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Gudrun Hermann
Ein Schal auf Abwegen
"Das ist ein aparter Schal, hast du den selbst gemacht", staunte Brigitte, als sie ihren Mantel aus der Gaderobe zog.
"Nein, sieh dir den Saum und das Etikett an, der kann nie und nimmer Handarbeit sein", antwortet Renate bestimmt. "Er war bei Mutters Sachen."
"Doch, doch, heute kauft man die so, nur die bunte Batik druckt man noch selbst", erklärte die junge Nichte.
Die Gäste verabschiedeten sich. Renate war mit dem Schal und Herbert, ihrem Mann, allein. Unbehagliche Gedanken krochen in ihr hoch.
"Meinst du, das sei der Batikschal, nach dem wir alle seit zwei Jahren, seit Mutters Tod, suchen?" Verlegen und ratlos drückt sie ihn von einer Hand in die andere. Hilfesuchend blickt sie zu ihrem Mann.
"Kamst du nie auf die Idee, daß dies der verschwundene Schal sein könnte. Jetzt kann ich dir auch nicht mehr helfen." Und nach einer endlosen Pause: "Du wirst ihn doch nicht etwa an Edith zurückgeben? Da wärst du schön blamiert."
"Woher hätte ich denn wissen sollen. daß sie in Mutters Geburtstagsschal ein Etikett mit 'made in China' näht, und maschinengesäumt ist er auch. Sie hatte ihn doch handgearbeitet, sagte sie." Und nach einigem Brüten: "Fest steht, wegwerfen kann ich ihn nicht und weiterhin tragen noch weniger. Er würde mir am Hals brennen."
Mit einem "Entschuldige bitte" plus einer Schachtel Pralinen den Schal zurückgeben, das brachte Renate nicht fertig. Zu sehr schämte sie sich ob ihrer handarbeitlichen Kenntnisse. Indirekt und auch direkt hatte man sie öfters nach dem besonders schönen Stück gefragt. Immer verneinte sie ebenso überzeugt und sicher, wie sie dies ihrer Nichte gegenüber tat. Seinerzeit rätselten die vier Geschwister gemeinsam und jeder für sich allein, wie wohl dieses Tuch abhanden gekommen sein könnte. Keiner fand eine Erklärung, und daß es im Pflegeheim jemand bewußt eingesteckt haben sollte, war unwahrscheinlich. Niemand wollte dies glauben.
Renate legte sich ins Bett. Ihre Gedanken jagten sich, einer den anderen: "Wie oft drehte ich bei Mutters Mänteln sämtliche Taschen um. Alle ihre Schals nahm ich mindestens zehnmal in die Hand und orientierte mich an dem handelsüblichen Etikett. Und nun dies.
Lange wälzte sich Renate hin und her, bevor sie endlich einschlafen konnte. Zur Ruhe aber kam sie nicht. In Traum saß sie zusammen mit ihren Geschwistern an einem Tisch. Alle grinsten hämisch, besonders Irmtraud, die Handarbeitslehrerin, konnte ihre Verachtung kaum verbergen. Für sie war Renates lautes Interesse an Handarbeiten seit jeher ein Dorn im Auge. Selbst die beiden Brüder rieben sich die Hände vor Vergnügen. Schweißgebadet erwachte Renate aus diesem Traum und entschloß sich, wenn auch schweren Herzens, den Schal wieder wegzuräumen, noch in die Vergessenheit zu schicken. Sie mußte eine Lösung finden.
So legte sie ihn zur ständigen Mahnung in Sichthöhe auf die Kommode im Schlafzimmer. Er reizte Renate tagtäglich und trotzdem vergingen Monate, bis sie sich widerwillig entschloß, das seidene Tuch wenigstens zu waschen. Falsch konnte dies auf keinen Fall sein.
"Vielleicht färbt er und läuft ein, dann wärst du deine Sorge los", kommentierte Herbert diesen Entschluß.
"Du wirst sehen, der Schal läßt sich nicht kaputtwaschen. Seine Farben werden höchstens noch leuchtener als vorher." Und so war es auch.
"Was auch immer beim Waschen passiert, sieh zu, daß dieses Unglückstuch endlich aus dem Haus kommt. Und laß deine Geschwister lästern, wenn und solange es ihnen Spaß macht. Was geht dich das an?"
"Am schlimmsten lästern wird..."
"Hör auf, und mal dir nichts aus, was wer wohl sagen wird!"
Per Post reiste der Schal zu Edith. Renate zitterte den Dingen entgegen, die da kommen würden. Und sie kamen bald - per Post - in einem dicken Umschlag. Unbegreiflich drehte und wendete ihn Renate; sie zögerte lange, bevor sie ihn öffnete. Sie ertastete Papier, das sie gierig herausfingerte. Es war ein Zettel mit den Worten: "Ich habe mich gefreut, mein Werk, den Schal, noch einmal sehen zu dürfen. Tu' mir den Gefallen, und nehme ihn als ein ganz besonderes Geschenk von mir an."
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