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Kehricht Gesellschaft und Literatur im Netz |
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Stefan T. Pingernagel |
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| Die Hoffnung auf Morgen |
| ('Die Hoffnung auf Morgen' gehört eigentlich zu einem Dreiteiler, der aus folgenden Storys/Teilen in der folgenden Reihenfolge gehört: "Fuck City", "Die Hoffnung auf Morgen" und "Kurz & Knapp". "Andrenalintourismus"-ebenfalls alle auf den 'kehricht"-Seiten, stellt einen Nachzügler der Triologie dar.) |
Bald ist es soweit, daß man Erde zwischen den Salatblättern verteilt, damit sie den Anschein erwecken, sie wären in der richtigen Natur gewachsen und abgeerntet worden. Ist es nicht ein gutes Zeichen, wenn man seinen Kopfsalat vor dem Verzehr akribisch reinigen muß? Die deutsche Nation besteht auf diese Täuschung, so wie sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu Umweltpapier greift. (Inzwischen wird blütenweißes Papier gleich nach der Herstellung wieder eingestampft, um das Bedürfnis deutscher Gewissensbefriedigung nachzukommen.) "Den zweiten Weltkrieg haben wir verloren, aber den ersten Umweltkrieg werden wir gewinnen!" Was für eine willkommene Selbstüberschätzung.
Wozu noch Generationen von Bauern heranzüchten, die keiner mag, am wenigsten sie sich selbst, die jammern und Knochenarbeit leisten müssen ihr Leben lang? Man kann doch inzwischen alles und jeden genetisch regenerieren, in Glashausfabriken mit künstlicher Beleuchtung zu einer wahren Pracht hochziehen. Trotzdem ist die Natur ein entgeltloser Arbeitsfaktor in der Tomatenzucht. Unzählige Hummeln werden dort gehalten, damit sie die Blüten bestäuben. Sie sind effizient, begnügen sich mit einer kargen Behausung, haben keine Rechte und, das beste: Sie schreien nicht alle naselang nach ihren Gewerkschaftsvertretern. Die Internetsurfer, WWWSegler und CyberPunks dulden ihre Existenz stillschweigend.
Nun wird uns auch klar, wer die Salatgurken in Plastik einschweißen läßt, damit es keine unnötige Gefährdung der technokratischen Sterilität heimischer Küchen gibt: Eine geheime Organisation von Mitweltverachtern!
In gegenseitigem Einvernehmen reichen sich Religion, Staat und Kommerz die Hand, hinter Spiegelsonnenbrillen liegt ein verächtliches Glitzern auf den Netzhäuten der Wirtschaftsbosse und Silicon Valley wird zum Zentrum modernen Lebens erkoren. Ihre schwarzen Anzüge sind aus Polyester, ihre titaniumlegierten Armbanduhren zeigen fünf nach zwölf, ihre Frisuren sind Little CeasarImitationen. Der Vertreter des Vatikans streicht eine gehörige Summe ein und der Papst predigt weiterhin das Pillenverbot. Die Franzosen widerrufen ihr Versprechen und bombardieren Murroroa bis es auseinanderbricht. Der Chinese reibt sich die Hände, Ölkonzerne versenken heimlich ihre Bohrinseln, Greenpeace gibt sich mit einem kleinen Sieg zufrieden - die Öffentlichkeitsarbeit ist abgedient.
Die Fäden spannen sich bis zum Allerweltsbiker, der Altöl in den Abfluß gießt, sich für einige Minuten mit einem schlechten Gewissen quält, um sich danach wieder einer Hochglanzgazette a la Hustler zu widmen. Ich und Du, wir alle sorgen für Qualität und Quantität bei der Zerstörung der Mitwelt. Nun, vielleicht hat sies ja verdient?
Könnte es nicht sein, daß die Erde, die Natur, selbst die Sonne und das Universum nur für uns geschaffen wurden? Sie haben demnach nur eine Bestimmung: Um uns Spaß zu bereiten. Die nächste Generation wird es wahrscheinlich toll finden, sich in Sand zu baden, wenn endlich alles Grundwasser verbraucht ist; die Toilettenspülung hatte es schließlich nötiger. Sie werden die hohen Temperaturen als angenehm empfinden, werden sich mit ölverkrusteten Möwen bewerfen, spielen in laublosen Wäldern verstecken und finden im Internet die heile Welt, die ihnen zugesagt wurde.
Szenario der letzten Tage:
Das einfache Volk, die Überlebenden der Katastrophen, vegetieren in skelettierten Hochhäusern vor sich hin, ständig mit der Nahrungssuche beschäftigt. Es bleibt wenig Zeit für Liebe und Muße, man verliert das Interesse für die schönen Künste wenn der Hunger in den Eingeweiden nagt. Epidemien reiten auf den Winden. Ein tristes Grau legt sich über die Welt. Giftgelbe Bodennebel machen den Aufenthalt in den Straßen unmöglich. Deshalb fliehen die Menschen in die zweiten Etagen der Häuser, oder höher, Hauptsache weg vom Schwefelgestank, weg von den ätzenden Gasen und beulenbildenden Kampfstoffen. Findige Kerle haben zwischen den Gebäuden Seile gespannt, an denen man sich von Haus zu Haus hangeln kann, um Bekannte und Verwandte zu besuchen. Isobel ist in der Hesselmanbibliothek zur Welt gekommen. Ihre Mutter starb bei der Geburt. Später ist sie mit ihrem Vater in den zwölften Stock des Babelturms gezogen. Dort spielt sie gelegentlich auf dem Dach und wünscht sich weit weit weg.
In der Mitte der Stadt (außerhalb der Städte ist das Leben nur noch in Kirchtürmen oder den Bergen möglich) steht ein riesiger Wolkenkratzer. Hier springen sie alle - die Loser, die Versager, die, die der Welt nichts mehr zu bieten haben. Es gibt keinen bestimmten Grund, warum sie ausgerechnet hier springen. Sie tun es eben, es ist eine Kultstätte für Nullen, die sich für einen Moment in ihrem miesen, popeligen Leben aufraffen konnten, um Nägel mit Köpfen zu machen: Um sich selbst umzubringen.
Die Superreichen, die dem allesvernichtenden Mitweltgau entkommen konnten, fliegen in Luftschiffen von gewaltigen Ausmaßen durch den Himmel. Sie entgehen den Krankheiten, leben in ihren prunkvollen Gondeln mit 20 Schlafzimmern oder mehr, mit Ballsälen, vergoldeten Wasserhähnen und Toiletten aus Kruppstahl. Sie feiern rauschend Feste, Feste des Untergangs, tanzen über den Köpfen der Verdammten hinweg. Der Rest ihres Lebens besteht aus Feiern und Dekadenz; was bleibt ihnen auch anderes übrig? Lord Mayflower lädt zum Protestessen gegen das Massensterben; die Thyssen veranstaltet ein Komasaufen zugunsten jüdischer Waisenkinder. Wenn ihnen das Personal ausgeht, schicken sie ein paar Entführer los, die zum Boden herabsteigen und frisches Fleisch nach oben bringen.
Major Jung a.D. steuert seinen Gleiter lautlos die Ruinenschluchten entlang. Er sucht einen unverbrauchten Körper für die lebenslange Anstellung als Maschinenwart, hatte sich eigentlich einen zarten Knaben erhofft, den er hie und da auch zu vernaschen gedachte, doch die Stadt ist wie ausgestorben. Nur auf dem Flachdach eines maiskolbenähnlichen Hochhauses sieht er ein Mädchen in zerlumpten Kleidern sitzen, die mit einer Steinschleuder auf imaginäre Tauben schießt.
´Besser als mit leeren Händen nach Hause kommen.´ denkt er und klinkt sein Fangnetz aus. Isobel weiß gar nicht recht wie ihr geschieht, als sich die Maschen um ihren Körper legen und sie mit einen Ruck in die Lüfte befördert wird. Der Major a.D. schaltet den Motor an und rauscht davon, der ´Princess Nymph´ entgegen - einem völlig in Pink gehaltenen Luftschiff.
An Bord angelangt wird Isobel desinfiziert, gewaschen und in einen Blaumann gesteckt. Man reicht ihr Brot und Kaviar, dazu einen Krug Rotwein. Nach dem Essen verfrachtet man sie in den Maschinenraum, wo sie 14 Stunden täglich die Antriebsketten einfetten muß, die den Propeller antreiben. Es ist eine schwere Arbeit. Die Ketten sind so dick wie der Oberschenkel eines ausgewachsenen Mannes, es ist gefährlich für Isobel sie einzureiben. Einen Augenblick nicht aufgepaßt, und schon zieht es die zierlichen Händchen in eines der unzähligen Zahnräder, zermalmt die Arbeitskraft und somit die Existenzberechtigung.
Ab und an, wenn sie vom Maschinendeck zu ihrer kargen Unterkunft gebracht wird, erfährt sie etwas vom Prunk, der sich auf den anderen Decks abspielt. Schriftsteller mit einer scheiß gesicherten Existenz, die bei Heyne, Rowolth oder sonstwo unter Vertrag standen, erzählen einer schwachsinnigen Gesellschaft schwachsinnige Geschichten. Orgelmusik aus dem Purpurraum, wilde Orgien in der Küche, ausschweifende Gelage im Weinkeller. Es riecht nach Opium und Haschisch. Diese Leute widern sie an. Als ein degenerierter Hochadliger versucht, sein dickes Ding in ihren Mund zu stecken, beschließt sie sich zu rächen.
Dann der Vorfall am 12. Dezember. Der taubstumme Chrisie, der für die Kühlanlage des Reaktors zuständig ist, schläft völlig übermüdet am Arbeitsplatz ein. Der Major a.D. hat ihn die ganze Nacht in Anspruch genommen. Der Vorarbeiter erwischt Chrisie, zerrt ihn vor den Abteilungsleiter.
"Du bist gefeuert!" schreit ihm dieser ins Gesicht.
Der Vorarbeiter öffnet eine Luke und wirft den Jungen von Bord. Er fällt und fällt, so wie Fäkalien, Kippen, leere Bierdosen, Binden fallen, um sich in die Erde zu bohren. Isobel, deren Geduld mit ihren verkappten Arbeitgebern endgültig am Ende ist, klemmt einen Holzkeil, der eigentlich dafür vorgesehen ist die Türe zum Reaktorraum offen zu halten, in eines der Zahnräder. Die Kette springt aus der Führung, Antriebswellen fressen sich fest, der Propeller bleibt stehen. Der Vorarbeiter gerät außer sich vor Wut. Er versucht den Schaden zu beheben, schlägt wie ein Verrückter auf den Motorblock ein, bemerkt zu spät, daß Isobel das Auslaßventil des Kühlwassers geöffnet hat. Die Brennstäbe heizen den Reaktor auf und das Chaos ist beschlossene Sache. Noch ehe die Evakuierung eingeleitet werden kann, geht das ganze Maschinendeck in einer gewaltigen Explosion unter. Ein nukleares Feuer frißt sich durch die Decks, verbrennt die Eigentümer und Gäste, Besatzungsmitglieder und Sklaven, den Kaviar, das Kokain, die Vorhänge und Bleiglasfenster. ´Princess Nymph´ verglüht am Horizont. In den letzten Minuten vor der totalen Vernichtung spielt sich im Passagierdeck folgende Szene ab:
Clara Van der Bourg: "Tut mir leid, Liebe, aber ich muß dir kurz mein Herz ausschütten."
Patricia Van der Bourg: "Normalerweise habe ich doch immer für dich Zeit, aber du siehst doch, daß ich beschäftigt bin." - Sie streicht über ihr blütenweißes Brautkleid und setzt sich den Schleier auf. -
Clara VdB: "Es ist aber wichtig. Du solltest es wissen, bevor du Frederik ehelichst."
- Patricia setzt eine genervte Mine auf, nimmt auf dem roten Samtsessel Platz und lauscht den Worten ihrer jüngeren Schwester. -
Clara VdB: "Wie du weißt, habe ich Rikie vor dir gekannt. Wir haben uns geliebt, ich brachte ihn nach Hause und dann hat er dich kennengelernt. Du verdammte Schlampe hast ihn mir weggenommen. Ich hatte mich Rikie verweigert, wollte erst in der Hochzeitsnacht mit ihm schlafen. Du Flittchen bist ja gleich mit ihm ins Bett gesprungen. Wie dem auch sei, ich habe euch verziehen. Life´s a bitch. Aber gestern hatte ich mit Rikie eine Aussprache, wir haben uns ein Beiboot entliehen und sind ein bißchen herumgefahren. Da ist es dann passiert. Jetzt staunst du wohl Bauklötze, liebes Schwesterlein?"
Patricia VdB empört: "Was ist passiert?"
Clara VdB: "Wir haben miteinander geschlafen."
Patricia VdB: "Das darf doch nicht wahr sein."
Clara VdB: "Reg dich nicht auf. Wenn ich es zugelassen hätte, hätten wir schon kopuliert, bevor du Rikie überhaupt zu Gesicht bekommen hast. Sieh es doch als einen einmaligen, nun, um der Wahrheit die Ehre zu erweisen, dreimaligen Ausrutscher an; ein Zeitexperiment, wenn du so willst."
Patricia VdB bricht in Tränen aus.
Clara VdB: "Was ist das für ein Lärm? Das ganze Deck bebt!"
Patricia VdB: "Du miese Fotze..."
Clara VdB: "Mein Gott, ich glaube das Schiff..."
Bumm
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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 7.April 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten