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Reinhard Lackinger

Obdachlos

(mit freundlicher Genehmigung des Verlages und des Autors aus dem Buch:

Reihnard Lackinger: Ade Favela. Aus dem Alltag Brasiliens. Graz, Keykam1998 (ISBN 3-7011-7375 - 3))

Unter einer Markise der uns gegenüberliegenden Häuserreihe wohnt Eugênio, vulgo Pelé. Seinen Spitznamen hat er nicht etwa deshalb, weil er Fußball spielt, sondern weil er eine ebenso schwarze Hautfarbe hat wie Edson Atrantes do Nascimento, der Fußballkönig.

Eugênio, Fortan Pelé genannt, sammelt Pappkartons. Auf der obersten der Steinstufen, unter dem weniger als einen Meter vorragenden Erker, befindet sich sein Bett. Er besteht aus Pappkarton. den Rest der zusammengetragenen Altwaren türmt er sorgfältig neben sich auf.

Tagsüber sehen wir ihn, wie er die Straßen der Nachbarschaft entlang geht. Dabei trägt er riesige, vollgestopfte Jutesäcke auf dem Kopf. Sein Hemd und seine knickerbockerähnliche Hose sind von undefinierbarer Farbe, die man am ehesten als grauschwarz bezeichnen könnte. Auf dem Kopf trägt er einen kleinen Strohhut, an den Füßen Gummisandalen. Das einzige an ihm, das einen halbwegs sauberen Eindruck macht, sind die Bandagen, die er um seine beiden Schienbeine gewickelt hat. Ich habe ihn schon öfter beim Wechseln des Verbandes beobachtet, mit denen er handtellergroße rosarote Flecken inmitten er schwarzen Haut bedeckt. Mit dem Wundverband schaut Pelé einem Xavanteindianer ähnlich.

Vor einigen Jahren war Pelé für längere Zeit verschwunden. Man sagte, irgend jemand hätte ihn in ein Altersheim gebracht, wo er betreut werde. Genau wußte es aber niemand. Eines Tages war er wieder da. Ohne Bart. Mit seinem runden Gesicht sah er sogar jünger als zuvor.

Ob Pelé die Pappkartons verkauft, weiß keiner. Der Torwächter unseres Hauses mein, Pelé trüge all sein Geld, in die Hosen gestopft, stets bei sich. Deshalb habe er so einen dicken Hintern. Unser Portier behauptet auch, Pelé schlafe immer mit em Rücken zur Wand, um sein Geld zu schützen.

Die Notdurft verrichtet unser obdachloser Nachbar, indem er ein Paar Schritte straßenabwärts geht und sich zur Mauer lehnt, den Anrainern den Rücken zugewendet. Wenn er 'groß' muß, und das muß er normalerweise in der Morgendämmerung, kauert er sich vor dem Laden nebenan hin und deponiert seine Verdauungsreste auf ein Stück Karton, das er anschließend verpackt und wegträgt.

Tagsüber sitzt Pelé im Schatten des Mandelbaumes vor unserem Wohnblock. Kommt jemand und parkt sein Auto in unmittelbarer Nähe, holt Pelé zwei Kartonstücke aus seinem Vorrat. Eins klemmt er sorgfältig hinter die Scheibenwischer. Das andere legt er auf die Heckscheibe. Wenn der Autobesitzer wiederkommt, entfernt Pelé die Kartons, die das Auto in der Zwischenzeit vor der Sonnenbestrahlung geschützt haben, und kassiert seinen Lohn.

In der Garage nebenan wird momentan eine Werkstätte für Elektrogeräte betrieben. Wie lange noch, weiß niemand. Seit wir Pelés Nachbarn sind, hat es in jenem Laden schon die verschiedensten Geschäfte gegeben. So wurden zum Beispiel Coisas da Fazenda, also naturbelassene Lebensmittel vom Bauernhof verkauft. Ein anderes Mal versuchte es jemand mit einem Frisiersalon. Auch ein kleines Restaurant sowie eine Teestube waren an diesem Ort ohne Erfolg gewesen. Pelé verscheuchte jede Kundschaft. Dessen waren wir uns sicher. Als Botschafter der Slums vereitelte er den Besuchern in der Gaststätte den Appetit. Auch paßte er nicht ins Bühnenbild der Damen, die im Salon Schönheitspflege und Komplimente suchten.

Vor einiger Zeit, es war gerade Winter, schien eines Tages die Welt zu zerrinnen. So stark regnete es. In der Nacht kam er Schauer in dicken Strömen und peitschte so stark gegen unsere Fensterläden, daß wir aufwachten. Wir sahen zu Pelé hinunter, der sich so gut wie möglich in die Ecke seines Winkels drückte. Alice überlegte nicht lange, sie nahm das Wachstuch vom Tisch als Regenschutz für Pelé. Ich zog mir ein T-Shirt und eine Bermuda an, nahm den Regenschirm und brachte Pelé das Tuch. Rasch eilte ich wieder ins Haus zurück. Es schüttete fürchterlich. Vom Schlafzimmerfenster aus verfolgten wir Pelés Reaktion. Wir erwarteten, daß er sich mit dem Wachstuch zudecken würde, um auf diese Weise ein wenig vor den Güssen geschützt zu sein. Nichts dergleichen geschah. Pelé saß einfach da und sah auf das gefaltete Wachstuch nieder. Er drehte und wendete unser Geschenk in seinen Händen, dann verstaute er es unter seinen Habseligkeiten, die zum größten Teil aus Pappkartons bestanden, Tags darauf bat ich den Portier nachzuforschen, warum Pelé das Wachstuch nicht benützt hatte. Er fand heraus, daß Pelé das Wachstuch für einen derart profanen Zweck zu gut war. Er verwahrte es, um es bei Gelegenheit zu verkaufen und den Erlös zu den anderen Banknoten in seinen Hosenboden zu stecken, wie er lachend feststellte.

Pelé wird geduldet. keiner kümmert sich um ihn. Keiner redet mit ihm. Man läßt ihn gewähren. Wir haben es auch schon aufgegeben, ihm etwas zum Essen zu geben. Gewöhnlich nehmen Bettler und sogar Nachtportiers unsere Speisereste gerne an, die wir in eine Plastiktüte füllen. Egal, was immer ist, ob süß oder sauer, oder salzig. Wir nehmen uns oft nicht einmal die Mühe, die Überbleibsel zu trennen, da im Magen ohnehin alles wieder zusammenkommt. Pelé jedoch ist heikel. Er mag weder rohen Kibe, noch chinesische Speisen. Sogar Szegedinergulasch hat er schon zurückgewiesen. Auch Armut hat ihren Adel...

 

 

 

 

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