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Unzertrennliche Freunde von Gudrun Hermann
Es war einer jener Wintertage, an denen wir glaubten, die zweihundert Kilometer entfernten Bergspitzen der Schweizer Alpen mit der Hand greifen zu können. Die untergehende Sonne verzauberte die Landschaft und auch uns. Verzückt bestaunten wir dieses Schauspiel und vergaßen alles andere, auch den eisigen Wind bemerkten wir nicht. Ein Befehl von Zepee, meiner gewalttätigen und herrschsüchtigen Freundin, riß uns aus unserer Versunkenheit.
Seit sie es geschafft hat, auch meinen Mann unter ihr Joch zu zwingen, läßt sie uns manchmal alleine. In ihrer ständigen Angst, vergessen zu werden, ist sie an manchen Tagen unerträglich. Heute war wieder solch ein Tag. Jetzt, nachdem sie ihren Willen durchgesetzt hatte, benahm sie sich recht manierlich.
"Marion geh nach Hause, du frierst doch!" Zepee redete immer nur mit mir, meinem Mann beachtete sie nicht, fast nicht.
"Laß mich doch hierbleiben", bettelte ich, doch die verträumte Stimmung war verloren, die jeden Schmerz vergessen ließ. Ärger kam auf. Und wie seit sieben Jahren, hat auch heute Zepee ihren Willen gnadenlos durchgesetzt.
Anfangs mochten wir uns nicht, genauer, ich mochte sie nicht, ich haßte sie sogar Aber sie ließ sich nicht abschütteln, wo immer ich stand, war auch sie da. So ging es einige Zeit, ich wurde ärgerlicher und ärgerlicher und ebenso mein Mann, obwohl Zepee ihn ignorierte. Auch ihm gelang es nicht, sie von mir fernzuhalten. So ging es monatelang, ohne daß wir uns auch nur einen Zentimeter näherten oder entfernten. Um die zermürbende Situation zu beenden, stellte ich mich vor:
"Marion heiße ich. Wo ich wohne, wissen sie ja. Sie verfolgen mich doch seit Monaten."
Sie reagierte überhaupt nicht. Ich nahm Anlauf zu einem zweiten Versuch:
"Sagen Sie mir bitte, wie ich Sie anreden darf?"
Ich konnte vor Angst kaum sprechen. Zepee setzte mir wirklich zu.
"Das wirst du schon noch rechtzeitig erfahren. Marion. Jetzt geht's dich noch nichts an."
Wieder vergingen schmerzvolle Monate mit Belästigungen wie bisher. Alpträume verfolgten mich. Auch in dieser Zeit konnte ich der widerlichen Verfolgerin nicht entkommen; sie nervte mich, und mein Mann steckte mich an.
"Jetzt reiß dich zusammen, Marion. Stütze dich auf Helmut, deinen Mann und dann geh heim!"
Es fiel mir an diesem Abend schwer, auf dem unebenen Waldweg zu gehen. Und daß ich meine Gedanken an den Beginn unserer ungleichen Freundschaft nicht verscheuchen konnte, tat das seinige.
Zepee verfolgte mich und meinen Mann schon über ein jahr als ich einmal von hinten grob am Ellenbogen gezogen wurde.
"He warte", befahl Zepee.
Versteinert blieb ich stehen.
"Nenne mich Zepee. Meinen richtigen Namen verrate ich dir später. Und duze mich ruhig. Ich werde mich nicht von dir trennen, ob es dir paßt oder nicht."
Mir wurde schwindelig bei dem Gedanken, immer von Zepee drangsaliert zu werden. Und was würde mein Mann dazu sagen.
Zepee triumphierte: "Jetzt weißt du, wie ich genannt werden möchte. Laß uns dies feiern. Nur du und ich. Ich habe uns für zwei Wochen ein schönes Doppelzimmer reserviert. es wird dir gefallen. Dein Mann soll aber nicht mitkommen. Sag es ihm."
"Du spinnst, ohne meinen Mann gehe ich nirgendwo hin, und mit dir schon gar nicht. Hau endlich ab!"
"Gut, ich gehe, aber sei sicher, ich komme wieder." Ein eisiger Blick traf mich, bevor Zepee verschwand. Überglücklich bildete ich mir ein, sie endlich los zu sein. Aber die Freude war nur Strohfeuer. Schon nach zwei Tagen setzt Zepee mir wieder zu.
"Wo ist dein Koffer? Wir müssen doch abfahren."
Ich zeterte, ich strampelte, ich schlug um mich, so als hätte ich einen Tobsuchtsanfall, aber nichts half, ich mußte mitkommen - ohne meinen Mann. Widerwillig suchte ich ein paar Habseligkeiten zusammen - Waschsachen, acht Schlafanzüge, sechs Nachthemden, ein bißchen Wäsche. Auch ein Kleid holte ich aus dem Schrank.
"Dort, wohin ich dich führe, brauchst du kein Kleid."
"Und ich packe trotzdem eines ein." Alles stopfe ich lieblos in eine Reisetasche.
"Kannst du noch Marion?" Helmut war sehr besorgt, denn er spürte sehr wohl, daß sich Zepee wieder einmal austobte.
"Ws geht noch, das steilste Stück Weg haben wir ja hinter uns", sagte ich abwesend. Meine Gedanken waren in der Vergangenheit, in den drei mal zwei Wochen, die ich alleine mit Zepee ohne Helmut verbringen mußte. Es waren harte Wochen, in denen es für ich kein Entrinnen gab. An Krücken humpelte ich die langen Krankenhausgänge auf und ab, und ich hatte zeit, viel zeit zum Nachdenken. Ich begriff, daß ich gegen Zepee nie ankommen werde, und daß meine einzige Chance darin bestand, mich mit ihr zu vertragen. So lernte ich ihre Freundschaft zu ertragen und zu tun, was und wie sie wollte. Sogar Helmut unterwarf sich ihr im Lauf der Zeit. Sobald sie sich meldet, kommen wir ihr entgegen. Jedes Jahr planen wir sogar mehrere Wochen, die wir ausschließlich ihr widmen im Thermalbad. So ist sie zufrieden, fast zufrieden und läßt mich in Ruhe.
Nach geraumer Zeit meldete sich Zepee wieder einmal zu Wort:" Wenn du so weitermachst, Marion verrate ich dir bald einmal meinen richtigen Namen. Akzeptieren mußt du mich auch dann noch. Mögen brauchst du mich nicht, das verlange ich nicht von dir."
"Ich verspreche dir alles was du verlangst. Los werde ich dich ja sowieso nicht mehr," gab ich kleinlaut bei.
Ich hatte das kurze Gespräch schon vergessen, als Zepee nach einem halben Jahr wieder deutlicher wurde: "Marion, schäm dich, du schreibst ja meinen Namen immer falsch. Mich schreibt man kleines c großes P, oder falls es dir besser gefällt 'Chronische Polyarhritis'. Ein abscheulicher Name, findest du nicht auch?"
Mir war es gleichgültig ob Zepee oder cP oder chronische Polyarthritis, für mich zählten nur die schmerzfreien Tage. Zu Zepee aber sagte ich: "Ich akzeptiere dich, wie immer du dich schreibst, sogar auf Lebenszeit, nur um eines bitte ich dich, laß meine Schmerzen erträglich sein."
So wurden wir Freundinnen, zwar keine dicken aber dennoch unzertrennliche.
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Die letzte Überarbeitung erfolgte am 03.Oktober 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten