Kehricht

Gesellschaft und Literatur im Netz

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  Eva-Maria Fischer

Das gleiche Spiel

Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlußlichter rasch kleiner wurden.

Seine Schritte hallten laut wider, als er eilig den Bahnhof verließ. Im Zug waren nur wenige Plätze besetzt gewesen. Aber er beruhigte sich damit, daß sie sich nicht allein in ein Abteil gesetzt hatte. Mit seinem Wagen wäre er nachts auf menschenleeren Straßen in einer halben Stunde in Dornau gewesen, wo sie wohnte. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, sie nach Hause zu fahren oder sie zum Bleiben für diese Nacht zu überreden. Unzufrieden über den Abschluß dieses Abends, der bis dahin so angenehm für ihn verlaufen war, stieg er in seinen Wagen. Ob sie sich wohlgefühlt hatte in seiner Gesellschaft? Er war sich nicht sicher, wie immer nach so einem ersten Treffen. Frauen waren doch alle Schauspielerinnen. Entweder lächelten sie unentwegt freundlich, egal was er erzählte. Oder sie redeten selbst die ganze Zeit, um ihn zu beeindrucken. Warum konnten Frauen nicht einfach so sein, wie sie eben waren? Bei späteren Treffen durchschaute er ja sowieso schnell ihr wahres Wesen. Ihm fiel ein, daß er an diesem Abend auch wieder weit über hundert Mark ausgegeben hatte. Ärgerlich darüber fuhr er seinen Wagen forsch in die Tiefgarage und nahm den Fahrstuhl zu seiner Wohnung im siebenten Stock.

Wie oft wollte er dieses Spiel noch wiederholen? Mußte er die Frauen überhaupt jedesmal zum Essen ausführen? Diese hier war wenigstens bescheiden gewesen. Sie hatte nicht wie die anderen Frauen lange in der Speisekarte nach erlesenen und entsprechend teuren Gerichten gesucht. Das hatte ihm sofort gefallen. Sah sie eigentlich gut aus? Jedenfalls war sie keine Modepuppe. Und sie hatte sich auch nicht in eine dicke Duftwolke eingehüllt, erinnerte er sich mit einem angenehmen Gefühl. Eigentlich suchte er nach einer schlanken Frau, nach der auch andere Männer sich umdrehten. Sie sollte unbedingt sehr selbständig ihren Alltag meistern, denn so ein anlehnungsbedürftiges Mäuschen, das abends schon auf ihn wartete, mochte er sich nicht vorstellen. Während er die Wohnungstür hinter sich schloß, fiel ihm ein, daß sie nicht abgemacht hatten, sich wieder anzurufen. Bis zum Schluß war er unsicher gewesen, ob er sie wiedersehen wollte oder nicht. Warum hatte s i e nicht von einem nächsten Treffen oder wenigstens Anruf gesprochen? Er wunderte sich über seine innere Unruhe, die er nach anderen Treffen, die auf eine Annonce hin zustande gekommen waren, nie bemerkt hatte. Er mußte sich wenigstens vergewissern, daß sie gut nach Hause gekommen war. In Gedanken rechnete er die Zeit aus, die sie brauchen würde. Sein Blick zu Uhr verriet ihm, daß ein Anruf jetzt noch keinen Zweck hatte. Eine halbe Stunde mußte er noch warten. Er duschte sich, zog seinen Bademantel über und zündete sich noch eine Zigarette an. Das Rauchen hatte sie gestört. Aber er hoffte, daß es ihm mit der richtigen Frau nicht allzu schwer fallen würde, es endlich aufzugeben. Noch ehe er aufgeraucht hatte, ging er zum Telefon, wo noch der Zettel mit ihrer Nummer lag. Er wählte und hörte das Freizeichen. Schlug sein Herz schneller? Es meldete sich niemand. Sie konnte auch noch nicht zu Hause sein, beruhigte er sich. Ob es überhaupt Liebe auf den ersten Blick gab? Er glaubte nicht daran. Immer dieses Abwägen und vergleichen. Nie war einfach alles toll an einer Frau. Aber irgend etwas war an diesem Abend anders gewesen als sonst. Zehn Minuten hielt er es aus, ehe er erneut zum Telefon griff. Er ließ es lange klingeln, vielleicht stand sie ja schon unter der Dusche. Nichts. Warum hatte er sie nur nicht nach Hause gefahren? Er erinnerte sich, wie sie beide zum Schluß an der Bar ein Glas Sekt getrunken und viel gelacht hatten. Sollte er ins Bett gehen und den Abend abhaken, wie all die vorherigen? Wahrscheinlich hatte es keinen Zweck, über eine Annonce nach einer Frau zu suchen. Er fingerte noch eine Zigarette aus der Schachtel. Jetzt muß sie aber da sein, dachte er und wählte zum dritten Mal ihre Nummer.

"Ja, hallo?" tönte eine verschlafene Männerstimme am anderen Ende. "Hallo, wer ist denn da?" hörte er.

Erschrocken legte er einfach den Hörer auf. Hatte er sich verwählt? Aber die Display-Anzeige seines Telefons verriet ihm, daß er die richtige Nummer gewählt hatte.

 

 

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