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Marc Haunschild

 
  Hat man so etwas schon gehört?

 

Hat man so etwas schon gehört? Da sitzen zwei zusammen, die zusammen gehören, die seit Jahr und Tag einander kennen wie sonst niemanden auf der Welt. Man spricht über eine Belanglosigkeit, an der sich die Geister scheiden; ob man diesem oder jenem zum Geburtstag etwas schenken wird. Man kennt sich, wie gesagt, bis in das Kleinste, aber nun will der Partner nicht wie man es erwartet hätte, besitzt einen Gedanken, einen Willen, den man nicht vorausgesehen hat, der dem eigenen unvereinbar widerspricht und in einer unbegreiflichen Sturheit verharrt man auf diesem, obwohl der Gegenstand der Auseinandersetzung so nichtig ist, wie nichts zweites auf der Welt. Was soll diese Starrköpfigkeit bedeuten? Soll man denn selber weichen? Wozu? Mag das Gegenüber doch ein Einsehen haben, daß man auch seine Gründe für den vertretenen Standpunkt hat. Man besteht, jedes für sich auf seiner Ansicht, man sagt sich ein böses Wort, verliert die Geduld, bekommt sich tatsächlich in die Haare, verteidigt seine Meinung, als ob es sich um einen Glauben handelt, weil man, unbegreiflich genug, angegriffen und in die Enge getrieben wird. Schließlich wirft er ihr vor - wie hat er sich nur so weit vergessen können? - daß wohl mehr dahinterstecke, wenn sie mit so unversöhnlicher Bestimmtheit auf einem Geschenk für den gemeinsamen Freund bestehe.

Was denn dahinter stecken solle?

Ob sie tatsächlich wolle, daß er noch deutlicher werde?

Er dürfe jetzt nichts falsches sagen. Was er sich denn denke?

Das wisse sie ganz genau.

Daß er spinne, sagt sie, ihr so etwas vorzuwerfen, ein Verhältnis mit jenem... Das habe er ja wohl ausdrücken wollen.

Er schämt sich bereits der unsinnigen Verdächtigung, daher sagt er hilflos lächelnd als Entschuldigung, daß er einfach überreagiert habe, er wisse auch nicht woher die Nervosität komme. Es sei ja nur, daß man sich hier so streite, und - daß er sie so liebe, daß er sie so wahnsinnig liebe, daß man es nicht mit Worten sagen könne.

Es war ja wahrhaftig alles so vollkommen unwichtig. Daher legt sie die Hand auf seine. Es komme ihr ja nicht auf das Geschenk an. Sie habe sich nur so angegriffen gefühlt. Wahrscheinlich sei auch sie überreizt.

Wir wollen uns wieder versöhnen, bitte. Ich liebe dich, wie sonst niemand auf der Welt. Kein anderer kann dich so lieben, wie ich.«

Sie lächelt und ist ihm wieder gut. Na ja, wie kein anderer... Jetzt trägt er aber auf. Aber mit einem Mal steht der Satz gleich einem Gigant vor ihr: Wie kein anderer! Es gibt ja auch niemanden außer ihm, wer sollte sie auch sonst lieben? Sie hat ja keinem Gelegenheit gegeben, seiner Zuneigung Ausdruck zu verleihen oder gar eine Liebe zu beweisen. Er hätte es auch nicht zugelassen, natürlich nicht. Niemand hätte es zugelassen. Ein zweiter Mann! Wo gäbe es denn so etwas? Und doch: Er hat sie einsam gemacht mit seiner Liebe, hat sie aus dem Kreis der Spielkameradinnen in seine Wohnung geholt, wo sie sich seiner Sache annahm, so wie er sich ihrer Dinge angenommen hatte.

»Er hat mich einsam gemacht mit seiner Liebe...«

Sie bemerkt, daß sie die ganze Zeit über seine Wange gestreichelt hat. Verwirrt läßt sie ihre Hand auf seine sinken, sieht nichts von dem befremdeten und erwartungsvollen Ausdruck in seinem Gesicht, das auf ein Wort von ihr wartet, darauf, daß auch sie ihm ein Stück weit auf dem Weg der Versöhnung entgegenkommt.

Doch sie schweigt, verstrickt sich wieder fester in das Netz ihrer Gedanken. Ob mich noch ein anderer lieben könnte, vielleicht stärker, mächtiger, elementarer, von Anfang an, mit aller Bedingungslosigkeit der Frischverliebten, mit all der Neugierde, allem Berauschtsein, leidenschaftlich, wild?

Und eine Sehnsucht baut sich da in ihrem Herzen auf, so groß, daß sie beginnt zu träumen von jenem anderen ...

 

 

 

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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 15.April 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten