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Gudrun Hermann
Die Zeit, eine Prostituierte?
"Hallo, nie hätte ich mir träumen lassen, daß ich dich einmal treffe", freute sich Frau zeit, als sie der Dame Ewigkeit begegnete. "Bitte, sage mir, wie das ist, ohne Anfang zu sein und ohne Ende, einfach unbeschränkt und ohne Frist."
Lange endlose Minuten verstrichen, so schien es wenigstens der Zeit, ohne daß sich etwas rührte.
"Hallo, kannst du mich nicht hören. Habe Verständnis für mich und antworte. Du kennst mich doch und weißt, daß niemand und nichts gleichzeitig so verteufelt, verwünscht, gelobt oder herbeigesehnt wird wie ich; kurzum jeder benützt mich so, wie es ihm persönlich und für den Augenblick nützlich erscheint. Also bitte erzähl mir, wie es sich das bei dir verhält."
"Hm, hm", räusperte sich die Ewigkeit, "besuche mich doch mal, dann kannst du selbst sehen."
"Wenn ich nur könnte, ich käme sofort," jammerte Frau Zeit, "aber du weißt ja selbst, das geht einfach nicht."
"Ich weiß, ich weiß. Du kannst wirklich nicht. Selbst wenn man dich totschlägt, kommst du nicht zu mir. Nur all die anderen kommen, und keiner davon kommt gerne. Jeder schiebt seinen Besuch bei mir so lang wie möglich vor sich her. Das stört mich aber nicht, ich bin geduldig, ich kann warten, mir läuft die Zeit nicht davon. Und wer bei mir ist, liebe Frau Zeit, der benutzt dich nie mehr. So, und jetzt möchte ich meine Ruhe, ich habe genug geredet."
Ein Wunsch der Ewigkeit war Befehl, das wußte Frau Zeit. So stellte sie keine weiteren Fragen mehr und hing halt ihren Gedanken nach. Und es waren keine guten Gedanken, sondern Gedanken voller Selbstmitleid und voller Selbstbedauern. Sie wünschte sich, von den Menschen ebenso respektiert und gefürchtet zu werden wie die Dame Ewigkeit. Halblaut murrte sie vor sich hin:
"Aber mit mir, da getrauen sie sich alles, ich werde verloren, ich werde gestohlen, verschlafen, gekürzt, verlängert, ins Gestern versetzt oder ins Morgen verschoben, ja totgeschlagen werde ich sogar, Ich muß gut sein oder schlecht und obendrein noch närrisch. Von niemanden wird dies alles verlangt, nur ich muß es mir gefallen lassen und kann und darf mich nicht wehren. Und diejenigen, die am eigennützigsten mit mir umgehen und dann noch behaupten, mich gar nicht zu haben, bilden sich ein, unentbehrlich und überlastet zu sein. Dabei wissen sie einfach nicht, mich respektvoll zu behandeln oder mich richtig zu verteilen."
Die Zeit wußte sehr wohl, daß ein paar Außenseiter gut mit ihr umgingen, trotzdem konnte sie sich mit ihrem Los nicht abfinden. Sie verstand es nicht, sich mit dem Wenigen zu freuen, die 'Zeit haben', und die ihre Tage überlegt und frei von Hektik zu gestalten wissen. So brütete sie noch lange mißmutig vor sich hin. Ein Seufzer aus tiefster Brust, und die gestöhnten Worte waren wieder laut und deutlich.
"Wenn die Ewigkeit mir nur verraten wollte, wie sie es gemacht hat, um nicht von jedem nach Lust und Laune herum geschubst zu werden. Wie gerne würde ich ihr nacheifern."
Und schon wieder war sie in ihr trübsinniges Gewimmer zurückgefallen. Verstört schreckte sie zusammen. als plötzlich die Stimme der Dame Ewigkeit ärgerlich zischte:
"Ach du liebe Zeit, solch ein Jammerlappen. Ich kann dich nicht mehr hören. Freue dich doch, daß du von jedem gebraucht wirst, daß du so viele Seiten und Gesichter haben darfst. Mache dir ein Vergnügen, mokiere dich über jene, die meinen, ihre Wichtigkeit mit 'keine Zeit haben' belegen zu müssen und freue dich mit denjenigen, die deine Werte zu schätzen wissen. Ich jedenfalls wäre froh, etwas mehr Abwechslung zu haben. Glaubst du, es gefällt mir, daß so viele mich fürchten."
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Die letzte Überarbeitung erfolgte am 29.August. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten