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Anmerkungen zu den Texten von Anant Kumar
'Fremde Frau - Fremder Mann', Schweinfurt, Wiesenburg Verlag 1998
'Kasseler Texte', Schweinfurt Wiesenburg-Verlag 1998
'Die Inderin', Schweinfurt, Wiesenbuch Verlag 1999
von Alfred Büngen
Es gehört nun keinesfalls zu der Selbstverständlichkeit der Bundesrepublik Deutschland, daß ein indischer Autor drei übereugende Bücher innerhalb eines kürzesten Zeitraums auf den Markt bringt und zudem - wovon auch zahlreiche Lesungen zeugen - einen interessierten und ständig sich steigernden Leserkreis findet. Denn entgegen der gerade wieder einmal im Goethe-Jubiläumsjahr von amerikanischen, europäischen und japanischen Kulturtouristen forcierten Meinung von den Deutschen als dem weltoffenen Volk der Dichter und Denker - dieser Überhöhung bedienen sich bedauerlicherweise ja auch linke Literaturvertreter nur zu gerne - halten sich deutsche Leser und Autoren mit ihrer Offenheit gegenüber fremder Literatur ja sehr bedeckt. Wir tun uns schwer mit Literatur aus anderen Traditionen, zumal uns 'Fremde' außerhalb kulinarischer und touristischer Freuden ja ohnehin sehr schnell verschrecken.
Um es gleich vorweg zu sagen. Kumars Dichtung macht unser Leben schonungslos offen für Kritik. Nicht, daß der Autor in seinen Texten besserwisserische, belehrende Kritik aus einer uns fremden kulturellen Position heraus äußert. Ganz im Gegenteil äußert Kumar seiner Kritik in dem sehr ernsten Versuch, ein Teil dieses fremden Landes zu werden. Er will vorsichtig, ohne seine eigenen Traditionen zu vergessen oder zu verleugnen, in dieses Land hineinwachsen, Hoffnungen, Freude, Ängste erleben, verstehen und erlernen. Diesen Prozeß des Hineingleitens in die Wirklichkeit des Fremden und die Reflexion über diesen Weg formuliert Kumar in der Vielfalt seiner sprachlichen Formen, Lyrik, Prosa, Drama, journalistische und wissenschaftliche Formen. Diese Bandbreite seiner Arbeit, wobei die Stärke eindeutig in seiner Lyrik liegt, ist ein erstes Kennzeichen seiner Dichtung. Im Zeitalter instrumentalisierter und formalisierter Autorenschaft keinesfalls mehr eine Selbstverständlichkeit.
Ein zweiter , besonders erfreulicher Grundzug seiner Texte in allen drei Büchern erscheint mir, daß sich der Autor niemals popularistisch an inhaltlich und formal vorherrschenden Tendenzen orientiert, sich vielmehr seinen ganz eigenen, individuellen Weg und Stil erkämpft und erschreibt. Eine literarische Entwicklung, die sich zum Glück fortschreibt, auch in seinem neuesten Buch 'Die Inderin', ständige Erweiterung der sprachlichen Kapazitäten. Von welchem deutschen Autoren kann man diese Lernfähigkeit so ohne weiteres behaupten. Ausweg, eine kleine Lyrik aus seinen Kasseler Texten gibt diesen Individualismus, unterschwellig übrigens immer mit einer gewissen Angst vor dem Scheitern verbunden, sehr treffend wieder.
Ausweg
Eine Maus verirrt sich
im ausweglosen
Labyrinth.
Wie viele Menschen
sucht sie
vergeblich den Weg.
Vielleicht bleibt ihr
doch nichts
übrig.
Wenn,
dann die Hoffnung.
Kumar, 1969 im indischen Kathar (Bihar) geboren, Studium des Deutschen als Fremdsprache und Wirtschafts- und Sozialgeographie an der Universität-Gesamthochschule Kassel schreibt stilistisch und inhaltlich wohl nicht zufällig seine Magisterarbeit über Alfred Döblins 'Manas'. Wie Döblin zeichnet Kumar, bewegen wir uns damit auf die dritte Auffälligkeit in seinem Werk zu, eine begeisternde Beobachtungsfähigkeit, Analysebereitschaft und -fähigkeit gegenüber den Kleinheiten des Alltags in der Fremde aus. Es ist die sprachliche und thematische Kunst, aus der nebensächlichen Alltagsbegegnung - wobei wir niemals vergessen sollten, daß die Vielheit dieser nebensächlichen Alltagsbegegnungen unseren Alltag und auch das Bewußtsein über diesen Alltag gestalten - die inhaltliche Tiefe und Bedeutung herauszuarbeiten. Wenn man so will, ist die Gesamtheit der Kumartexte eine Auseinandersetzung mit den zum Teil absonderlichen Alltäglichkeiten, denen ein Inder in der Bundesrepublik ausgesetzt ist, an denen er handelnd teilnimmt, mit denen er sich auseinandersetzt. Viele jüngere deutsche Autoren sollten die Kumar-Texte lesen, um zu erkennen, wie es in der sprachlichen Gestaltung gelingt, nicht in der Vielzahl der Alltäglichkeiten zu ertrinken oder durch formale Experimente die Aussagefähigkeit von Alltäglichkeiten zu verdecken.
Natürlich ist auch die Ausländerfeindlichkeit der BRD eines, wenn auch nichts eines der dominierenden Themen. Die Lyrik 'Erstaunen' demonstriert jedoch exemplarisch, wie es Kumar gelingt, an der kleinen Alltäglichkeit die Alltäglichkeit der Fremdenfeindlichkeit in diesem Land zu verdeutlichen:
Erstaunen
An der Haltestelle gestern
kam ein Junge auf mich zu
und fragte mich:
"Entschuldigen Sie!
Wie früh haben wir es jetzt?"
Der Junge dankte und ging weiter,
seinen Basketball dribbelnd.
In der Wilhelm-Busch-Strasse heute,
hielt neben mir ein wagen an,
und ein nervöses Gesicht fragte mich:
"Hallo! Du! Deutsch! Verstehen?"
ich blieb stehen und staunte.
Mein Staunen war vielleicht zu lang.
Und seine Zeit war vielleicht zu knapp.
Daher zischte der BMW-Fahrer ein "Ach!"
und fuhr weiter.
ich stand noch da und staunte weiter.
Verwunderung über unmenschliches Handeln kann natürlich nur da entstehen, wo divergierendes Denken vorliegt und gelebt wird. Der Einbau des handelnden Dialogs auf der Basis eines humanistischen Anliegens, dessen philosophische Fundierung einer weiterreichenden Analyse bedürfte - erscheint es mir doch eine komplizierte Mischung traditioneller fernöstlicher Philosophietraditionen mit modernen europäischen Humanismustheorien - erscheint eines der grandiosesten literarischen Vermögen Kumars zu sein. Selbst formale Experimente unterstützen stets das inhaltliche Anliegen, erfahren somit eine konsequente Begrenzung und auch Erweiterung.
Auffällig, somit finden wir einen weiteren Grundzug der Arbeiten Kumars, die Herausarbeitung der offensichtlichen Sprachunfähigkeit selbst professioneller Germanisten, deren Sprachfähigkeit sich in Sätzen wie folgendem erschöpft: "Das Essen ist geil." Verwundert zeigt er sich auch über die ihm ewig entgegengebrachte Bewunderung, daß er die deutsche Sprache, die ja so enorm schwierig sei, so gut beherrsche. Verwunderlich ist dieses Urteil zum einen, wenn es von Menschen ausgesprochen wird, die über keine Fremdsprachenkenntnisse verfügen. Noch schlimmer aber empfindet er aber jene, die verschiedene Sprachen beherrschen, sie aber niemals menschlich anwenden.
"Aber all dies kann auch damit zusammenhängen, daß ich ein Ausländer bin und die DEUSVHE SPRACHE- wie jede Menge einheimische Linguisten, die selbst mindestens zwei, drei Fremdsprachen in Wort und Schrift beherrschen und vor dem Aldi Ausländer belehren - EINE SEHR SCHWERE SPRACHE IST." (Kassler Texte)
Kumar vollzieht sein humanes Streben auf der Basis eines Subjekts, der sich seiner Gegenwart, Vergangenheit und Träume bewußt ist, wobei Bewußtsein immer das Element der Reflexion beinhaltet. Somit ist natürlich die Auseinandersetzung mit seiner indischen Herkunft - und der der Inderin - Element, aber keinesfalls vorherrschendes - seines Seins. Gegen alle Möchtegern-Inder in Deutschland und Europa betont er die Notwendigkeit humanistischen Strebens in Indien aber auch hier.
Eines meiner Lieblingsstücke von Kumar, Zeilen über Heinrich Heine, verdeutlichen literarische Positionen, die ich mir von manchem deutschen Autoren wünschen würde...Du ewiger Dichter Heine!/Du lebtest in der Fremde.../ Du schreibst für die Eigenen in der fremden Sprache,/und in der eigenen öfters für die Fremden./ In deinen Versen brachtest du nach Indien deine Friederike/zu der Palmen Säuseln, zu Ganges Rauschen.// Heutemöchte der Pöbel von alldem gar nichts wissen,/dafür bleibt er nackt auf dem Strande liegen,/wo die Palmen verschwinden,/und die Discotheken entstehen.// Die Frage meine Kenntnisse überschreit't:/"Besser diese zeit oder deine Zeit?"/ Zum Glück lese ich deine Verse/und ehre deine Schriften weiter.// Von dir möchte ich mich/ segnen lassen eigentlich./Von dem redakteur der 'Literatura germania' nicht, wie scheinbar mich seine letzte Absage bemitleidet: "das Beste möchte ich Ihnen wünschen/für ihr wagemutiges Unternehmen."
Nicht zu Unrecht beklagt Kumar in den verschiedenen Texten auch den Zustand der deutschen Germanistik und Literatur, die mit dem Namen Moritz keinerlei demokratische Tradition vielmehr Buschs 'Max und Moritz' verbinden.
Die literarische Qualität Kumars - erstaunlicherweise in allen drei Werken zu sehen, sich aber anscheinend in der Qualität der Bilder noch ständig steigernd - bedarf nur weniger lobender Worte. Die kraftvolle Bildhaftigkeit bietet auch Zugänge für den Nichtgermanisten, welchen größeres Lob soll man einem Autor sonst spenden. Ein keines Beispiel möge es verdeutlichen:
...
Man hört Gespräche, oder besser,
man hört Geräusche
und dazwischen die Klänge
umarmender Tassen und Löffel.
Wer ein wenig selbstkritisch, mit sich und seinem literarischen Selbstverständnis umgehen will, wer Sprache genießen will, wieder unverkrampft den Inhalten in der Literatur begegnen will, der sollte Kumar gelesen haben, jeder Band ein Genuß mehr. Auf keinen Fall aber sollte man seine Lesungen versäumen, die seine Bereitschaft zum literarischen Dialog, damit zugleich immer humanen Dialog noch einmal unterstreichen.
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Die letzte Überarbeitung erfolgte am 18.Oktober 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten