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Die Straße von Stefan Waschmann

Ein weiser alter Mann geht jeden Tag in einem winzigen Dorf die Straße
auf und ab. Er fragt sich nicht wieso, warum oder wann er das tut. Er
tut es einfach. Er muß um die neunzig Jahre alt sein und benutzt an der
rechten Seite einen Krückstock. Einen Stock, den er selbst geschnitzt
habe, so sagt er. Er meint auch, daß er die Dorfstraße besser kenne als
jeder andere Mensch auf seiner Erde irgendeinen Platz kenne. Er erzählt
dann über seine Erlebnisse auf der Dorfstraße; die schönen und die
miesen. Er sagt wirklich, die miesen,. Nicht die schlechten. Denn
schlechtes gäbe es nicht. Alles schlechte habe auch seine guten Seiten.
Aber mieses, daß würde den Menschen zerstören, sich im Gehirn einnisten
und den Menschen auffressen. Er erzählt dann davon, wie der große
Autobusunfall war, vor vielen tausend Jahren, von der großen Dürre, als
die hohe Pappel mitten im Sommer begonnen hat, ihre Blätter gelb zu
bemalen. Und von seinen vielen wunderbaren Erlebnissen - von den vielen
Menschen, die er auf der Bank bei der einzigen Bushaltestelle des Ortes
getroffen hat. Als er einer Frau, deren Mann eben gestorben war das
Telegramm mit der bitteren Nachricht aus der Hand genommen hat und ihre
Tränen in seinem langen, weißen Bart getrocknet hat. Danach hatte er die
Frau mit nach Hause genommen und mit ihr und seiner Familie einen Kaffee
getrunken. Einige Jahre später war er dann hinter der Frau, die nunmehr
die Frau seines Sohnes war, im Hochzeitszug hinterhergefolgt.
Er kennt jeden Stein auf seiner Straße und bemerkt als erster, wenn die
Fahrbahn schadhaft wird, noch lange, bevor die Federung irgendeines
Fahrzeuges bemerkt, daß sich die Straße in einem schlechten Zustand
befindet und diesen Bericht an die Insassen weitergibt.
Der alte Mann bewundert die Autos, die an ihm vorbeirollen, ja er liebt
sie sogar, sie machen für ihn den Alltag bunter und erfreuen ihn mit
seinem Gesang. Doch er würde niemals in ein Auto einsteigen. "Meine
Beine und mein Stock tragen mich weiter als es ein Auto jemals vermag"
pflegt er zu sagen.
Die Dorfbewohner lieben ihn und schauen bewundernd zu seiner Güte und
seinem ruhigen Wesen auf und er gab ihnen auf jede Frage eine gute
Antwort, nur auf ihre Frage, warum er denn immer auf und abgehen würde,
schweigt er beharrlich. Er sagt nur immer, die Antwort liegt unter euren
Füßen. Keiner weiß, was er damit meint, doch jeder denkt sich seinen
Teil und schweigt. Über die Jahre wird der Mann und damit sein Dorf
berühmt - für den "Gelehrten mit dem Krückstock", wie die Medien ihn
nennen. Eines Tages kommt dann, nachdem an der ganzen Straße Hotels aus
dem Boden gestampft worden sind, um den Besuchern ein Quartier bieten zu
können, der berühmteste Talkmaster des Landes in das Dorf. Nachdem er
die vielen Souvenierläden an der "Krückstockstraße", wie die Dorfstraße
nun nun heißt , besichtigt hat, tritt er an den alten Mann heran und
fragt ihn die Frage, die alle fragen:"Warum gehst Du immer auf dieser
Straße auf und ab?". Alle Dorfbewohner freuen sich schon, daß noch einer
nur die alte Antwort: "Suche unter Deinen Füßen" erhalten würde. Doch
zur Überraschung aller erklärt der Mann mit dem Stock, daß er morgen bei
der feierlichen Eröffnun der zweiten Straße des Ortes, die ihm zu Ehren
"Weißlangbartgasse" heißen sollte, sein Geheimniss preisgeben würde.
Diese Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer über das Land und am
nächsten Tag um 13 Uhr ist die Straße so voll, daß man kaum noch Luft
bekommt, doch trotzdem ist es unheimlich ruhig, bis man das altbekannte
Geräusch hört: das rhytmische Klopfen des Stockes auf den Boden und das
Schnaufen in seinem Bart.
Schließlich erscheint sein Gesicht oben auf dem Podium und nachdem er
das Mikrofon auf seine verhutzelte Gestalt eingestellt hat, beginnt er
mit der Verkündung.
"Ihr seid heute hierhergekommen, um mein Geheimnis zu erfahren - obwohl
es gar keines ist - es liegt wirklich unter euren Füßen. Schaut ruhig
hinunter zu euren Füßen! Keiner beachtet sie, erst wenn einem das Gehen
so schwer fällt wie mir, dann weiß man sie zu würdigen. Das ist es was
ich euch zeigen wollte - und glaubt ihr im Ernst, ich habe immer nur die
Dorfstraße gesehen, wenn ich sie begangen habe - ich habe viele
Abenteuer erlebt - meine Fantasie hat sie mir geschenkt - mehr
Abenteuer, als sie einer von euch jemals haben wird. All dieser
Selbstzweck hat diese vielen Hotels erschaffen, die ihr hier um euh
herum seht. Und die neue Straße, die ihr hier seht - und die ich in
Zukunft begehen werde. Auch meine Fantasie benötigt Abwechslung."
Sprach's und schritt die Treppe hinunter, durch die sich aufspaltende
Masse hindurch zu einem würdevollen Spaziergang auf seiner neuen Straße.


 

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Diese Lyrik wurde im April 1999 in die Kehrrichtseiten gestellt. Die letzte Überarbeitung erfolgte am 26.April 1999. Das copyright liegt bei der Autorin/dem Autoren. Fragen und Anregungen in Bezug auf Seitengestaltung und Inhalt können sie auch auch den Herausgeber der Seiten üer email oder auf dem normalen Postweg richten: zauberhaft1@gmx.net oder Kehrricht/A.Büngen, Bachstraße 4, 26197 Großenkneten