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Marion Lange Sonntagsstimmung

Das Hochzeitsges

An einem widerlichen Nebeltag - die Luft ist geschwängert mit kleinen Wassertropfen, so daß Ihre Raucherbronchitis optimale Lebensbedingungen vorfindet - an diesem Tag wachen Sie morgens früh mutterseelenallein in Ihrem Doppelbett auf.

Warum mutterseelenallein, fragen Sie?

Blöde Frage.

Weil sonst keiner da ist! So was passiert manchmal: vielleicht weil Ihr Ehepartner auf Geschäftsreise ist oder Sie geschieden sind oder Single aus Prinzip oder Single, weil Sie potthäßlich oder ein verknöcherter, mürrischer, alter Stinkstiefel sind und seit ewig ledig oder sonst was in der Richtung. Was weiß ich? (Gelegentliche one-night-stands zählen nicht. Einmal ist keinmal!)

Was sagten Sie da hinten? Sie haben kein Doppelbett, würden aber dennoch gerne weiterlesen? O.k., kein Problem. Die spezifische Beschaffenheit des Bettes interessiert nur marginal.

Also weiter!

Es regnet Bindfäden.

Sie haben eine Scheißlaune.

Aufgrund fehlender Sonneneinstrahlung kann Ihr Körper kein Vitamin D bilden und das macht Sie ganz krank.

Sie verspüren null Bock auf Duschen und noch weniger darauf, sich ordentlich anzuziehen.

In Ihrem Magen poltert der Hunger wie ein unsensibler Umzugsunternehmer und so reißen Sie in einer unüberlegt hoffnungsvollen Reflexbewegung Ihre Kühlschranktür derart auf, daß es diese beinahe aus den Angeln hebt. Die Ernüchterung folgt auf den Fuß und Sie konstatieren, daß Kühlschrank und Fernsehprogramm ein und dasselbe sein müssen, da nie etwas anständiges drin ist. Geschwächt von der Hungerkatastrophe, die sie gerade durchleben, schleppen Sie sich mit letzter Kraft zur Kaffeemaschine. Da auch hier in einigen Bereich Mangel herrscht, klopfen Sie die letzten frischen Körnchen der gemahlenen Bohnen in den alten, durchweichten Filter des Vortages. Hoffnung keimt gerade in Ihnen auf: Hoffnung, daß die wenigen, aromatisch duftenden Reste des schwarzen Goldes der sie an zu nasse Blumenerde erinnernden, verklumpten, bereits ausgelaugten Masse darunter so etwas wie Aroma einzuhauchen in der Lage sind. Der Werbespot von gestern abend fällt Ihnen ein. Daß Ihnen das gerade heute passiert - nämlich daß Ihnen ein Werbespot einfällt (Ihnen fallen sonst nie Werbespots ein!) - verbuchen Sie grummelnd unter "Tagesanbruch mit verschärften Bedingungen". Der Werbespot entschließt sich uneingeladenerweise zum Bleiben und beißt sich in einer Ihrer Gehirnwindungen fest wie eine Zecke im Fell einer Straßentöle.

"Der Tag beginnt mit Krönung light - soviel Aroma", krächzen Sie schief und mit zynischem Unterton beim Blick auf die hauchdünne Kaffeeschicht in dem labberigen Filtertütchen. "Ich bin aktiv den ganzen Tag - das tut mir gut!" Die aufgeräumte Blonde schreitet gerade in ihrem 150-qm-Durchschnittsappartment die Treppe herunter und kreuzt ihre straffen, pickelfreien Schenkel lässig auf dem sauteuren Freischwinger, den Sie als 39,- Marks-Imitation in lederimitierter Pappe auch als ganze Zierde Ihrer Wohnküche vorweisen können. Fatalerweise streift Ihr Blick bei dieser Aktion den zierdelosen Ikea-Spiegel, der seit Ihrem letzten Umzug verlegenheitshalber und völlig unpassend über Ihrem alten Gasherd hängt, da sie nicht wußten, wohin mit dem Ding. Wo gerade noch die aufgeräumte Blondine ästhetisch im Schneidersitz hockte, sitzt nun das entstellte Opfer einer Gasexplosion, daß Ihnen bei genauerer Betrachtung auffallend gleicht.

Die Kaffeemaschine gibt ein verkalktes Röcheln von sich, dem Ihre Kniegelenke beim Versuch, den Schneidersitz der Blonden zu imitieren, mit einem gleichfalls verkalkten, knackenden Knirschlaut antworten.

Im Magen poltert es weiter lauthals vor sich hin.

"Gut, daß keiner da ist", denken Sie, denn für diese Lärmbelästigung von seiten ihres Verdauungsorgans müßten Sie sich schämen und entschuldigen.

Ihr Blick ist auf der Suche nach spaltbarem Material und bleibt am Regal über der Spüle hängen.

Erasco - das Gute daran ist das Gute darin, fällt Ihnen siedendheiß ein und sie beschließen, sich ein Süppchen zu wärmen.

Während ein finales Rotzen das Ende des Aufbrühprozesses ankündigt, erheben Sie sich ungelenk, um nach Erasco zu greifen und das Gute darin zu geniessen. Ihre Hand umschlingt die Dose. Der Daumen liegt auf dem sc von Erasco. Era(Daumen)o steht da. Ihr Lateinunterricht fällt Ihnen ein: errare = irren. Lautete die 1. Person Singular erraro? Eigentlich unbegründet beginnen Sie aufgrund dieses Gedankensprungs, das Gute anzuzweifeln und stellen die Konserve lustlos ins Regal zurück. Gulaschsuppe zum Frühstück ist ja krank, finden Sie plötzlich. Sie greifen den lichtdurchfluteten Kaffee, kippen ihn in die einzige saubere Tasse (das ist immer die mit abgeschlagenem Henkel), schlendern ins Wohnzimmer und flezen sich vor den Fernseher.

"Schön, daß mich keiner sehen kann", denken Sie, "in Grund und Boden müßte ich mich schämen."

"Schön, daß ich allein bin", denken Sie, "sonst hätte ich mich schon anziehen müssen, um für die anderen frische Brötchen und Aufschnitt und Kaffee zu holen."

Sie strecken die Glieder und gähnen, ohne die Hand vor den Mund zu halten.

"Endlich ein Wochenende ganz für mich allein!" murmeln Sie, bereits wieder im Halbtran, und beschließen, vielleicht noch ein bißchen wegzuknacken. "Ja, gute Idee", antwortet die Sonntagsstimmung in Ihnen, denn sie weiß: im Schlaf laufen keine Werbespots, da ist nur Ruhe!.

chenk

 

 

 

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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 26.April 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten