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diesen Augenblick/noch/leben
Rezension von Mirna Jovalekic, Mauern und Worte. Gedichte, Schweinfurt, Wiesenburg Verlag 1999 (ISBN 3-932497-24-4) und Mirna Jovalekic, Ein Mandelbaum im Weltall. Gedichte. Hünfeld, Rhön - Verlag 1998 (ISBN 3-931796-37-X)
Das Dröhnen der Bomber hallt noch in den Ohren, Mord, Vergewaltigung und Folter hängen als unüberwindbare Ahnungen noch in unserem Erinnern, die Vergeltung von Vertreibung und Untat droht mit alltäglichem Gleichmut. Darf der Leser in solchen Momenten auf zwei Bände Gedichte aufmerksam gemacht werden, die sich nicht gezielt mit jenem Schandpragmatismus (Bloch) europäischer Wirklichkeit im Kosovo und anderen Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens auseinandersetzen? Zögern beim Schreiber - Mirna Jovalekic, in Kroatien geboren und aufgewachsen, seit 1978 in der Bundesrepublik lebend: (Am Ende) aufgeteilt der Himmel/ eingezäunt die Erde/ Mauern und Städte/ gebaut/zerfallen// in Ruinen Sommer/ sonnenüberflutet/grenzenloses Zirpen/einer Grille.
Nein, die Autorin hat keine eingängigen, pragmatisch-politischen (wenn das denn noch möglich sein sollte) Erklärungsabsichten, versucht sich auch erst gar nicht an solchen Problemstellungen. Sie lebt und verbleibt in der Welt einer tiefen Empfindsamkeit, geboren aus der gefühlten Verbindung mit ihrer Heimat (verwiesen sei auf die Verse des Erinnerns an ihre Heimat und Geschichte im 'Mauern und Worte') die uns vielleicht in solchen unwirklichen Momenten gesellschaftlichen Wahnsinns Trost mit einer Bestätigung unserer Vergänglichkeit sein kann: Mensch nach dem Leben süchtig/den Acker bestellen/ die Tiere zähmen/ erschaffen große Dinge/die im Staub zerfallen. Die ständige Betonung der Begrenztheit, der Vergänglichkeit eines jeden Menschen und der menschlichen Kultur diagnostiziert sie in fast jeder Lyrik: Nichts ist endgültig/ Festhalten/kann ich mich nicht (Unterwegs). Die Mathematik (insbesondere in Ein Mandelbaum im Weltall)mit ihrer schier grenzenlosen naturwissenschaftlichen Exaktheit dient ihr dazu, in der Lyrik über mathematische Formen und Zahlen menschliche Begrenztheit und Kleinheit quasi als logische Konsequenz aufzudecken. Lyrik und Mathematik, beides wesentliche Mittel, mittels deren die Autorin sich die Welt erschließt. Die Mutter (die Autorin wurde 1952 in Trogir geboren) war Lehrerin für kroatische Sprache und Literatur, der Vater Diplom-Landwirt, mit Naturwissenschaft und Mathematik befaßt. (Die Wahrscheinlichkeit) Wir sind auch/ Zufallsexperimente/ durchgeführt/ nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit.// Uns beschreiben/ die Zufallsvariabeln/ die Baumdiagramme./ Sogar Träume /zeigen /Erwartungswerte. Doch die berechenbare menschliche Begrenztheit und der Mensch in seiner Berechenbarkeit sind ( vor allem in Ein Mandelbaum im Weltall) nur die Basis ihres lyrisch-philosophisches Diskurses ihrer Innenwelt mit der Außenwelt. Insbesondere in Mauern und Worte (das eindeutig reifere Werk) bildet sie erweiternd ein Prinzip menschlicher Verantwortung aus. Der Mensch ist immer Teil, Teil seiner Vergangenheit, seiner Zukunft, damit auch vor allem Teil der Natur. (Ameise) die Gegenwart / am Rücken tragen / - jede Last / vielfach so schwer / wie Eigengewicht// das Vergangene/ fortsetzen/ in der Kolonne der Tage/ vom Feld zum Bau/ und zurück// für die Zukunft/ sorgen/ deines Volkes. Dieses Nachempfinden der Vielfältigkeit der Natur in Tier- und Pflanzenwelt, der Akzeptanz von Andersartigkeit in der selbstbewußten Notwendigkeit der Daseinsberechtigung jeder Kreatur in der Natur gibt Mirna Jovalekic eine 'empfindsame' Stärke, läßt sie radikale Töne gegenüber 'zivilisierter' Menschlichkeit anschlagen: Teile mich nicht/ zerstöre mich nicht/ streife ab/ deine Menschenhaut/ nimm an/ Raupengestalt Insektenfühler/ Flossen Hufen und Schwingen// und lebe das Ganze/ Vielfalt und Fülle (Vielfalt und Fülle). Lebendige menschliche Vielfalt, das Ineinanderfließen verschiedenster Lebensformen, in vielfachen Naturbildern lyrisch mit feinster Sprache gemalt, niemals verklärt, humanes Hoffen der Autorin, auch wenn sie in vielen Momenten selber zweifelt: (Kalenderblätter) abgerissene Kalenderblätter/ Herbstlaub im Winter/ angehäuft/ zerfällt/ das Recht / auf Leben (oder auch das eindrucksvolle kleine lyrische Gemälde 'Jahreswechsel').
Nehmen wir die anfängliche Frage nach der Legitimation solch stiller Lyrik in 'lauten' Zeiten wieder auf. Mirna Jovalekic ist keinesfalls weltfremd, weiß um die Sanftmut ihrer Sprache, die zugleich zur Kraft wird. Nichts anderes als Träume ihrer Innenwelt stellt sie dem Leser vor: (Träumen) Von der Nacht/ umarmt/ geküßt/ ohne Schuld/ wie ein Kind/ getragen/ in eine vergessene Welt/ weit ganz weit/ sich selbst/ träumen. Sie ahnt zumindest die Hilflosigkeit der Worte gegen die Brutalität des Alltags, fühlt, erkennt, daß die Sinnlichkeit ihrer Sprache den empfindsamen Leser verlangt: solange du bleibst/ lebt das Gedicht/ beatmet/ durch deine Nähe (Lesezeichen).
Und - auch dem politisch engagierten Leser - werden die fast immer nur angedeuteten, den Leser zur Fortsetzung beauftragenden Sätze der Autorin so zu einer Hoffnung: (Am Anfang)Am Anfang und wieder am Anfang/ der Sand das Meer/ und ein Kind/ spielend// das Kind in mir/ baut// eine Sandburg/ -mein Zuhause/ aus runden Worten/ aus endloser Weite.
Wer denn noch heute fähig ist, sich der 'warmen Stille' einer Lyrik anzunehmen, der sollte sich die ungewöhnliche Sprachempfindsamkeit von Mirna Jovalekic nicht entgehen lassen.
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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 3.Juli. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten