Kehricht

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  Warum eigentlich nicht? Gisela Wünnemann

 

Heftig hatte ich mit mir gerungen, ob ich überhaupt Zeit und Ruhe für das Lernen aufbringen kann. Das 'an mir arbeiten' hatte ich viel zu lange hinausgeschoben. Mensch, ich werde doch nicht jünger. Die Zeit drängt! Bis jetzt arbeiten meine Gehirnzellen noch ganz ordentlich. Hier und da mal ein kleiner Aussetzer, aber nicht der Rede wert. Ich kann es mir verzeihen.

- Jetzt oder nie, dachte ich und meine Wißbegierde siegte.

Neben meinen unzähligen Aufgaben als Hausfrau, Ehefrau und Mutter hatte ich mich für einen Volkshochschulkurs einschreiben lassen. - So ganz eigenmächtig.

Ich berichtete meiner Familie freudestrahlend vom bevorstehenden Schulbesuch und es geschieht Merkwürdiges.

Wie es der Zufall so will, hat unser Vati aus heiterem Himmel ein Problem. Jedes meiner drei Kinder bringt ein Problem und urplötzlich hat Mama vier Probleme, die sie schnellstens aus der Welt schaffen muß. Doch genauso plötzlich wie die Probleme auftraten, sind sie auch schon wieder verschwunden. Ich bin unaufhaltsam. heute wird mein erste Schulstunde sein. Da kann kommen, was will.

"Lohnt sich das denn noch? In deinem Alter?" spottet der Sohn mit breitem Lachen im Gesicht.

"Sohn. Achte auf deine Wortwahl, verstecke dein Gesicht und denke an dein Taschengeld!"

"Schon gut. liebste Mutter auf der ganzen Welt. Ich bin der letzte, der deiner Karriere im Wege stehen möchte."

"Hat jemand meinen Hausschlüssel gesehen?" rufe ich in Eile.

"Klingle nachher dreimal lang und einmal kurz. Wir lassen dich dann rein". dröhnt es aus dem Wohnzimmer.

"Ich wette, das Klingeln wird überhört, weil der Fernseher wieder so laut schallt."

"Na, dann mußt du wohl warten, bis der Film zu Ende ist."

Freudentanz in der Diele. Ich habe meinen Hausschlüssel gefunden.

O nein, es regnet. Eilig schließe ich die Fenster. "Und wo ist mein neuer Regenschirm?"

"In meinem Schulspind", schreit mein zweitgeborenes Kind. "Du gehst doch in die Richtung. Kannst du den Hausmeister herausklingeln? Der schließt dir auf. Morgen soll es wieder regnen. Ich möchte nicht klitschnaß in der Schule ankommen."

Unerbittlich rennt die Zeit. In fünfzehn Minuten beginnt mein Kurs.

"Bevor du gehst, kannst du noch schnell meine Mathearbeit unterschreiben?" bettelt meine Jüngste.

"Na klar. Wo ist meine Brille?"

"Ist doch egal. Du sollst schreiben, nicht lesen." Und blind unterschreibe ich eine Mathematikarbeit. Anschließend stampfe ich ruhelos durch das Haus. Ich suche immer noch nach meiner Brille. Ohne Sehhilfe läuft bei mir nichts. Auf dem Gartentisch ertaste ich meine Brille. Warum liegt ein Stück angebranntes Papier unter den Gläsern? Sollte zur Mittagszeit, als die Sonnenstrahlen auf die Gläser zeigten, jemand versucht haben ...?

Ist es möglich aus dem Haus zu gehen, ohne das vorher etwas gesucht oder erledigt werden muß? Ist es möglich, daß Mutter die Tür hinter sich zuschlagen kann und nur an sich denkt? Jetzt reicht es. Ich stehe morgen noch hier. Ich schließe leise die Tür und sitze zehn Minuten später im Klassenraum der Volkshochschule. Ich brüte über englische Vokabeln. Da ich viel zu spät zum Unterricht erschienen bin, ist die Lehrstunde schnell vorüber. der Heimweg wird angestrebt. Gern möchte Mutter ihrem Mann vom Lehrstoff berichten, doch der Mann bemerkt gähnend: "Schatz, erzähle es mir ein anderes Mal. Ich muß morgen sehr früh aufstehen. Ich habe Frühschicht."

"Sei nicht sauer", antwortet Mutter ein wenig gekränkt. "Ich habe täglich Frühschicht. Knalle noch eine Spätschicht dran und arbeite mich tief bis in die Nachtschicht hinein."

Und zur späten Nacht erklärt eine Mutter: "Mensch, bin ich müde."

"Wovon?" fragt der Mann, der noch immer gemütlich vor dem Fernseher hockt.

 

 

 

 

 

 

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