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KOSOVO
von Dr.Thomas Klein
Auf dem Dach des AKH Wien landet ein Hubschrauber. In aller Eile lädt die Flugrettung drei Personen aus.
Die Frau wird unter Rotorblättern in die Notaufnahme getragen und im Krankenbett dick zugedeckt. Ihr blasses Gesicht verzerrt sich rhythmisch.
Während der Hubschrauber vom betonleeren Dach aufsteigt, tastet tief im Gebäude der Arzt die Ellenbeuge der Frau ab. Er sucht eine Vene, die kräftig genug für eine Nadel ist.
"Bereiten Sie 2 Ampullen Gynipral auf 50 ml Ringerlösung vor!" Im kleinen Nebenraum vermutet er die Schwester.
Die Schmerzen der Frau sind zu stark, um den Einstich zu spüren. Sie hält sich den Bauch. Die Infusion tropft wie Feuer aus Maschinengewehren in ihren Kreislauf.
Als das Medikament zu wirken beginnt, entspannen sich die verkrampften Züge. Die Schwester bringt einen weiteren Flüchtling herein. Er geht stockend.
"Kann einer von unseren Psychologen herunterkommen?" fragt der Arzt und fügt hinzu: "Das sind Kriegsgeschädigte."
Die Schwester zuckt die Schultern. "Ich habe schon vor einiger Zeit die Direktion informiert. Sie meinten, sie schicken jemanden."
Der Arzt versucht, mit den Flüchtlingen zu sprechen.
Doch die Frau scheint ihn nicht zu verstehen. Auch der Mann, der sich zu ihr auf das Bett gesetzt hat, schweigt. Eine Seite seines Gesichts ist bis zum Scheitel bandagiert. Er wirkt zerstört, leblos, gleichgültig. Nur seine Augen glühen, wie die Reste eines abgestorbenen Feuers.
Gerade als die Krankenschwester ein rotwangiges Kind hereinführt, betritt auch die Psychologin den Raum. Sie ist außer Atem.
"Tut mir leid, ich konnte nicht schneller kommen. Ich war schon zuhause, denn eigentlich habe ich heute meinen freien Tag. Mein Name ist Maria."
"Martin Kainz. Freut mich." Sie schütteln sich flüchtig die Hände.
"Aber warum hat man Sie daheim angerufen? Jemand muß doch Dienst haben?"
Sie lächelt, doch etwas Trauriges ist hinein gemischt. "Es wird damit zusammenhängen, daß ich Albanisch spreche."
"Tatsächlich?" Kainz zeigt sich erfreut. "Das ist mehr als ich erwartet habe. Mir wären schon ein paar Ratschläge allgemeiner Natur recht gewesen, schließlich ist das hier eine außergewöhnliche Situation. Menschlich wie auch medizinisch."
Maria nickt zögernd und zeigt auf die Infusion, die schon zu zwei Dritteln in den schmalen Körper der immer müder werdenden Albanerin geflossen ist.
"Ein wehenstillendes Mittel," sagt Kainz.
"Sie ist schwanger?"
"Ja, etwa im siebten Monat. Wir mußten eine Frühgeburt vermeiden. Es hat im Hubschrauber angefangen. Die Aufregung, wissen Sie."
"Diese Menschen haben bestimmt Aufregenderes und Schlimmeres erlebt, als in einem Hubschrauber zu fliegen!" widerspricht Maria unerwartet heftig. Das klingt sehr aufgebracht, findet Kainz. Er bemerkt ihren Akzent.
"Ja, natürlich..." murmelt er. "Sind Sie selbst Albanerin?"
Sie sagt nichts. Ihr Blick richtet sich auf das ins Bett gekletterte Kind, das sich fest an die Brust der Frau drückt. Es ist ziemlich groß, fast so groß wie die Frau selbst, aber es lutscht am Daumen wie ein Baby.
"Wie alt ist dieses Kind?" fragt Maria.
"Weiß nicht." Kainz schüttelt den Kopf und wischt sich über die Stirn. "Dem Krankenhaus wurde nur mitgeteilt, daß aus dem Camp in Shkodra eine Flüchtlingsfamilie mit einer Schwangeren überstellt wird. Wir haben keine Papiere gesehen, falls es die überhaupt gibt. Wahrscheinlich haben Sie auch keine Pässe mehr."
Wortlos nähert sich Maria dem Bett und nimmt die Hand der Frau. Dann sagt sie etwas, das Kainz für Albanisch hält.
Einige Minuten lang redet sie fast beschwörend auf die liegende Frau ein, deren Gesicht sich wandelt. Die Ausdruckslosigkeit weicht dem Entsetzten und der Trauer. Ihre Augen werden feucht, das Kinn beginnt zu beben, dann weint sie. Das Kind zieht sie an sich, als hätte sie Angst, jemand könnte es ihr wegnehmen. Der Mann richtet sich ein wenig auf. Er wirkt jetzt wie jemand, der mit letzter Kraft Wache hält.
Schließlich bricht es aus der Frau heraus.
Ihr Mund spuckt Worte, zunächst gepreßt und jedes einzeln, bald formt sie kurze, monotone Sätze.
Maria hört ruhig zu und streichelt dabei unaufhörlich die Hand der Frau, die plötzlich im Reden stockt und leise schluchzt.
"Das ist die Familie Pilana." sagt Maria zum Arzt. "Sie heißt Lemane, ihr Ehemann Faton und der Junge..Shani, glaube ich."
"Woher kommen sie?"
"Aus der Nähe von Pristina. Sie wurden von den Serben vertrieben. Lemane ist Volksschullehrerin. Der Bauernhof, den Faton geerbt hat und in dem sie lebten, ist verbrannt. Sie will nichts mehr sagen."
"Bitte versuchen Sie, noch mehr herauszufinden!" bat Kainz eindringlich. "Sehen sie den Verband des Mannes?"
"Sehe ich. Haben Sie ihn untersucht?" fragt Maria.
"Ja. Ich habe ihn frisch verbunden. Vorhin in der Ambulanz."
"Was hat er? Schürfwunden, Granatsplitter?"
"An so etwas dachte ich zunächst auch. Aber als ich den alten Verband entfernt hatte, ..."
"Was denn?"
"Dem Mann fehlt das linke Ohr. Es wurde sauber abgetrennt. Keine Splitter, keine zackigen Wundränder. Amputiert, sozusagen."
"Amputiert? Nein! Mit einem rostigen Messer herunter gefetzt! Wachen Sie auf, Doktor Kainz, diese Leute kommen aus dem Krieg!"
Erneut wundert sich Kainz über die plötzliche Heftigkeit, mit der ihn Maria zurechtweist. Was geht in dieser zierlichen Frau vor? Im einen Moment scheint sie der Situation gewachsen, dann überfordert. Trotzdem ist er froh, sie hier zu haben, denn jetzt beginnt Lemane wieder zu sprechen. Ihr Bericht hat einen hohen Tonfall und sie gestikuliert stärker.
Maria übersetzt.
"Es war gegen drei Uhr morgens, als die Serben kamen. Die Familie Pilana hatte vorgehabt, bei Sonnenaufgang das Dorf zu verlassen. Sie hatten von heranrückenden militärischen Einheiten gehört. Die nötigsten Sachen hatten sie bereits vor Mitternacht gepackt. Ein paar Kleidungsstücke, Nahrungsmittel, und alles Geld. Ein großer Rucksack für Faton, ein mittlerer für Lemane, die als Schwangere nicht so viel tragen konnte und ein kleiner für Shani. Der Junge ist übrigens schon zehn."
"Er benimmt sich wie ein Kleinkind."
"Unter so schrecklichen Umständen kann ein Kind in seiner Entwicklung um Jahre zurückgeworfen werden", sagt Maria, "manchmal können sie nicht mehr sprechen. Der Appetit läßt nach, sie nehmen ab und sind bald so ausgezehrt wie unser Shani hier."
Der Junge hat bei Erwähnung seines Namens kurz aufgesehen, doch er bleibt fest am Körper der Mutter kleben.
Maria sagt etwas zu Lemane, muntert sie wohl zum Erzählen auf.
Lemanes Worte kommen jetzt wieder zäh, als bereite es ihr große Mühe, über das Erlebte zu berichten.
"Als die Soldaten in das Dorf kamen, schliefen die Pilanas", sagt Maria. "Sie meinten, die Serben wären noch in weiter Ferne und sie hätten zwei oder drei Stunden Zeit, ein letztes Mal in ihren eigenen Betten zu schlafen. Es lag ein weiter Weg vor ihnen, sie wollten Kräfte sammeln.
Es war noch dunkel, als Schüsse und Geschrei von draußen Lemane weckten. Faton war nicht da, sein Bett leer. Einen Stock tiefer hörte sie laute Befehle. Und sie erkannte die Stimme ihres Mannes, die ganz leise klang.
Lemane sagte zu Shani, er solle ruhig wie eine Maus sein, und schlich selbst bis zur Treppe. Unten brannte Licht. Sie stand so, daß sie vor den Blicken der Serben verborgen war, aber alles beobachten konnte.
Die Serben hatten ihren Mann niedergeschlagen. Er lag bewußtlos vor ihren Stiefeln. Es waren vier Männer und Lemane sagt, sie werde ihre Gesichter niemals vergessen.
Dann nahmen sie Faton und hängten ihn verkehrt auf. Sie hatten viel Freude dabei. Zuerst warfen sie ein Seil mit einer Schlinge über einen Holzbalken, an den die Familie ihre Gewürzzöpfe befestigt. Lemane meint, ihr Herz hörte für einen Moment zu schlagen auf. Sie hatte Angst, sie dachte, sie legten ihm die Schlinge um den Hals und erhängten ihn.
Einer der Soldaten fragte dazwischen, ob sie den da nicht gleich erschießen sollten wie die anderen. Schließlich hätten sie nicht viel Zeit. Aber ein anderer, er schien der Ranghöchste zu sein, meinte, so wäre es besser. Es müsse welche geben, die den anderen Dörfern berichten könnten.
Deshalb kamen Fatons Beine in die Schlinge und nicht sein Hals. Lemane wünscht sich heute, ihr Mann wäre bewußtlos geblieben.
Moment. Jetzt sagt sie.... Sie will nur mehr weitererzählen, wenn der Junge hinausgebracht wird. Er soll nicht dabei sein. Aber - ich bin mir nicht sicher, ob es nicht besser wäre, die Familie für den Moment alleine zu lassen. Es könnte zu viel werden, wenn wir..."
Doch Dr. Kainz geht auf Marias Einwand gar nicht ein, sondern nimmt den Jungen bei der Hand. Shani stellt keine Fragen. Er läßt sich willenlos hinausführen. Die Mutter schickt ihrem Sohn ein paar beruhigende Worte nach. Kainz kehrt umgehend zurück.
"Die Schwester paßt ein wenig auf ihn auf", sagt er. Unnötig leise fügt hinzu: "Wir hätten das Kind schon längst hinausführen müssen. Es leidet noch mehr, wenn die Erlebnisse zur Sprache gebracht werden."
"Vom psychologischen Standpunkt aus ist es nicht notwendig, jetzt weiterzumachen" sagt Maria.
"Ich bestehe darauf", sagt Kainz. "Wir müssen wissen, was Ihnen widerfahren ist, das ist auch für die Therapie wichtig"
"Oder befriedigt die eigene Neugier" sagt Maria. "Welches Recht haben wir, uns selbst in dieses Leid zu drängen?"
Kainz sieht sie verblüfft an. Warum will sie nicht mehr herausfinden?
"Haben Sie Angst vor dem, was jetzt kommen könnte?" fragt er.
"Nein, nein" wehrt Maria schnell ab. "Aber..Es ist doch nicht unser Krieg. Wir können sie nicht zwingen, von ihren schmerzhaften Erlebnissen zu berichten."
"Ganz richtig. Fragen Sie Lemane nur, ob sie weiterreden möchte."
Lemane scheint bereit, zu erzählen. Es fällt ihr nicht leicht, doch Schweigen lastet noch schwerer. Immer wieder sieht sie hinüber zu ihrem Mann. Faton sitzt abwesend da, als ginge ihn das alles nichts an. Nur das Glühen seiner Augen wächst mit jedem Wort, jeder Erinnerung.
"Nachdem die Serben meinen Mann verkehrt am Balken aufgehängt hatten", übersetzt Maria jetzt wörtlich," war ich froh, daß er noch lebte. Dann aber taten sie etwas, was meinen Mann die Ehre geraubt hat. Die Serben traten im Kreis an ihn heran und knöpften ihre Militärhosen auf. Sie sagten, daß es in dem stinkenden Dorf keinen einzigen geraden Baum gebe, an dem man sein Geschäft verrichten könne. Deshalb sei ihnen ein Albaner gerade recht. Sie lachten und ich sah, wie Urin die Kleidung meines Mannes färbte und an ihm herablief.
Während ihm das bei vollem Bewußtsein angetan wurde, hatte ich doch nur den einen Gedanken: Laßt Faton am Leben! Fast hätte ich es den Serben zugerufen: Laßt ihn am Leben! Die Demütigung war furchtbar, aber nichts wäre schlimmer gewesen, als ihn sterben zu sehen.
Dann waren sie fertig und gaben ihm ein paar Tritte in den Bauch und in das Gesicht. In dem Moment weinte Shani und ich sah, daß er oben auf der Treppe stand.
Die Serben bemerkten ihn und einer legte das Gewehr an. Ich warf mich über Shani und dachte, wir würden beide sterben. Auch an mein ungeborenes Kind dachte ich. Alle drei würden wir tot sein, ich hatte keine Hoffnung.
Der Serbe schoß und die Kugel schlug über uns in die Wand ein. Er lachte und rief: Seht nur - ein Albanerweib! Sie kamen die Treppe herauf und brüllten durcheinander, was sie mit mir machen würden. Sie drängten mich gegen die Wand, ich weinte und flehte, daß sie mich in Ruhe lassen sollen. Ich habe ein Kind, ich bin schwanger! schrie ich. Einer sagte, dann wüßte ich ja, wie man es richtig macht. Alle lachten, ich höre dieses Lachen heute noch in der Nacht.
Es ist gut, daß Shani nicht hier ist. Er soll nicht daran erinnert werden, was mit seiner Mutter geschehen ist. Denn er hat alles miterlebt. Sie haben ihn gezwungen, hinzusehen.
Mit meinem Mann kann ich darüber sprechen. Nicht jetzt, aber wenn wir alleine sind, können wir darüber sprechen. Aber ich habe immer noch Angst, sie könnten zurückkommen und mich wieder vergewaltigen. Ich spüre dann den Schmerz und auch die Schläge. Ich kann sie riechen. Es ist grausam. Ich weiß, daß ich hier in Sicherheit bin, meine Familie hier sicher ist, aber doch habe ich immer noch Angst davor, es könnte wieder geschehen. Ich habe schon daran gedacht, mich umzubringen, aber wegen Shani und wegen Faton tue ich es nicht. Ja, ich würde nicht zögern, mich selbst zu töten, wenn ich alleine wäre. Es gibt nichts mehr, wofür ich lebe."
Sie schweigt und starrt leer in den Raum. Eine Lähmung ist über sie gekommen, die selbe Starre, die auch Faton befallen hat.
Dann spricht sie weiter, als hätte sie keine Empfindungen, sondern nur Gleichgültigkeit in sich.
"Es dauerte lange. Wenn einer fertig war, befahl er mir, mich abzuwischen für den nächsten. Sie drohten, Shani zu erschießen, sollte ich mich wehren. Die ganze Zeit über war ein Gewehr an seine Schläfe gedrückt.
Sie waren brutal und ich hatte große Schmerzen. Ich lag am Boden. Über die Treppe herauf hörte ich Faton. Er brüllte und schrie wie vom Wahnsinn gepackt.
Den letzten Serben drängten seine Kameraden, doch schneller zu machen, sie wollten weiter. Der wurde noch heftiger und es schmerzte schrecklich. Schließlich sagte er, daß es mit einer Schwangeren ohnehin nichts sei und hörte auf. Er bespuckte mich, nahm sein Gewehr und stieß mir mit dem Kolben in den Bauch. Ich bekam kaum noch Luft. Der Anführer gab den Befehl zum Aufbruch.
Sie ließen Shani los. Ich höre heute noch das Geräusch ihrer Stiefel auf der Treppe, wie sie hinunter trampeln zu Faton. Und ich sehe sie auf meinen Mann zugehen, ich sehe, wie der Serbe das Messer zückt. Es geht schnell. Er schneidet Faton ein Ohr ab. Das Ohr steckt er ein ..., in die Hosentasche.
Ein anderer holte einen Kanister und verschüttete Benzin. Es sind schon genug entkommen, sagte er, die reichen zum Weitererzählen. Er ärgerte sich, daß nicht mehr Benzin im Kanister war als es für eine kleine Lacke reichte. Er warf den Kanister weg und zündete das Benzin an. Die Flamme schlug hoch. Er grinste und lief hinaus.
Von draußen hörte ich Schreie und einen Motor, der sich rasch entfernte.
Ich versuchte aufzustehen, aber es gelang mir nicht. Shani kam, um mir aufzuhelfen und ich konnte mich ein wenig auf ihn stützen. Gemeinsam schafften wir es langsam über die Stiegen hinunter.
In unserem Haus war fast alles aus Holz. Die Flamme hatte sofort den Tisch in Brand gesteckt. Das Feuer brannte rasch höher und berührte fast schon die Decke.
Faton war wieder bewußtlos. Und immer noch war er verkehrt aufgehängt, das Blut schoß aus seiner Wunde. Ich schickte Shani in die Küche, um ein Messer zu holen. Damit schnitt ich Faton los. Shani und ich hielten ihn dabei, damit er nicht schwer herunterfiel.
Faton wachte nicht auf. Was sollte ich gegen das Blut machen? Zu Shani sagte ich, er müsse mit aller Kraft die Handflächen gegen die Wunde drücken, oder sein Vater würde sterben.
Inzwischen brannte die Decke, und Rauch füllte den Raum. Es war die Angst vor dem Tod, die mir die Kraft gab, meinen Mann an den Beinen zu nehmen und ihn hinaus zu ziehen. Ich weiß nicht mehr, wie ich es geschafft habe, aber plötzlich waren wir vor dem Haus und sahen es brennen.
Über Shanis Hände floß das Blut seines Vaters und er jammerte, daß es nicht aufhöre. Ich riß einen Fetzen aus meinem Rock und versuchte, einen Verband zu machen. Doch es mißlang mir, der Stoff war zu dünn und ich wußte auch nicht, wie man einen Verband macht. Aber ich riß noch mehr von meinem Rock und machte den Verband dicker und fester. Und es blutete weniger.
Ich sah mich um, denn wir konnten nicht sicher sein, daß die Serben wirklich weg waren. Die Sonne ging auf. Kein lebender Mensch schien mehr hier zu sein. Ein paar Bauernhöfe standen in Flammen."
Lemane, die immer noch Marias Hand hält, erzählt weiter. Manchmal schüttelt sie den Kopf und weint. Faton sitzt unverändert neben ihr, hat immer noch das Glühen als einziges Zeichen von Leben in den Augen.
Lemane berichtet, daß bald darauf eine Flüchtlingskolonne ins Dorf kam. Man konnte Faton besser verbinden. Er schaffte es, aufzustehen, obwohl er viel Blut verloren hatte. Weil ihn niemand tragen konnte, mußte er gehen. Jeder hatte selbst viel zu schleppen. Manche führten ihre Großeltern in Karren, wie sie sonst Steine transportierten.
Für die Pilanas gab es keine Großeltern mehr. Alle, die nicht rechtzeitig geflüchtet waren, waren umgekommen. Viele Verwandte und Freunde waren getötet worden. Ein paar junge Mädchen blieben verschwunden.
Die Flucht war der Weg durch die Hölle, sagt Lemane. Regen, Kälte, Hunger und die Erinnerungen. Faton, Shani und sie schafften es bis Albanien und später in das österreichische Camp in Shkodra. Aber nicht alle hatten so viel Glück. Viele starben an Lungenentzündung. Die Älteren starben an Erschöpfung, die Jüngeren aus Verzweiflung.
Lemane schweigt jetzt, als hätte sie ein abgeschlossenes Leben erzählt.
Dr. Kainz räuspert sich. "Die Infusion ist durchgelaufen. Ich kann nun die Nadel entfernen", sagt er mehr zu sich selbst. Während er das tut, lächelt Lemane Maria schwach zu und drückt ihre Hand.
Nun richten sich auch die glühenden Kohlenaugen ihres Mannes auf Maria. Er spricht. Er sagt etwas mit heiserer Stimme, das für Kainz wie eine Frage und zugleich wie eine Drohung klingt.
Maria antwortet nicht, aber Kainz kommt es so vor, als werde sie nervös.
Faton wiederholt, was er gesagt hat.
Für einen Moment zögert Maria, ihr Blick sucht nach einem Ausweg, doch es gibt keinen.
Sie antwortet mit einem einzigen, kurzen Wort.
Fatons Verwandlung vollzieht sich so schnell, daß Kainz zunächst keine Möglichkeit hat, einzugreifen. Der Albaner springt mit einem Schrei vom Bett auf und stürzt sich auf Maria. Die unerwartete Wucht wirft sie zu Boden. Faton will ihr die Hände um den Hals legen, doch sie wehrt ihn ab. Kainz eilt herbei und kann Faton wegziehen. Die beiden ringen. Kainz gewinnt bald die Oberhand, denn Faton verlassen die Kräfte. Nur der Haß, der für Generationen reicht, lodert weiter in seinem Gesicht. Kainz hält den Albaner am Boden der westlichen Welt.
"Was haben sie zu ihm gesagt?" ruft er Maria zu.
Bleich stemmt sie sich hoch und steht auf.
"Ich, ..ich habe auf seine Frage geantwortet."
"Welche Frage?"
"Ob ich eine Serbin bin."
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Die letzte Überarbeitung erfolgte am 19.September 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten