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Anmerkungen zu
Reinhard Lackinger: 'Ade Favela'. Aus dem Alltag Brasiliens. Graz 1998 (ISBN 3-7011-7375-3)
"Schlafe, wer da kann!
Die ganze Welt kann es und macht gute Miene zum bösen Spiel" (Seite 41)
Ich gestehe es gerne - ohne schüchternes Zögern und geröteten Kopf - als B. Traven sozialisierter Leser ein. Ich bin ein begeisterter Leser aller verdichteten Reportage-Literatur aus Ländern, die ich wahrscheinlich niemals besuchen werde, geschrieben von Menschen, die Land und Leute nicht mit der Oberflächlichkeit eines touristischen Schnelldurchlaufs beschreiben zu meinen müssen, vielmehr dort leben, lieben und hassen.
Lackinger weiß, wovon er schreibt, lebt er doch nach einem abgebrochenen Einsatzprojekt als Entwicklungshelfer seit vielen Jahren in Brasilien, genauer in der brasilianischen Stadt Salvador.
21 Reportagen, Kurzgeschichten und Erzählungen haben immer wieder das erklärte Ziel, sich selber und dem Leser Menschen und Lebensweisen dieser Stadt, dieses Landes zu verdeutlichen. Hier begegnen uns keine feststehenden Stereotypen, keine christlich humanistische Gefühlsromantik in und mit der Darstellung unvorstellbaren Elends, in der wir Europäer uns selber nur zu schnell mit einer mildtätigen Spende bei der Hand sind, die uns zu einer mythischen Heiligenfigur erhöhen. Keine Stilisierung der Bewohner der Favelas, den improvisierten Dauerwohnbehelfnissen des brasilianischen Elends, als sozialistische Vorkämpfer gegen den weißen Kapitalismus europäischer und US-amerikanischer Prägung, ja nicht einmal Literatur nach den entwicklungspolitisch - sauberen - Grundsätzen. Lackinger hat sich die entwicklungspolitische Todsünde erlaubt, von 'Negern' zu sprechen.
Nein, all dies ist dieses kleine, preiswerte Büchlein von Lackinger nicht, zum Glück keine jener Darstellungen, deren letzten Seite uns bereits nach den ersten 10 Zeilen bekannt ist. Lackingers kurze Geschichten spiegeln vielmehr ein wenig jenen Alltag des Lebens von Weißen und Farbigen, von brasilianischer Mittelschicht, aber auch von jenen Menschen, die trotz schlimmsten Elends in den Favelas ihren Stolz bewahren.
Das in der Kindheit entwickelte Gefühl für Gerechtigkeit, Toleranz und Solidarität prägt die Sichtweise einer Menschlichkeit, die mit aller nur denkbaren Sympathien die Figuren eines Landes zeichnet, das er vielleicht schon lange als sein Heimatland betrachtet, es aber wohl nie sein wird. Vielleicht ist es ein wenig die Umkehrung jenes Moments, mit dem Lackinger einen Mitelschichtfarbigen in Brasilien beschreibt: "Es muß die Hölle auf Erden sein, schwarz durch die Welt zu laufen, wenn die Seele mit aller Inbrunst nach weißer Haut lechzt." Die weiße Haut, die danach lechzt, vielleicht auch den letzten Moment jenes brasilianischen Lebens zu verstehen, zugleich zu wissen, daß es nicht verstanden, immer nur gelebt werden kann.
Und so transportiert diese Liebeserklärung an Salvador, an Brasilien viele Momente des brasilianischen Selbstverständnisses an den Leser, die auch 20 wissenschaftliche Analysen nicht zeigen können. Es ist eben, darin liegt Lackingers wirkliche Leistung, die nutzbare Fähigkeit der Literatur, die Menschlichkeit zu zeigen, so wie sie lebt, stirbt, rebelliert und sich anpaßt. Lackinger kann und muß es sich so leisten, brasilianische Namen und Begriffe zu verwenden, die im Anhang erklärt werden. Ich habe diesen Anhang übrigens erst bei der zweiten Lektüre genutzt, was auch ein Beweis für die sprachliche Qualität Lackingers darstellt.
Ein Büchlein, dem man viele Leser wünscht. Menschen, die sich, aus welchen Gründen auch immer mit Brasilien befassen, dort einen Besuch machen wollen, sollten es lesen. Die Augen des Weißen führen uns an die Wirklichkeit Brasiliens auf der Basis eines Herzens, da schon im Takt des brasilianischen Lebens schlägt. Es bleibt zu hoffen, daß Lackinger noch mehr aus dem Leben Brasiliens erzählt.
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Die letzte Überarbeitung erfolgte am 09.Oktober 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten