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Stefan Waschmann |
Der tolle Mensch |
Habt ihr nicht von
jenem tollen Menschen gehört, der plötzlich am
Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Hauptplatz rannte und
ständig
schrie: "Ich suche die Fantasie! Ich suche die
Fantasie!" Da dort gerade
viele Menschen herumeilten, die sich auf dem Weg zu ihrem
Managerstuhl
befanden, erweckte er großes Gelächter. Ist sie denn
verlorengegangen?
sagte der Eine. Hält sie sich versteckt? fragte ein Anderer.
Fürchtet
sie sich vor uns? Ist sie ausgewandert? Hat sie Selbstmord
begangen? -
so schrien und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang
mitten
in die wilde Meute und durchbohrte sie mit seinen Blicken: Wohin
die
Fantasie ist? - Ich will es euch sagen! Wir haben sie getötet -
ihr und
ich! Wir alle sind Mörder! Wie wir dies getan haben? Wie
vermochten wir,
das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen
Horizont
wegzuwischen? Was taten wir, als wir die Geister unserer Kinder
stahlen?
Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten?
Wohin
bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns nun? Fort von allen
Sonnen?
Fallen wir nicht unaufhörlich? Und rückwärts, seitwärts,
vorwärts, nach
allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir
nicht nur
durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an?
Ist es
nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort mehr Nacht und mehr
Nacht?
Müssen nicht Lichter am Vormittage angezündet werden? Hören
wir noch
nicht den Lärm der Aasgeier, die gierig Idee nach Idee
zerfleischen?
Riechen wir noch nicht den Verwesungsgeruch? Auch diesunendlich
hohe
Wesen verwest! Hören wir noch nichts von den Glocken der
Totengräber,
die die Fantasie begraben? Fantasie ist tot! Fantasie bleibt tot!
Wir
haben sie getötet! Wie sollen wir uns trösten, wir die Mörder
des
Höchsten der Welt? Das Schönste und das Mächtigste, welches
die Welt je
besitzen durfte, ist unter unseren Messern verblutet - wer wischt
dieses
Blut von uns ab? Womit können wir uns reinigen? Welche heiligen
Spiele
werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu
groß für
uns? Müssen wir nicht zu Giganten werden, nur um ihrer würdig
zu
erscheinen? Es gab nie eine größere Tat - und wer immer nach
uns geboren
wird, gehört um dieser Tat willen in eine andere Geschichte, als
bisher war! Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder zu
seinen
Zuhörern und auch diese schwiegen und sahen ihn befremdet an.
Endlich
warf er seine Lampe auf den Boden, daß sie in tausend Stücke
zersprang
und erlosch. "Ich komme zu früh, sagte er dann, es ist noch
nicht an der
Zeit. Doch dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert
- es
ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gekommen. Blitz und
Donner
brauchen viel Zeit, Lichter ferner Sterne brauchen Zeit, Taten
brauchen
Zeit, auch nachdem sie getan sind, um wahrgenommen zu werden.
Diese Tat
ist noch ferner als die fernsten
Galaxien, und doch rückt sie jede Zeit etwas näher!"
Später, so sagt
man, soll der tolle Mensch noch in mehrere Bildungsstätten
eingedrungen
sein, und seine "Grabrede der Fantasie" gehalten haben.
Hinausgeworfen
und zur Rede gesetzt, habe er immer nur entgegnet:"Was sind
denn diese
Schulen noch, wenn in ihnen die Fantasie immer mehr aus den
Köpfen
verschwindet."
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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 20.Mai 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten