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DIE ÄRZTIN |
Christiane Schwarze |
Sie blickte sich in ihrer Praxis um.
Untersuchungsraum, Wartezimmer, Labor und Aufenthaltsraum waren die
Symphonie die sie in monatelanger Kleinarbeit komponiert hatte.
Das farblich aufeinander abgestimmte Mobiliar, die Teppiche, die Lage jeder
einzelnen Steckdose - Ausdruck ihres Willens.
Das Schild neben der Eingangstür bezeugte: sie hatte ihr Ziel erreicht.
Der Stempel auf jedem Rezept war wie Krone und Zepter einer Königin.
Sie genoß jede Unterschrift, denn der Name bewies ihre Macht Dinge
anzuordnen.
Da sie sich überlegen wußte, trat sie bescheiden auf.
Den Frauen gefiel die Vertuschung der Macht des Wissens, da sie sich
dadurch weniger abhängig fühlten.
Sie kamen gerne und vervielfältigten sich per Mundpropaganda.
Es war eine gelungene Inzenierung, bei der die Frauenärztin allerdings nie
ihre tatsächliche Position vergaß.
Die einzige Gefahr, die ihr drohte, waren Aufzeichnungen über ihre
Vergangenheit.
Gespeichert in einem Microchip, der ihrem Gehirn gegen ihren Willen
eingepflanzt worden war. Das geschah vor vielen Jahren, sie war noch ein
Kind.
Sie haßte den Chip, hatte alle technischen Möglichkeiten ausgeschöpft, um das
Wissen zu löschen.
Es hatte sich als unmöglich erwiesen.
Der Fremdkörper im Kopf bereitete ihr Schmerzen; im Wachen, Träumen und
Schlafen.
Als sie den Dämon nicht mehr ertragen konnte, klonte sie ihren Körper
fünfmal.
Die Informationen verteilte sie gleichmäßig in die verschiedenen Gehirne.
So waren sie alle gemeinsam eine und dennoch fünf Personen.
Sie waren eins, denn jede Zelle, jedes Gen war identisch - sie waren fünf, denn
die Aufzeichnungen waren verteilt und jeder Kopf mußte nur ein Fünftel
ertragen.
Je nachdem welchen Anteil ein Hirn erhalten hatte, dachte der Kopf, fühlte
der Körper anders.
Dies war ihr Geheimnis, und niemals würde es ein Mensch erfahren.
Sie hatte eine Art zu lächeln, den Kopf beim Zuhören leicht schräg zu halten,
der die Menschen in ihren Bann zog.
Diese Ausstrahlung bewirkte Bewunderung, Liebe oder bei besonders
resistenten Frauen zumindestens Sympathie.
Prinzipiell ging sie auf Nummer sicher. Bevor eine auch nur ihr Geheimnis
hätte erahnen können, brach sie den Kontakt ab.
Die aufgeführten Begründungen erschienen glaubwürdig, denn sie glaubte sie
selbst.
Sie war eine Virtuosin im Zerstreuen und Zerreden von Anhaltspunkten.
Es gelang ihr alle Spuren zu ihrem Ich zu verwischen, so daß sie schließlich
selbst nicht mehr aus ihrem Labyrinth herausfand.
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