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Marc Haunschild |
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| Allein in der Nacht |
Wieder verlöschen die Lichter einer Stadt hinter mir. In der Dunkelheit, die von den Bergen herabfließt, gehen die Umrisse der schweren Türme und Hochhäuser unter.
Nach und nach lösten sich alle Bande, die mich hielten. Man kennt diese Verbindungen freizeitlicher und beruflicher Art, die uns verpflichten oder verlocken, die sich mit der Zeit lösen, neu entstehen und wieder vergehen, ohne freilich etwas zu hinterlassen, nicht einmal Haß oder enttäuschte Liebe. Vielleicht einen schalen Nachgeschmack, weil man selber zu träge war, schöne Stunden zu wiederholen - oder weil man eingesehen hat, daß an Wiederholungen nichts liegt. Jedenfalls: man hat keine Rechte mehr, die man einfordern könnte bei seinen Bekannten, Freunden, Verwandten.
Für gewöhnlich werden die Schicksale der Menschen immer wieder neu miteinander verwoben. Bei mir hat das aufgehört, als ich anfing, Fragen zu stellen. Ehrliche, spitze und direkte Fragen, die nach der Wahrheit bohren. Es überkam mich geradezu zwanghaft. Die Leute fingen an mich zu meiden. Sie wollten nichts wissen über sich und wovon sie in düsteren Nächten träumen. Sie wehrten sich gegen den Mahner, der den geheimsten Ängsten und Sehnsüchten den Weg ins Bewußte bahnen wollte.
Also ließ ich sie alle zurück, gehe nun den einsamen Weg in die Nacht, über die Bundesstraßen, durch die verstädterten Dörfer, aus denen die modernen Supermärkte alle Gemütlichkeit vertrieben haben. Schon beginnt meine Kleidung zu verschleißen. Man sieht weg, wenn ich komme oder starrt auf die Löcher in meinen Schuhen.
Aber es gibt auch jene, die mich einladen, um ihre Mildtätigkeit an mir auszuleben. Ich danke ihnen dafür. Andere jagen mich von ihrem Grund und Boden, den Burgen ihres Reichtums. Sie wollen mich nicht sehen, wollen nicht wissen, wo das Geld fehlt, das sie besitzen.
Weiter gehe ich durch die Nacht. Da rasen auch jene an mir vorbei, die sich für deutscher halten als alle anderen, denen man seine Schwächen nicht zeigen darf, weil es sie reizt, zuzuschlagen. Selber ohne Arbeit, ohne Geld, mit dem Rücken zur Wand hat man ihnen eingeredet «Die Ausländer sind schuld!», um sie zu beruhigen.
Sie haben es sich brav auf die Fahnen geschrieben und fallen über Touristen, Asylanten und Menschen aus dem "anderen Teil Deutschlands" her.
Euch Menschen die ihr von überall auf der Welt zu uns gekommen seid, euch frage ich, was habt ihr selbst getan um das zu hindern? Weil ich das frage jagt ihr mich fort, bleiben sitzen und hofft auf neue Gesetze. In der Beziehung habt ihr euch angepaßt: der Staat soll es für euch richten.
Deutschlands Osten! Wieviel Wunden sind noch offen seit dem großen Krieg! Die Mauer hat dich abgeschnitten von der kapitalistischen Welt. Doch zuletzt haben dich die Wellen aus dem Meer der Devisen ebenfalls überrollt. Der Geldstrom mäandert durch die "Republik", und verliert Gewerbeparks, Freizeitlandschaften und Einkaufszentren, die liegen - neonfarben und entseelt - zwischen den düsteren Städten. Doch schon streicht man mit bunten Farben die bröckelnden Fassaden - und die Arbeitsplätze streicht man einfach so. Die schöne neue Welt des Konsums liegt verwaist neben den Straßen der Nacht.
Deutschland! Deine Sprache gab mir die ersten Worte, ich schreibe deine Schrift, atme deine Luft und gehe auf deinen Wegen, einer von vielen, einsam dennoch und stelle meine Fragen.
Sie haben die Dichter verjagt - oder sind die Dichter von alleine gegangen, weil sie es nicht mehr mitansehen können? Oder dichten und denken sie nur nicht mehr, weil sie faul und fett in ihren Fernsehsesseln liegen und die Wunder des technischen Fortschritts genießen?
Meine Fragen schmerzen und man drängt mich weiterzugehen. Entschuldigung - ich störe wohl?
Man setze den Computern Kronen auf, denn herrschen sie nicht längst über Arbeit und Freizeit? Sucht nur in ihren englischen Fenstern nach Ablenkung, verschließt die Herzen und laßt euch die Geheimnisse der Elektronen entschlüsseln. Schickt die Mahner in die Wüste, die letzten Unbequemen, die euch an den Haaren zerren, damit die Köpfe aus dem Sand ans Licht zurück kommen. Hört nicht hin, wenn sie fragen, warum ihr beim Tanzen nicht mehr lachen könnt. Verschließt die Ohren, wenn sie wissen wollen, woher das Fleisch kommt, welches ihr eßt oder was ihr mit den Peitschen in den Liebesnächten tut.
Euer Deutschland tötet ab, was noch empfindsam ist. Ihr seid jetzt was, habt es weit gebracht in der Welt!
Nach den Saufgelagen hilft euch Bayers Aspirin. Keine Schmerzen mehr erleiden. Nichts mehr erdulden, nie mehr dienen. Geh doch, Deutschland, wenn ich dich nach deinen Anstalten und Heimen frage, nach den Gefängnissen des Gesundheitswesens, in denen die Narren, Kranken und Alten verrotten.
Jagt mich nur fort, wenn ich euch von eurem eigenen Alter rede und Antworten will. Eines Tages werdet ihr empfinden, was die Tiere in euren Ställen empfinden, werdet leiden, was die Alten leiden: man wird euch in euren urindurchnäßten Betten vergessen, wie ihr vergessen habt.
Ernstes Deutschland, du tötest ab, was in uns noch froh und jung geblieben ist. Die Krokodilstränen deiner Kinder versiegen in der Sanduhr des Fortschritts, auf der Jagd nach Geld und trügerischen Sicherheiten.
Die Menschen kriechen in die Diskotheken unter der Erde, in denen ein Satz nicht mehr die nächsten Ohren finden kann. Man kann sich nicht finden zwischen all den unpersönlichen Dingen, die uns umgeben.
Deshalb ziehe ich, von dem alle Ketten und Bande fielen, nur noch von jener unsichtbaren Mauer gehalten, die man Sprache nennt, wandere durch Deutschlands Nacht und hoffe auf einen neuen Morgen. Wenn ich nicht mehr ziehen kann, möchte ich, daß mich ein Vogel findet, der mich aufpickt und das, was von mir geblieben ist, mit sich in den Himmel nimmt.
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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 7.April 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten