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Marion Lange Das Hochzeitsgeschenk

Das Hochzeitsgeschenk

Jupp und Berta hatten sich auf einem Empfang kennengelernt, der zu Ehren des belutschistanischen Botschafters im Palais gegeben worden war. Jupp, ein verlebter, verknitterter, exaltierter, alternder Playboy in den 70igern hielt Ausschau nach Frischfleisch, wie er es nannte, da ihm seine seit Jahrzehnten Angetraute aufgrund seines 13ten Fehltritts in Folge abhanden gekommen war.

Beim Einsammeln diverser Köstlichkeiten am kalten Buffet nun, er werkelte gerade an einem Hummerschwanz herum, der sich partout nicht vom Rest des knallrot darniederliegenden Tieres zupfen lassen wollte, trat Berta an seine Seite. Berta, ihres Zeichens Generalswitwe und als solche mit öffentlichen Auftritten ebenso wie mit Hummerschwänzen vertraut, betrachtete den Kampf gegen die Tücke der Verwachsung eine Weile, schaute Jupp einmal schräg von der Seite an, stellte - hier war Hilfe vonnöten - ihr erst zur Hälfte gehäuftes Tellerchen beiseite, positionierte ihre gepflegten, wenn auch recht schrumpeligen, blutrot lackierten Fingernägel rechts und links am feuerroten Hummerschwanz (Nagellack- und Hummerfarbe entbehrten jedweder Harmonie, so daß ein Blindenhund geknurrt hätte, wäre er des farblichen Desasters ansichtig geworden), vollführte eine lockere Bewegung aus den Handgelenken und mit einem hörbaren KNATSCH hielt sie des Hummers allerhummrigstes trophäengleich in Händen.

Jupp war beeindruckt. Die Alte hatte eindeutig den Dreh raus. Da er jedoch (wir erinnern uns) ausschließlich mit der Absicht der Frischfleischbesorgung auf diesem Empfang zugegen war, gedachte er, sich bei der vielzu Bejahrten und Abgelebten an seiner Seite ausschließlich zu bedanken, nicht jedoch mehr. Runzeln besaß er selbst genug, die mußte er sich nicht noch extern besorgen. Auf seinem Einkaufszettel stand ausdrücklich junges Lamm, nicht abgehangenes Rindfleisch. Nun begab es sich jedoch, daß Jupps Blick - in Absicht der Bedankung auf dem Weg in das zerknitterte Gesicht unserer Berta - an deren Decolltee hängen blieb und durch dieses eine längerfristige Ablenkung erfuhr. STRAMME DINGER, dachte er, während Berta - den Hummerschwanz immer noch zwischen den Fingern haltend und, ihn nun ihrerseits etwas genauer unter die Lupe nehmend und seiner Uhr am Handgelenk ansichtig werdend - ROLEX dachte. Ein beiderseits gleichzeitig intoniertes ANGENEHM - welches verbal in jeweiligem Kundtun des Namens gemündet wäre, obschon gedanklich dem betrachteten GEGENSTAND entsprungen und auf selbigen bezogen, doch das konnte das jeweilige Gegenüber ja nicht riechen, die Gedanken sind schließlich immer noch frei - dieses synchron formulierte ANGENEHM also verursachte Jupp und Berta Belustigung, welche sich in kindlichem Gekicher äußerte und - man ahnt es - den Beginn einer intensiveren Kennenlernung darstellte, wie das so oft im Leben so geht.

Dem Gekicher folgte, da ändern sich die Verhaltensweisen wohl beinahe lebenslänglich nicht, egal ob Teenie oder Opa, eine etwas verlegene Pause, in der Berta auf Jupps Anreißen eines Gesprächsthemas wartete, derweil Jupp auf selbiges von Berta hoffte. Da beiden nichts einfiel, Jupp jedoch noch etwas schnellere Reflexe besaß, stellte er sich Berta folgendermaßen vor:

"Tresörrödefähr ahwottrekonnäßongß", was die französische Variante des angenehmihreBekanntschaftzumachen und somit vornehmer, weltgewandter, gebildeter, cosmopoliter klingend als das köppeeinschlagende Germanische. Zwar wußte Jupp, trotz langjähriger Inanspruchnahme der wohlklingenden Floskel, nicht, wie man das komplizierte Begrüßungsgetue schrieb (Franzosen schrieben ja immer blöderweise komplett anders, als sie sprachen) doch er verfügte über die Erfahrung, daß ein derart geschickter Hinweis auf die nicht vorhandene polyglotte Bildung gewaltigen Eindruck bei den Damen hinterließ. Auch bei Berta vollzog sich diese Wirkung, das konnte er sehen. Vor Entzücken zogen sich die labberigen Runzeln um ihre ansonsten hängenden Mundwinkel in Richtung Ohr und sie sortierte somit das gewöhnlich durcheinanderkreuzende Faltenchaos infolge der zweiseitig ohrwärts ausgerichteten Spannung zu einem regelmäßigen Plisseemuster. Darüber hinaus legte die Regung eine Reihe farblich zwar einwandfreier, doch riesiger und Jupp an einen alten Gaul erinnernder Plastizähne frei, zwischen denen mühelos ein Mangbrot quer hätte verschwinden können. Mit diesem Lächeln plazierte Berta die immer noch schwanzhaltenden Finger über Jupps Teller und öffnete sie, wodurch der Schalentiertorso senkrecht herabsauste und sich ebenso in den bergförmig aufgehäuften Beluga-Kaviar bohrte. Das Stilleben auf dem Teller erinnerte Jupp an einen abgeschmierten Kamikaze-Flieger aus dem Weltkrieg, dessen Fluggerät beim Aufschlag auf die Erde nicht explodierte, sondern - da versehentlich in einen weichen, matschigen Sumpf gesteuert - mit versenktem Cockpit im Modder stecken blieb. Berta indes bemerkte seine Erinnerungsabschweifung nichtmal im Ansatz, sondern steckte die roten Fingerspitzen in den Mund, leckte einmal kurz an einer jeden und reichte die derart gereinigten Greifwerkzeuge ihrem Gegenüber zwecks Handkußentgegennahme. Das Gelecke nun wiederum irritierte Jupp ein wenig. Spucke in jeder Form, und insbesondere fremde, fand er ekelhaft. Eine Tatsache, die ihn lebenslänglich vor allzu heftigen Kußszenen und seine Gespielinnen vor aufgerauhter Gesichtshaut durch ständiges Bartstoppelgerubbel bewahrt hatte. Dennoch: er griff die dargebotene Hand, neigte sein Haupt und deutete, intensiv den salzigen Meerestiergeruch wahrnehmend, einen Kuß an.

In der nun folgenden halben Stunde, auf die nicht weiter eingegangen werden soll, vernahmen die in einigem Abstand stehenden anderweitigen Besucher des Empfangs jede Menge begeisterter Ahhhs und Ohhhs und Neinwieinteressants und Köstlichs und und und.

Doch wie immer, wenn es am schönsten ist: Jupp und Berta mußten ihre Zusammenkunft beenden, mußten den anderen anwesenden Wichtigkeiten ihre Referenz erweisen, um dieserartigen nicht durch Abwesenheit auf die Füße zu treten.

Bei der herzlichen Verabschiedung nun konnte Berta nicht mehr an sich halten.

"Ich muß", sprach sie, "ihnen ein ungebührliches Kompliment machen: sie sind ein hocherotisches Mannsbild, wenn ich das einmal so sagen darf. Eine absolute Einzigartigkeit - und diese Uhr an ihrem Arm: exzellenter Ausdruck ihres erlesenen Geschmacks, wenn ich das so einmal sagen darf. Würden sie mir wohl gestatten, ein einziges Mal derart Wunderbares zu tasten?"

Berta senkte bei diesen Worten errötend das Haupt und warf einen vorerst letzten, aufsaugenden Blick auf das exquisite Teil an der altersbefleckten Jupp'schen Extremität, die sie - aufgrund der Übereinstimmung des Fleckenmusters - an das verseibelte Teppichläppchens erinnerte, welches in der Toilette ihrer langzeitstudierenden Tochter Beate vor dem Klo zu liegen beliebte. Jupp, sich für die Befingerung des Zeitmessers wie für die Entgegnung auf Bertas Ausführungen präparierend, hob derweil das monströse Gerät mittels Arm und räusperte sich, ehe er anhob:

"Ja, wahrhaft! Ein schöner Chronometer, doch darf ich das Lob so nicht stehenlassen, da die Wahl nicht von mir, sondern von meinem von mir gegangenen Eheweib getroffen worden ist - ein Hochzeitsgeschenk zu unserer Silberhochzeit." Hier trat eine andächtige Schweigeminute ein, ehe Jupp die Kraft fand, weiter zu reden. " Doch ich muß, Gnädigste mögen mir das verzeihen, ein noch viel unziemlicheres Kompliment an sie zurückgeben. Eins, daß ich mich kaum auszusprechen wage: ihre Brüste ....wahrlich, also diese Brüste ... sie sind nicht nur einzigartig, sondern gar ... göttlich! Ob auch ich einmal eine Berührung wagen dürfte?"

"Ha!", lachte Berta und griff unter die genannten, um sie - wie Jupp das mit seiner Uhr getan hatte - geschmeichelt und bereitwillig für die erbetene Befühlung zu plazieren, "noch eine Übereinstimmung!" Abermals riß sie - um heftig gebauchpinselt ihr strahlendstes Lächeln rauszulassen - derart die Oberlippe hoch und entblößte somit zum Zweiten die gigantischen Zähne, daß Jupp nicht entscheiden konnte, ob sie ihn mehr an einen flehmenden Gaul oder einen gähnenden früheren amerikanischen Präsidenten namens Jimmy Carter erinnerte. "Auch mein lieber Gatte, Gott hab ihn seelig, ist von mir gegangen und auch ich muß das Lob für diese in der Tat, wie ich finde, gelungenen Brüste weitergeben und zwar an meinen seeligen Gatten, der sie mir aus dem Katalog aussuchte - sie sind, genau wie das ihrige, ein Hochzeitsgeschenk zu unserer Silberhochzeit.

 

 

 

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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 26.April 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten