Kehricht

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Stefan T.Pinternagel

 
  Kurz und Knapp
('Die Hoffnung auf Morgen' gehört eigentlich zu einem Dreiteiler, der aus folgenden Storys/Teilen in der folgenden Reihenfolge gehört: "Fuck City", "Die Hoffnung auf Morgen" und "Kurz & Knapp". "Andrenalintourismus"-ebenfalls alle auf den 'kehricht"-Seiten, stellt einen Nachzügler der Triologie dar.)

 

In Caracas explodieren zwei Kokainbomben, als die zerschlissenen Jungjunkies bei einer Razzia darauf treten. Mit Nitroglyzerin versetztes Koka; eine patentierte Erfindung des Pfuschers, um den Kick zu erhöhen, das Blut zum Kochen zu bringen, Stimulantia hoch drei - genial. Die Kokabomben fetzen den Usern und anbeistehenden Polizisten nicht nur die Beine weg, sie entfachen einen Flächenbrand, der die kleine Discothek völlig ausbrennen läßt.

Das Feuer ragt wie eine umgedrehte Pfahlwurzel in den Himmel empor, verankert seine Spitzen in der Stratosphäre. Die lunare Bevölkerung, vorwiegend Inder, die in prunkvollen Waschsalons beschäftigt sind, interpretieren das Schauspiel als einen Kegelblitz neogöttlichen Charakters - das Zeichen von Umsturz, Revolution. Sie schießen die dreckige Wäsche ins All. Verkackte Unterhosen und graufahle Hemden, löchrige Socken und ausgeleierte Büstenhalter gefährden die intersolaren Flugwege dominierender Gesellschaften. Der Krieg beginnt.

Auslöser der Kriegserklärung ist der Absturz eines 1 200-köpfigen Orbitalgleiters, der frontal von einem Korb dreckiger Bettwäsche getroffen wird. Er trudelt ab und wird zu Brennmaterial für den Koloß Sonne. Verwaiste Kinder klagen die Mondregierung an, Großeltern, um ihren gesamten Nachwuchs beraubt, geifern live in MIDAS DINNER-Show, fordern das Rollen von Köpfen. Der Applaus kommt vom Band, auch die Lacher werden eingespielt. SitCom für Arme.

Schwerfällige Panzerkreuzer tragen Micronadelsprengköpfe zum Gegenschlag. Der Mond wird bombardiert, er trägt ein paar neue Krater auf dem pockennarbigen Antlitz davon, aber der Großteil der Rebellen kann sich vorher auf die Schattenseite zurückziehen, von wo aus sie einen weiteren Angriff planen.

"Das wird kein Spaß!" prophezeit das Verteidigungsgremium der eiligst zusammengewürfelten Erdallianz. Wie wahr! Nur Stunden später trifft ein vermeintlicher Kometenschauer einen der heiligen Orte der Erdlinge. Rom liegt in Schutt und Asche. Erst später entpuppt sich die Katastrophe als Mondbeschuß: Das Bergungsteam findet BAUKNECHT- und BOSCH-Embleme. Die naheliegende Theorie erklärt, daß Rom unter dem Beschuß deutscher Waschmaschinen gelegen hat.

"Deutsche Waffen, deutsches Geld

morden mit in aller Welt."

Das alte Kinderlied gewinnt an neuer Bedeutung, die deutsche Regierung streitet alles ab, gerät aber unter zunehmenden Druck und sondert sich von den Alliierten ab. Sie sagen der Wasch- und Reinigungsgewerkschaft den Mond zu, unterminieren damit das Bestreben der restlichen Machtstaaten, den Mond zurück zu erobern.

Erst fällt Deutschland, dann der Mond. Die BRD wird mit angeblich schon längst verschrotteten Atomraketen regelrecht bepflastert. Der Mond erhält einen wohl vorausberechneten Schuß vor den Bug und wird mit Effet aus der Umlaufbahn geworfen. Der Pfuscher ist sich keiner Schuld bewußt. Auf Caracas lastet das Stigma des Aggressors. Und alles nur wegen dieser Polizeirazzia und den zwei Jungjunkies, die sich viel zu früh in die Hosen geschissen haben. Sie wären ohnehin nicht kontrolliert worden. Die Chaostheorie ist eine Chaospraxis geworden; die Wissenschaft jubiliert.

Als der Mond 25,7 Jahre später von seiner neuen Ellipse um die Sonne zurückkehrt, trifft er mit voller Breitseite auf die Erde. Sie vereinen sich einen Augenblick lang, bilden dann einen farbenfrohen Asteroidengürtel, dem Regenbogengürtel, einem der spektakulärsten Naturschauspiele, das die Touristenschiffe aus fremden Galaxien ansteuern. Die Menschheit braucht den Kältetod des Universums nicht abzuwarten. Andere Kulturen haben nicht soviel Glück.

Im Krebsnebel bildet sich eben erst intelligentes Leben, als das All in sich zusammenstürzt und alles zu einem Kühlschrank toter Atome verwandelt. "Drück die REPLAY-Taste, alter Mann, und verteil die Chancen diesmal etwas gerechter!"

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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 7.April 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten