Kehricht

Gesellschaft und Literatur im Netz

zurück zur Übersicht Kehricht zum Autor
   
  Der Schmied
  von Marc Mölders
   
  Personen:
  Dorian - Lyriker (wichtig)
  Madelaine - seine Frau
  Herr Consolo - unwichtig
  Frau Consolo - unwichtig
  Schmied - potentieler Mörder
  Bäcker - ein ordentlicher Mann
  Bäckerlehrling - ein ordentlicher Junge
  Autofahrer - ein Mitmensch
  Pfarrer - kein anderer Mensch
  Herr Friedmann - klein
  Verleger - Dorians einzigster Vorgesetzter
  Cohen - ein jüdischer geschäftsmann
  Bahnbeamter - Staatsdiener
   
  Eine dramatische Sendung in 5 Akten
   
  Fragen
  Dorian Ferrarius
   
  Ohne mich?
  Mein Leben?
  Langes Zögern?
  Mürrisches zu erleben?
  Erheiternd?
  Es ist ein Prozeß.
  Kaum abschließbar
  Banner der Freude
  Bis ich brach
   
  Frei zu sein?
  Sind alle gleich?
  Geht es oder ging es?
  Du lernst nie aus
  Denn auch der Schmied
  Schafft es nicht immer
   
  Wer?
  Ein Lachen?
  Ein Lächeln.
   
  Die Sonne blüht, aber scheint nicht
  Des Falters Freude ist mein Untergang
  Herr meines individuellen Universums
  Herr alller meiner Welten
  Jeder ist selbst seines Todes Schmied.
   
   
  1. Akt
  1. Ansage:
  Ein Wohnzimmer der 90er Jahre. Es ist Abend, kurz vor Mitternacht.
   
  Madelaine. Dorian.
Dorian: Ich glaube, ich habe größere Angst vorm Altar als vor Sterben.
Madelaine: verwirrt, fast ängstlich Was?
Dorian: Ich sagte, daß ich größere Angst vorm Altar habe als vor dem Tod.
Madalaine: gefaßt Ist das deine neue Lebensphilosophie? Wohl eher Sterbensphilosophie. Di wirst mir immer unheimlicher.
Dorian: abwesend oder auf seine Weise unaufmerksam Unheimlich? Du verkennst die Worte, aber lassen wir das, du bist du.
Madelaine: Ich bin ich, hör aus, du kannst es nicht ändern.
Dorian Ich will es nicht änder, ich bin ich.
Madelaine beim Verlassen des Wohnzimmers Ein Lachen. ein Lächeln, die Sonne blüht, des Falters Freude ist mein Untergang. Ein Mann, ein Idiot. denkend Was sind dasnur für Leute - Lyriker. Ich sollte ein Buch darüber schreiben. Pause Ich hasse sarkasmus.
Dorian ohne den Weggang zu beachten Tue ich es, weil ich es tun muß, oder muß ich es tun, weil ich es bin?Vielleicht eine gute Zeile. Es ist wohl vorbei. Fremd - alles ist fremd, ist das Vertraute nicht gleichzeitig, der Fremdkörper schlechthin? Große Worte. Ein Meisterstück, aber nur ein Stück des meisters. Morgen, gleich dann. Es wird, es wächst.
  2.Ansage
  Der nächste Tag ist angebrochen. Madelaine ist aus dem Haus. Dorian sitzt am Schreibtisch. der Schreibtisch ist groß, aber fast kahl. Eine Zigarettenschachtel, ein Aschenbecher, vierzig, vielleicht fünfzig Blätter Papier, ein Kugelschreiber und Dorians Gedanken, sind die einzigen Gedanken, die ihn bedecken.
  Dorian
Dorian: in sich gekehrt Es wird, es wächst. Fremdkörper, wie sol ich es ihr nur sagen, wie soll ich es mir nur sagen. Bin ich der Fremdkörper? Es geht nicht im mich, mein Werk. Bin ich mein Werk? Geht es also doch um mich? Ichbin mir selbst fremd. Unheimlich - so hat sie es ausgedrückt. Lohnt es sich? Bin ich mürrisch? Ist es erheiternd, mürrisches zu erleben? Bringt eine negative Basis eher Objektivität? Ich muß, ich muß es zu Ende bringen, mein Werk. Ich bin doch erst am Anfang. Es ist ein prozeß, kaum abschließbar.
   
  Interview mit Prometheus
Wer nicht fähig ist anzufangen?  
  Wird nie berechtigt sein
  Das Ende zu erleben
Was ist zwischen Anfang und Ende?  
  Leere, die auf Erfüllung hofft.
  Das Leben ist wie eine Liste von Aufgaben
  Prioritäten sind seine Lösungsversuche.
Bewußtsein als Maßstab  
  Die Frage nach der Erweiterung -
  Hat jeder selbst zu beantworten.
Wachsamkeit als Maßstab?  
  Die Frage, nach welchem Organ -
  Het jeder selbst zu beantworten.
Gibt es ein erweiterndes Organ?  
  Es gibt keine Formel zur
  Flächenberechnung
  Des Lebens
Ich danke dir, Prometheus!  
   
Dorian: Ein weiteres Stück, wieviel sind es noch, im Puzzle meines Lebens? Ich sehe das Ziel nicht. Aber ich habe es doch gerade noch gesagt. Warum nur kann er s nicht umsetzen. Herrgott. Jeder Idiot kann sich Ziele setzen. Es ist keine Kunst, also bin ich kein Künstler. Ich will es sein. Ich bin es. Ich denke, also bin ich. Ich weiß alles, was ich wissen muß. Ich muß wissen, was ich alles weiß. Und dann noch das. Ein Leben ohne mich, aber ich weiß es doch. Ich kann, also lebe ich. Worte, nichts als Worte. Taten machen das Wort lebendig. Mein Ziel, liegt es vor mir oder habe ich es schon überschritten? Vielleicht ist es ja Kunst, fähig zu sein, sich neue Ziele zu setzen. Ich fange an, Ich denke, also bin ich. Ich setze um, also werde ich. Morgen gleich dann. Ich werde, ich wachse.
Madelain: steht vor der Haustür, sucht in ihrer Tasche nach dem Hausschlüssel, aber findet ihn nicht. Sie klingel. Wenig später öffnet Dorian. Ich bin wieder da, falls Du gemerkt hast, daß ich fort war. Ist irgend etwas passiert, etwas außerhalb Deines Schreibtischhorizonts?
Dorian: ist sich nun sicher, fast erleichtert Es ist nichts passiert. Es hat sich nichts geändert. Das Nichts wurde für nichtig erklärt. Bis morgen.
   
  3.Ansage
  Es ist früh am Morgen. Wochenende. Madelaine schläftnoch. Dorian sitzt am Schreibtisch, der durch eine Kerze ergänzt wurde, die die einzige Lichtquele darstelt.
Dorian: hellwach Wenn der Meister ruht, ruht auch das Werk, sein Werk, mein Werk. Die Begründung der Ruhe liegt in mir slbst. Heute, gleich jetzt, des Wachstums wegen.

Dorian geht ins Schlafzimmer. Völlige Dunkelheit. Er weckt Madelaine auf, bedient den Schalter der Nachttischlampe und sammelt sich.

Dorian: Es ist pasiert, alles hat sich geändert.
Madelaine: verschlafen, im Bewußtsein einer Träumerin Ja, Du mich auch. Was willst Du von mir mitten in der Nacht?
Dorian: Ichverlasse Dich, ich verlasse mich. Heute, gleich jetzt, des Wachstums wegen. Des Falters Freude ist mein Untergang.
Madelaine: jetzt wach, wütend, leer Und Du warst, bist und bleibst mein Untergang. Ha! Verschwinde, ich wil Dich nie wieder sehen. Du armer Poet! Ich hätte es wissen müssen. Vergiß mich, ich flehe Dich an, ein allerletztes mal. Vergiß meinen Namen, vergiß jee einzelne Sekunde.
  Die laute Wohnzimmeruhr schlägt sechs. Dorain nimt seine schwarze Ledertasche. Er beginnt sein Hab und Gut darin zu verstauen. Er packt nur seine Blätter, seine Zigaretten, seine Aschenbecher, seinen Kugelschreiber und ein paar Kerzen hinein. Er denkt an Dinge.
Dorian: konzentriert sich bis zum Narzißmus Den Schreibtisch, Madelaine. Ich hole ihn ab, morgen, gleich dann. Laß ihn, wie er ist, es ändert sich nichts, sonst passiert es.
   
  4.Ansage
  Dorian wohnt nun allein. Den Schreibtisch hat er abgeholt. Er hat soeben das letzte Gedicht seiner zweiten Lyriksammlung fertiggestellt. 'Sellenpatriotismus'. Er ist zufrieden mit seinem Werk. Morgen. gleich dann, wird er 'Seelenpatriotismus' zu seinem Verleger schicken. Dorian ist Madelaines Wunsch gefolgt, er hat sie vergessen.
Dorian: mit weitaufgerissenen Augen auf seinen Schreibtisch starrend Nun ist mein zweites Werk vollendet. Doch auch dies ist nur ein kleines Stück meines Lebenswerkes. Wie alt muß ich werden? Ich fürchte mich vor dem Alter, mehr als vor dem Tod. Ich schaffe es. Es wird, es wächst. Ich werde, ich wachse. Das wird mein neues Thema sein. Dann schaffe ich es. Es - das Werk meines Lebens, nämlich mich selbst. Ich kann nichts vollenden, solange ich selbst unvollendet bin. Man lernt nie aus. Das ist klug. Meine Welt. mein Planet, mein individuelles Universum. ich werde Herr der Welt, aller Welten, Herr aller meiner welten. Es darf nicht fehlschlagen. Ich muß es vollenden, ich muß mich vollenden. Das Alter zu besiegen, bevor es erschaffen werden kann. Das ist des Falters Freude. Dann werde auch ich mich freuen. Jeder ist selbst seines Todes Schmied.
   
  II.Akt
  Exakt ein Jahr ist vergangen. Bereits vor einem halben Jahr beendete Dorian seine 3.Lyriksammlung namens 'Irreversible Abkehr des fahrplanmäßig als infinit Erachteten oder Trennungen." Nun erwartet er die Resonanz, nicht zuletzt seine eigene. Dorian sitzt am Schreibtisch, der durch ein Telefon ergänzt wurde. Die Wohnung ist kahl und wirkt verlassen, ganz gleich ob Dorian da ist oder nicht. Es ist noch immer die gleiche Wohnung, in die er umzog, direkt nach Trennung von Madelaine. Das Telefon klingelt, Dorian hebt ab. Vom anderen Ende spricht seinverleger.
Dorian aufgewühlt, die Haare ständig mit der zitternden Hand durchwühlend Phantastereien
Verleger: Die Resonanzder Kritiker ist zerreißend, die der Leser tendiert gegen null.
Dorian: Aber ich bin ich.
Verleger: Das habe ich auch gelesen. Pause Passen Sie sich an! Ansonten läuft ihr Vertrag aus, wenn er ausl#uft. Habe ich das nicht schön gesagt.
Dorian nur noch einen surrenden Ton des telefons vernehmend Anpasen? Pause Ich? Woran? Bislang habe ich immer versucht, mich an meine Werke anzupassen. Bin ich tot? Oder fängt mein Leben erst jetzt an? Vor der Geburt ist damit anzufangen. Ob Wissenschaft Wissen schaft? Was habe ich nur getan? Verdammt! Es darf keine Zeil zu viel sein. Das Gesamtkunstwerk! Zu perfektionistisch? Vieleicht. Doch es ist und bleibt mein Leben - mein leben bleibt mein Werk und vice versa oder vice versa? Wenn ich nur so weit wäre. Schreit Verdammt! Ich rede mit mir selbst. Ich denke mit mir selbst. Alter ego! Das Rollenspiel, oh ja, ich weiß es und ich weiß noch mehr. Ich bin es selbst. Ich brauche jemanden an meiner Seite, der alles weiß, was ich weiß, der so fühlt, wie ich fühle, so assoziert wie, die selben Prioritäten setzt, wie ich - wie mich. Ich kann dieses Aufbegehren nicht länger knebeln. Ich brauche es, um denken zu können. Nennen wir das Kind beim Namen - ein latenter Hang zur Schizophrenie. Ha! Ich habe es ans Tageslicht geholt. Unbewußte Denkläufe werden mir nun bewußt. Jetzt. Es wird, es wächst.
  Erst jetzt legt auch Dorian den Hörer auf die Gabel seines fast antik wirkenden Wählscheibentelefons. Es ist nicht die negative Resonanz auf seine Werke, die ihn so verwirrend erscheinen lassen. Er steht reglos vor seinem Schreibtisch, die Augen fast so weit geöffnet, wie sein Mund. Tausende von gedanken scheinen ihm durch den Kopf zu gehen, und doch sind es nur einzelne Gedanken, um die sich alles drehen - Bin ich tot oder fängt mein Leben erst jetzt an? Bin ich zu intelligent, um verrückt zu werden oder dadurch prädestiniert? Durch etwas so materielles wie den Ablauf eines Vertrages, zweifelt er plötzlich an all seinen ideelen Werten, und unterziht er sich selbst einer Psychoanalyse. Keiner Hobby-Psychoanalyse, denn er ist viel lieber imGarten. Seine Werke waren sein Vorbild. Seine Werke werden verkannt. Dorian ist allein, so wie immer. Ist das Vertraute nicht gleichzeitig der Fremkörper schlechthin?
   
  2.Ansage
  Dorian ist in die Bücherei gegangen. Er sucht nach Meisterwerken zu seiner Orientierung. Zwölf Bücher sind es geworden. Immer noch verwirrt und ungekämmt geht er zurück nach Hause, legt die Bücher auf seinen Tisch und beginnt zu lesen. Er hört nur ab und zu auf, um eine Weile zuschlafen. Ernährt wird fast nur der Geist. Dorian sieht schlecht aus. Abgemagert, blaß und müde.
   
  Dorian. Herr Friedemann
Dorian: zitiert 'Ist nicht das Leben an sich etwas Gutes, gleichviel, ob es sich nun so für uns gestaltet, daß man es 'glücklich' nennt? Johannes Friedemann fühlte das, und er liebte auch das Leben.' Das ist klug. Der kleine Herr Friedemann. Vielleicht bin ich noch nicht zu groß, um auch ein kleiner Herr Friedemann zu sein.
  Hastig fängt Dorian an im telfonbuch zu blättern. Er wirkt aktiv, wie schon lange nicht mehr. Die Lampe flackert. as Licht ist aus. Dorian geht zur Haustür, um das Licht des Flurs zu nutzen. Nach dem Auswechseln der Glübirne geht die Suche weiter.
Dorian: nuschelnd Friedback, Friedel, Friedels, Friedmann, ja euphorisch Friedemann. Zwar nur Josef, aber vielleicht reicht es ja.
  immer euphorischer werdend, bedient Dorian die Wählscheibe des Telefons. Es erfolgt das Freizeichen.
Herr Friedemann: Ja, Friedemann.
Dorian: erleichtert und doch ängstlich Herr Friedemann? Ich bin sehr kurze pause sehr glücklich, daß ich sie gleich erreicht habe.
Herr Friedemann: unsicher So so. Um was geht es denn, wenn sie eines dieser dämlichen Umfrageinstitute sind, dann -
Dorian unterbricht ihn Nein, um Gottes Willen. Ich habe zwar auch Fragen an sie, aber nichts für die Öffentlichkeit, schon gar nicht für die Forschung. Großes Geheimnis. lächelt, redet so schnell er kann, damit er nicht unterbrochen wird, ohne dabei die Tonlage zu wechseln Also, sind sie klein? Und lieben Sie das Leben? Ist das eben nicht an sich etwas Gutes? Sind sie glücklich, wenn es das überhaupt gibt?
Herr Friedemann unbeherrscht Sind sie wahnsinnig? Was wollen sie von mir? Steht meine Nummer unter der eines Psychologen, oder was? Sie Wahnsinniger!
  Herr Friedemann hat aufgelegt. Dorian rast vor Wut, seine ausgeliehenen Bücher landen an der Wand, das Telefon an einer anderen. 'Betrüger! Betrüger!', schreit er immer wieder.
Dorian: sich allmählich wieder beruhigend, keuchend Und ist nicht doch jeer ein Meister? Ist es die Suche nach dem Gebiet des Meisters nicht die einzige Kunst. Ich muß der Erste sein, die Gebietsmeisterkunst, das Leben.
  Dorian verläßt die Wohnung. Er wird auch nie wieder in diese zurückkehren. Er will seine Gedanken nicht länger fesseln. Er will leben. Ist das nicht an sich etwas gutes?
   
  III.Akt
  Dorian. Herr Consolo. Frau Consolo.
  Dorian sitzt in einem Café. Er denkt nach über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Er findet keine Übereinstimmungen un seinen Lebensabschnitten. Er hat schlichtweg keine Ahnung, wie es mit ihm weitergehn soll. Ihm gegenüber sitzt ein Mann und eine Frau, die weder glücklich, noch unglücklich aussehen. Sie fragen Dorian, ob sie sich kurz zu ihm setzen dürfen.Dorian nickt nu ängstlich.
Herr Consolo: Entschuldigen Sie, junger Mann.
Frau Consolo: Aber sie shen so mitgenommen aus.
Dorian: Ja, des Falters Freude ist mein Untergang.
Herr Consolo: ohne ihn anzuschauen Das war aber sehr poetisch.
Frau Consolo: zu ihrem Mann Aber auch ein wenig depressiv, nicht wahr?
Dorian: auf den Aschenbecher starrend Ich will doch nur Herr aller meiner Welten sein. Wer sind sie?
Herr Consolo: schüchtern Oh Verzeihung.
Frau Consolo: entschlossen, dann gleichgültig Wir sind die Consolos. Wir sind nicht wichtig. Wie sind sie? Oh, Pardon, wo kommen sie denn her, wollte ich eigentlich fragen.
Dorian: zum ersten Mal die Consolos anschauend Der erste Teil der Frage gefiel mir besser. Ich bin es. Mein Beruf ist die Lyrik. Die Lyrik bin ich, ich meine, ich bin meine Lyrik. ich will es sein, ich bin erfolglos. Was wissen sie schon, etwa woran ich mich anpassen könnte? Denn das muß ich, sobst bleibe ich gestorben. Ich rede mit mir selbst, müssen sie wissen. So denke ich. Wie denken sie Pause darüber?
Herr Consolo: Es ist, wie meine Frau es gesagt hat.
Frau Consolo: Ja, wir sind nicht wichtig.
Dorian: hektisch, er steckt sich eine Zigarette an, obwohl schon eine im Aschenbecher liegt
  Wie habe sie es geschafft, nicht wichtig zu werden?
Herr Consolo: entspannt, fast gelangweilt wirlkend Wer um alles in der Welt, will schon sein, wie wir es sind.
Dorian: zornig mit rot angelaufenem Kopf Beantworten Sie meine Frage!
Frau Consolo: ruhig Ja und nein. Ja, wenn man es möchte, nein, wenn man es zwingt. Adieu.
Herr Consolo: Es ist, wie meine Frau es gesagt habt. Adieu.
   
  2.Ansage
  Die Consolos verlassen das Cafe. Dorian in noch größerer Ratlosigkeit als vorher. Nach einer weiterern Stunde weiß Dorian noch immer nicht, wo er die Consolos einordnen soll. Das Café verläßt er nicht, bis zum Ladenschluß. Seine Ratlosigkeit läßt ihm keine Ruhe. Seine nächste Station ist der Bahnhof, am Fahrkartenschalter.
   
  Dorian. Bäcker
Dorian: ernst Eine Fahrkarte in die nächste Welt. 1 Klasse und Fensterplatz, bitte. Eine Welt, in der ich und ich willkommen sind, bitte.
Bahnbeamter: unsicher lächelnd Wie bitte? Pause, jetzt sicherer erscheinend Nicht schlecht, wie sie das so ernst sagen können. Bei solchen Sachen,versaue ich immer die ganze Pointe, weil ich mich einfachnicht beherrschen kann. Verstehen sie? Ich muß schon immer vorher lachen. Aber ich habe sie durchschaut. Dennoch, nicht schlecht. Respekt. Wohin soll denn die Reise nun gehen?
Dorian: nur mit sich selbst beschäftigt Das sagte ich bereits. Sie haben wohl ein kleines individuelles Universum. Was ist nun? Moment, noch eine Frage. Sind sie unwichtig?
Bahnbeamter: die Sicherheit verlierend, bis zur Arroganz Und sie haben wohl einen großen individuellen Schaden, wie? Wenn ich unwichtiger sein soll als sie, dann fahre ich auch gerne in die nächste Welt. Für heute ist geschlossen. Spinnen sie woanders weiter. Guten Abend!
Dorian: unbewußt Guten Abend! Sie haben mir mehr geholfen, als ich dachte. Pause. der Bahnbeamte packt seine Utensilien in eine schwarze Ledertasche und verläßt rasch den Bahnhof. Dorian bleibt stehen und spricht weiter. Ich muß einen unwichtigen Menschen suchen, von dem ich lernen kann, wie man nicht wichtig wird. Wenn ich schon niemanden finde, der alles weiß, was ich weiß, der so fühlt, wie ich fühle, so assoziert wie, die selben Prioritäten setzt, wieich, aber nicht ich bin, oder sagt man jetzt ist, dannn will ich nicht länger wichtig sein. Aber nicht Herr und Frau Café. Er hat den Namen vergessen. Morgen gleich dann.
   
  3.Ansage
  Dorian mietet eine Pensionszimmer für eine Nacht. Er bleibt bis zum Morgen des nächsten Tages, bezahlt und geht in die Innenstadt, auf der Suche nach unwichtigen Menschen. An einer Bäckerei bleibt Dorian stehen. Ohne weiter zu überlegen, geht er hinein.
  Dorian. Bäcker.
Dorian: freundlich, fast gut gelaunt Guten Morgen!
Bäcker: wie zu jedem Kunden Guten Morgen, was darf es sein?
Dorian: schüchtern Oh, nichts, was ihrem Handwerk entspricht. Nur eine Frage.
Bäcker: nüchtern Das kostet ja bekanntlich nichts.
Dorian: wartet, bis der Bäcker ausgeredet hat Um Gottes Willen, nein, ich möchte mich nur mit ihren unwichtigsten Angestellten unterhalten, nicht während der Arbeitszeit, aber ich möchte es, ich darf es nur nicht zwingen.
Bäcker: verwundert Also doch so ein Umfragebödsinn, ob er auch zufrieden ist, wie ich ihn behandele und so. Das kennt man ja. Soverän, nicht verteidigend Ich mag so etwas nicht, glauben sie nicht, daß ich etwas zu verbergen hätte. So wie sie aussehen, könnten sie eher ein kräftiges Roggen vertragen.
Dorian: gelassen und doch bettelnd Es geht hierbei eigentlich viel mehr um mine Zufriedenheit. Ich verspreche ihnen, es wird für sie keinerlei Konsequenzen haben. Sie bleiben genauso wichtig, wie vorher.
Bäcker: Ich verstehe sie zwar nicht, aber bitte sehr. Kommen sie nach Ladenschluß noch einmal. ich werde ihnen mal etwas Passendes heraussuche. Lacht
Dorian: dankbar Sie wissen gar nicht, wie sie mir geholfen haben. Das ist Klugjeit. Danke sehr!
   
  4.Ansage
  Freundlich und fast gut gelaunt verläßt Dorian den Bäckerladen und wartet auf einer Parkbank auf den Landeschluß der Bäckerei. Wenig später besuchen auch die Consolos den Park. Sie begrüßen Dorian und bleiben kurz noch stehn, um sich mit ihm zu unterhalten. Er weiß, mit wem er es zu tun hat.
  Dorian. Herr Consolo. Frau Consolo.
Herr Consolo: freundlich Guten Tag. Das ist ja ein schöner Zufall.
Frau Consolo: naiv Daß wir Sie hier treffen, wer hätte das gedacht? Wo wir gerade beim Thema sind.
Herr Consolo: interessiert Wir haben nämlich vergessen nach ihren Namen zu fragen.
Dorian: nachdenklich Ist denn ds so wichtig? Pause Vielleicht ja doch. Möglicherweise sogar der erste wichtige Schritt zur Unwichtigkeit. Also gut, mein Name ist Dorian, Dorian Ferrarius.
Her Consolo: erwachsen Sie sehen schon viel besser aus. Man sieht es ihnen an.
Frau Consolo: Daß sie auf dem Weg der Besserung sind.
Dorian: gebrechlich Ist das nun ein Rückschlag? Er steht von der Bank auf Sie könnten so viel Gutes tun für mich, warum wollen sie es nur nicht? Meine Besserung ist doch nicht mehr als negatives Wachstum - oder? Aber ich will werden. Ich will wachsen.
Herr Consolo: beruhigend Nehmen sie das, was wir sagen nicht so ernst. Adieu.
Frau Consolo: Ja, es bleibt so, wie ich es gesagt habe. Adieu.
   
  5.Ansage
  Dorian verliert kein Wort des Abschieds. Er setzt sich wieder. Das Gespräch mit den Consolos hat ihm nicht mehr gebracht als Zeit. Bald ist Feierabend, zumindesten für Bäcker. Dorian versucht sicht auf das Gespräch vorzubereiten. Der Bäcker hat etwas Passendes gefunden. Wenig später verläßt er den Park. Dorian läuft durch die kaum mehr besuchten Einkaufsstraßen der Innenstadt. Einge Laternen leuchten bereits. Andere wollen nicht. Dorian will, aber er darf es nicht zwingen. In seiner gedanklichen Konzentration wird er immer wieder von Erinnerungen an die Gespräche mit den Consolos gestört. Er steht vor der Bäckerei. Hinter der verschlossenen Türe steht der Bäcker. Er lacht, neben sich steht ein junger Mann, den andere als Jugendlichen bezeichnen würden. Dieser lächelt nur freundlich, eher gezwungen, fast ängstlich. Der Bäcker schließt auf und tritt auf die Straße hervor. In seiner frohen Art begrüßt er Dorian.
Bäcker: noch immer lachend So, mein Bester, ich habe mein Versprechen gehalten. Ich habe ihnen etwas Passendes herausgesucht. er lacht noch heftiger Das ist Johann, min unwichtigster Lehrling. Gerade erst im ersten Lerjahr. Unwichtiger geht es wohl kaum, was?!
Dorian ernst Laß ihn reden, Johann. deine Unwichtigkeit kann für mich das Wichtigste sein.
Bäcker: zu Johann, ohne mit dem Lachen aufzuhören Bestimmt wichtiger als für mich. Morgen hast du frei. Erhol dich. Du hast Irrenurlaub. Er macht sich auf den Weg nach Hause, sein Gelächter ist noch lang zu hören.
Dorian: beruhigend Ich danke dir schon einmal. Laß uns gehen.
  Dorian nimmt den Jungen zur seite. Er geht mit ihm dorthin, wo seine Reise begann, sie setzen sich in die kleine Bahnhofshalle. Auf der letzten Bank, deren Farbe schon lange abgeblättert ist, nehmen Dorian und Johann Platz. Dorians Augen sind weit geöffnet, die des Jungen dagegen schwer und müde.
Dorian: neugierig, jedenfalls sehr interessiert Sieht man mir irgendeine Besserung an? Sei ehrlich!
Bäckerlehrling: schüchtern Ich weiß nicht, mein herr.
Dorian: bestimmt Du weißt nicht, was ich hören möchte. Du sollst ehrlich sein, ich bitte dich. ich bitte dich, ich darf nicht zwingen.  
Bäckerlehrling: jetzt sicherer Nein, ich weiß wirklich nicht. Ich kann niemanden auf der ganzen Welt ansehen, ob es ihm gut oder schlecht geht. Und ich weiß auch nicht, ob ich das können will.
Dorian: erfreut Hervorragend! Es scheint dir einfach nicht wichtig zu sein. Wahrscheinlich bist du noch nicht zu groß, um ein kleiner Herr Friedemann zu sein. Aber ich hoffe, daß dir das auch unwichtig ist.
Bäckerlehrling: plötzlich energisch Was wollen Sie überhaupt von mir? Es ist nicht gerade der höchste Titel der Welt. Ich meine, der Unwichtigste zu sein.
Dorian: gebremst, fast traurig Du kennst es also auch nicht, das Geheimnis der Unwichtigkeit. Aber ich werde dir trotzdem sagen, was ich von dir will. nachdenklich Ich war zu unwichtig. Ich liebte meine Vergangenheit, mich und mein Werk. Es wurde mißverstanden. Ich habe mich mißverstanden. Ich kann mich nicht anpassen, weil ich nicht weiß woran. Seine Euphorie entfacht allmählich wieder Dann habe ich doch etwas gefunden. Es lag auf der Hand, es wurde mir auch ein wenig auf die Hand gelegt. Doch ich habe auch mir selbst viel zu verdanken. Wobei ich nicht genau weiß, ob ich mir dafür auch dankbar bin.
Bäckerlehrling: fast mitleidig Hören Sie, ich will keine Philosophie für Anfänger und Unwichtige. Ich verstehe sie nicht und sie verstehen mich nicht. Und auch wenn ich sie nicht verstehe, sie sind doch sicherlich auf ihre Weise klug. Was suchen sie nach der Unwichtigkeit anderer Menschen. Suchen sie lieber ihre Wichtigkeit. Ich möchte nun nach Hause.
   
  6.Ansage
  Dorian ist enttäuscht. Er verstand ihn nicht und vice versa. Während Johann sich nach Hause begibt, bleibt Dorian sitzen. Er verweilt auf der abgeblätterten Bank. Später, auf einem Weg ohne Ziel, versucht Dorian einen klaren Gedanken zu fassen. Es ist schon wieder hell, die ersten Vögel zwitschern bereits, als er zusammenschreckt. Seine Leere findet kurzweilig ein Ende.
  Dorian
Dorian: wieder euphorisch Ich habe es doch selbst schon gedacht. Ich habe es sogar schon selbst geschrieben. Man muß es nur wörtlich betrachten. Es kann also doch ein Meisterstück gewesen sein. Herr aller meiner Welten. Das reicht noch nicht aus. Dierekt die nächste Zeile - Jeder ist selbst seins Todes Schmied. Der Schmied kann die Wichtigkeit töten. Er muß es. Ich werde ihn nicht dazu zwingen müssen. Es ist sein Beruf, die Wichtigkeit zu töten. lauter Selbstverwirklichung! Gebietsmeisterkünstler!
   
  weiter zu Marc Moelders ' Der Schmied Teil2'  
     
     
zurück zur Startseite Kehricht zurück an den Anfang
zur neuesten 'Volksfest' - Ausgabe zum Autor

Die letzte Überarbeitung erfolgte am 12.September 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten