Kehricht

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Mareen Goebel

Die letzte Minute

 

 

Er medierte über Gewicht.

Seine Augen waren auf den lodernden Sonnenuntergang am Horizont gerichtet, sein ungezähmtes Haar durchwühlt von widerstreitenden Winden.

Für eine lange Zeit hatte er auf den Zehnenspitzen gestanden, leicht vorwärtsgeneigt, der Sonne entgegen. Eine Ewigkeit.

Er medierte über Gewicht.

Die gewaltige, steinerne Massivität dieses Gebäudes unter seinen Füßen, ein schlafender Dinosaurier, nur genug gezähmt, um Menschenseelen zu verschlingen.

Dann das luftige Nichts der Wolken, weit im Westen.

Dann die abergläubisch-wissenschaftlichen Modelle von Molekülen, aneinandergefügt, sich bewegend, herumgestoßen von unsichtbaren Kräften.

Er meditierte über Schwerkraft.

Er war mittlerweile weit jenseits des geringen Wissens, das jemand (früher in seinem Leben) entschieden hatte, er müsse es lernen. Keine Formeln, kein abstraktes Denken, kein Dogma.

Er fühlte das Ziehen der Erde und dachte nicht über das Kreisen eines Planeten nach, der sich in uralten Mustern um einen gasförmigen Himmelskörper bewegte.

Stattdessen fühlte er das sanfte Sehnen von tausend unsichtbaren Händen und Armen, ihn näherzuziehen, ihn zu nehmen, ihn zu verwandeln.

Er meditierte über Form.

Er fühlte sich ganz - endlich! - Teil eines größeren Ganzen, wo nicht seine Form von Bedeutung war, sondern seine Essenz. Wo alles eine Seele hatte, eine tiefere Bedeutung. Es war eine Stimme, die zu den Göttern rief - Götter, die die Menschheit in ihrem Streben nach Macht und Individualität verlassen hatte.

Zeit, das gerade zu rücken.

Er streckte sich der Sonne entgegen, überließ sich der Schwerkraft, gab seinen sicheren Stand in der Nähe des Wahnsinns auf und fühlte für eine kurze Zeit, wie ein Traum wahr wurde. Er flog, verlor sein erstickendes Gewicht, war frei.

Der Rettungswagen, Ärzte, Feuerwehrleute und Polizisten kamen zu spät.

"Warum hat er das getan?" fragte eine junge Polizistin, deren blassen Gesicht jedem verriet, den es kümmerte, daß das ihr erster ´Springer´ war, wie sie die nannten, die Selbstmord auf diese unangenehme und blutige Art begingen.

"Verrückte Börsenmakler", antwortete ein sehr viel älterer Polizist. "Möglichweise hatten sie wieder einen Kurseinbruch."

Dann begannen sie, aufzuräumen, riefen seine Familie an, schrieben ihre Berichte, lebten ihr Leben.

Diese Antwort war so gut wie jede andere.

 

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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 26.April 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten