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FAMILIE von Stefan Waschmann


Familie. So, nun muß erklärt werden, was eine Familie ist.
"Familie sind Leute, die zum Essen kommen, aber keine Freunde
sind", so hat Evelyn Sanders einst treffend einen Familienkreis
beschrieben. Ist es nicht interessant, wie bunt zusammengewürfelt
eine Familie ist? Der Onkel ist linksliberal und der
Schwiegersohn ein kleiner Nazi. Trotzdem sitzen sie zum
Geburtstag vom Großvater am selben Tisch und bemühen sich unter
Aufbietung all ihrer Selbstbeherrschung, ihre politischen
Ansichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, friedlich
auseinandersetzen. Genauso Großmutter, die ihr Leben lang
Hausfrau gewesen ist und bis heute nicht verstehen will, warum
ihre Schwiegertochter arbeiten geht, obwohl sie ein Kind hat. Die
Atmosphäre ist gespannt um den großen, ovalen Tisch. Es kommt so
vor, als ob sich die Leute nicht kennen würden, fast als ob nun
jeder seinen Namen sagen sollte und sich vorstellen sollte, um
ein Gespräch in Gange zu bringen. Aber in Wirklichkeit kennen
sich die Personen im Kreise nur zu gut. So weiß jeder über das
kleine oder größere Alkoholproblem vom Vater, doch jeder sieht
darüber hinweg, genauso wie jeder seine Frau zwar bedauert aber
doch nichts sagt, um das Familienglück nicht zu zerstören.
Die Sahnetorte ist die Rettung. Nachdem die Dame des Hauses alles
Lob dankend angenommen hat und noch meint, es sei doch gar nichts
und normalerweise wären ihre Kuchen noch viel schöner, werden die
Tortenstücke auf die Teller verteilt, nix für den Opa natürlich,
der muß brav an seiner Diabetikerschokolade kiefeln. Der Doktor
hat es angeordnet und die Oma schaut brav darauf, daß der
Großvater auch brav nichts ungesundes ist. Nachdem alle ihren
Kuchen auf den Tellern vor sich haben, beginnt die Familie wie
auf ein unbemerkbares Zeichen zu essen. Die ersten Lobesworte
fallen und lassen eine leichte Röte in Omas Backen steigen, die
sich verlegen gibt und in Wahrheit den Höhepunkt des Monats
erlebt. Daß der Enkelsohn brav auch noch ein zweites Stück
verlangt kann sie als eine Krönung des Nachmittages
interpretieren. Liebe geht halt doch durch den Magen, denn
ansonsten ist es ein Schwieriges, in der Familie Zuneigung
auszudrücken, als ob diese Gruppe eigenartiger Kreaturen es nie
gelernt hätte, miteinander umzugehen.
Inzwischen ist die Konversation der Herren über den beliebten
Umlenkpunkt Kuchen zu den verschiedensten Leiden der würdigen
Männerriege übergegangen und das Tischgespräch dreht sich um
Rheumatismus und Gallensteine. Auch die Damen lauschen scheinbar
interessiert an dem mit Selbstmitleid durchzogenen Gespräch.
Einzig die jüngsten Mitglieder der Familie machen keinen Hehl
daraus, daß ihnen diese unnatürliche Versammlung äußerst zuwider
ist und unterhalten sich vorwiegend kreischend und mit
unverhohlener Verachtung.
Nachdem das Gespräch durch die selbstlose Gastgeberin noch
gezielt auf die neuen Möbel geführt wird und man sich nun
versucht mit den selbst getätigten Schnäppchen gegenseitig zu
überbieten, kommt die Sprache noch auf die nicht anwesenden
Familienmitglieder und insbesondere deren Schwächen und Probleme.
Schadenfreude ist noch immer die reinste Freude, da ist sich die
Familie einig.
Ein neuerlicher Schreikampf der Kids ermutigt die mittlere
Generation, sich ihre Schützlinge zu schnappen um sich mit der
Begründung, daß die Kinder wohl müde sein dürften, zu
verabschieden. Nach und nach tritt der allgemeine Abschied ein
und man verspricht sich gegenseitig, das nächste Treffen diesmal
wirklich schon bald zu veranstalten. Schließlich ist man ja eine
Familie.

 

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Die letzte Überarbeitung erfolgte am 31.Oktober 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten