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Christian Hoffmann |
Rezension zu Studien des Todes von Eric Count Stenbock |
Kürzlich war in Kehricht ein ausführlicher Artikel über den berühmten englischen Schriftsteller Oscar Wilde zu lesen, dessen Werke auch heute noch ihre Leser finden und der zum Inbegriff des dekadenten "Dandy-Literaten" geworden ist. Nun erschien im Kleinverlag Edition Metzengerstein als deutsche Erstveröffentlichung ein Buch von einem Autor, der schon zu Lebzeiten im Schatten Wildes stand und niemals auch nur annährend so bekannt wurde wie sein großer Kollege: Eric Count Stenbock. Dieser fast gänzlich vergessene Schriftsteller, der tausendmal dekadenter als Wilde und weit verrückter und nonkonformistischer war, als es die prüde und scheinheilige Gesellschaft seiner Zeit ertragen konnte, ist es wert, wiederentdeckt zu werden! Dabei ist es lobenswerterweise wieder einmal ein Kleinverlag, der das Risiko auf sich nimmt, einen Autor zu präsentieren, der ganz und gar nicht das ist, was man gemeinhin "mainstream" nennt; renommierte große Verlage scheuen mehr und mehr das Risiko, auch mal etwas abseitigere Bücher herauszubringen - und mit einem solchen hat man es hier durchaus zu tun! In Studien des Todes ist neben sämtlichen sieben Texten aus Stenbocks einzigem Erzählband Studies of Death, der 1884 erschien, die auf einer bretonischen Legende beruhende Geschichte Die andere Seite enthalten. Wie schon aus dem Titel hervorgeht, hat man es bei den acht Erzählungen nicht gerade mit heiteren und frohsinnverbreitenden Texten zu tun, sondern mit traurigen, mitunter etwas abartigen Ergüssen eines offenbar verwirrten Literaten, der sich mit den Schattenseiten des Lebens besch"ftigte und an den Ungereimtheiten der Gesellschaft, in der er leben musste, zu leiden hatte. Wie aus dem hervorragenden, kenntnisreichen Nachwort von Michael Siefener hervorgeht, war Eric Count Stenbock homosexuell, ziemlich verrückt und heftig dem Opiumgenuß zugetan. Zahlreiche skandalträchtige Anekdoten ranken sich um ihn, wie etwa die, daß er mitunter seine Mahlzeiten in einem Sarg zu sich genommen habe. Stenbock soll sich mit exotischen Tieren in seinen Räumen umgeben und einer seltsamen, selbsterdachten Religion angehangen haben. Er gründete einen "Club der Idioten", dessen Mitglieder vollkommen sinnlose Dinge anstellten und sich damit gegen die Zwänge der damaligen Gesellschaft wehrten. Kein Wunder also, daß er die merkwürdigen Geschichten zu Papier brachte, die hier versammelt sind. Auch wenn der literarische Wert meist nicht allzu hoch anzusetzen ist, geben sie doch einen guten Einblick in die Gedankenwelt ihres merkwürdigen Verfassers. In Die andere Seite etwa geht es um einen Jungen, der verbotenerweise über einen Bach hinüber zu besagter "anderen" Seite gelangt, wo das Böse und Abgründige herrscht, was ihn, der in einer allzu behüteten und dadurch langweiligen Welt lebt, fast magisch anzieht. Parallelen mit Stenbocks eigenem Leben sind deutlich. Man kann sicherlich spekulieren, inwiefern hier (möglicherweise unbewußt) die prüde und sexualiätsfeindliche reale Welt im späten 19. Jahrhundert aufgearbeitet und gewissermaßen karikiert wird. Von den restlichen Geschichten ist Die wahre Geschichte eines Vampirs in ähnlicher Weise interessant, handelt es sich dabei doch - wie übrigens bei fast sämtlichen Vampirgeschichten - um die unbewußte, literarische Auseinandersetzung mit verbotener Sexualität... Die übrigen Erz"hlungen fand ich zum Großteil weniger interessant, wurde jedoch durch das - wie bereits gesagt - wirklich hervorragende Nachwort Siefeners, der auch für die Übersetzung der Erzählungen verantwortlich ist, reichlich entschädigt; schon allein die abgebildeten Fotos sind von großem dokumentarischen Wert. Ebenfalls positiv erwähnt werden sollten die Illustrationen Rainer Schorms, auch wenn mich sein Titelbild nicht besonders anspricht - aber das mag daran liegen, daß es eben nur allzu gut zum düsteren Grundtenor des Buches passt! Wer sich also für die Literatur des Fin de Siécle interessiert und neben Oscar Wilde auch andere damalige Autoren kennenlernen will, sollte sich das in einer Miniauflage von wenigen hundert Exemplaren erschienene Studien des Todes zulegen.
Eric Count Stenbock: Studien des Todes Originaltitel: Studies of Death aus dem Englischen übersetzt und einem Nachwort versehen von Michael Siefener 124 Seiten, DM 19.80 Edition Metzengerstein 1999 ISBN 3-932320-12-3 |
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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte im Mai 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten