Mitte die Verwalter der Arbeitsteilung. Um sie herum Berge von Delikatessen und Wertgegenständen, die zum Großteil in der Sonne ungenutzt verrotteten. Trotzdem schafften abgehärmte Tiere mit stumpfem Fell in gebückter Haltung, die Bewegungen eckig wie Maschinen, immer weiter Dinge heran, die sie sich selbst vom Munde abgespart hatten.
Verwirrt flog der Vogel nach Hause, um allen von dieser schrecklichen Wahrheit zu berichten.
Aber er konnte keinem von seinen Entdeckungen erzählen. Fand er tatsächlich mal jemanden, der bereit war seine Arbeit kurz zu unterbrechen und zuzuhören, winkte der Gesprächspartner schnell müde ab und sagte, er wüßte Bescheid: So viele, die das auch behauptet hätten, hätten sich vor Ort vom Gegenteil überzeugt, schämten sich nun und seien deshalb nicht wiedergekehrt. Und das sei doch wohl mehr als Beweis genug. Warum sollte man ihm, einem kleinen Vogel mehr Glauben schenken als den vielen anderen, zum Teil großen Tieren, deren Nicht-Wiederkehr doch eine so deutliche Sprache sprach.
Entweder erklärten die Tiere den Vogel für verrückt, oder, die gutmütigeren erklärten hinter seinem Rücken, er wäre wohl seiner Reise aus Versehen gegen einen Baum geflogen und hätte sich die ganze Geschichte bloß eingebildet. Denn wenn diese Ungeheuerlichkeiten stimmten, würden mehr Leute davon wissen. Gewiß, kleine Verfälschungen kommen ab und an vor, aber in diesem Ausmaß unvorstellbar!
Der Herr Fuchs, der wie immer zufällig in solchen Momenten hinzukam, nickte und sagte: "Außerdem, bedenkt, liebe Freunde, wer sollte Interesse haben, Lügen in Umlauf zu bringen. Denn die Wahrheit braucht sich nicht zu verstecken.
Und wer das nicht glaubt, kann ja bei den zuständigen Stellen nachfragen."
Die würden ihm die Wahrheit bei Gelegenheit schon noch erklären
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