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Anmerkungen zu Norbert Sternmut: Der Tote im Park. Roman. Schweinfurt, Wiesenburg Verlag 1999. ISBN 3-932497 von Alfred Büngen
"Wissen sie", erklärt Sternmuts zentrale Person des erfolglosen Schriftstellers dem Kriminalinspektor zu Beginn des Romans, "ich versuche gerade eine Geschichte zu schreiben, eine Art Kriminalstory, die aber die philosophischen Aspekte des Lebens behandeln soll." Der Leser richtet sich so auf ein interessantes, vielschichtiges Geschehen ein, Spannung mit philosophischem Hintergrund, die bürgerliche Lesefassade scheint wieder von Rissen verschont zu bleiben. Spätestens seit Dürrenmatt darf ja auch der intellektuelle Leser sich den Niederungen des Kriminalromans nähern, zumal Sternmut uns ja mit philosophischen Aspekten ködert. Wir richten uns auf ein vielschichtiges Geschehen ein, werden auch keinesfalls enttäuscht. Der Geliebte der Freundin des arbeitslosen Schriftstellers wird in einem Park ermordet. Für den erfolglosen Schriftsteller Motiv oder Anlaß, eine Landschaft der Gefühle eines komplizierten Beziehungsgeflechtes in einem Roman auszubreiten. Die immer wieder neuen Kapitel seines vielleicht den Durchbruch bringenden Erfolgsromans liest er dem Kriminalinspektor vor. Keine menschliche Niederung, keine Lust, kein Verlangen wird ausgelassen zur Erklärung, legt die Schlinge des Verdachts zudem immer enger um den Schriftsteller. Schließlich ein zweiter Mord, die Ehefrau des Ermordeten, die kurz zuvor noch ein leidenschaftliches Verhältnis mit dem Schriftsteller einging, wird zerstückelt genau an der Stelle des Parks aufgefunden, an der ihr Mann ermordet wurde.
Anfängliche Hinweise des Schriftstellers scheinen sich uns zu verdeutlichen. Der Roman wird zum "absurden Theater zwischen Versuch und Irrtum", wird "eine politische Geschichte über den Aufstieg eines Menschen, der zuletzt noch seine Menschlichkeit eingebüßt hat? Zeigt das nicht eine Epoche, die innere Befindlichkeit einer ganzen politischen Kultur, die zentrale Aussteuerung aller moralischen Bedenken?" Der Schriftsteller, so die Lesevermutung, versucht die Fiktion in die Wirklichkeit umzusetzen, so die Abgründe des menschlichen Daseins zu erforschen. Die anfängliche Aufgabenteilung - "Ich bin der Schriftsteller, sie der Inspektor. Ich bin für die Dichtung zuständig, sie für die Wahrheit" - bekommt jedoch nun mehr als nur gefährliche Risse. Fiktion und Realität beginnen sich zu vermischen. Anfängliche Einwürfe des Schriftstellers hinterlassen beim Leser bereits bedenkliche Fragen. "Ich gebe zu Inspektor. Sie verschwinden, wie diese Geschichte verschwindet. Nichts wird bleiben, weil alles erfunden ist. Ich bin erfunden. Sie sind erfunden."
Aber wenn diese Story und ihre fesselnde Einbindung erfunden wurde, die Grenzen sich zwischen Realität und Fiktion so verwischen, ja dann ist unter Umständen auch der Leser nichts anders als gekonnte Konstruktion, der Leser ein Konstrukt fiktionaler Werte und Gefühle, in deren Fängen er sich durch den Schriftsteller verstricken läßt. Werte und Gefühle, die nicht länger das Ergebnis moralphilosophischer Diskussionen sind. "Gut ist, was Einschaltquoten erreicht. Die Zeit der Ethik ist vorbei, der moralischen Philosophie." Die Fiktion des Romans löst sich im individuell -gesellschaftlichem Scheitern, in der fiktionalen Desillusionierung auf.
Schon langt Sternmut bei den Positionen eines Peter Handkes an, den er selber als Handlungsintention in den Roman einbringt. Die systematische Zerstörung unserer Klischeevorstellungen der Wahrnehmung von Realität angesichts eines zunehmenden Lebens und Erlebens in der Fiktion inszenierter Fernsehwirklichkeiten gelingt Sternmut mit geradezu atemberaubender Inszenierungskraft und Sprachgewandtheit. Natürlich bindet die Fiktionalität einer ausschließlich profitorientierten Unterhaltungs-auch Buchindustrie ihre Trug- und Scheinbilder an elementarste Gefühle des Lesers, des Zuschauers an. Der Autor läßt dies den Schriftsteller unter anderem an der Person der Marlies verdeutlichen, die - Lektorin, Mutter von zwei Kindern, Ehefrau des Ermordeten, erfolgshungrig und - fähig, von einer leidenschaftlichen, grenzenlosen Sexualität besessen - in der fiktionalen Kriminalstory eine Beziehung zu dem Schriftsteller eingeht. "Aber ich kannte nie eine Marlies. Es ist eine Art Wahn. Wir sind nur die Figuren im Spiel der Kräfte, der Natur, der Gesetze, spielen eine Rolle, die uns vorgegeben ist, wir Handlanger der Liebe, weil wir uns stets vereinigen wollen, immer wieder und immer wieder neu."
Und so wie der Autor seine Figuren, etwa den Inspektor, aus seiner fiktiven Welt verschwinden läßt, damit zugleich auch den Versuch der Aufklärung der Wirklichkeit verschwinden läßt, so werden auch wir Leser mißhandelt. Unsere Gefühle werden als Spielelemente von Handlungen mißbraucht, so wie wir uns eindeutig von Sternmut eindeutig illusionieren lassen als Teilelement in seiner Inszenierung einer Kriminalstory. Und die Zerstörung der Illusion, sei es durch Handkes Publikumsbeschimpfung oder Sternmuts kriminalistische Illusionszerstörung, führt zur Hoffnung des Autoren: "Wir wollen keine Marionetten, keine Figuren einer angelegten Geschichte sein, wollen heraustreten aus unserem Dunkel, wollen selbst bestimmen, wollen nicht nur unserem eigenen Verschwinden folgen."
Doch kann diese individualistische Hoffnung der Realitätsgestaltung/-bewältigung gelingen? Am Ende des Romans tötet die Fiktion den Autoren. Voher bleibt ihm nichts anderes als die resignierende Feststellung: "Ich beschreibe noch die Vergewaltigung der Seele, wie sie in den Himmel blutet, aber möglichst in kurzen Sätzen."
Sternmut, ein Autor, den man sich sicherlich merken sollte, denn die Gilde jener Autoren, die sich noch daran versuchen, über die Inszenierungen der 'Vergewaltigungen der Seele' zu reflektieren, ist in der deutschsprachigen Literatur mehr als dünn geworden, zumal dann, wenn es noch in einer solchen sprachlich und dramaturgischen Klasse geschieht. Auch oder gerade wenn man nicht die literaturtheoretischen Positionen Sternmuts vertritt, muß man ihm eine solche Anerkennung zukommen lassen.
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Die letzte Überarbeitung erfolgte am 18.Oktober 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten