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Stefan T. Pinternagel
Dem Tag ein Dorn im Auge
Der junge Mann kam geradewegs auf sie zu und bedachte sie dabei mit lüsternen Blicken. Das war Tamara gewohnt. Die meisten Männer sahen sie auf diese Weise an; das konnte manchmal nerven, aber im großen und ganzen hatte sie es inzwischen akzeptiert und es war ihr gleichgültig, welche perversen Gedanken in den Köpfen der Kerle wüteten, wenn sie sie so ansahen. Im Prinzip war es wohl immer dasselbe: Sie wollten ihre Brüste, die sie Titten nannten, sehen, wollten an ihrer Zunge saugen, ihr in das Höschen greifen, sie sollte es ihnen mit dem Mund machen... immer die gleichen, unausgegorenen Männerphantasien!
"Ham Se mal Feuer" fragte der Mann, der jetzt bei ihr stand. Er wollte nicht wirklich NUR Feuer, er wollte auch sein Feuer von einer schönen Frau bekommen. Das war keine primitive Anmache, sondern ein ehrliches Verlangen! Um diese Uhrzeit war sie ohnehin noch nie angemacht worden. Es war sechs Uhr dreißig. Dabei hieß es doch immer, daß die Männer am Morgen am geilsten waren. Trotzdem las sie in den meisten Gesichtern um diese Uhrzeit nur Resignation, Unlust und Müdigkeit. Noch zwei Minuten, bis der Bus kam. Wenn er sich nicht wieder verspätete. Und er würde sich verspäten, da war sie sich ziemlich sicher.
"Natürlich" antwortete Tamara und kramte betont umständlich in ihrer Tasche herum. Sie zog ein Einwegfeuerzeug mit dem Aufdruck HARTMANN MOTOREN heraus und gab dem Mann Feuer. Er legte seine Hände um die Flamme, berührte dabei flüchtig die Stelle zwischen Daumen und Zeigefinger. Für den Bruchteil einer Sekunde musterte sie ihn, er war jung, vielleicht achtzehn oder zwanzig, hatte schwarzes Haar und einen Zweitagebart. Und sie bemerkte den Dreck unter seinen Fingernägeln um halb sieben morgens.
"Um halb sieben morgens, auf dem Weg in die Arbeit, Dreck unter den Fingernägeln zu haben, ist nicht gerade ein Zeichen von Reinlichkeit" sagte sie schnippisch zu ihm, nachdem seine Zigarette glühte. Sie steckte das Feuerzeug wieder in ihre Tasche und sah ihm ins Gesicht. Er sah verdutzt, ja ungläubig, zurück. Sie drehte sich um und ging einige Meter von dem Wartehäuschen weg, blickte, scheinbar gedankenverloren, auf ein Plakat, und lachte sich innerlich ins Fäustchen. Daran würde der Bursche zu knabbern habe. ´Wetten´ dachte sie bei sich, ´daß er morgen mit ausgebürsteten Fingernägeln in den Tag startet. Vielleicht läßt er sich sogar eine Maniküre machen nötig hätte er es´.
Tamara drehte sich wieder in Richtung Straße und sah nach dem Kerl. Der blickte weg. Schön. Wie leicht es doch manchmal war, für jemandes Tag der Dorn im Auge zu sein. Sie fand das geradezu amüsant! Wenn sie längere Zeit nicht jemandes Dorn gewesen war, fühlte sie sich kränkelnd, lustlos und ohne jegliche Existenzberechtigung. Ein Dorn zu sein, hieß zu leben! Und es gehörte nicht einmal viel dazu. Man mußte in der Regel nur auf die Kleinigkeiten acht geben und diese dann, wohlformuliert, dem anderen ins Gesicht schmettern. Das war alles. Der Mensch, dessen Dorn sie in dem Moment war, war natürlich zuerst verschüchtert, später würde er wütend werden, aber still wütend. Er würde sie in seinem Kopf als Hure bezeichnen, oder schlimmeres. Aber irgendwann würde er über ihre Aussage nachdenken, vermutlich den ganzen Tag, immer wieder ein bißchen, ein Funken in seinen Gehirnwindungen, ein Dorn in seinem Ego. Das war dann ihr Dorn! Die sensibleren unter den Männern hatten an ihren Sprüchen wahrscheinlich etwas länger zu kauen als die anderen, aber keiner würde daran zerbrechen, keiner deswegen Selbstmord begehen. Im allgemeinen versuchte sie die Männer (manchmal waren es auch Frauen) erst mal einzuschätzen und an guten Tagen verkniff sie es sich, einen sensiblen Menschen zu verunsichern. Aber es war gar nicht so leicht, einen Menschen mal schnell, zwischen Tür und Angel, in eine Kategorie zu stecken.
Andererseits wußte sie natürlich nicht, ob gerade ein sensibler oder einer dieser knallharten Typen vor ihr stand, und nach dem Spruch erfuhr sie in den meisten Fällen auch nicht mehr, ob sie sein Gemüt richtig eingeschätzt hatte. Vermutlich hatte sie schon mehreren Sensibelchen einen Dorn verpaßt, als sie eigentlich vorgehabt hatte. Doch, um der Wahrheit die Ehre zu geben, es war ihr einerlei. ´Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß´ dachte sie, als der Bus kam. Sie sah auf ihre Armbanduhr. Natürlich: Um anderthalb Minuten zu spät! Wie sie diese Unpünktlichkeit haßte!
Sie stieg beim Fahrer ein, der Dreckige-Fingernagel-Typ hinten. Da, ein freier Platz! Eine Seltenheit zu dieser Stunde. Sie setzte sich und starrte aus dem Fenster, so wie es alle taten. Es war noch ziemlich dunkel, der Tag erwachte mühselig, eine zarte, blass-rote Helligkeit dort, wo man den Horizont vermuten möchte. In der Scheibe sah sie ihr Spiegelbild, blickte durch sich hindurch und flog mit ihren Gedanken zu dem Kerl, der jetzt sicher frustriert auf seine Fingernägel starrte, vielleicht sogar versuchte, sie unauffällig an der langen Beinnaht an seinen Jeans (trug er überhaupt Jeans?) zu reinigen. Dabei fuhr er an seinen Innenschenkeln auf und ab, an der Außenseite einer Jeans gab es diese grobe Naht nicht, und hoffte, daß ihn niemand dabei beobachtete. Man hätte bei dieser Bewegung ja etwas Krankhaftes vermuten können.
Ihre Imagination brach ab, ihr Geist wanderte in die Vergangenheit, nicht weit, zu den Punkten, an denen sie irgend jemandes Dorn gewesen war. Sie konnte sich nicht an alle erinnern, doch ihre persönlichen Highlights waren ihr natürlich im Gedächtnis geblieben. So zum Beispiel der Fall, als sie mit einer ihrer Freundinnen durch die Stadt gezogen war und von einem dieser typischen midlifecrisesgeschüttelten Man-ist-so-alt-wie-man-sich-fühlt-Typen nach der Uhrzeit gefragt wurden. Er trug betont jugendliche, sportlich ausgelegte Kleidung und einen Schnauzbart. Tamara haßte Männer mit Schnauzer. Die Freundin erteilte dem Kerl bereitwillig Auskunft, dann gingen sie weiter. Lautstark genug, und lachend, sagte Tamara wenige Meter später: "Dem hättest du die Zeit nicht zu sagen brauchen. Der ist ohnehin schon so alt, daß er nur noch wenig davon übrig hat." Ein rascher Blick zurück zeigte ihr, daß ihre Bemerkung gesessen hatte. Der Kerl kam beim Gehen aus dem Takt, seine ganze aufgestylte Gestalt sank in sich zusammen. Sogar von hinten gab der Mann nun ein geradezu kümmerliches Bild ab.
Oder als sie dieser fremden einsamen Frau die Möglichkeit auf einen One-Night-Stand, oder vielleicht sogar mehr, genommen hatte. Tamara war zu dieser Zeit schon lange kein Dorn mehr gewesen. Zum einen ergab sich damals nur äußerst selten die Gelegenheit dazu, was aber auch daran liegen konnte, daß sie für die Welt nur oberflächliche Blicke hatte. Zum anderen fiel ihr, wenn sich dann schon mal eine solche Gelegenheit ergab, nicht der passende Spruch ein. Sie schob diese Unfähigkeit auf ihre Gefühle für Norbert, der sie einige Wochen zuvor wegen einer anderen Frau hatte sitzen lassen.
An diesem Abend jedoch schien ihr das Schicksal die Chance regelrecht aufs Auge zu drücken. Sie saß in einer Bar, trank einen "White Russian" und beobachtete über den Spiegel, der hinter dem Tresen angebracht war, die Leute. Der Hocker rechts neben ihr war frei, auf dem nächsten Stuhl saß ein Mann, der sich angeregt mit einer Frau unterhielt. Tamara mußte die Ohren nicht erst spitzen, um zu erfahren, daß sie sich gerade kennengelernt hatten. Sie vermutete ein Blinde-Date. Sporadisch sah sie nach rechts. Von dem Mann konnte sie nur wenig erkennen, er wandte ihr den Hinterkopf zu. Er hatte einen Wirbel an einer Stelle, an der sich die Haare spiralförmige auf die Kopfhaut legten. Auch im Spiegel war von der Vorderansicht nicht viel auszumachen, da einige Flaschen alkoholischer Getränke in ihrem Sichtfeld standen. Die Frau aber konnte Tamara ohne größere Anstrengungen mustern. Sie war etwas älter, hatte das, was man ein "gezeichnetes" Gesicht nennt. Eine nette Umschreibung für das, was von Falten und Tränensäcken verunstaltet war. Am beeindruckendsten aber waren die Augen in diesem Gesicht. Sie waren strahlend blau. Das ganze verbrauchte Antlitz der Frau schien lediglich aus diesem paar blauer Augen zu bestehen. Aber die Augen waren nicht nur blau, sie waren auch traurig. Tamara erkannte die Einsamkeit der Fremden darin, die fest und tief in ihrem Herzen saß. Sie sah auch die Hoffnung, den Mann mit nach Hause zu nehmen. Sie sah die Hoffnung, ihn für sich zu gewinnen, wenigstens für eine Nacht. Diese Frau wollte, KONNTE, in dieser Nacht nicht alleine sein.
Normalerweise hätte Tamara in einem solchen Fall Milde walten lassen. Aber da war dieses Bestreben in ihr, endlich wieder ein Dorn sein zu dürfen. Ein fast zwanghaftes Verlangen, die Situation auszunutzen, sich wieder gut zu fühlen...
"...war ich schon seit zwei Jahren nicht mehr im Urlaub. Zuletzt war ich auf Mallorca, da fand ich es recht schön, aber doch etwas überlaufen."
Der Mann nickte. Er nickte ziemlich oft. Wenn sie ihn doch nur einmal von vorne sehen könnte! Tamara trank ihr Glas aus und schielte nach dem Barkeeper. Der stand mit dem Rücken zu ihr und mixte gerade irgend einen Longdrink zusammen. Tamara nahm das Glas und stieß es hinter den Tresen, es fiel etwa zehn Zentimeter, dann knallte es geräuschvoll auf den Edelstahl neben dem Spülbecken. Es zerbrach nicht. Aber der Barkeeper und der Gesprächspartner der Fremden, drehten sich um, um nachzusehen, was geschehen war. Tamara legte für den Barkeeper einen unschuldigen Blick auf, dann sah sie zu dem Kerl neben sich, lächelte ihn verlegen an. Er war nicht gerade attraktiv. Unterer Durchschnitt. Brille. Leichtes Doppelkinn. Er lächelte zurück. Nun wußte er, daß sie da war, neben ihm saß, allein.
"Ich war letztes Jahr in Syrien" erzählte er dem Blauauge, als er sich wieder umgedreht hatte. "Es war hochinteressant dort. Die Kultur, die Religion, die Gebäude. Ich mochte mich fast nicht an den Strand legen, so viel gab es da zu sehen."
Sprach er nun nicht eine Nuance lauter um Tamara mithören zu lassen? Um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken? Tatsächlich blickte der Mann jetzt öfters in den Spiegel und versuchte, einen Blick von Tamara zu erhaschen, was fehl schlug. Nach einer Weile drehte er sich, wie unabsichtlich, zu ihr hin und schielte flüchtig herüber. Sie lächelte ihn an, ein wenig schüchtern, aber auf keinem Fall abgeneigt. Sie signalisierte ihm ihr Interesse. Dabei wuchs in Tamara das Gefühl des Triumphes heran. Sie war jetzt schon ein Dorn, ein kleiner zwar, aber immerhin: Ein Dorn. Der Typ würde sich für die nächsten Stunden an sie erinnern, wie sie so einsam und verlassen an der Bar saß, so eine Klassefrau, nicht zu fassen. Doch das war ihr nicht genug. Sie konnte mehr daraus machen.
Tamara orderte ein weiteres Glas "White Russian". Inzwischen sprachen die beiden über weitere Nichtigkeiten ihres Lebens: Von der Arbeit, den Beziehungsproblemen von Bekannten und von geheimen Wünsche, die gar nicht so geheim sein konnten, denn sonst hätten sie sie nicht in aller Öffentlichkeit herumposaunt. Nun würde es erfahrungsgemäß nicht mehr lange dauern bis er oder sie mit dem vertrauensdusseligen Satz herausplatzten: "Ich weiß, es hört sich seltsam an, und wir kennen uns erst seit ein paar Stunden, aber ich habe das Gefühl, dir alles sagen zu können." Soweit wollte es Tamara nicht kommen lassen obwohl... Sie lenkte ein. Zu einem wirklichen, einem wahrhaft mächtigen Dorn würde sie erst dann werden, wenn diese Worte ausgesprochen worden waren. Zu einem Dorn, der tiefer saß, als nur für einen Tag. Möglicherweise sogar zu einem Dorn, der zu eitern begann. Das war hart, so etwas hatte sie eigentlich noch nie absichtlich gemacht, aber irgendetwas ritt sie, und sie bereute es bis heute nicht, so gehandelt zu haben.
Inzwischen hatte die fremde Frau ihre Widersacherin in spe entdeckt, hatte den Blickkontakt, das Lächeln, dieses Sich-flüchtige-umdrehen ihres zukünftigen Ex-Liebhabers wahrgenommen. Sie reagierte, ihrem weiblichen Instinkt entsprechend, mit nachdrücklich geforderter Aufmerksamkeit. Sie griff nach seiner Hand. Die Worte würden gleich kommen.
Tamara gab sich zurückgezogen, blickte in ihr Glas, doch ihre Sinne waren bis aufs äußerste gespannt. Sie überlegte sich, ob das, was sie vorhatte, eine Art blinder Racheakt an Norberts neuer Freundin war, aber sie konnte sich das verneinen. Diese Form der Rache wäre ihr dann doch zu primitiv gewesen, ein Schuß in die falsche Richtung. Es war einfach nur diese Situation, nichts weiter.
"...natürlich, wir haben uns erst vor kurzem kennengelernt, aber ich muß dir sagen, daß ich schon lange nicht mehr das Gefühl hatte, so gut von einem Menschen verstanden zu werden. Ich habe das Gefühl, dir alles sagen zu können."
Es war heraus. Endlich. Das Warten hatte ein Ende. Tamara ließ ihren "White Russian" stehen, legte zwanzig Mark auf den Tresen und berührte den Mann leicht an der Stelle des Jacketts, unter dem sie sein Rückrad vermutete. Er drehte sich zu ihr.
"Entschuldigen Sie bitte, ich denke, ich habe etwas zu viel getrunken, um noch mit dem Auto nach Hause fahren zu können. Würden Sie vielleicht...?"
Der Typ sah sie verwirrt an. Er wußte nicht, was er sagen sollte. Da war die eine, nicht gerade eine Schönheit, aber ein hundertprozentiger Treffer. Sollte er sie stehen lassen und sich ein weiteres Los nehmen, ein schöneres, attraktiveres, welches sich dann aber leicht als Niete entpuppen konnte? Sie sah sein Wanken. Er tendierte mehr zu den hundert Prozent, Tamara mußte deutlicher werden, ihn auf ihre Seite bekommen. Die fremde Frau fixierte sie über die Schulter des Mannes hinweg. Seltsam, da war eine Mischung aus Haß, Angst und Einsamkeit in ihren Augen. Sie wußte, daß nun alles an IHM lag.
"Was wollen Sie mit dem Spatz in der Hand, wenn Sie die Taube auf dem Dach haben können?" raunte Tamara dem Fremden zu. Um diese Behauptung zu untermauern, fuhr sie sich flüchtig, aber aufreizend genug, mit der Zunge über die vollen Lippen. Der Kerl kippte. Er drehte sich zu seiner Verabredung um, nahm die Wagenschlüssel vom Tresen und murmelte etwas von "Entschuldigung, aber ich bringe die Dame nur schnell nach Hause". Als hätte es irgend jemand auf der Welt geglaubt, daß er in einem plötzlichen Anflug humanistischen Bestrebens, den Chauffeur spielen wollte. Männer konnten manchmal so gnadenlose Einfallspinsel sein! Die fremde Frau sah ihn nicht mehr an. Sie sah auch Tamara nicht mehr an. Sie blickte auf den Boden, verbarg ihre blauen Augen hinter den Lidern. Jetzt bekam Tamara ein schlechtes Gewissen. Sie wollte der Frau nicht so weh tun, wollte sie nicht leiden sehen, zusammengekauert, desillusioniert, auf dem Barhocker sitzend und sie vermeinte das Knacken ihres Herzens zu hören. Tamara wollte raus. Sie stand auf und ging; als sie an der Türe war bemerkte sie, daß der Mann ihr folgte. Was für ein Arschloch!
Tamara hielt ihm die Türe auf, sie gelangten ins Freie. Die Nacht war klar und kalt. Eine Gruppe Jugendlicher ging an ihnen vorbei, vorwiegend Pärchen, hinterher trotteten zwei Jungen, die noch keine Partnerin gefunden hatten.
"Hast Du die Telefonnummer Deiner Bekannten?" fragte Tamara und nahm unvermittelt das "Du" an. Einem solchen Vollidioten konnte sie auf keinen Fall die Ehre erweisen, und ihn mit "Sie" ansprechen. Sie überlegte sich kurz, ob sie den Kerl nicht einfach stehen lassen sollte; aber dann würde er wahrscheinlich die Frechheit besitzen und zurück in die Bar gehen, würde seiner Hundertprozentigen, die inzwischen aber bestimmt keine Hundertprozentige mehr war, die Lüge auftischen, daß er sich nun doch für sie entschieden hätte. Er würde die Tatsachen umdrehen nicht Tamara hatte ihn stehen lassen, er hatte Tamara stehen lassen. Das hatte weniger etwas mit ihrem Bestreben zu tun, ein Dorn zu sein, als vielmehr mit der moralischen Verpflichtung, die sie in diesem Fall übernommen hatte. Die arme Frau würde mit dem Trottel ins Bett steigen und sich dabei unwissentlich zur Übertrottelin machen. Tamara konnte vielen Menschen viel antun, aber das war definitiv zu grausam.
"Wieso?" erkundigte sich das Arschloch.
Tamara wollte der fremden Frau noch eine Chance geben. Wenn das Arschloch bei ihr anrief, weil er eine Niete gezogen hatte, konnte sie es ihm heimzahlen und ihn zum Teufel wünschen. Das hätte Tamara als ausgleichende Gerechtigkeit empfunden. Zuerst war sie der Dorn im Auge des Tages der Frau, dann der Dorn für den Mann und schließlich wurde die fremde Frau zum Dorn für den Mann. Hoffentlich kam es so!
"Ach, ich mein ja nur" antwortete Tamara wage auf die Gegenfrage und ging neben dem Mann her. Er hatte seinen Wagen im Parkhaus auf der anderen Straßenseite geparkt. Ein alter Mercedes Diesel. Sie navigierte ihn durch die Stadt, ließ sich in der Nähe ihrer Wohnung absetzten. Die ganze Fahrt über verlief, abgesehen von ihren Weisungen, wortlos. Er fragte sie noch nicht einmal nach ihrem Namen. Am vermeintlichen Ziel angekommen, würgte das Arschloch den Motor ab und wollte ebenfalls aussteigen, wollte Tamara folgen, mit ihr in die Wohnung gehen, sie befummeln, ausziehen, das Los auspacken, aber es kam nicht so weit. Tamara rannte wie von der Tarantel gestochen los, hetzte um die Ecke zu ihrer Wohnung, lief an der Haustüre vorbei in den Hinterhof und gelangte schließlich über den Hintereingang ins Gebäude. Sie stand im Treppenhaus. Sie schaltete das Licht nicht ein. Draußen sah sie eine Shilouette vorbei gehen, langsam, suchend. Tamara verkniff es sich, ihm etwas Bösartiges zuzurufen. Ihr Dorn saß an der richtigen Stelle, jede weitere Aktion hätte ihn nur stumpf und primitiv werden lassen.
Die monotone weibliche Stimme vom Band rief ihre Haltestelle aus. Hier mußte Tamara in die 37er Linie umsteigen. Sie drückte den STOP-Knopf an der Stange vor sich, irgendwo aus dem Cockpit des Busfahrers ertönte ein nerviges Summen, das WAGEN-HÄLT-Schild leuchtete über ihrem Kopf auf. Beim Aussteigen bemerkte sie, das der Fingernagel-Typ schon einige Stationen vor ihr ausgestiegen sein mußte. Er war nicht mehr im Bus.
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Die letzte Überarbeitung erfolgte am 03.Oktober 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten