Kehricht

Gesellschaft und Literatur im Netz

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    Stefan Waschmann

Was hat ein Flugzeug schon alles gesehen?

So ziemlich die ganze Welt! Ein Flugzeug, daß schon viele Jahre alt ist
und noch immer jeden Tag viele Menschen von Ost nach West bringt und
andere von Norden nach Süden. Dieses Flugzeug verbindet uns. Vor vielen
Jahren ist es irgendwo bei Seattle in den USA erbaut worden und
verbringt seine ersten Lebensmonate glücklich wie ein Kind im Mutterleib
in einer gemütlichen Fliegerhalle, wo jede Menge Maschinen und Menschen
um Ihn herumstehen, ihn verstehen und sich um ihn kümmern. Er fühlt sich
gut aufgehoben und will nicht hinaus in de große weite Welt.
Doch eines Tages, als er schon fast ganz fertig ist und nur noch die
Bemalung fehlt, kommen viele wichtige Menschen in die Halle und
begutachten ihn - von außen, von innen, sie betasten ihn und klopfen ihn
ab. Es kitzelt, doch er hat nie das Lachen gelernt, also bleibt er
ruhig, stoisch dem harrend, was da kommen möge.
Als alle Herren und Damen mit ihren feierlichen Kostümen wieder aus
seinem Bauch hinabgestiegen sind, beginnen sie, heftig zu klatschen - ja
es gilt ihm! Er kann es gar nicht fassen, kennt er diese menschliche
Reaktion schon - oft genug haben Techniker erleichtert in die Hände
geschlagen, wenn etwas reibungslos beim ersten Versuch funktioniert hat.
Während er sich noch immer wundert, nimmt eine gewichtig aussehende Frau
eine an einem Band befestigte Champagnerflasche und wirft sie mit
Schwung an seinen Rumpf. Zuerst wundert sich der Flieger, doch als er
wieder den Beifall brausen hört, weiß er, daß er stolz sein konnte.
Einige Tage später bekommt er seinen Anstrich, sein äußeres Ich, nach
dem man ihn identifizieren würde, und bald darauf wird er als das
Aushängeschild einer Fluglinie in Betrieb genommen. Nun muß er im harten
Alltag seine Qualitäten beweisen, bei Wind und Wetter, bei Sonne und
Hitze. Doch auch wenn er es haßt, bei Hagel zu fliegen, er tut es doch,
er möchte derjenige sein, der an soviel menschlichen Schicksal
teilnimmt, daß man es in ein Computerhirn gar nicht packen kann. In
seinem Bauch werden Kinder geboren, Beziehungen beginnen und zerbrechen,
Menschen fliegen zum ersten Mal, Menschen sterben, Menschen weinen und
Menschen lachen. Und doch: Keiner von ihnen denkt daran, warum das alles
stattfindet - weil der Flieger rund um sie herum fliegt. Stoisch, durch
ihre Gefühle nicht zu erschüttern und mit einer Menschen unbekannten
Zuverlässigkeit.
Der Flieger ist nun viele Saisonen alt, er erinnert sich noch an die
guten alten Zeiten, in denen er berühmt war, zurück, doch trotzdem
versucht er, jede Minute seines Daseins zu genießen, Kraft aus den
Emotionen seiner Passagiere zu bekommen. Und er nimmt, noch immer, jede
ihm heimlich anvertraute Geschichte eines Menschen ernst.
Doch nun wird der Flieger alt, bald wird er aus dem Dienst genommen und
auf einem Schrottplatz landen, aber vorher werden in dem Bauch seiner
Geburt seine verwertbaren Gedärme herausgerissen, ohne Rücksicht auf die
in ihnen steckenden Gefühle. Und dann stirbt der Flieger, unter anderen
Maschinen, mit der Gewißheit, weiser zu sein, als es je ein Mensch sein
wird.

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