Kehricht

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Jörg Ehrnsberger

 

Zertreter

"Kann ich Sie mal einen Moment sprechen? Es geht um eine dringende persönliche Angelegenheit.", klang mir eine sonore, kräftige Stimme durch die Sprechanlage meiner Wohnungstür entgegen.

"Persönliche Angelegenheit. Klingt wichtig.", dachte ich mir. Aber was konnte das sein?

Meine Rechnungen wurden alle automatisch bezahlt, also auch keines dieser neuen Inkassobüros, die mit dem Spruch werben: "Solange bezahlt wird, bleiben alle Freunde."

Da ich von Natur aus neugierig bin, betätigte ich den Türöffner. Schritte kamen die Treppe herauf gefedert. Sie klangen jung und dynamisch, also kein mir Bekanntes Objekt. Ich bin nämlich mittlerweile in der Lage die meisten der häufiger erscheinenden Besucher an ihren Schritten zu erkennen.

Meine Freundin zum Beispiel hat einen leichten hüpfenden Gang, immer gut gelaunt und voller Ungeduld mir endlich um den Hals zu fliegen. Meine Freunde haben einen ernsten, wohl wissenden Gang, denn Besuche bei mir enden oft in harter Arbeit. Das Arbeitsmaterial bringen sie meistens mit, nicht zuletzt an diesem Scheppern kann ich meine Freunde erkennen.

Aber diese Schritte waren anders. So jung und dynamisch, so ungewohnt nach Lederslipper klingend. Ich hatte keine Ahnung was und wer da auf mich zukam.

Also verfiel ich auf meinen alten Trick, schnell eine Jacke anzuziehen. So konnte ich je nach Art des Besuches sagen: "Ach, das tut mir ja richtig leid, ich muß leider gerade in diesem Moment los. Sie sehen ich habe schon die Jacke an. Kommen Sie doch ein andermal wieder. Am besten Morgen um die selbe Zeit." Denn dann würde ich wissen, wer klingelt und garantiert nicht öffnen.

Oder, bei angenehmen Besuch konnte ich wegen meiner Jacke immer noch sagen: "Ja so ein Glück! Stell dir vor, ich bin gerade nach Hause gekommen, hab’ sogar noch die Jacke an."

Ich stand im Treppenhaus und lauschte. Diese Schritte: Jung, dynamisch und ...irgendwie gefährlich.

Ich hatte noch zwei Stockwerke Zeit. Ich zog meine Jacke an. Ich wollte kein Risiko eingehen. Ich zog meine Schuhe an. Falls es der Verleger war, wegen dieser leidigen Angelegenheit mit dem Vorschuß, der einfach zu klein war, dann konnte ich immer noch sagen, daß ich gerade los muß, zur Recherche für mein neues Buch. Er dürfe mich nicht aufhalten, denn jede Minute verlorene Zeit ist bares Geld.

Ich stand also im Hausflur, angezogen, die Tür leicht angelehnt im Rücken. So daß ich sie wahlweise zuziehen oder mich selbst dahinter in Sicherheit bringen konnte.

Aber es war weder mein Verleger, noch mein Vermieter. Es war ein Vertreter. Ein Mensch der versucht so auszusehen, wie sich der Großteil der Bevölkerung einen erfolgreichen und geldreichen Banker vorstellt, — millimetergenau sitzender Anzug, extreme Bügelfalte, Zähne so weiß wie ein frisch gereinigtes Keramikwaschbecken — der konnte nur Vertreter sein. Oder ein Mitglied der Wachturmgruppe, die einem das Himmelreich nahebringen wollen. Ob man will oder nicht.

"Mein lieber Mann, sie sehen ja noch besser aus als neulich in der Zeitung, als ihr Buch vorgestellt wurde, ich muß schon sagen."

Dabei fuhr seine Hand wie ein Teleskoparm in meine Richtung aus, griff die meinige, und begann sie zu schütteln. Wahrscheinlich steht in jedem Handbuch für Vertreter im Ausbildungsstand genau erklärt, wie man die Hand eines potentiellen Kunden zu greifen und zu schütteln hat: Weder zu fest, das macht einen brutalen, gierigen Eindruck, noch zu leicht, das macht einen laschen Eindruck und auf gar keinem Fall mit schwitzfeuchten Händen. Denn dann ist das Geschäft in der Regel gelaufen, bevor es angefangen hat..

"Was kann ich für sie tun?", fragte ich ihn.

"Gar nichts, das heißt nur eine Kleinigkeit, also wenn sie einige Minuten Zeit haben...Sie werden es nicht bereuen!" sagte der Mann.

"Um was geht es denn?", fragte ich, etwas skeptisch, denn der Mann wollte mehr als er sagte, das sah ich an seiner Haltung. Angestrengt gelassen wirkte er, auch wenn das komisch klingt. Aber es war so. Wie einer, der unbedingt gelassen und ruhig aussehen möchte, aber in Wirklichkeit alles ist, nur das nicht..

"Es geht um ihre Zukunft und um die Zukunft ihrer Kinder.", sagte er mir bedeutungsschwanger und verschwörerisch. Das sollte mich neugierig machen, weckte aber nur meine schriftstellerische Neugier, nicht jedoch meine als potentieller Kunde.

"Ich habe keine Kinder. Außerdem, wie sie sehen, habe ich schon Jacke und Schuhe an, ich muß leider dringend los. Kommen sie doch morgen wieder, etwa um die selbe Zeit. Da bin ich bestimmt zu Hause.", antwortete ich ihm, in der Hoffnung er würde sich verziehen und ich könnte mir die Jacke und Schuhe wieder ausziehen. Denn draußen regnete es, ich hatte überhaupt keine Lust rauszugehen. Aber noch weniger Lust hatte ich, mit diesem Vertreter zu reden.

"Das ist ja der Punkt. Morgen ist es vielleicht zu spät. Dann werden sie nie mehr Kinder haben." raunte er mir zu.

"Wieso, ist das ab morgen verboten? Oder kostet das Steuern?", fragte ich zurück.

"Das nicht, aber wer weiß was morgen ist.", orakelte er.

"Dienstag.", sagte ich ihm, und dachte damit würde ich ihn loswerden.

"Schon", gab er zurück. "Aber vielleicht ist es ja nicht irgendein Dienstag, sondern der Dienstag. Und sie werden sich ewig ärgern, daß sie nicht..." Er ließ seine Satz unvollendet stehen und richtete seinen Blick gen Decke.

"Gut., ich kaufe ein Bibel. Aber nur wenn, ich die dann alleine lesen darf..", versuchte ich einzulenken.

"Sie scheine den Ernst der Lage zu verkennen, mein Herr. Ich verkaufe keine Bibeln.", entgegnete er mir.

"Was wollen sie denn von mir? Sie sind doch nicht zum Spaß hier hergekommen, oder?" fragte ich ihn, wegen seiner Penetranz bereits leicht genervt.

"Wir sind alle nicht zum Spaß hier.", erklärte er mir.

"Gut, dann verkaufen sie mir einen Wachtturm, oder auch zwei, wenn es sein muß.", sagte ich ihm.

"Mein Herr", wiederholte er sich, "Ich verkaufe keinen Wachturm. Ich will sie warnen. Und schützen."

"Und wovor wollen sie mich schützen? Davor daß ich jetzt einfach rausgehe?, fragte ich ihn.

"Ich möchte ihnen Schutz anbieten." sagte er auf seine langsame, bedächtige Art.

"Schutz? Wovor?", wollte ich wissen. "Vor Vertreterbesuchen?"

"Nicht Schutz wovor." ,raunte er. "Schutz wofür. Und an ihrer Stelle würde ich nicht einfach so rausgehen.", empfahl er mir.

"Wollen sie mich etwa daran hindern?", fragte ich zunehmend genervt.

"Ich werde sie an gar nichts hindern. Aber lesen sie denn keine Zeitungen? Wissen sie denn nicht, was da draußen alles passiert? Tod und Mordschlag an jeder Ecke, für zwanzig Pfennige. Fußgänger werden von Autos überfahren. Autofahrer sterben, wenn sie Radfahrern ausweichen. Alte Leute werden von Teenagern überfallen und zu Tode geschleift. Rentner erschießen mit dem Weltkriegskarabiner Kinder, die beim Spielen zu laut sind. Schüler bringen sich wegen schlechter Zensuren um und Lehrer werden von aufgebrachten Eltern erschlagen. Mittellose Schriftteller verhungern und werden erst Monate später über ihrem Manuskript gefunden, das dann nur gedruckt wird, weil es durch den Hungertod des Schriftstellers aus dem Reality TV bekannt ist." Ich war mir nicht sicher, aber ich hatte das Gefühl, als ober er mich hierbei angrinsen würde.

"Sie sehen doch ein, wie gefährlich die Welt ist, nicht wahr? Überall lauern Gefahren, die unser kurzes Leben schlagartig beenden können.", fügte er hinzu.

"Eins haben sie noch vergessen.", ergänzte ich. "Vertreter, die drei Stockwerke eine Treppe herunter fallen, und sich dabei unglücklicherweise zu Tode stürzen. Ganz ohne Fremdeinwirkung."

Er guckte mich einen Moment mit großen Augen an, faßte sich wieder und sagte: "Ich sehe, Sie haben verstanden. Der von ihnen zitierte Fall mag zwar vorkommen, ist aber bei weitem nicht so schlimm, wie die vorherigen Fälle."

"So, und warum, bitte schön nicht?" fragte ich ihn zurück.

"Weil ich versichert bin und sie nicht." strahlte er mich an. "Sehen sie, selbst wenn sich der von ihnen zitierte Unglücksfall ereignen sollte, das würde kaum Unannehmlichkeiten verursachen. Für mich wäre der Fall sowieso abgeschlossen. Und meine Familie hätte ausgesorgt. Mit der Summe der Lebensversicherung könnte sie sich endlich alle Wünsche erfüllen, die von meinem jetzigen Gehalt nicht drin sind."

Bei dieser Logik fiel mir nichts mehr ein. Mein Gesprächspartner deutete meine Sprachlosigkeit so, als wäre ich von seiner Argumentation überzeugt und zückte seine Unterlagen.

"Sehen sie, das hier ist das Schriftstellermaßmodell. Sollten sie an Langeweile ihres eigenen Manuskriptes sterben, so bekommt die von ihnen bestimmte Person die volle Summe der Vertragssumme ausgezahlt und wir übernehmen noch die Kosten für die Vernichtung des tödlichen Manuskriptes. Na, ist das nichts?"

Mißbilligend sah ich ihn an. "Ich glaube nicht, daß mich der unglückliche Fall ereilen wird. Trotzdem vielen Dank für ihren Besuch." Ich wollte die Tür schließen, aber er stand im Weg, so daß ich nicht in der Lage war mein Vorhaben zu beenden.

"Halt, warten sie, war doch nur ein Scherz." rief er. "Ich könnte ihnen auch noch das Modell mit dem Familienschutz anbieten. Egal, wie sie zu Tode kommen, wir lassen sie auf unsere Kosten so wieder herrichten, daß sie der Verwandtschaft komplett und in bester Erinnerung bleiben."

"Danke, auch das interessiert mich nicht. Wenn meine Verwandtschaft sich an mich erinnern will, soll sie eins meiner Bücher kaufen.", gab ich zurück.

"Dann vielleicht das Angebot für wahre Künstler, die ihrer Zeit einfach voraus sind. Dieses Angebot beinhaltet, daß ihren sämtliche Werke in einhundert Jahren noch einmal komplett als Schmuckkassette aufgelegt werden.", schlug er vor.

"Auch dieses Angebot muß ich leider ablehnen, denn ich gehe davon aus, daß in hundert Jahren meine Werke sowieso in allen Schulbüchern stehen, da brauche ich keine Schmuckkasette."

Er zog das nächste Angebot aus seinem Koffer. Wie die übrigen war es auf demselben Dünndruckpapier gedruckt wie die vorherigen. Es interessierte mich eben sowenig wie die vorherigen. Diesmal war es eine Lebensversicherung, die beinhaltete, daß jährlich mindestens ein Nachruf erfolgen würde. Interessierte mich ebenfalls nicht.

So zeigte er mir ein Angebot nach dem anderen. Eins unglaublicher als das andere. Ich konnte ihn nicht überzeugen, daß ich einfach keine Lebensversicherung brauchte.

Irgendwann aber, ganz zu Ende seines erfolglosen Verkaufsgesprächs war da ein Versicherungsprospekt, welches meine Aufmerksamkeit doch noch weckte.

"Und hier noch ein Angebot, wenn sie das nicht begeistert, dann ist ihnen auch nicht zu helfen.", sagte er immer noch vertreterfreundlich. "Das Luxusangebot für den Menschen von heute mit exquisitem Geschmack Neben einer außergewöhnlich hohen Summe für ihre Hinterbliebenen, denen wir die komplette Trauergarderobe zur Verfügung stellen, verpflichten wir uns einen angesehenen Anwalt ihrer Wahl zu bezahlen, der sich mittels Petition dafür einsetzt, daß ihre Literatur in den Bekenntnisschulen anstatt eines Morgengebetes aufgesagt wird.", deklamierte mein Gegenüber, mittlerweile schon reichlich erschöpft von dem vielen Gerede.

Das Angebot klang zwar beim ersten Hören schwachsinnig, sah aber bei näherer Betrachtung sehr interessant aus.

In Erwartung einer weiteren Ablehnung wollte er auch dieses Prospekt wieder in seinem Aktenkoffer verschwinden lassen, woran ich ihn aber hinderte.

"Darf ich dieses Angebot noch einmal näher betrachten? Nicht, daß es mir wirklich wichtig wäre, daß meine Werke in den Bekenntnisschulen... aber darf ich das Prospekt trotzdem noch einmal haben?" Ich mußte dieses Angebot eingehend prüfen und mich damit persönlich eingehend befassen

Ich bat ihn also mir diese Prospekt dazulassen und sich selbst zu verziehen.

Wieder in mein meinem Zimmer untersuchte ich das Angebot genauer. Es war im Gegensatz zu den anderen Angeboten auf bestem Karton gedruckt. Ohne störende Farbdrucke. Von der Dicke her etwas dünner als eine Postkarte. Angeblich bedruckt mit gesundheitsunschädlicher Farbe.

Ich setzte mich sofort an meinen Schreibtisch, um dieses Angebot weiter zu prüfen. Und es entsprach bis ins Detail meine Vorstellungen: Das Papier war, sobald es in kleine Stücke geschnitten war, leicht zu kleinen Röhrchen zu formen, die elegant ihre Form behielten. Das Prospekt bestand aus fünf ganzen DIN A 4 Seiten dieses wundervollen Papiers. Ein wirklich interessantes Angebot.

Nachdem ich die theoretische Überprüfung abgeschlossen hatte, begab ich mich sofort in die praktische Erprobungsphase.

Dazu brauchte ich keine aufwendigen Berechnungen, sondern nur drei Blättchen und etwas Tabak.

Nach einem eingehenden Test konnte ich bestätigen, daß dieses Angebot auf diesem Prospekt genau meinen Anforderungen entsprach.

Und da sage noch einer, man solle Vertreterbesuche ablehnen. Ohne diesen Zeitgenossen hätte ich rausgemußt in den Regen. Rüber in den Kiosk und wieder eine Postkarte von der Osnabrücker Altstadt oder dem Hegertor kaufen müssen, weil mein Vorrat an dickerem Papier teils beschreiben und teils einfach aufgebraucht war.

Und das wäre echt blöd gewesen. Dazu noch bei diesem Wetter...

 

 

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26.Juni 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten