Kehricht

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  Stefan T.Pinternagel

 
  FuckCity
('Die Hoffnung auf Morgen' gehört eigentlich zu einem Dreiteiler, der aus folgenden Storys/Teilen in der folgenden Reihenfolge gehört: "Fuck City", "Die Hoffnung auf Morgen" und "Kurz & Knapp". "Andrenalintourismus"-ebenfalls alle auf den 'kehricht"-Seiten, stellt einen Nachzügler der Triologie dar.)

 

Die neuen Conquistadores kommen nicht unter dem Banner eines Königreichs, sondern unter den Logos der Finanzimperien. Sie tragen das Zeichen von BP, Hoechst oder McDonalds. Sie töten und vergewaltigen nicht mehr - sie vertreiben die sogenannten Primitiven, entreißen den Einheimischen den Mutterboden, um ihn aufzuwühlen, fahren mit Bulldozern über die Dörfer, nähren die Gier nach Geld und Edelsteine und schwarzem Gold. Sie nötigen ihnen Zivilisation auf: Videorecorder, Satellitenschüsseln, Faxgeräte. Der Urwald wird zum stählernen Bürokomplex, erschüttert von Handygepiepse und Druckerlärm.

Die neuen Conquistadores beschränken sich nicht mehr auf einen Kontinent. Jede Lücke auf dem Planeten wird kartographiert und als Bauland verplant. Vierspurige Autobahnen durch die Wälder, über Seen, durch Berge; Tankstellen, Supermärkte, Motels, Restaurants, Bars, Sexshops, Kinos, Discos, Bäder, Golfplätze folgen. Konsum, bis alles ausgekostet ist, bis die Welt auskonsumiert wurde.

Auf einer dieser Autobahnen, abends, rasen wir auf die City zu, die smogverhangen am Horizont auftaucht mit ihren Hochhäusern und Wolkenkratzern. Zu beiden Seiten der Straße liegen die Felder brach. Dort hinten, kaum erkennbar, ein flacher Gebäudekomplex, über dem ein Tornado wütet. Seine Wirbel ziehen sich schmal in die Lüfte, er ähnelt einem Wassersog über dem Abfluß der Badewanne.

Wir fahren weiter. Ein milchiger Nebel aus feinem Staub fegt über den Asphalt; der Fahrer schaltet die Scheibenwischer und das Licht ein, geht vom Gas. Wir kriechen mit 60 Sachen durch die trübweiße Luft.

"Sieh nach vorn" herrsche ich ihn an, der immer wieder versucht den Tornado zu erhaschen; das macht mich ganz krank. Ich stelle das Autoradio an, um mir Informationen über das Phänomen zu beschaffen. "... besteht kein Grund zur Aufregung" säuselt eine erotische Frauenstimme aus den Lautsprechern. "Die Stadt ist nicht bedroht. Der künstlich erzeugte Tornado ist nur ein Test, ob unsere Schutzschilde seiner Gewalt standhalten. Bislang sind die Experten zuversichtlich, doch der Schild soll trotzdem weiterhin verstärkt werden."

Die Nebelschleier lichten sich. Ein letzter Blick auf die bedrohliche Windsäule, die starr auf ihrem Platz über dem Gebäude tanzt. Bald sind wir in FuckCity.

Der Inkubus des Betons lauert in den Straßen und Gassen der Stadt. Er verfolgt jeden Eindringling, jeden Besucher; selbst hinter den Touristen schleicht er her, aber sie bemerken ihn nur selten - sind zu sehr mit den Sehenswürdigkeiten und Fotografieren beschäftigt. Diese Narren! Der Dämon trinkt ihr Blut, ihren Schweiß, saugt ihren Abfall auf und labt sich an ihren Fäkalien. Manchmal frißt er eines ihrer Kinder, oder, und das macht ihm besonderen Spaß, er sucht sich ein Opfer aus und jagt es. Der Betondämon hat keine Augen, dafür kann er ausgezeichnet riechen und hören, um sein Tastvermögen beneiden ihn so manche. Er hat keine concreten Formen, ist aus flüssigem Beton, der sich in jeder beliebigen Gestalt verfestigen kann, innerhalb von Sekunden. Ich bin ihm einmal begegnet, damals, als ich zum ersten mal in diesen Moloch kam. Das Biest hätte mich fast erwischt, schon züngelten seine Tentakel nur noch Millimeter weit entfernt, Pfeilspitzen schossen aus seinem Maul, da kam ein Reisebus voll japanischer Spione, die als Touristen getarnt waren, an und er ließ ab von mir.

In einigen semitisch regierten Vierteln haben die Puffs am Sonntag geschlossen und die geilen alten Männer vergreifen sich an den kleinen Strichern oder warten vor der Sonntagsschule auf passende Objekte. Der sommersprossige Hans, der mit der Steinschleuder auf streunenden Zodiaks schießt, Sandy, die eine richtige kleine Streberin ist, der asoziale Spike, die Nonne, die den Unterricht hält; hie und da fällt ihnen auch der Hausmeister in die Hände, obwohl sich der nach Schulschluß im Keller verbunkert. Da haben es die Bewohner anderer Stadtteile besser: Die verfickten Kerle gehen wie gewöhnlich in ihr Stammbordell und jammern dort den gelangweilten Nutten von ihrer zerrütteten Ehe vor. Dort ist die Welt noch in Ordnung.

Die größten Attraktionen in der Stadt sind die Suizidheinis. Sie sind die wahren Unterhaltungsstars. Hei, was für ein gelungenes Schauspiel wenn ein Depressiver zwei Meter vor einem aufschlägt und sich zu Matsch verwandelt. Das kann man filmen und zu Hause in Slow-Mo abspielen, zum Kindergeburtstag. Sie werden nicht glauben, was die kleinen Racker alles beobachten. "Der Mann weint ja, Mama" sagt das Geburtstagskind, als es Tränen auf der Wange des Selbstmörders sieht, kurz vor dem Aus. "Da! Ein Stückchen vom Großhirn" jauchzt sein bester Freund. "Das ist der Sulcus occipitotemporalis!" belehrt ihn der Vater.

Vorbei die langweiligen Abende vorm Diaprojektor. Der Suizidheini wird zum Serienselbstmörder, immer und immer wieder wird er auf den Bildschirm geholt und stirbt. Wenn man schnell genug ist kann man sogar ein Erinnerungsstück erhaschen. Unzählige Innereien und Gliedmaßen schwimmen in Spiritus eingelegt in Einmachgläsern in den Wohnzimmervitrinen. "Das war unser Nachbar, von dem haben wir gleich einen ganze Hand abgestaubt. War wirklich ein sehr netter und stiller Typ."

Wenn längere Zeit keiner gesprungen ist, kann es schon mal vorkommen, daß ein aufgebrachter Mob eine Hexenverbrennung arrangiert; oder der KKK-Wahn gewinnt an Zustimmung, Hakenkreuzarmbinden werden aus den Truhen im Dachboden gezerrt oder sie knüpfen einen Pferdedieb auf.

Kürzlich war ein Ärztekongress in einer der Stadthallen. Hier sind ständig Kongresse und Conventions, Messen und Konzerte, Uraufführungen und weitere unnötige Zeittotschläger. Ich erhielt eine Einladung von Dr. Narcoman, meinem Hausarzt, der nicht hingehen wollte, weil ihm die Ärtzekammer schon vor Jahren die Lizenz entzogen hatte. Daß er überhaupt eine Einladung zugesandt bekommen hatte mußte an einem Fehler in der zentralen Postverwaltung liegen. Wie auch immer, es war sehr aufschlußreich. Vorwiegend beklagten sich die Doktoren, daß die Patienten sie vermehrt wegen wirklicher Schmerzen konsultierten. Immer weniger wollten sich einfach nur den Schädel zuknallen, sich durch Codein und Valeron in apathischer Zufriedenheit suhlen. Das Gejammer war groß, als auch noch einige Vertreter großer Pharmakonzerne in das Wehklagen einstimmten. Alles in allem ein gelungenes Fest.

Dr. Narcoman rieb sich die Hände, als er von den Problemen seiner geliebten Kollegen erfuhr. Er erzählte mir von dem scheinbar grausamen Ritual des inzwischen völlig assimilierten Stamm der Imbonas, bei welchen, wenn sie eine Vermählung feierten, der Brautvater eine hochträchtige Sau schlachtete, um einen reichen Kindersegen für das Ehepaar zu beschwören. Die Festgesellschaft saß also zusammen, grillte und fraß die Schweinebabys und die Muttersau. Aufgrund dieser Beobachtung forderte Dr. Narcoman mehr Solidarität mit den Toten, denn schließlich würden wir alle einmal diesem Verein angehören. Das war, bevor die ortsgebundene Unsterblichkeit erobert wurde. Jetzt sitzen alle in ihrem selbstgewählten Gefängnissen fest und warten auf das Ende der Zeit. Keiner dieser Unsterblichen kann die Stadt verlassen; sie werden noch in den lichtlosen Gassen herumstolzieren, wenn wir alle längst vergessen sind. Sie können an BSE erkranken, aber sie sterben nicht daran. Sitzen mit stumpfen Augen auf dem Sofa und starren ins Leere - auf Immer. Sie infizieren sich mit AIDS, werden Heroinabhängig, aber sie sterben nicht, sie sterben nicht! Und sie können die Stadt nicht verlassen. Nicht weil sie dann sterben würden, nein, sondern weil sie gar nicht erst bis zur Stadtgrenze kommen. Ein unsichtbarer Wall, eine Psychobarriere hält sie hier fest und so werden sie ihre Kinder überleben und ihre Enkelkinder, deren Frauen und Wellensittiche, dreimal hat die Katze ihre Leben schon verwirkt; sie werden sich zukoksen und Champagner saufen bis sie völlig verblödet umfallen - aber sie werden nicht sterben. Das Leben kann so schön sein.

Der letzte Baum der Stadt ist eine alte knorrige Eiche. Wo sie steht war früher mal ein Park, der sich bis über die Stadtgrenze hinaus zog, aber die Pflanzen fielen der Wohnungsnot und der Mitweltverschmutzung zum Opfer. (Das Wort ´Mitwelt´ wird von einigen Regierungsbossen gar nicht gern gehört. Sie bevorzugen den alten Begriff ´Umwelt´, da dieser einen größeren geistigen Abstand zur Natur suggeriert.) Um die Eiche zu besuchen braucht man eine Lizenz. Um die Lizenz zu bekommen muß man zu allererst einmal das richtige Parteibuch haben, muß Beamte schmieren und einen reinen Leumund vorweisen können. Zwei bis an die Zähne bewaffnete Soldaten wachen 24 Stunden täglich über das stämmige Stück Natur. Der Opposition im Stadtrat ist die Eiche schon lange ein Dorn im Auge. Die Technokratische Partei empfindet es als einen Affront gegen die menschliche Spezies, daß ein Baum dermaßen geschützt wird. "Solange es diesen Baum gibt, wird unsere Autorität untergraben" geifern sie auf den Parteitagen. "Dieses Unkraut ist ein Symbol für eine selbständig funktionierende Natur. Wir verlieren Wählerstimmen wegen eines Stücks wuchernden Holzes."

Ganz gewiefte Parteibonzen haben schon Terrorkommandos organisiert, um den Baum in die Luft zu sprengen, zu verbrennen oder zu Zahnstocher zu verarbeiten, aber die Attentate sind immer mißglückt. Man kann damit rechnen, daß, sollte die Technokratische Partei die Regierung übernehmen, als allererstes ein Exempel an der Eiche statuieren wird.

Dabei haben die Parteien in dieser Stadt ohnehin nichts zu melden, denn das Oberhaupt von FuckCity ist die Königin, die in zwei Monaten ihren 13. Geburtstag feiert. Im Queensskyscraper laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren, denn es gilt nicht nur die Geburtstagsparty zu organisieren; nein, sie wird auch gleichzeitig in den Kreis der ortsgebundenen Unsterblichen eintreten. Das Volk erwartet ein rauschendes Fest, und das wird es auch bekommen. Die Königin wird von ihren Untertanen und der Boulevardpresse Princess Nymph genannt, und das hat seine Gründe:

Tatsächlich hat sie sich vorgenommen, alle männlichen Einwohner ihres Hoheitsgebietes zu ficken - alle, ohne Ausnahme. Sie versprüht den Charme einer erwachsenen Frau und man sagt, wer immer mit ihr geschlafen hat, ist ihr für den Rest seines erbärmlichen Lebens hörig. Sie weidet ihre Lover in der Liebesnacht sexuell aus, eine wilde unzähmbare Stute mit roter Löwenmähne und einer Zunge, die sie dem Mann den Sekunden seines unGlücks bis tief in die Lungenflügel steckt. Dieser Lungenkuss im Augenblick des Orgasmus ist es, der die Männer abhängig macht. Das Kitzeln ihrer Zungenspitze an den Sauerstoffbläschen gleicht einem Schuß Heroin.

Wann immer ich in der Stadt bin, opfere ich einige Tage meines Aufenthalts zu ihren Gunsten und verwandle mich in ihren Part-Time-Hofnarren, der ihr schlüpfrige Witze von der Außenwelt erzählt und mit einem Dildo in der Luft herumfuchtelt. So beschäftigt war ich auch anwesend, als sie eine Steuervergütung für Männer einführte, die ein Faible für Frauen unter 1,60 Körpergröße haben, da sie diese für latente Kinderficker hielt. Ich liebe Prinzess Nymph, auch wenn ich es noch nicht mit ihr getrieben habe. Bei ihr fühle ich mich wie Tarzan in einem Jane-Comic.

Ich besuche FuckCity sooft ich kann. Es gibt immer neue Entdeckungen zu machen, die unmöglichsten Dinge werden möglich, die Dimensionen fließen ineinander, Zeit und Raum sind Mumpitz, das Kontinuum ist im ständigen Wandel. Um sich Zutritt zu verschaffen braucht man keine technischen Gerätschaften sondern nur sich selbst, vielleicht ein gutes Buch vor dem Einschlafen oder einen psychedelischen Zustand, der am Ausklingen ist. Besucht FuckCity, oder wie immer ihr es nennen wollt, und ihr werdet meine Liebe teilen.

 

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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 7.April 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten